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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Nur ein einziges Mal sah sein Besitzer, daß er sich an der Schiffswand aufrichtete und so einige Schritte weit ging. Dabei hielt er sich jedoch wie ein Kind, welches gehen lernt, immer mit beiden Händen fest. Während der Reise kletterte er selten umher und dann stets langsam und bedächtig; gewöhnlich that er es nur dann, wenn ein anderer, kleiner Affe, sein Liebling, wegen einer Unart bestraft werden sollte. Dieser flüchtete sich dann regel-mäßig an die Brust seines großen Freundes und klammerte sich dort fest, und Bobi, so hieß der Orang-Utan, spazierte mit seinem kleinen Schützlinge in das Takelwerk hinauf, bis die Gefahr verschwunden schien.

Man vernahm nur zwei Stimmlaute von ihm: einen schwachen, pfeifenden Kehllaut, welcher Gemütsaufregung kennzeichnete, und ein schreckliches Gebrüll, welches dem einer geängsteten Kuh etwa ähnelte und Furcht ausdrückte. Diese wurden einmal durch eine Schule von Potwalen hervorgerufen, welche nahe am Schiffe vorüberschwamm, und ein zweites Mal durch den Anblick verschiedener Wasserschlangen, welche sein Gebieter mit aus Java gebracht hatte. Der Ausdruck seiner Gesichtszüge blieb sich immer gleich.

Leider machte ein unangenehmer Zufall dem Leben des schönen Tieres ein Ende, noch ehe es Deutschland erreichte. Bobi hatte von seiner Lagerstätte aus den Kellner des Schiffes beobachtet, während dieser Rumflaschen umpackte, und dabei bemerkt, daß der Mann einige Flaschen bis auf weiteres liegen ließ. Es war zu der Zeit, als er sich schon um 2 Uhr nachmittags zu Bette legte. In der Nacht vernahm sein Herr ein Geräusch in der Kajütte, als wenn jemand mit Flaschen klappere, und Jah beim Schimmer der auf dem Tische brennenden Nachtlampe wirklich eine Gestalt an dem Weinlager beschäftigt. Zu seinem Erstaunen entdeckte er in dieser seinen Orang-Utan. Bobi hatte eine bereits fast ganz geleerte Rumflasche vor dem Munde. Vor ihm lagen sämtliche leere Flaschen behutsam in Stroh gewickelt, die endlich gefundene volle hatte er auf geschickte Weise entkorkt und seinem Verlangen nach geistigen Getränken völlig Genüge leisten können. Etwa 10 Minuten nach diesem Vorgange wurde Bobi plötzlich lebendig. Er sprang auf Stühle und Tische, machte die lächerlichsten Bewegungen und gebärdete sich mit steigender Lebhaftigkeit wie ein betrunkener und zuletzt wie ein wahnsinniger Mensch. Es war unmöglich, ihn zu bändigen. Sein Zustand hielt ungefähr eine Viertelstunde an, dann fiel er zu Boden; es trat ihm Schaum vor den Mund, und er lag steif und regungslos. Nach einigen Stunden kam er wieder zu sich, fiel aber in ein heftiges Nervenfieber, welches seinem Leben ein Ziel setzen sollte. Während seiner Krankheit nahm er nur Wein mit Wasser und die ihm gereichten Arzneien zu sich, nichts weiter. Nachdem ihm einmal an den Puls gefühlt worden war, streckte er seinem Herrn jedesmal, wenn dieser an sein Lager trat, die Hand entgegen. Dabei hatte sein Blick etwas so Rührendes und Menschliches, daß seinem Pfleger öfters die Thränen in die Augen traten. Mehr und mehr nahmen seine Kräfte ab, und am 14. Tage verschied er nach einem heftigen Fieberanfalle.

Ich habe mehrere lebende Orang-Utans beobachtet, keinen einzigen aber kennen gelernt, welcher mit einem Schimpansen gleichen Alters hätte verglichen werden können. Allen fehlte die letzteren so auszeichnende neckische Munterkeit und die Lust zu scherzen: sie waren

im Gegenteile ernsthaft bis zum Außersten, mehrere auch still und deshalb langweilig. Jede ihrer Bewegungen war langsam und gemessen, der Ausdruck ihrer braunen, gutmütigen Augen unendlich traurig. So stellten sie fast in jeder Hinsicht ein Gegenstück des Schimpansen dar.

Bei keiner Sippe der Affen zeigt sich die Entwickelung der Vorderglieder in gleichem Grade wie bei den Gibbons oder Lan garmaffen (Hylobates). Sie tragen ihren Namen mit vollstem Rechte: denn die über alles gewohnte Maß verlängerten Arme erreichen, wenn sich ihr Träger aufrecht stellt, den Boden. Dieses eine Merkmal würde genügen, um die Langarmaffen von allen übrigen Mitgliedern ihrer Ordnung zu unterscheiden.

Die Gibbons bilden eine größere Gattung der Menschenaffen; man kennt etwa sieben Arten, welche ihr zugezählt werden müssen. Sie sind sämtlich Asiaten und gehören ausschließlich Ostindien sowie den nächstliegenden der großen Sundainseln: Sumatra, Java und Borneo, an. Die Arten erreichen eine ziemlich bedeutende Größe, wenn auch keine einzige über Im hoch wird. Ihr Körper erscheint trotz der starken und gewölbten Brust sehr schlank, weil die Weichengegend, wie bei dem Windhunde, verschmächtigt ist; die Hinterglieder sind bedeutend kürzer als die vorderen und ihre langen Hände bei einigen Arten noch durch die teilweise miteinander verwachsenen Zeige- und Mittelfinger ausgezeichnet. Der Kopf ist klein und eiförmig, das Gesicht menschenähnlich; die Gesäßschwielen sind klein, und der Schwanz ist äußerlich nicht sichtbar. Ein reicher und oft seidenweicher Pelz umhüllt ihren Leib; Schwarz, Braun, Braungrau und Strohgelb sind seine Hauptfarben. Alle Gibbons haben außerordentlich laute Stimmen und lassen ihre Rufe besonders gern in den Morgenstunden hören.

Der Siamang (Hylobates syndactylus, Pithecus syndactylus, Siamanga syndactyla), wegen der am Grunde verwachsenen Zeige- und Mittelzehe auch wohl als Vertreter einer besonderen Untergattung (Siamanga) betrachtet, ist der größte aller Langarm: affen und auch dadurch ausgezeichnet, daß seine Arme verhältnismäßig weniger lang als die der anderen Arten erscheinen. „Seine Gestalt nackt gedacht“, sagt Duvaucel, „würde eine häßliche sein, besonders deshalb, weil die niedrige Stirn bis auf die Augenbrauenbogen verkümmert ist, die Augen tief in ihren Höhlen liegen, die Nase breit und platt erscheint, die seitlichen Nasenlöcher aber sehr groß sind und das Maul sich fast bis auf den Grund der Kinnladen öffnet. Gedenkt man sonst noch des großen nackten Kehlsackes, welcher schmierig und schlaff wie ein Kropf am Vorderhalse herabhängt und beim Schreien sich ausdehnt, der gekrümmten, einwärts gekehrten Gliedmaßen, welche stets gebogen getragen werden, der unter vorstehenden Höckern eingesenkten Wangen und des verkümmerten Kinnes, so wird man sich sagen müssen, daß unser Affe nicht zu den schönsten seiner Ordnung gehört. Ein dichter, aus langen, weichen und glänzenden Haaren gebildeter Pelz von tiefschwarzer Farbe deckt den Leib; nur die Augenbrauen sind rotbraun. Auf dem Hodensacke stehen lange Haare, welche, nach unten gekehrt, einen nicht selten bis zu den Knieen herabreichenden Pinsel bilden. Die Haare richten sich am Vorderarme rückwärts, am Oberarme vorwärts, so daß am Ellbogen ein Busch entsteht.“ Es kommen auch Weißlinge vor; C. Bock erhielt deren einen lebendig. Ausgewachsene Männchen erreichen I m an Höhe, klaftern aber beinahe das Doppelte. Der Siamang ist in den Waldungen von Sumatra gemein und wurde von tüchtigen Forschern in der Freiheit wie in Gefangenschaft beobachtet. Nach Rosenberg sollte er richtiger Amang genannt werden, da die erste Silbe nur der Artikel ist. Helfers vereinzelt stehende Angabe, daß der Siamang sogar im südlichen Tenasserim vorkomme, sowie die von

Wallace, daß er überhaupt auch auf der Malayischen Halbinsel heimisch sei, wird von Blanford in Zweifel gezogen.

Mehr das allgemeine Gepräge der Gattung zeigt der Hulock (Hylobates hulock, H. hoolock, Siamanga hoolock), ein Langarmaffe von etwa 0,90 m Höhe, ohne Kehlkopf und mit freien Zehen. Sein Pelz ist bis auf eine weiße Stirnbinde kohlschwarz, der des Jungen schwarzbraun, an den Gliedmaßen längs der Mittellinie des Leibes und auf dem Rücken aschgrau. Nach Blanford sind jedoch heller gefärbte Hulocks, bräunlichschwarze bis hell gelblichgraue, beiderlei Geschlechts, durchaus nicht selten. Die Gesäßschwielen sind deutlich. Der Hulock bewohnt Hinterindien und findet sich laut Blanford in den waldigen Berggegenden südlich von Assam bis hinab durch Arakan, nach Anderson bis Martaban. Seine östliche Verbreitung ist unsicher; unfern von Bhamo im Irawadithale kommt er noch vor. Den Namen, eigentlich Uluk, haben ihm die Hindu nach seinem sehr lauten Ruf gegeben.

Der Lar oder weißhändige Gibbon (Hylobates lar, Simia longimana) wird ungefähr ebenso groß wie der Hulock, hat schwarzgraue Färbung, lohfarbenes, rings von weißen Haaren umgebenes Gesäß, stets hellfarbige Hände und Füße sowie ein an den nackten Teilen schwarzes, meistens von einem weißlichen Haarkranz umrahmtes Gesicht. Die Gesamtfärbung wechselt von Schwarz bis Gelblichweiß; hellfarbige Tiere sollen viel häufiger als beim Hulock vorkommen und in manchen Gegenden überwiegen. Als Vaterland ist die Malayische Halbinsel und Tenasserim, wo er bis 1100 m hoch über dem Meere lebt, zu betrachten. Tickell behauptet, daß der Lar bis zur Nordgrenze von Pegu, und Anderson, daß er sogar in Arakan vorkomme. Die Verbreitung nach Osten ist unbekannt. Immerhin könnte er sich neben H. leucogenys in Siam finden; Bock nennt leider nicht die Art der Gibbons, die er in Scharen am Mekok beobachtete.

Der Unko oder richtiger Ungko (Hylobates rafflesii) ähnelt dem Hulock in der Größe, unterscheidet sich aber durch die Färbung sowie anatomisch dadurch, daß er 14 Rippenpaare besitzt. Gesicht und Pelz sind schwarz, auf dem Rücken und an den Weichen braunrötlich, Augenbrauen, Backen und Kinnbacken bei dem Männchen weiß, bei dem bedeutend kleineren Weibchen schwarzgrau. Die Insel Sumatra ist das Vaterland des Ungko; doch scheint er verhältnismäßig selten vorzukommen. Rosenberg fand ihn und den Amang in Gebirgswäldern bis zu 1000 m Höhe.

Der Wauwau (Hylobates variegatus, H. agilis, Pithecus variegatus) 5 welcher demselben Vaterlande entstammt, nach Cantor aber neben dem Lar auch auf der Malayischen Halbinsel vorkommt, hat ein nacktes blauschwarzes, beim Weibchen ins Bräunliche spielendes Gesicht und langen reichen Pelz, dessen Färbung am Kopfe, auf dem Bauche und den Innenseiten der Arme und Schenkel dunkelbraun ist, über den Schultern und nach dem Halse zu unmerklich heller wird und auf den Weichen ins Blaßbraune übergeht, während die Aftergegend bis zu den Kniekehlen weiß und rötelfarbig gemischt erscheint. Hände und Füße sind dunkelbraun. Das Weibchen ist lichter, der Backenbart minder lang als bei dem Männchen, obschon immer noch groß genug, so daß der Kopf mehr breit als hoch erscheint. Die Jungen sind einfarbig gelblichweiß.

Ihre ganze Ausrüstung weist die Langarmaffen zum Klettern an. Sie besitzen jede Begabung, welche zu einer raschen, anhaltenden und gewandten Kletter- oder Sprungbewegung erforderlich ist. Die volle Brust gibt großen Lungen Raum, welche nicht ermüden, nicht ihren Dienst versagen, wenn das Blut durch die rasche Bewegung in Wallung gerät; die starken Hinterglieder verleihen die nötige Schnellkraft zu weiten Sprüngen, die langen Vorderglieder unerläßliche Sicherheit zum Ergreifen eines Astes, welcher zu neuem Stütz punkte werden soll, mit kürzeren Armen aber leicht verfehlt werden könnte. Wie lang im

Verhältnisse diese Arme sind, wird am deutlichsten klar, wenn man vergleicht. Ein Mensch klaftert, wie bekannt, ebenso weit, als er lang ist: der Gibbon aber klaftert fast das Doppelte seiner Leibeslänge; ein aufrecht stehender Mann berührt mit seinem schlaff herabhängenden Arme kaum sein Knie, der Gibbon hingegen seinen Knöchel. Daß solche Arme als Gehwerkzeuge fast unbrauchbar sind, ist erklärlich: sie eignen sich bloß zum Klettern. Des—

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Lar oder weißhändiger Gibbon (Hylobates lar). ½ natürl. Größe.

halb ist der Gang der Langarmaffen ein trauriges Schwanken auf den Hinterfüßen, ein schwerfälliges Dahinschieben des Leibes, welcher nur durch die ausgestreckten Arme im Gleichgewichte erhalten werden kann, das Klettern und Zweigtanzen der Tiere aber ein lustiges, köstliches Bewegen, scheinbar ohne Grenzen, ohne Bewußtsein des Gesetzes der Schwere. Die Gibbons sind auf der Erde langsam, tölpisch, ungeschickt, kurz fremd, im Gezweige jedoch das gerade Gegenteil von alledem, ja wahre Vögel in Affengestalt. Wenn der Gorilla der Herkules unter den Affen ist, sind sie der leichte Merkur: trägt doch einer von ihnen,

Lar oder weißhändiger Gibbon (Hylobates lar). ½ natürl. Größe.

Hylobates lar, seinen Namen zur Erinnerung an eine Geliebte des letzteren, an die schöne, aber schwatzhafte Najade Lara, welche durch ihre rastlose Zunge Jovis Zorn, durch ihre Schönheit aber zu ihrem Glücke noch Merkurs Liebe erweckte und hierdurch dem Hades entrann.

Der Lar lebt in Banden von 6—20, jung wie alt und beide Geschlechter beisammen. In seinem Wesen gleicht er dem Hulock, soll aber laut Tickell nicht ganz so lebhaft und behende wie dieser sein. Auch trinkt er anders und zwar wie der Siamang, indem er mit der Hand das Wasser schöpft und das von den Fingern träufelnde aufleckt. Auch sein Geschrei wird als durchaus verschieden von dem des Hulock geschildert. Der Lar bedient sich im Gezweige der Bäume so ausschließlich seiner Vorderglieder, daß er irgendwelche Gegenstände, die er mitnehmen will, lediglich mit den Füßen hält, besonders, wenn er fliehend geraubte Früchte in Sicherheit bringen will.

Am schwerfälligsten bewegt sich, seiner Gestalt entsprechend, der Siamang, da er nicht bloß langsam geht, sondern auch etwas unsicher klettert und nur im Springen feine Behendigkeit bekundet. Aber auch die übrigen vermögen auf dem Boden nur schwer fortzukommen. „Im Zimmer oder auf ebener Erde“, sagt Harlan von den Hulocks, „gehen sie aufrecht und halten das Gleichgewicht ziemlich gut, indem sie ihre Hände bis über den Kopf erheben, ihre Arme an dem Handgelenke und im Ellbogen leise biegen und dann rechts und links wankend ziemlich schnell dahinlaufen. Treibt man sie zu größerer Eile an, so lassen sie ihre Hände auf den Boden reichen und helfen sich durch Unterstützung schneller fort. Sie hüpfen mehr, als fie laufen, halten den Leib jedoch immer ziemlich aufrecht.“ Von den übrigen wird gesagt, daß es aussehe, als ob der Leib nicht allein zu lang, sondern auch viel zu schwer sei für die kurzen und dünnen Schenkel, sich deshalb vorn überneige, und daß ihre beiden Arme beim Gehen gleichsam als Stelzen benutzt werden müßten. „So kommen sie ruckweise vor: wärts, vergleichbar einem auf Krücken humpelnden Greise, welcher eine stärkere Anstrengung fürchtet.“ Ganz das Gegenteil findet statt, wenn sie sich kletternd bewegen. Alle Berichterstatter sind einstimmig in ihrer Bewunderung über die Fertigkeit und Geschicklichkeit, welche die Langarmaffen im Gezweige bekunden.

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