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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Brehm Tierleben. 3. Auflage. I.

eine Kugel für immer zur Ruhe gebracht sieht. Für einen Moment ist die ganze Versammlung starr vor Schrecken, dann bricht ein unglaubliches Getümmel los. Zeternd springen die entsetzten Kletterer durcheinander, rennen auf den Asten zum Stamme oder nach außen; finden sie nicht genug rettende Zweige, von denen sie mit einem verzweifelten Sprunge zu benachbarten Bäumen gelangen, auch keine Liane, an welcher sie in langer Reihe — immer mit dem Schwanze voran — niedergleiten können, so werfen sie sich in äußerster Not, platt ausgestreckt, auf gut Glück aus größter Höhe hinab in das Buschwerk, wobei sie mit den langen Schwänzen geschickt steuern. Ein Plumpen, Prasseln und Rauschen — und fort, im Nu zerstoben ist die ganze Gesellschaft. Dergleichen auffallend zahlreiche Versammlungen habe ich mehrmals wahrgenommen, und den Eingeborenen ist die Thatsache wohlbekannt. Sie erzählen, die Affen hielten Palaver ab, Beratungen über irgend welche Angelegenheiten, und die einzelnen Banden fänden sich dazu von weither ein; es ginge auch dabei ganz ordentlich zu wie bei den Menschen. Manchmal sollten ihrer so viele zusammenkommen, daß ein stattlicher Baum sie nicht alle beherbergen kann und noch benachbarte Waldriesen besetzt sind. „Bei ihrem gewöhnlichen Treiben im Walde bleiben die Banden gesondert und kümmern sich bei Begegnungen wenig umeinander; treffen fie jedoch auf einem beliebten Fruchtbaume zusammen, dann gibt es Mißhelligkeiten und von zornigem Keifen und Gezwitscher begleitete Balgereien. Währenddem versäumen sie indessen nicht, kletternd und springend, zuweilen in den gewagtesten Stellungen an dünnen Zweigen hängend, die begehrten Früchte zu pflücken. Dabei wissen sie denn auch den langen Schwanz trefflich als stützendes Glied zu gebrauchen, indem sie ihn seitwärts an das Geäst drücken oder in einem steilen Schraubengange darum legen. Diese Verwendung des Anhängsels scheint für sie sehr wesentlich zu sein, um einen festern Halt zu gewinnen. Freilich ist dabei nicht etwa an einen Greifschwanz zu denken! „Vor dem Wasser fürchten sich die Meerkatzen nicht. Denn diejenigen, welche bei Ebbe in den Mangrovebeständen Krabben fangen und Muscheln suchen, habe ich dreist in das Wasser hineingreifen, auch mehrmals gänzlich durchnäßte, so daß sie die Tropfen abschütteln mußten, an den Wurzelgerüsten emporsteigen sehen. Die Anwohner des Kuilu und Banya teilten mir übereinstimmend mit, daß die Meerkatzen treffliche Schwimmer seien und bisweilen ganze Banden freiwillig von einem Ufer der breiten Gewässer zum anderen übersetzten. Das erklärt mir auch, warum wir auf einer kleinen, sehr affenreichen Insel des Kuilu, wo wir einige Wochen vorher gute Jagd gemacht hatten, späterhin nicht eines der Tiere mehr antrafen. „Ihrem Wesen getreu, scheinen sie auch im Walde allerlei Kurzweil zu treiben. Eben dort, wo eine Bande entlang zieht, hört man auffällig oft das Knacken dürrer Aste und das wuchtige Niederkrachen morscher Zacken. Wer die Affen kennt, kann nicht glauben, daß sie unklug genug wären, auf trügerischen Brücken zu wandeln; es ist vielmehr anzunehmen, daß sie die Hölzer aus reinem Mutwillen in der Höhe abbrechen. Ferner schaukeln sie sich gern an den wie glatte Taue niederhängenden Luftwurzeln der Mangroven, und straffgespannte Lianen setzen sie durch Anspringen sowie Zerren oder Anschlagen mit den Händen gern in vibrierende Bewegung, bringen sie wie Saiten und Sehnen zum Summen und Dröhnen. Ich bezweifele ferner nicht, nach dem, was ich in unserem Gehöfte zu Tschintschotscho beobachtet habe, daß sie ihren Mutwillen auch an Schimpansen auslassen; denn es ist zu auffällig, daß man anhaltendes Heulen und Kreischen dieser Tiere fast immer dort im Walde vernimmt, wo sie mit Meerkatzen zusammentreffen. „Außer dem Menschen scheinen sie nur Leoparden und Krokodile als schlimme Feinde anzuerkennen. Ganz frei sitzende einzelne Meerkatzen sah ich z. B. vor dicht vorüberstreichenden

großen Adlern nicht die geringste Furcht bekunden. Unsere sämtlichen zahmen Affen, mit Ausnahme des Gorillas — der vielleicht zu jung und unerfahren aus der Wildnis zu uns gekommen war — gerieten dagegen in höchste Angst, wenn wir einen alten, schlecht mit Gras und Laub gefüllten Leopardenbalg zum Vorscheine brachten. Schlangen gegenüber zeigten sie sich zwar mißtrauisch, aber nicht entsetzt, und vor Hunden hatten sie gar keinen Respekt. Der Fall lag sogar umgekehrt: wenn unsere sonst doch recht schneidigen Schäferhunde ihr Futter bekamen, und die Affen rückten an, um den Inhalt der Näpfe zu prüfen, dann zogen sie sich, durch Erfahrung gewitzigt, beizeiten zurück und schauten wehmütig aus der Ferne zu, wie dasspitzbübische Gesindel die besten Bissen vorwegnahm. „Am Flusse habe ich dagegen folgendes beobachtet: hängt eine Meerkatze am Ende eines niedrigen, weit vom Ufer ausladenden schwanken Zweiges, und laufen andere hinzu, ihn dabei durch ihr Gewicht bis nahe über den Wasserspiegel niederbiegend, so sucht sie schleunigst aufwärts zu gelangen. An höheren Zweigen läßt sie sich indessen nicht stören, und vor dem Wasser allein trägt sie schwerlich so auffallende Scheu. Es ist vielmehr anzunehmen, daß sie die Krokodile fürchtet, die gewiß nicht abgeneigt sind, einen feisten Affen zu erschnappen.“

Außerst anziehend für den Beobachter ist es, wenn er eine auf Raub ausziehende Gesellschaft belauschen kann. Mich hat die Dreistigkeit, welche sie im Ostsudan dabei zeigen, ebenso ergötzt, wie sie den Eingeborenen empörte. Unter Führung des alten und wohlerfahrenen Stammvaters zieht die Bande der Tiere dem Getreidefelde zu; die Affinnen mit kleinen Kindern tragen diese in der oben beschriebenen Weise am Bauche, die Kleinen haben aber noch zum Überflusse auch mit ihrem Schwänzchen ein Häkchen um den Schwanz der Frau Mutter geschlagen. Anfangs nähert sich die Rotte mit großer Vorsicht, am liebsten, indem sie ihren Weg noch von einem Baumwipfel zum anderen verfolgt. Der alte Herr geht stets voran; die übrige Herde richtet sich nach ihm Schritt für Schritt und betritt nicht nur dieselben Bäume, sondern sogar dieselben Aste wie er. Nicht selten steigt der vorsichtige Führer auf einem Baume bis in die höchste Spitze hinauf und hält von dort aus sorgfältige Umschau; wenn das Ergebnis derselben ein günstiges ist, wird es durch beruhigende Gurgeltöne seinen Unterthanen angezeigt, wenn nicht, die übliche Warnung gegeben. Von einem dem Felde nahen Baume steigt die Bande ab, und nun geht es mit tüchtigen Sprüngen dem Paradiese zu. Hier beginnt jetzt eine wirklich beispiellose Thätigkeit. Man deckt sich zunächst für alle Fälle. Rasch werden einige Maiskolben und Durraähren abgerissen, die Körner enthülst und mit ihnen die weiten Backentaschen so voll gepfropft, als nur immer möglich; erst wenn diese Vorratskammern gefüllt sind, gestattet sich die Herde etwas mehr Lässigkeit, zeigt sich aber auch zugleich immer wählerischer, immer heikler in der Auswahl der Nahrung. Jetzt werden alle Ahren und Kolben, nachdem sie abgebrochen worden sind, erst sorgsam berochen und wenn sie, was sehr häufig geschieht, diese Probe nicht aushalten, sofort unbenutzt weggeworfen. Man darf darauf rechnen, daß von zehn Kolben erst einer wirklich gefressen wird; in der Regel nehmen die Schlecker bloß ein paar Körner aus jeder Ahre und werfen das übrige weg. Dies eben hat ihnen den grenzenlosen Haß der Eingeborenen zugezogen.

Wenn sich die Affenheerde im Fruchtfelde völlig sicher fühlt, erlauben die Mütter ihren Kindern, sie zu verlassen und mit ihresgleichen zu spielen. Die strenge Aufsicht, unter welcher alle Kleinen von ihren Erzieherinnen gehalten werden, endet deshalb jedoch nicht, und jede Affenmutter beobachtet mit wachsamen Blicken ihren Liebling; keine aber bekümmert sich um die Sicherheit der Gesamtheit, sondern verläßt sich, wie alle übrigen Mitglieder der Bande, ganz auf die Umsicht des Herdenführers. Dieser erhebt sich selbst während der schmackhaftesten Mahlzeit von Zeit zu Zeit auf die Hinterfüße, stellt sich aufrecht wie ein Mensch und blickt in die Runde. Nach jeder Umschau hört man beruhigende Gurgeltöne, ö 9 *

wenn er nämlich nichts Unsicheres bemerkt hat: im entgegengesetzten Falle stößt er einen unnachahmlichen, zitternden oder meckernden Ton zur Warnung aus. Hierauf sammelt sich augenblicklich die Schar seiner Untergebenen, jede Mutter ruft ihr Kind zu sich heran, und im Nu find alle zur Flucht bereit; jeder aber sucht in der Eile noch so viel Futter aufzu-raffen, als er fortbringen zu können glaubt. Ich habe es mehrmals gesehen, daß Affen fünf große Maiskolben mit sich nahmen. Davon umklammerten sie zwei mit dem rechten Vorderarme, die übrigen faßten sie mit der Hand und mit den Füßen, und zwar so, daß sie beim Gehen mit den Kolben den Boden berührten. Bei wirklicher Gefahr wird nach und nach mit sauren Mienen alle Last abgeworfen, der letzte Kolben aber nur, wenn der Verfolger ihnen sehr nahe auf den Leib geht und die Tiere wirklich Hände und Füße zum Klettern notwendig haben. Immer wendet sich die Flucht dem ersten besten Baume zu. Ich habe beobachtet, daß die Meerkatzen auch auf ganz einzeln stehende Bäume kletterten, von denen sie wieder absteigen und weiterfliehen mußten, wenn ich sie dort aufstörte: sowie sie aber einmal den Wald erreicht haben und wirklich flüchten wollen, sind sie geborgen; denn ihre Gewandtheit im Klettern ist fast ebenso groß wie die der Langarmaffen. Es scheint kein Hindernis für sie zu geben: die furchtbarsten Dornen, die dichtesten Hecken, weit voneinander stehende Bäume — nichts hält sie auf. Jeder Sprung wird mit einer Sicherheit ausgeführt, welche uns in größtes Erstaunen setzen muß, weil kein bei uns heimisches Klettertier es dem Affen auch nur annähernd nachthun kann. Wie die Schlankaffen sind auch sie im stande, mit Hilfe des steuernden Schwanzes noch im Sprunge die von ihnen anfangs beabsichtigte Richtung in eine andere umzuwandeln; sie fassen, wenn sie einen Ast verfehlten, einen zweiten, werfen sich vom Wipfel des Baumes auf die Spitze eines tiefstehenden Astes und lassen sich weiter schnellen, setzen mit einem Sprunge von dem Wipfel auf die Erde, fliegen gleichsam über Gräben hinweg einem anderen Baume zu, laufen pfeilschnell an dem Stamme empor und flüchten weiter. Auch hierbei geht der Leitaffe stets voran und führt die Herde durch sein sehr ausdrucksvolles Gegurgel bald rascher, bald langsamer. Man gewahrt bei flüchtenden Affen niemals Angst oder Mutlosigkeit, muß vielmehr ihre unter allen Umständen sich gleichbleibende Geistesgegenwart bewundern. Ohne zu übertreiben, kann man sagen, daß es für sie, wenn sie wollen, eigentlich keine Gefahr gibt. Nur der tückische Mensch mit seinen weittragenden Waffen kann sie in seine Gewalt bringen; den Raubsäugetieren entgehen sie leicht, und die Raubvögel wissen sie schon abzuwehren, falls es sein muß.

Wenn es dem Leitaffen gut dünkt, hält er in seinem eiligen Laufe an, steigt rasch auf die Höhe eines Baumes hinauf, vergewissert sich der neuerlangten Sicherheit und ruft hierauf mit beruhigenden Tönen seine Schar wieder zusammen. Diese hat jetzt zunächst ein wichtiges Geschäft zu besorgen. Während der rasenden Flucht hat keiner darauf achten können, Fell und Glieder von Kletten und Dornen freizuhalten; letztere hängen vielmehr überall im Pelze oder stecken oft tief in der Haut. Nun gilt es vor allen Dingen, sich gegenseitig von den unangenehmen Anhängseln zu befreien. Eine höchst sorgfältige Reinigung beginnt. Der eine Affe legt sich der Länge lang auf einen Ast, der andere setzt sich neben ihn und durchsucht ihm das Fell auf das gewissenhafteste und gründlichste. Jede Klette wird ausgelöst, jeder Dorn herausgezogen, ein etwa vorkommender Schmarotzer aber auch nicht ausgelassen, vielmehr mit Leidenschaft gejagt und mit Begierde gefressen. Übrigens gelingt ihnen die Reinigung nicht immer vollständig; denn manche Dornen find jo tief eingedrungen, daß sie dieselben bei aller Anstrengung nicht aus ihren Gliedern herausziehen können. Dies darf ich verbürgen, weil ich selbst eine Meerkatze geschossen habe, in deren Haut noch ein Mimosendorn steckte, welcher von unten eingedrungen war und die ganze Hand durchbohrt hatte. Daß solches möglich ist, hat mich nicht verwundert, weil

ich mir selbst einmal einen Mimosendorn eingetreten habe, welcher die Ledersohle, meine große Fußzehe und das Oberleder des Stiefels durchdrang, ich mir also wohl denken kann, daß ein von oben herunter auf einen Ast springender Affe kräftig genug auffällt, um eine ähnliche Erfahrung von der Schärfe und Härte jener Dornen machen zu können.

Erst nachdem die Reinigung im großen und ganzen beendet ist, tritt die Affenherde wieder den Rückzug an, d. h. sie geht ohne weiteres von neuem nach dem Felde zurück, um dort ihre Spitzbübereien fortzusetzen. So kommt es, daß der Einwohner des Landes sie eigentlich niemals aus seinen Feldern los wird, sondern stets unter einer Plage zu leiden hat, welche fast so arg wie die der Heuschrecken ist. Da die Leute keine Feuergewehre besitzen, wissen sie sich nur durch oftmaliges Verjagen der Affen zu schützen; denn alle anderen Kunstmittel zur Vertreibung fruchten bei diesen losen Geistern gar nichts — nicht einmal die sonst unfehlbaren Kraftsprüche ihrer Heiligen oder Zauberer; und ebendeshalb sehen die braunen Leute Nordostafrikas alle Affen als entschiedene Gottesleugner und Glaubensverächter an. Ein weiser Schech Ostsudans sagte mir: „Glaube mir, Herr, den deutlichsten Beweis von der Gottlosigkeit der Affen kannst du darin erblicken, daß sie sich niemals vor dem Worte des Gesandten Gottes beugen. Alle Tiere des Herrn achten und ehren den Propheten — Allahs Friede sei über ihm! — die Affen verachten ihn. Derjenige, welcher einen Spruch schreibt und in seine Felder aufhängt, auf daß die Nilpferde, Elefanten und Affen seine Früchte nicht auffressen und seinen Wohlstand schädigen, muß immer erfahren, daß nur der Elefant dieses Warnungszeichen achtet. Das macht, weil er ein gerechtes Tier, der Affe aber ein durch Allahs Zorn aus dem Menschen in ein Scheusal verwandeltes Geschöpf ist, ein Sohn, Enkel und Urenkel des Ungerechten, wie das Nilpferd die nee a des scheußlichen Zauberers.“

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