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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Ihr Scharfsinn war außerordentlich groß. Sie stahl meisterhaft, machte Thüren auf und zu und besaß eine bedeutende Fertigkeit, Knoten zu lösen, wenn sie glaubte, dadurch irgend etwas zu erreichen. Schachteln und Kisten öffnete sie ebenfalls und plünderte sie dann immer rein aus. Wir pflegten sie manchmal zu erschrecken, indem wir ein Häufchen Pulver vor sie auf den Boden schütteten und dieses dann mit Feuerschwamm anzündeten. 12*

Sie schrie gewöhnlich laut auf, wenn das Pulver aufblitzte, und machte einen Satz, soweit ihr Strick es zuließ. Doch ließ sie sich derartige Schrecken nur einigemal gutwillig gefallen. Später war sie pfiffig genug, den brennenden Schwamm mit ihren Händen zu ersticken und so die Entzündung des Pulvers zu verhüten! Dann fraß sie dasselbe regelmäßig auf, wahrscheinlich des salpeterigen Geschmackes wegen.

Während des Winters bewohnte sie gewöhnlich den warmen Ziegenstall, trieb aber hier häufig Unfug, indem sie Thüren aushob und so die Ziegen und Schweine befreite, Bretter abdeckte und andere unerlaubte Streiche ausführte. Das eingemischte Kleienfutter, welches die Ziegen erhielten, fraß sie leidenschaftlich gern und fing deshalb oft Streit mit den rechtmäßigen Eigentümern an. Hierbei benahm sie sich äußerst geschickt: sie faßte nämlich mit der einen Hand den Eimer oder Kübel, mit der anderen packte sie die Ziege an den Hörnern oder an dem um dieselbe gewundenen Stricke und hielt sie, während sie selber trank, soweit als möglich von sich ab. Wenn eine Ziege sie stieß, schrie sie laut auf und hing dann gewöhnlich im nächsten Augenblicke an dem Halse ihrer Gegnerin, um sie zu bestrafen. Sie verzehrte alles Genießbare, namentlich gern Kartoffeln, welche auch ihre Hauptspeise bildeten. Gewürzte Sämereien, zumal Kümmel, waren eine Leckerei für sie. Den Tabak und noch mehr den Tabaksrauch liebte sie, wie viele Affen, in hohem Grade und sperrte, wenn ich ihr denselben in das Gesicht blies, das Maul weit auf, um davon soviel als möglich einzuschlürfen.

Ihre Zuneigung zu mir überstieg alle Grenzen. Ich konnte thun, was ich immer wollte: ihre Liebe gegen mich blieb sich gleich. Wie es schien, betrachtete sie mich in allen Fällen als vollkommen unschuldig an allen Übeln, welche ihr widerfuhren. Wenn ich sie züchtigen mußte, wurde sie niemals auf mich wütend, sondern stets auf diejenigen, welche zufällig anwesend waren, wahrscheinlich weil sie glaubte, daß diese die Schuld an ihrer Bestrafung trügen. Mich zog sie unter allen Umständen ihren sämtlichen Bekannten vor: sie wurde, wenn ich mich nahte, augenblicklich eine Gegnerin von denen, welche sie eben noch geliebkost hatte.

Freundliche Worte schmeichelten ihr, Gelächter empörte sie, zumal wenn sie merkte, daß es ihr galt. Sie antwortete jedesmal, wenn wir sie riefen, und kam auch zu mir heran, wenn ich es wünschte. Ich konnte weite Spaziergänge mit ihr machen, ohne sie an die Leine zu nehmen. Sie folgte mir wie ein Hund, wenn auch nur in weiten Bogen, die sie nach eigenem Ermessen ausführte, und Hassan lief wiederum ihr treulich nach.

Als Hassan starb, war sie sehr unglücklich und stieß von Zeit zu Zeit ein bellendes Geschrei aus, auch in der Nacht, welche sie sonst regelmäßig verschlafen hatte. Wir mußten fürchten, daß sie den Verlust ihres Gefährten nicht überleben würde, und verkauften sie deshalb an den Besitzer einer Tierschaubude, bei welchem sie andere Gesellschaft fand.

Der Babuin wird im Sudan oft gefangen, auf dem Nile herunter nach Agypten und von dort nach Europa gebracht, muß jedoch auch von anderer Seite hierher gelangen, weil man ihn ziemlich häufig in Gefangenschaft sieht. In Agypten dient er Gauklern ziemlich zu denselben Zwecken wie der Hamadryas, welchen wir demnächst kennen lernen werden. In Europa ist er ein ständiger Bewohner der Affenhäuser in den Tiergärten und der Affenkäfige in den Tierschaubuden, ebenso regelmäßig auch auf dem Affentheater zu finden, weil sein biegsamer Schwanz leicht in der Kleidung versteckt werden kann und Klugheit und gutmütiges Wesen ihn in derselben Weise zur Abrichtung geeignet erscheinen lassen. Wie leicht er lernt, ist aus dem Vorstehenden ersichtlich geworden; wie treu er behält, und wie willig er „arbeitet“, zeigt sich bei jeder Vorstellung auf der Affenbühne. Er zählt unter die größten Künstler derselben.

Der bereits mehrfach erwähnte Pavian, welcher ebensowohl seiner Gestalt wie seiner ausgezeichneten Verstandes und vielleicht auch seiner unliebenswürdigen Eigenschaften halbes

bei den alten Agyptern eine große Rolle spielt, ist der Hamadryas oder Mantelpavian (Cynocephalus hamadryas, C. toth, Simia, Cercopithecus und Papio hamadryas, Hamadryas chaeropithecus 2c.). Wie er zu der Ehre gekommen ist, den Namen einer altgriechischen Baumnymphe zu tragen, weiß ich nicht; in seiner Gestalt und in seinem Wesen liegt wahrhaftig nichts Weibliches. Die alten Völker waren es nicht, welche ihm jenen Namen verliehen. Herodot, Plutarch und Plinius bezeichnen ihn mit Cynocepbalus,

Hamadryas oder Mantelpavian (Cynocephalus hamadryas). ½ natürl. Größe.

Strabo nennt ihn Cebus, Juvenal Cercopithecus, Agatharchides Sphinx. Bei den heutigen Abessiniern heißt er Hebe, bei den Arabern Robah und in Agypten endlich Khird. Unter all diesen Namen ist nicht ein einziger, welcher an irgend welche Nymphe erinnert; man müßte denn „Sphinx“ als solchen betrachten wollen.

Über die Verehrung, welche der Hamadryas bei den alten Agyptern genoß, hat uns (S. 53) Dümichen belehrt. Eine Folge davon läßt sich noch jetzt nachweisen; denn alle Bewohner der Steppenländer des innern Afrika und auch ein großer Teil der Abessinier tragen ihre Haare genau in derselben Weise gekämmt und gescheitelt wie der Hamadryas, und er ist somit unverkennbar zum Vorbilde für jene Leute geworden, mögen diese auch

Hamadryas oder Mantelpavian (Cynocephalus hamadryas). ½ natürl. Größe.

mehr die Bildsäulen als das lebende Tier im Auge gehabt haben. Heutigestags genießt der Hamadryas in jenen Ländern keine Verehrung mehr. Seine Schädlichkeit ist zu groß, als daß er sich die Freundschaft der Menschen erwerben sollte.

Gegenwärtig findet sich das Tier in Agypten nirgends mehr wild. Auch Prosper Alpinus, welcher im Jahre 1580 in Agypten war, sagt ausdrücklich, daß es dort keine Affen gäbe, sondern daß sie aus Arabien eingeführt würden. „Sie sind so talentvoll“, fährt er dann fort, „daß man ihnen nicht den Verstand absprechen kann. Die Tierführer lehren ihnen sehr leicht, was sie wollen, zuweilen höchst sinnreiche Spiele, mit denen sie die Zuschauer ergötzen. Solche abgerichtete Affen sieht man oft in Kairo, Alexandrien und anderswo. Besonders die Männchen find den Bewohnern auffällig; allein man kann es nicht wohl erzählen, wie unanständig sie sich gebärden. Jene, welche großen Hunden gleichen, verfolgen die arabischen Weiber auf den Feldern, und deshalb beschmieren sich diese ihr Gesicht und selbst den Leib mit Safran. Hierdurch bleiben sie von den Anfällen der Affen frei; denn letztere glauben dann, den mit Safran eingeriebenen Frauen wäre nicht wohl, und sie könnten selbe nicht gebrauchen. x

Hinsichtlich der letzten Angabe läßt sich unser Forscher zu falschen Folgerungen verleiten. Ich selbst habe beobachet, daß sich die Frauen der Nomaden in jenen Gegenden wirklich ihr Gesicht mit Safran beschmieren: allein dies geschieht keineswegs der Affen halber, sondern aus denselben Rücksichten, welche unsere Frauen bewegen, zartes Rot auf ihre zarten Wangen zu legen.

Alvarez, welcher etwa um dieselbe Zeit wie Alpinus in Afrika und zwar in Abessinien war, berichtet, daß er die Mantelpaviane in ungeheueren Herden gesehen habe, und gibt eine sehr richtige Beschreibung von ihrem Wesen und Treiben. „Sie lassen“, sagt er, „keinen Stein liegen; wenn ihrer zwei oder drei einen nicht umwenden können, so stellen sich so viele daran, als Platz haben, drehen ihn dennoch um und suchen ihre Lieblingsnahrung hervor. Auch Ameisen fressen sie gern und legen, um diese zu fangen, ihre Hände umgekehrt auf die Haufen, und sobald eine Hand mit Ameisen bedeckt ist, bringen sie dieselbe rasch zuMunde. Wenn man sie nicht abwehrt, verheeren sie die Felder und Gärten. Ohne Kundschafter gehen sie zwar nicht in die Pflanzungen; aber wenn diese ihnen das Zeichen zur Sicherheit gegeben, dringt die ganze Bande in den Garten oder das umhegte Feld und läßt nichts übrig. Anfangs sind sie ganz still und ruhig, und wenn ein unkluges Junges einen Laut hören läßt, bekommt es eine Ohrfeige; sobald fie jedoch die Furcht verlieren, zeigen sie durch gellendes Geschrei ihre Freude über ihre glücklichen Überfälle. Sie würden sich in entsetzlicher Weise vermehren, wenn nicht der Leopard so viele ihrer Jungen zerrisse und fräße, obgleich die Alten diese mutig zu verteidigen fuchen.”“

Unter den neueren Forschern gibt Ehrenberg zuerst eine ziemlich ausführliche Beschreibung unserer Affen, welchen er in Arabien und an der Küste von Abessinien einzeln und in großen Scharen begegnete. Später erzählten Rodatz und Bayssiere von ihnen. Ich meinesteils traf den Mantelpavian auf meiner ersten Reise nach Afrika im Freileben nirgends an, um so häufiger aber auf meinem leider nur zu kurzen Ausfluge nach Abessinien im Frühjahre 1862 und kann also aus eigener Erfahrung über ihn reden.

Der Hamadryas bewohnt das ganze Küstengebiet Abessiniens und Südnubiens, nach Norden hin, soweit die Regen herabreichen, in ziemlicher Anzahl. Je pflanzenreicher die Gebirge, um so angenehmer scheinen sie ihm zu sein. Wasser in der Nähe ist unerläßliche Bedingung für das Wohlbefinden einer Herde. Von den höheren Bergen herab wandern die Gesellschaften zuweilen auf die niederen Hügelreihen der Samchara oder des Wüstenstreifens an der Meeresküste herab; die Hauptmasse bleibt aber immer im Hochgebirge. Hier bewohnt jede Herde ein Gebiet von vielleicht 1½ oder 2 Meilen im Durchmesser.

Man begegnet kleineren Gesellschaften viel seltener als größeren. Ich sah ein einzigesmal eine Schar von 15— 20 Stück, sonst aber immer Herden, welche der geringsten Schätzung nach ihrer 150 zählen mochten. Darunter befinden sich dann etwa 10—15 vollkommen erwachsene Männchen — wahrhafte Ungeheuer von bedeutender Größe und einem Gebisse, welches das des Leoparden an Stärke und Länge der Zähne bei weitem übertrifft, — und etwa doppelt so viele erwachsene Weibchen. Der Rest besteht aus Jungen und Halberwachsenen. Die alten Männchen zeichnen sich durch ihre gewaltige Größe und den langen Mantel aus — bei einem von mir erlegten mittelalten Männchen messen die Mantelhaare 27 em; die Weibchen sind kürzer behaart und dunkler, d. h. olivenbraun von Farbe; die Jungen ähneln der Mutter. Unsere Abbildung überhebt mich einer Beschreibung der sonderbaren Haarlage auf dem Kopfe des Hamadryas, welche bei den Afrikanern so großen Beifall fand; hinsichtlich der Färbung aber muß ich bemerken, daß jedes einzelne Haar abwechselnd grünlichbraun und gelblich geringelt ist, wodurch eine sehr schwer zu beschreibende, dürr gewordenem Grase am meisten ähnelnde Gesamtfärbung des Pelzes entsteht. Die Kopfseiten und Hinterbeine sind immer lichter, meist aschgrau. Das Gesäß ist brennend rot, das nackte Gesicht schmutzig fleischfarben. Je älter die Männchen werden, um jo mehr lichtet sich die Farbe ihres Mantels. Jedoch scheint es mir wahrscheinlich, daß es wenigstens zwei verschiedene Arten dieser Paviane gibt: eine kleinere mit aschgrauem Mantel, welche Asien bewohnt, und die bedeutend größere, afrikanische Art, bei welcher der Mantel auch im höchsten Alter immer grünlich blaugrau gefärbt ist. Unsere Abbildung stellt die erstere dar. Die Länge des ausgewachsenen Männchens beträgt 0,9— 1 m, wovon 20 — 25 em auf den gequasteten Schwanz kommen, die Höhe am Widerrist 50 em.

In den Frühstunden oder bei Regen findet man die ganze Bande an ihren Schlafplätzen, größeren und kleineren Höhlungen an unersteiglichen Felswänden und auf überdachten Felsgesimsen, möglichst nahe zusammengedrückt, die Jüngeren und Schwächeren dicht an den Leib ihrer Mütter und bezüglich auch ihrer Väter geschmiegt. Bei gutem Wetter verläßt die Herde jene Wände in den Vormittagsstunden und wandert nun langsam und gemächlich längs der Felswände dahin, hier und da eine Pflanze ausziehend, deren Wurzel hauptsächlich als Nahrungsmittel zu dienen scheint, und jeden nicht allzu großen Stein umwendend, um zu besonderen Leckerbissen, den unter den Steinen verborgenen Kerbtieren, Schnecken und Würmern, zu gelangen. Sobald das Frühmahl eingenommen, steigen alle nach der Höhe des Bergkammes empor. Die Männchen setzen sich ernst und würdig auf Steine, den Rücken dem Winde zugekehrt; die Weibchen beaufsichtigen ihre ohne Unterlaß spielenden und sich balgenden Jungen und treiben sich unter diesen umher. In den späten Nachmittagsstunden zieht die Gesellschaft zum nächsten Wasser, um dort zu trinken; dann geht sie nochmals auf Nahrung aus und wendet sich schließlich nach irgend einem geeigneten Schlafplatze. Ist ein solcher besonders günstig, so darf man mit Sicherheit darauf rechnen, die Paviane gegen Abend da einziehen zu sehen, selbstverständlich, solange man sie nicht durch wiederholte Verfolgungen gestört hat. Durrafelder in der Nähe des Wohnplatzes gehören zu den ganz besonderen Annehmlichkeiten desselben und müssen sorgfältig gehütet werden, wenn man auf eine Ernte rechnen will; sonst erscheinen die frechen Räuber tagtäglich, verwüsten weit mehr, als sie verzehren, und richten schließlich das ganze Feld vollständig zu Grunde.

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