Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Gewiß, die geregelte Arbeit ist es gewesen, welche diesen Affen zu dem gemacht hat, was er ist: zu dem ausgezeichnetsten Mitgliede seiner Art, zu einem Mandrill, wie es sicherlich bis jetzt noch wenige gegeben hat. Man muß dieses Tier, wie ich, im Käfig, hinter und auf der Bühne gesehen haben, um es vollständig würdigen zu können; man muß einer Unterhaltung zwischen ihm und seinem Herrn gelauscht haben, um zu verstehen, was Erziehung selbst bei einem so wilden und scheinbar unverbesserlichen Wesen zu leisten vermag. Ein derartiges Beispiel, wie dieser Affe es gewährt, ist im höchsten Grade lehrreich für alle.
Über das Wesen der in Tschintschotscho jahrelang beobachteten Mandrille schreibt Pechuel-Loesche: „Wir hielten drei Mandrille in unserem Gehöfte, gleich dem Mohrenaffen mittels Leinen an Stangen befestigt, die ihre Behausung trugen; auch sie entflohen nicht, wenn sie sich einmal in voller Freiheit austummeln durften. Es waren echte Paviane: voller List und Schlauheit, ungezogen, ausgelassen, immer auf Unfug sinnend und sich wohl bewußt, daß fie uns durch ihr Treiben ergötzten. Die Charaktere der drei waren bei alledem durchaus verschieden. Pavy, ein Männchen, war sehr liebenswürdig, einschmeichelnd und außerordentlich anhänglich. Jack, ein schwaches Weibchen, war ein vollendeter Humorist, trieb Kurzweil mit allen Menschen — außer mit dem weiblichen Geschlechte, das er durchaus nicht leiden konnte — war aber niemand besonders zugethan. Isabella, ein sehr
starkes Weibchen, das wir bereits vollständig erwachsen geschenkt erhielten, weil es um seiner Bösartigkeit willen in einer Faktorei nicht mehr geduldet werden durfte, fiel wütend Menschen jedes Geschlechtes, Alters und jeder Farbe an, die sich ihm näherten. Es dauerte lange, bis sie, durch zweckmäßige freundliche Behandlung beruhigt, wenigstens in uns Europäern keine Feinde mehr erblickte. Ihr Charakter war verdorben. Sie ließ sich alles Gute gefallen, war aber nicht erkenntlich dafür. „Pavy und Jack waren fast wie Hunde wachsam. Auf ihren hohen Behausungen sitzend, hielten sie aufmerksame Umschau und kündeten stets ungewöhnliche Vorgänge in der Nachbarschaft sowie das Nahen von Besuch an. Da wir ihnen wie den anderen Tieren von Ausflügen gern einige besonders geschätzte Näschereien: leckere Früchte, süße Grasstengel, Blätter, Käfer, Heuschrecken, mitbrachten, hatten sie sich gewöhnt, unsere Rückkehr mit Spannung zu erwarten, und uns schon auf einige hundert Schritt Entfernung mit frohem Keckern und Krähen zu begrüßen, wobei sie den Kopf drollig nach oben reckten oder die gewagtesten Kunstsprünge vollführten. Dies steigerte sich bedeutend, wenn wir sie anriefen. Da nun auch der Mohrenaffe seine eigenartige Predigt begann und zugleich die übrigen Tiere, die ohrenbeleidigenden Schimpansen eingeschlossen, laut wurden, sobald sie unsere Stimmen vernahmen, erhob sich manchmal ein wahrer Aufruhr im Gehöfte. „Ganz neu war mir, daß die Paviane sich irgend welche leblose Gegenstände zum Spielzeuge erkoren und sie, wie Kinder ihre Puppen ins Bett, des Abends vorsorglich mit in ihre Schlafkasten nahmen und dort auch am Tage verwahrten. So hielt Isabella längere Zeit eine kleine blanke Blechbüchse sehr wert, Pavy ein krummes Holzstückchen, das er unter den lustigsten Kapriolen durch Aufschlagen mit der Hand von der Erde in die Luft wirbeln machte. Einst flog es zu weit, so daß Jack sich seiner bemächtigte. Darob entstand zwischen beiden grimmige Feindschaft; da aber die langen Leinen beider so bemessen waren, daß sie nicht aneinander kommen konnten, blieb ihnen nichts übrig, als sich in nächster Nähe die wütendsten Grimassen zu schneiden und auszukeifen. Die jäh aufgesprungene Feindschaft bestand fortan ungemindert, obwohl ich Pavy sein Hölzchen zurückgab. Späterhin vergnügte er sich auch sehr hübsch mit einer Flintenkugel. Jack dagegen hatte eine Leidenschaft für mein Insolationsthermometer gefaßt; kam er frei und wußte sich unbeobachtet, so sprang er danach und entführte es. Er freute sich offenbar am Glitzern des Glases, behandelte es aber stets so sorglich, daß das Instrument, selbst wenn es mit auf Bäume oder Dächer genommen wurde und ihm abgeschmeichelt werden mußte, doch nie zu Schaden kam.“
Ein anderer sehr starker Mandrill, den Pechuel-Loesche einst auf einem kleinen Küstenfahrer mitnahm, erwies sich weder feuer- noch wasserscheu und zeigte sich auch als guter Schwimmer. „Er war, obwohl sonst gutartig und auch dankbar, ein Ausbund von Tollheit und Unart und hatte sein besonderes Vergnügen daran, aus dem in einem mit Sand gefüllten Kübel an Deck offen brennenden Kochfeuer Brände zu reißen und umherzuschleudern. Dies that er nicht nur in unbewachten Augenblicken, sondern auch in Gegenwart des um das Schicksal seiner Töpfe in steter Angst schwebenden Koches. Da er die gefährliche Unart nicht ließ und wir sehr viel Pulver an Bord hatten, wurde der Pavian auf einen an langer Leine nachgeschleppten Kahn verbannt und mit einer Kiste als Wohnung versehen. Dort behagte es ihm aber gar nicht, und er hockte, sehnsüchtig zum Schiffe blickend, auf dem Buge des kleinen Fahrzeuges. Sein Sinn stand nach Befreiung. Kaum war die Dunkelheit angebrochen, und der Koch bereitete den Abendthee, so fiel der Kochtopf mit dem Wasser um, und die Feuerbrände flogen sprühend über Deck. Der Pavian, über und über naß, war an Bord, flüchtete ins Takelwerk und konnte in der Nacht nicht wieder entfernt werden. Am nächsten Morgen wurde er gefangen und abermals in den Kahn gebracht. Er aber — das Schiff hatte nur geringe Fahrt — lief sogleich an dem zum
Schleppen benutzten Tau auf uns zu, drückte es natürlich durch sein Gewicht in das Wasser und schwamm nun wie ein Hund und ziemlich scharf ziehend bis zu dem über den Stern auf: wärts führenden anderen Ende. Ein zweites Mal sprang er sofort in das Meer und mußte über 10 Minuten lang hinter uns herschwimmen, ehe der ergrimmte Eigner des Fahrzeuges sich bewegen ließ, das arme Tier vor dem Ertrinken zu erretten. Der Affe war schon recht ermattet, als wir ihn erreichten, denn die Wellen gingen hoch und kurz. Aber die Lehre hatte gewirkt: fortan ertrug er seine Verbannung mit geziemender Würde.“
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Zu den abweichendsten Arten der Gattung zählt einer der schönsten aller Affen, der gewöhnlich zu den Makaken gestellte Nilbandar, Schiabandar, Tschingala, Singalika ꝛc. der Inder, unser Bartaffe, der löwenschwänzige Affe von Pennant und anderen englischen Forschern (Cy nocephalus silenus, Macacus und Vetulus silenus, Simia ferox, Silenus veter). Ihn kennzeichnen der gedrungene Bau, ein reicher Vollbart, welcher das ganze Gesicht umschließt, und der mittellange, am Ende gequastete Schwanz. Der sehr reiche lange Pelz ist glänzend schwarz, unterseits licht bräunlichgrau, der mähnenartig verlängerte Vollbart dagegen weiß, in der Jugend graulich; Hände und Füße haben mattschwarze Färbung, die gutmütigen Augen braune Iris. Erwachsen erreicht der Affe eine Länge von nicht Im; Bourdillon gibt die Gesamtlänge zweier Männchen zu 87,5 und 89 cm, die zweier Weibchen zu 77 und 70 cm an, dann maßen die in der Länge sehr wechselnden Schwänze 25—38 em.
Über das Vaterland des Bartaffen ist man bis in neuerer Zeit in Irrtum gewesen, weil man gewöhnlich Ceylon als solches angesehen hat. Nach den neueren Berichten ist das Tier nicht auf dieser Insel, sondern in Malabar heimisch und bewohnt hier ausschließlich die dichten Waldungen der Höhen, etwa von 14 Grad nördlicher Breite bis zum Kap Komorin, in Banden von 12— 20 Stück. Haeckel glaubt jedoch viel weiter nördlich, binnen: wärts von Bombay, an den Höhlentempeln von Carlie einige gesehen zu haben. Dennent erwähnt in seinem trefflichen Werke des Bartaffen nicht, wendet vielmehr den Namen Wanderu (den Buffon ihm fälschlich gegeben) nach Jerdon durchaus berechtigt als singhalesische Bezeichnung lediglich auf die Schlankaffen an und bemerkt ausdrücklich, daß alle von Ceylon nach Europa gebrachten Bartaffen erst auf der Insel eingeführt wurden. Über das Freileben unseres Tieres wissen wir soviel wie nichts. Seine Nahrung besteht aus Knospen und Baumblättern. Er besucht ebenfalls die Gärten und richtet dort unter Umständen bedeutenden Schaden an. Thierbach erzählt, daß die von diesen Affen herrührenden Verwüstungen oft wirklich jammervoll anzusehen sind. In manchen Kokosgärten sieht man nicht eine einzige Frucht auf den Bäumen, aber den Boden ganz besäet mit ihnen, zumal mit halbreifen, welche diese Affen abgerissen und herabgeworfen haben.
Demungeachtet werden sie von den Malabaren geschätzt. Die Fürsten dieses Volkes achten sie sehr hoch wegen ihrer Ernsthaftigkeit und ihrer Klugheit. Sie lassen Junge aufziehen und zu allerlei Spielen abrichten, wobei dieselben sich zum Verwundern gut benehmen. „Der weißbärtige Affe“, sagt Heydt, „stellt einen alten Indier mit seinem Barte nicht übel vor. Er hält sich die meiste Zeit in den Wäldern auf und verursacht wenig Schaden. Von anderen Affen unterscheidet er sich dadurch, daß er nicht so boshaft und eher heiter ist. Er scheint mehr Nachdenken zu haben als diese, kann gläsernes Geschirr lange gebrauchen, ohne es zu zerbrechen, weiß sogleich, wenn er unrecht gethan hat, und gibt seine Traurigkeit darüber durch Gebärden zu erkennen, welches er noch mehr thut, wenn er geschlagen worden ist, da man ihn oft Thränen vergießen sieht.“ Ein anderer Berichterstatter versichert, daß die übrigen Affen die größte Achtung vor dem Nilbandar hätten und sich in
feiner Nähe anständig benähmen, weil fie feine Übermacht anerkennen müßten. Bennett erzählt von zwei Gefangenen, welche er pflegte, daß sie sehr gutartig waren und sich damit vergnügt hätten, an ihrer Kette sich zu schaukeln. „Sobald jemand hereintrat, stieg der eine plötzlich von seiner Stange herab und paßte den Augenblick ab, um auf den Besucher zu springen und ihn unversehens zu erfassen und zu necken; dann kletterte er wieder auf seine Stange, als ob nichts geschehen sei, und freute sich seines Erfolges.“
Ich habe mehrere dieser Tiere gesehen, auch eines längere Zeit gepflegt und muß sagen, daß ich mit den Indern übereinstimme. Der Bartaffe macht den Eindruck eines überlegenden Geschöpfes, eines durchaus würdigen Affen, und jede seiner Bewegungen entspricht dem vollständig. Sein Thun und Handeln sind gemessen, jede seiner Bewegungen gleichsam
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Bartaffe (Cynocephalus silenus). Yıo natürl. Größe.
vorbedacht. Den größten Teil der Zeit scheint er sich nur mit sich selbst zu beschäftigen und zuweilen längere Zeit in tiefstem Nachdenken versunken zu sein. Um die Außenwelt bekümmert er sich viel weniger als andere Affen, obwohl das geweckte Auge deutlich genug bekundet, daß sie nicht spurlos an ihm vorübergeht. Auch er achtet auf jeden Menschen und auf jedes Tier, welches ihm sich nähert: aber es geschieht dies mit würdiger Ruhe; denn er betrachtet alles, was er ansieht, mit dem ihm eigenen Ernste. Von Natur gutmütig, kann es unter Umständen geschehen, daß der alte Adam in ihm lebendig wird. Das ruhige und sanfte Auge blitzt dann in eigentümlichem Feuer auf; das Gesicht nimmt den Ausdruck entschiedenen Zornes an, und seine Haltung bekundet, daß er jetzt nur auf den Augenblick lauere, zuzufassen und seinen Ingrimm zu bethätigen. Doch wie bemerkt, solche Gemütserregungen gehören zu den Seltenheiten; im allgemeinen denkt er nicht daran, irgend einem anderen Geschöpfe etwas in den Weg zu legen oder zuleide zu thun. Zuweilen sieht man ihn im Affentheater als mitwirkenden Schauspieler in der Rolle eines würdigen Alten, zu welcher er sich seines Aussehens halber ganz vorzüglich eignet, und er verfehlt dann nicht,
seines gemessenen, anscheinend tief durchdachten Spieles halber die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und den verdienten Beifall sich zu erwerben. Demungeachtet steht er bei den Leitern jener Theater nicht eben in besonderer Gunst; Broekmann wenigstens versicherte mir, daß er, wenn auch nicht ungelehrig, so doch schwerfällig von Begriffen sei, lange Zeit brauche, um etwas zu behalten, und nicht mit der Willfährigkeit anderer abgerichteter Affen „arbeite“.
Der Unterschied zwischen den Erzeugnissen des heißen Erdgürtels der Alten Welt und denen Südamerikas ist regelmäßig ein durchgreifender und augenscheinlicher. Deshalb tritt uns, wenn das Glück es uns gestattet, der Wandersehnsucht des Herzens zu folgen, in Südamerika fast alles und jedes so märchenhaft und zauberartig entgegen: der Reiz der Neuheit besiegt, der Reichtum der Natur bewältigt und läßt die vielen Vorzüge unserer Erdhälfte vergessen. | Bei Betrachtung derjenigen Tiere, welche wir zunächst zu berücksichtigen haben, ist dies bis zu einem gewissen Grade auch der Fall. Die Breitnasen (Platyrrhini) sind zwar merkwürdige Geschöpfe: schön aber sind sie nicht oder wenigstens nur ausnahmsweise, vielmehr fast durchweg unbeholfener, träger, trauriger, geistloser als die Altweltsaffen, weit harmloser, gutmütiger, unschädlicher als letztere; aber ebendeshalb keine echten Affen. Denn diese wollen wir gar nicht ohne die nur ihnen gehörenden Eigenschaften, ohne ihre Lustigkeit, Munterkeit, Keckheit, Unverschämtheit, ja, ich möchte sagen, ohne ihre Nichtsnutzigkeit. Wir sind nun einmal gewohnt, unser Zerrbild in den merkwürdigen Gesellen zu erblicken, und fühlen uns unbefriedigt, wenn dieses Zerrbild nicht auch ein geistiges ist. Und nicht bloß wir Männer hegen eine solche Ansicht, sondern ebenso die Frauen, welche doch regelmäßig abgesagte Feinde jeder Verspottung des eigenen Ichs, ja alles Menschlichen sind: ich habe stets erfahren, daß aus Frauenmunde die Breitnasen als widerliche Geschöpfe bezeichnet wurden. Manche Rollaffen machen aber eine entschiedene Ausnahme.