All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
AskTalkView media
Reading progressPage 66 of 188

nur in weit höherem Maße; er bewies durch sein Gebaren in unverkennbarer Weise, wie unendlich wohlthuend es für ihn war, einmal wieder anstatt mit anderen Affen, feinen Käfiggenossen, mit Menschen, zu verkehren. Gegen seine Gesellen, Meerkatzen und Rollaffen, zeigte er sich zwar ebenfalls wohlwollend, ließ gutmütig allerlei von ihnen sich anthun, selbst auch zum Spielen mit ihnen bewegen, schien sie aber doch als ihm untergeordnete Geschöpfe zu betrachten, während er in mir, dem Menschen, unverkennbar ein höheres Wesen erblickte und sogleich die Rolle eines gehätschelten Lieblings annahm.

Der Ernst und die ruhige Würde, welche das ganze Auftreten des Affen bekunden, spricht sich auch in seinen Bewegungen aus. Sie sind überlegt und gemessen, niemals hastig und ungestüm, aber auch durchaus nicht langsam, schwerfällig und ungeschickt. Der Wollaffe klettert mit größter Sicherheit, vergewissert sich, wenn er einen Platz verlassen will, vorher eines anderen sicheren Standortes und gebraucht seinen Wickelschwanz in ausgiebigster Weise, ist aber sehr wohl im stande, weite Sprünge zu machen und rasch einen bestimmten Raum zu durcheilen, zeigt auch eine Anmut, Gewandtheit und Behendigkeit, welche man ihm nicht zugetraut hätte. Dabei scheint ihm jede erdenkliche Stellung recht und bequem zu sein: ob er sich mit dem Schwanze allein, mit ihm und den Füßen oder Händen, mit diesen oder jenen festhält, ob er kopfunterst oder kopfoberst sich bewegt — ihm bleibt es vollkommen gleich. Allerliebst sieht es aus, wenn er, nachdem er sich am Schwanze aufgehängt hat, sich mit Händen und Füßen beschäftigt, sei es, daß er mit irgend welchem Gegenstande spielt, sei es, daß er mit einem seiner Käfiggenossen sich abgibt. Beim Ruhen, vielleicht auch beim Schlafen sitzt er zusammengekauert wie andere Wickelschwanzaffen, legt sich aber auch gern auf die Seite, seinen Schwanz über die Beine weg und seinen Kopf auf die zusammengerollte Schwanzspitze, wie auf ein Kopfkissen, verhüllt dann sein Gesicht mit dem Arme, indem er es zwischen Ober- und Unterarm in das Ellbogengelenk einschmiegt, und schließt behaglich die Augen. Im Gegensatze zu den Klammer: und Rollaffen, welche ununterbrochen winseln und sonstige Laute von sich geben, verhält er sich sehr schweigsam; der einzige Laut, welchen ich von ihm vernommen, war ein scharfes „Tschä“, welches nicht wiederholt wurde. An das Futter scheint er besondere Ansprüche nicht zu stellen; seine Nahrung ist die aller Affen. Seine ungemein große Gutmütigkeit und Verträglichkeit zeigt sich auch am Futternapfe und verkürzt ihn eher, als sie ihn begünstigt. Dessenungeachtet scheint er seinen habsüchtigen Genossen durchaus nicht zu zürnen.

Die Rollschwanzaffen oder Rollaffen (Cebus) unterscheiden sich dadurch von den Wickelschwanzaffen, daß ihr Schwanz rings behaart ist, zwar um Aste gewickelt werden kann, als eigentliches Greifwerkzeug jedoch nicht taugt.

Während die drei besprochenen Gattungen der neuweltlichen. Affen bis heute noch zu den Seltenheiten in Tiergärten gehören, sieht man diesen oder jenen Vertreter der Rollaffen fast in jeder Tierschaubude. Genannte Affen unterscheiden sich von den bisher genannten zunächst durch ihren einhelligeren Leibesbau. Der Scheitel ist rundlich; die Arme sind nur mittellang, die Hände überall fünffingerig. Ein mehr oder minder entwickelter Bart ziert das Gesicht; im übrigen ist der Pelz dicht und kurz.

Man kann, wenn man will, die Rollaffen als die Meerkatzen Amerikas bezeichnen. Mit jener lustigen Gesellschaft haben sie große Ahnlichkeit, wenn auch mehr in ihrem Betragen als in ihrer Gestalt. Sie sind echte Affen, d. h. lebhafte, gelehrige, mutwillige, neugierige und launenhafte Tiere. Gerade deshalb werden sie von den Menschen viel häufiger gezähmt als alle übrigen, kommen demnach auch häufiger zu uns herüber. Ihrer weinerlichen, sanften Stimme

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. I. 15

verdanken sie den Namen Winselaffen, welchen sie ebenfalls führen. Diese Stimme hört man aber nur, solange sie bei guter Laune sind. Bei der geringsten Erregung schreien und kreischen fie abscheulich. Sie leben ausschließlich auf Bäumen und find hier ebenso daheim wie ihre überseeischen Vettern auf den Mimosen und Tamarinden. Schon in der Vorwelt in Brasilien heimisch, bewohnen sie noch gegenwärtig und zwar in bedeutender Anzahl alle größeren Waldungen des eigentlichen Südens. Man findet sie in ziemlich zahlreichen Gesellschaften und häufig untermischt mit anderen ihnen verwandten Arten. Ihre Geselligkeit ist so groß, daß sie sich gern mit allen ihnen nahestehenden Affen, denen sie zufällig begegnen, verbinden, um dann gemeinschaftlich umherzuschweifen. Manche Naturforscher glauben deshalb die verschiedenen Abänderungen mehr oder weniger als Blendlinge ansehen zu dürfen. „Keine Affensippe“, sagt Schomburgk, „zeigt in Bezug auf Größe, Farbe und Haarwuchs mehr Abänderung als die Rollaffen, und eben deshalb sind eine Menge von Arten aufgestellt worden, welche weiter nichts als Abänderungen sind, die aus einer Vermischung des Kapuziners und des Apellas entstanden. Ich bin fast nie einer Herde der ersteren begegnet, unter welcher sich nicht einige Apellas befunden hätten. Aus diesem fortwährenden Zusammenleben beider Arten scheint auch die Vermischung derselben herzurühren, und aus dieser Vermischung entstand eine solche Menge von Verschiedenheiten in Bezug auf Behaarung und Färbung, daß die Tierkundigen in Verlegenheit gesetzt wurden.“ Diese Ansicht Schomburgks entbehrt höchst wahrscheinlich der Begründung. Seitdem wir regelmäßig und in erheblicher Anzahl lebende Rollaffen erhalten und beobachten können, wissen wir, daß die sogenannten Spielarten ständige Formen sind, welche wir selbst nach dem heutzutage üblichen Begriff als Arten auffassen dürfen.

In der Gefangenschaft zeigen die Rollaffen fast alle Eigenschaften der Meerkatzen und manche andere noch dazu. Ungeachtet ihrer selbst unter Affen ungewöhnlichen Unreinlich—⸗ keit sind sie Lieblinge der Indianer, weshalb man sie auch am häufigsten gezähmt bei ihnen findet. So lassen sie sich z. B. den Harn in die Hände laufen und waschen diese sich an dem Leibe ab. Wie die Paviane lieben sie betäubende oder berauschende Genüsse. „Wird ein gezähmter Rollaffe“, sagt Schomburgk, „mit Tabaksrauch angeblasen oder ihm etwas Schnupftabak vorgehalten, so reibt er sich den ganzen Körper unter wahrhaft wollüstigen Verzuckungen und schließt die Augen. Der Speichel läuft ihm dabei aus dem Munde; er fängt ihn aber mit den Händen auf und reibt ihn dann über den ganzen Leib. Manchmal ist der Speichelfluß so stark, daß der Affe zuletzt wie gebadet aussieht; dann zeigt er sich ziemlich erschöpft. Dasselbe Entzücken ruft auch eine angerauchte Zigarre hervor, welche man ihm gibt, und es scheint mir also, daß der Tabaksrauch in ihm ein ziemlich wollüstiges Gefühl erregt. Thee, Kaffee, Branntwein und andere erregende Getränke bringen fast dieselben Erscheinungen hervor.“

Unter allen Rollaffen dürfte der Cay oder Sai (Cebus capucinus, Simia capucina), der Kapuziner, der bekannteste sein. Cay bedeutet in der Sprache der Guaraner „Bewohner des Waldes“; das Wort ist aber von den Europäern vielfach verstümmelt worden und uns gegenwärtig weniger geläufig als der erwähnte deutsche, übrigens ungemein passende Name. Der Affe ist uns schon seit ein paar hundert Jahren bekannt und muß auch dem Altvater Linné lebend vor das Auge gekommen sein, weil seine Lebensschilderung das Tier so kennzeichnet: „Geht auf den Fußwurzeln einher, springt nicht; kummervoll und ewig wehklagend, verscheucht er mit furchtbarem Geschrei seine Feinde; zwitschert oft auch wie eine Cikade und bellt, erzürnt, wie ein Hündchen; krümmt seinen Schwanz schraubig, schlingt ihn oft um den Hals und riecht nach Bisam.“ Der Kapuziner soll zu den größeren Arten der Gruppe zählen, bis 45 cm Leibes- und 35 em Schwanzlänge erreichen, kommt in

der Regel jedoch nur in mittelgroßen Stücken zu uns herüber. Ihn kennzeichnet vor allem die schon in frühester Jugend nackte, runzelige oder faltige, hell fleischfarbene Stirn. Ein mehr oder weniger dunkleres Braun ist die vorherrschende Färbung; die dünn behaarten Schläfen, Backenbart, Kehle, Brust und Bauch sowie die Oberarme sind hellbraun. Die Heimat ist der südliche Teil Brasiliens.

Ihm nahe steht der aus Costarica stammende Weißschulteraffe (Cebus hypoleucus), welcher deshalb auch häufig mit ihm verwechselt wird. In der Größe unter—

Faunaffe (Cebus fatuellus). Kapuziner (Cebus capueinus). ½ natürl. Größe.

scheiden sich beide Arten nicht, in der Färbung sehr wenig; wohl aber besitzt unser Affe in seiner auch im höheren Alter behaarten Stirn ein ihn leicht kennzeichnendes Merkmal. Von dem vorherrschend schwarzbraun gefärbten Pelze stechen die hell- oder weißgelben Teile, Stirn, Backen, Kehle, Brust, Bauch und Vorderseite der Oberarme, lebhaft ab.

Der Fahlaffe (Cebus olivaceus) aus Guayana wird größer als die erwähnten Verwandten; seine Leibeslänge beträgt bis 60 cm, die Schwanzlänge bis 50 em. Gesicht und Stirn sind lang und dicht behaart, ein Stirnstreifen und ein von hier aus sich verbreiternder dreieckiger, bis zum Hinterkopfe reichender Fleck schwarzbraun, Wangen, Schultern und Vorderglieder lichter, die Unterteile dunkler als der olivenfahlbräunliche Rücken, Hände und Füße dunkelbraun, die einzelnen Haare der Oberseite düsterbraun, ihre Spitzen hell gelblichbraun. Andere Arten tragen eine perückenartige Krone. 15*

Faunaffe (Cebus fatuellus). Kapuziner (Cebus capueinus). ½ natürl. Größe.

Bei dem Weißbartaffen (Cebus leucogenys) aus Brasilien ist der Haarputz vorzugsweise über den Augenbrauen entwickelt. Das lange, seidige Haar des durch Unterhaar bereicherten Pelzes hat graulichschwarze, der Backenbart hellgelbe oder gelblichweiße Färbung.

Infolge der gegenwärtig noch herrschenden Unklarheit über Begrenzung der Arten läßt sich noch nicht bestimmen, welche Angaben der Reisenden wir auf diese oder jene Art zu

hl,

1 Weißbartaffe (Cebus leucogenys). 2 Apella (Cebus apella). 3 Weißschulteraffe (Cebus hypoleucus).

4 Fahlaffe (Cebus olivaceus). ½ natürl. Größe.

beziehen haben, also nur ein allgemeines Bild der Gruppe entwerfen. Ich spreche somit keineswegs vom Kapuziner allein, obgleich ich seinen Namen vorzugsweise gebrauche.

Der Verbreitungskreis des Kapuziners reicht über den südlichen Wendekreis und hinweg über die Anden. Von Bahia bis Columbia ist er überall gemein. Er zieht Waldungen vor, deren Boden nicht mit Gestrüpp bewachsen ist. Den größten Teil seines Lebens verbringt er auf den Bäumen; denn diese verläßt er überhaupt nur dann, wenn er trinken oder ein Maisfeld besuchen will. Sein Aufenthalt ist nicht bestimmt. Bei Tage streift er von Baum zu Baume, um sich Nahrung zu suchen, bei Nacht ruht er zwischen den ver: schlungenen Asten eines Baumes. Gewöhnlich trifft man ihn in kleinen Familien von

1 Weißbartaffe (Cebus leucogenys). 2 Apella (Cebus apella). 3 Weißſchulteraffe (Cebus hypoleucus). 4 Fahlaffe (Cebus olivaceus). ½ natürl. Größe.

auch einzelne alte Männchen. Das Tier läßt sich schwer beobachten, weil es sehr furchtsam und scheu ist: Rengger versichert, daß er nur zufällig zu Beobachtungen habe gelangen können. Einmal machten ihn angenehm flötende Töne aufmerksam, und er sah ein altes Männchen, furchtsam umherblickend, auf die nächsten Baumgipfel näher kommen; ihm folgten 12 oder 13 andere Affen beiderlei Geschlechts, von denen drei Weibchen teils auf dem Rücken, teils unter einem Arme Junge trugen. Plötzlich erblickte einer von ihnen einen nahestehenden Pomeranzenbaum mit reifen Früchten, gab einige Laute von sich und sprang auf den Baum zu. Nach wenigen Augenblicken war die ganze Gesellschaft dort versammelt und beschäftigte sich mit Abreißen und Fressen der süßen Früchte. Einige fraßen gleich auf dem Baume; die anderen sprangen, mit je zwei Früchten beladen, auf einen der nächsten Bäume, dessen starke Aste ihnen eine bequeme Tafel abgaben. Sie setzten sich auf einen Ast, umschlangen diesen mit ihrem Schwanze, nahmen dann eine der Pomeranzen zwischen die Beine und versuchten nun bei dieser die Schale in der Vertiefung des Stielansatzes mit den Fingern zu lösen. Gelang es ihnen nicht sogleich, so schlugen sie unwillig und knurrend die Früchte zu wiederholten Malen gegen den Ast, wodurch die Schale einen Riß erhielt. Kein einziger versuchte, die Schale mit den Zähnen zu lösen, wahrscheinlich weil sie den bitteren Geschmack derselben kannten; sobald aber eine kleine Offnung in derselben gemacht war, zogen sie mit der Hand rasch einen Teil davon ab, leckten gierig von dem herabträufelnden Safte, nicht nur an der Frucht, sondern auch den, welcher an ihrem Arme oder der Hand war, und verzehrten dann das Fleisch. Der Baum war bald geleert, und jetzt suchten die stärkeren Affen die schwächeren um das Ihrige zu berauben, schnitten dabei die seltsamsten Gesichter, fletschten die Zähne, fuhren einander in die Haare und zausten sich tüchtig. Andere durchsuchten die abgestorbene Seite des Baumes, hoben die trockene Rinde vorsichtig auf und fraßen die darunter hausenden Kerbtierlarven. Als sie sich gesättigt hatten, legten sie sich in der bei den Brüllaffen beschriebenen Stellung der Länge nach über einen wagerechten Ast weg, um zu ruhen. Die jüngeren begannen miteinander zu spielen und zeigten sich dabei sehr behend. An ihrem Schwanze schaukelten sie sich oder stiegen an ihm wie an einem Stricke in die Höhe.

Continue reading
Page 66 of 188