Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Der Fischotter wird wegen der argen Verwüstungen, welche er 9 zu jeder Zeit unbarmherzig gejagt. Seine Schlauheit macht viele Jagdarten, welche man sonst anwendet, langweilig oder unmöglich. Es ist schwierig, einen Otter auf dem Anstande zu erlegen; denn
wenn er die Nähe eines Menschen wittert, kommt er nicht zum Vorschein. Im Winter ist diese Jagdweise ergiebiger, zumal wenn man dem Tiere an den Eislöchern auflauert. Am häufigsten fängt man den Otter im Tellereisen, welches man vor seine Ausstiege ohne Köder jo in das Wasser legt, daß es etwa 5 em hoch überspült wird. Das Eisen wird mit Wassermoos ganz bedeckt. Kann man eine solche Falle in einem Bache oder Graben aufitellen, durch welche er fischend von einem Teiche zum anderen zu gehen pflegt, so ist es um so besser. Man engt alsdann den Weg durch Pfähle derart ein, daß der Otter über das Eisen weglaufen muß. Auf größeren Seen und Teichen verfolgt man ihn in leichten Kähnen und schießt auf ihn, sobald er auftaucht, um Luft zu schöpfen. Die aufsteigenden Luftblasen verraten den Weg, welchen er unter dem Wasser nimmt, und leiten die Jäger auf ihrer Verfolgung. In tiefem Wasser ist diese Jagdart nicht anwendbar, weil der Otter wie Blei zum Grunde und dadurch verloren geht; denn wenn er halb verfault wieder emporkommt, ist sein Fell natürlich nicht mehr zu gebrauchen. In Flüssen, in denen es viele Otter gibt, kann man noch eine andere Jagdweise anwenden. Man zieht in aller Stille große Netze quer durch den Fluß und läßt den Otter durch die erwähnten Hunde treiben. Mehrere Leute mit Gewehren und Spießen stehen an den Netzen oder gehen, wo dies thunlich, mit den Hunden im Flusse fort. Dann versucht man, das Raubtier entweder zu erlegen oder anzuspießen und trägt es dann stolz auf den Spießen nach Hause. So jagt man hauptsächlich in Schottland, aber auch in Deutschland, wo sich manche Jäger einen großen Ruf erworben haben. Der gefangene Otter zischt und faucht fürchterlich, verteidigt sich bis zum letzten Lebenshauche, wird auch unvorsichtigen Hunden höchst gefährlich, da er ihnen nicht selten die Beinknochen zerbeißt. Geübte Otterhunde wissen derartigen Unfällen freilich auszuweichen und werden ihres Wildes bald Herr. Im Augenblicke des Todes stößt der Otter klagende und wimmernde Laute aus. Schon in den ältesten Jagdgesetzen wird die Ausrottung des Fischotters nachdrücklich befohlen und jedem Jäger oder Fänger möglichst Vorschub geleistet. In früheren Jahrhunderten zählte man, laut Jäckel, den Fischotterfang zur Fischerei, weil die schlimmen Räuber denjenigen zufallen sollten, welche von ihnen am meisten geschädigt wurden. Doch gab es eigene Otterjäger, die unter den Fischmeistern standen und minder angesehen waren als andere Weidmänner. Als Auslösung zahlte man ihnen sehr geringe Summen; doch hatten sie das Recht, Balg und Kern des Tieres zu eigenem Nutzen zu verwenden. Das Fleisch stand einst inBayern und Schwaben in hohem Werte und wurde in die Klöster als beliebte Fastenspeise das Pfund zu einem Gulden verkauft, während gegenwärtig da, wo man solchen Braten zu schätzen vorgibt, höchstens der dritte Teil gedachter Summe dafür gezahlt wird, denn das Wildbret ist zähe und schwer verdaulich und kann nur durch allerlei Kochkünste einigermaßen schmackhaft gemacht werden. Wertvoller als der Kern ist der allerorten geschätzte Balg, für welchen bei uns zulande gegenwärtig 12— 20 Mark gezahlt werden. Nach Lomer erbeutet man in Mitteleuropa jährlich ungefähr 12,000 Fischotterfelle, welche einen Gesamtwert von 135,000 Mark haben. Eine größere Anzahl gelangt deshalb nicht auf unseren Markt, weil das Fischotterfell bei fast allen nördlichen Völkerschaften sehr beliebt ist und fast ebenso hoch oder höher im Preise steht als bei uns. Fischotter und Luchs gelten, laut Radde, bei allen mongolischen Völkern als wertvolle Pelztiere und werden von ihnen ungleich teuerer als von den europäischen Händlern bezahlt; für gute Fischotter erlegen die Mongolen der Hochsteppen 20 —25 Rubel Silber. Felle von amerikanischen Ottern, L. canadensis, werden viel höher als die der unseren und zwar mit 30— 100 Mark das Stück bezahlt; es kommen davon gegenwärtig etwa 13,000 Felle im Werte von 600,000 Mark in den Handel. Man verwendet das Fell allgemein zu Verbrämungen der Pelze und Winterkleider, in Süddeutschland zu den sogenannten Ottermützen, wie sie von Männern
und Frauen in Hessen, Bayern und Schwaben getragen werden, in Norddeutschland zu Pelzkragen und dergleichen, in China zum Besatze der Mützen, in Kamtschatka endlich zum Einpacken der kostbarsten Zobelfelle, weil man annimmt, daß es alle Nässe und Feuchtigkeit an sich zieht und dadurch die Zobelfelle schön erhält. Aus den Schwanzhaaren fertigt man Malerpinsel und aus den feinen Wollhaaren schöne und dauerhafte Hüte. Wohl mit Un: recht gelten die Pelze der Fischotter, welche an kleinen Flüssen und Bächen wohnen, für besser als die solcher, welche an großen Flüssen und Seen leben. Früher wurden auch Blut, Fett und manche Eingeweide des Tieres als Arzneimittel gebraucht.
Der Fischotter war schon den alten Griechen und Römern bekannt, obwohl sie über sein Leben viel fabelten. So glaubte man, daß unser Tier selbst den Menschen anfalle und, wenn es ihn mit seinem fürchterlichen Gebisse erfaßt habe, nicht eher loslasse, als bis es das Krachen der zermalmten Knochen vernehme, und dergleichen mehr.
Zur Vervollständigung des Lebensbildes unseres Marders des Wassers will ich noch eine Art der Gattung, die Lontra oder Ariranha der Brasilier (Lutra brasiliensis, Lontra brasiliensis), mit den Worten des Prinzen von Wied und Hensels beschreiben. Die Unterschiede zwischen unserem und dem brasilischen Fischotter find höchst gering und beschränken sich wesentlich auf die Bildung des Kopfes und Schwanzes: ersterer scheint im Vergleiche zu dem unseres Fischotters mehr rund und nicht so platt gedrückt, letzterer beiderseitig scharfkantig oder von oben nach unten abgeplattet. Das Gebiß hat keine wesentlichen Eigentümlichkeiten. Die Färbung des schönen kurzen Pelzes ist schoͤ koladenbraun, unten etwas heller; der Unterkiefer sieht gelblich oder weiß aus, und der ganze Unterhals bis zur Brust zeigt längliche, oft sehr abwechselnde weißliche Flecken. Spielarten kommen ebenfalls vor. Verglichen mit unserem Fischotter erscheint die Ariranha als ein Riese: ihre Gesamtlänge beträgt 155— 17 m, wovon auf den Schwanz 55 - 63 em zu rechnen find.
Die Ariranha bewohnt besonders die großen Flüsse der Tiefebene und hier am liebsten die ruhigen Seitenarme derselben, geht auch nicht hoch in das Gebirge hinauf. „In wenig besuchten Flüssen von Brasilien“, schildert der Prinz von Wied, „findet man diese Tiere in zahlreichen Banden. Selten haben wir den Belmonte, den Itabapuana, Ilheos und andere Flüsse beschifft, ohne durch die sonderbare Erscheinung solcher Gesellschaften von Fischottern unterhalten zu werden. Sie haben die Sitten unserer europäischen, sind aber vollständige Tagtiere, welche mit Beginn des Morgens auf ihr Tagewerk ausgehen, mit der Dunkelheit des Abends aber sich zur Ruhe begeben. Wenn eine solche Bande ankommt, hört man schon von fern laut pfeifende, an das Miauen der Katzen erinnernde Töne, von heftigem Schnauben und Schnarchen begleitet; das Wasser ist in Bewegung, und die äußerst gewandt schwimmenden Tiere kommen öfters mit dem Kopfe, ja mit dem halben Leibe über die Oberfläche empor, einen Fisch in dem Rachen tragend, als wollten sie ihre Beute zeigen. So steigen sie, gesellschaftlich fischend, die Ströme hinauf oder lassen sich von dem Wasser gemächlich hinabtreiben. Um die ihnen begegnenden Kähne tauchen sie gaukelnd umher, obschon man sie gewöhnlich mit der Flinte begrüßt.“ „Wenn man“, ergänzt Hensel, „in einer leichten Canoa die stillen Seitenarme des Jacuhy oder seiner Zuflüsse besucht und, geschützt von dem Dunkel überhängender Aste, ge: räuschlos dahingleitet, wird man leicht in einiger Entfernung von Zeit zu Zeit dunkle Punkte bemerken, welche, gewöhnlich zu mehreren vereinigt, den Fluß durchschwimmen. Sie verraten sich dem Auge des Jägers schon von weitem durch Wellenzüge, welche in Form eines spitzen Winkels durch das Wasser ziehen und an deren Scheitelpunkte dem bewaffneten Auge den kaum hervorragenden Kopf der Ariranha erkennen lassen. Hat man endlich den Ort erreicht, so ist alles verschwunden, und lautlose Stille, höchstens unterbrochen von dem
Schrei eines Eisvogels, lagert auf der dunkeln Wasserfläche. Unerwartet ertönt ein zorniges Schnauben neben der Canoa, und rechts und links, vor und hinter uns erheben sich senkrecht die Köpfe der riesigen Tiere, um blitzschnell mit einem zweiten Schnauben wieder in die Tiefe zu tauchen. Vergebens ist die Gewandtheit des Jägers: ehe er das Gewehr am Backen hat, ist die vielbegehrte Beute verschwunden, um ebenso unerwartet an einer entgegengesetzten Seite wieder aufzutauchen; und gelingt auch einmal ein Schuß, so verschwindet das verwundete Tier in dem unergründlich tiefen Wasser auf Nimmerwiedersehen. „Die Ariranha lebt trotz ihrer Seehundsnatur von allem, was sie bewältigen kann. Eine tötete mir einst ein Beuteltier, welches sich im Tellereisen gefangen hatte, und fraß es zum Teil auf; eine andere fing in der Nähe eines Hauses in kurzer Zeit zwei Gänse, welche auf dem schmalen Flusse schwammen, und zwar indem sie sich der Beute unter Wasser näherte und diese am Bauche faßte. Groß ist ihre Abneigung gegen Hunde, und in Gegenden, in denen sie Menschen noch nicht fürchten gelernt hat, macht sie nicht selten, zu mehreren vereint, Angriffe auf die bei den Jägern in den Booten befindlichen Hunde. Einen sie im Wasser verfolgenden Hund bewältigt sie leicht.“
Wie der Prinz von Wied mitteilt, wandert auch die Ariranha über Land von einem Flusse zum anderen und fängt sich dann zuweilen in den Schlagfallen. Ihr Fell wird hier und da sehr geschätzt, stellenweise höher als ein Unzenfell. „Aus einem Trupp von fünf Stück“, fährt Hensel fort, „waren bereits vier von mir und meinen Leuten aufgetrieben worden, ehe es endlich gelang, des fünften habhaft zu werden. Die Austrittsstellen dieses Otters sind, seiner Größe entsprechend, umfangreiche kahle Plätze unter dem dichten überhängenden Bambusrohre oder ebenso undurchdringliche Hecken. Man findet sie stets mit zahllosen Fischschuppen bedeckt, welche nicht bei dem Verzehren der Fische abfallen, sondern aus dem flüssigen Kote der Otter herrühren, in welchem sie unverdaut erhalten bleiben. An einer solchen Stelle hatte einst mein Diener ein Tellereisen ins Wasser dicht unter dem Uferrande gelegt. Als er nach einigen Stunden wieder hierherkam, um nach dem Eisen zu sehen, saß der Otter am Ufer und sonnte sich. Der Mann schoß mit der Kugel nach dem Tiere, welches sich auf den Schuß mit einem gewaltigen Satze in das Wasser stürzte, dabei aber glücklicherweise in das Eisen sprang. Obgleich der Otter, wie sich nachher herausstellte, von der Kugel getroffen war, hatte er doch noch die Kraft, die starke Leine, mit welcher das Eisen befestigt war, zu zerreißen und mit diesem in der Tiefe zu verschwinden. Ein glücklicher Zufall fügte es, daß das Eisen mit einem Teile der Leine in den zahlreichen unter dem Wasser befindlichen Baumwurzeln sich verwickelte, sodaß das gefangene Tier ertrank und samt dem Eisen an das Tageslicht befördert werden konnte.“
Unser Fischotter und mehrere seiner Verwandten wohnen hier und da und zeitweilig zwar auch im Meere, eine Art der Unterfamilie aber gehört diesem ausschließlich an. Der
Seeotter oder Kalan (Enhydris lutris, Mustela, Lutra und Phoca lutris, Enhydra marina und stelleri, Latax marina), Vertreter einer besonderen Gattung, bildet vielleicht ein Mittelglied zwischen den Ottern und Robben. Der Kopf ist zwar noch etwas abgeplattet, jedoch rundlicher als bei den Süßwasserottern, der Hals sehr kurz und dick, der Leib walzig, der Schwanz kurz, dick, zusammengedrückt, keilförmig zugespitzt und dicht behaart, das vordere Fußpaar noch wenig, das hintere sehr abweichend gebaut. Während die Vorderfüße nur wegen ihrer verkürzten Zehen, welche vermittelst einer schwieligen, unten nackten Haut verbunden werden, und ihrer kleinen und schwachen Krallen von denen der Flußotter abweichen, erscheinen die hinteren gleichsam als Flosse und zwar mindestensin
demselben Grade wie bei den Seehunden, von deren hinteren Flossenfüßen sie sich dadurch unterscheiden, daß die Zehen gradweise von innen nach außen an Länge zunehmen. In mancher Hinsicht ähnelt der Hinterfuß des Seeotters dem des Bibers, ist jedoch oben und unten mit kurzen, dichten, seidigen Haaren besetzt. Der Pelz besteht aus langen, steifen Grannen von schwarzbrauner, der weißen Spitzen halber weiß gesprenkelter Färbung und äußerst feinen Wollhaaren. Junge Tiere tragen ein langes, grobes, weißes oder bräunlichgraues Haar, welches die feine braune Wolle vollständig versteckt. Ausgewachsene Seeotter erreichen eine Gesamtlänge von mindestens 155 m, wovon etwa 30 cm auf den Schwanz kommen, und ein Gewicht von 30 — 40 kg.
Der Verbreitungskreis des Seeotters beschränkt sich auf die nördlichen Teile des Stillen Weltmeeres, wo er im Norden ungefähr von der Inselkette der Alèuten und der