Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
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Seeotter (Enhydris lutris). Yıo natürl. Größe, (Nach Wolf)
Beringinsel begrenzt wird. Längs der amerikanischen Küste geht er weiter nach Süden hinab als längs der asiatischen und zwar, nach Scammon, bis zum 28. Grad nördlicher Breite, wird aber auch hier von Jahr zu Jahr seltener.
Die beste Beschreibung des Seeotters hat Steller gegeben, der 1741 mit Bering an der Beringinsel Schiffbruch erlitt und ausgiebige Gelegenheit hatte, das Tier zu beobachten. „Der Pelz des Seeotters“, sagt Steller, „dessen Haut lose auf dem Fleische aufliegt und sich während des Laufens überall bewegt, übertrifft an Länge, Schönheit und Schwärze das Haar aller Flußbiber so weit, daß diese nicht mit ihm in Vergleichung kommen können. Die besten Felle werden auf Kamtschatka zu 30, in Jakutsk zu 40, an der chinesischen Grenze aber gegen Tausch in Waren zu 80 — 100 Rubel bezahlt. Das Fleisch ist ziemlich gut zu essen und schmackhaft. Die Weibchen haben es aber viel zarter und sind gegen den Gang der Natur kurz vor und nach der Paarungszeit am allerfettesten und schmackhaftesten. Die noch saugenden Jungen, welche ihrer schlechten Felle wegen Medwedki oder junge Bären genannt werden, können sowohl gebraten als gesotten immer mit einem Sauglamme um den Vorzug streiten. Das Männchen hat ein knöchernes Geburtsglied, wie alle anderen warmblütigen Seetiere, das Weibchen zwei Brüste neben der Scham. Sie begehen sich auf menschliche Weise.
„Im Leben ist der Seeotter ein ebenso schönes und angenehmes wie in seinem Wesen lustiges und spaßhaftes, dabei sehr schmeichelndes und verliebtes Tier. Wenn man ihn laufen sieht, übertrifft der Glanz seiner Haare den schwärzesten Samt. Am liebsten liegen sie familienweise: das Männchen mit feinem Weibchen, den halberwachsenenJungen oder Koschlockis und den ganz kleinen Säuglingen, Medwedkis. Das Männchen liebkost das Weibchen mit Streicheln, wozu es sich der vorderen Tatzen wie der Hände bedient, und legt sich auch öfters darauf, und dieses stößt das Männchen scherzweise und gleichsam aus verstellter Sprödigkeit von sich und kurzweilt mit den Jungen wie die zärtlichste Mutter. Die Liebe der Eltern gegen ihre Jungen ist so groß, daß sie sich der augenscheinlichsten Todesgefahr für sie unterwerfen und, wenn sie ihnen genommen werden, fast wie ein kleines Kind laut zu weinen beginnen. Auch grämen sie sich dergestalt, daß sie, wie wir aus ziemlich sicheren Beispielen sahen, in 10—14 Tagen wie ein Gerippe vertrocknen, krank und schwach werden, auch vom Lande nicht weichen wollen. Man sieht sie das ganze Jahr mit Jungen. Sie werfen bloß eins und zwar auf dem Lande. Es wird sehend und mit allen Zähnen geboren. Die Weibchen tragen das Junge im Maule, im Meere aber, auf dem Rücken liegend, zwischen den Vorderfüßen, wie eine Mutter ihr Kind in den Armen hält. Sie spielen auch mit ihm wie eine liebreiche Mutter, werfen es in die Höhe und fangen es wie einen Ball, stoßen es ins Wasser, damit es schwimmen lerne, und nehmen es, wenn es müde geworden, wieder zu sich und küssen es wie ein Mensch. Wie auch die Jäger ihr zu Wasser oder zu Lande zusetzen, so wird doch das im Maule getragene Junge nicht, außer in der letzten Not oder im Tode, losgelassen, und deshalb kommen gar viele um. Ich habe den Weibchen absichtlich die Jungen genommen, um zu sehen, was sie thäten. Sie jammerten wie ein betrübter Mensch und folgten mir von ferne wie ein Hund, als ich sie forttrug. Dabei riefen sie ihre Jungen mit jenem Gewimmer, welches ich oben beschrieb. Als die Jungen in ähnlicher Weise antworteten, setzte ich sie an den Boden; da kamen gleich die Mütter herbei und stellten sich bereit, sie fortzutragen. Auf der Flucht nehmen sie ihre Säuglinge in den Mund, die erwachsenen aber treiben sie vor sich her. Einmal sah ich eine Mutter mit ihrem Jungen schlafen. Als ich mich näherte, suchte sie dieses zu erwecken; da es aber nicht fliehen, sondern schlafen wollte, faßte sie es mit den Vorderfüßen und wälzte es wie einen Stein ins Meer. Haben sie das Glück, zu entgehen, so fangen sie an, sobald sie nur das Meer erreicht haben, ihren Verfolger dergestalt auszuspotten, daß man es nicht ohne sonderliches Vergnügen sehen kann. Bald stellen sie sich wie ein Mensch senkrecht in die See und hüpfen mit den Wellen, halten wohl auch eine Vordertatze über die Augen, als ob sie einen unter der Sonne scharf ansehen wollten. Bald werfen sie sich auf den Rücken und schaben sich mit den Vorderfüßen den Bauch und die Scham, wie wohl Affen thun. Dann werfen sie ihre Kinder ins Wasser und fangen sie wieder ꝛc. Wird ein Seeotter eingeholt und sieht er keine Ausflucht mehr, so bläst und zischt er wie eine erbitterte Katze. Wenn er einen Schlag bekommt, macht er sich dergestalt zum Sterben fertig, daß er sich auf die Seite legt, die Hinterfüße an sich zieht und mit den Vordertatzen die Augen deckt. Tot liegt er wie ein Mensch ausgestreckt mit kreuzweise gelegten Vorderfüßen. „Die Nahrung des Seeotters besteht in Seekrebsen, Muscheln, kleinen Fischen, weniger in Seekraut oder Fleisch. Ich zweifle nicht, daß, wenn man die Kosten daran wenden wollte, die Tiere nach Rußland überzubringen, sie zahm gemacht werden könnten; ja sie würden sich vielleicht in einem Teiche oder Flusse vermehren. Denn aus dem Seewasser machen sie sich wenig, und ich habe gesehen, daß sie sich mehrere Tage in den Inseln und kleinen Flüssen aufhalten. Übrigens verdient diesesTier die größte Hochachtung von uns allen, da es fast 6 Monate allein zu unserer Nahrung und den an der Zahnfäule leidenden Kranken zugleich zur Arznei gedient.
„Die Bewegungen des Ceeotters find außerordentlich anmutig und schnell. Sie schwimmen vortrefflich und laufen sehr rasch, und man kann nichts Schöneres sehen als dieses wie in Seide gehüllte und schwarzglänzende Tier, wenn es läuft. Dabei ist es merkwürdig, daß die Tiere um jo munterer, schlauer und hurtiger find, je schöner ihr Pelz ist. Die ganz weißen, höchst wahrscheinlich uralte, find außerordentlich schlau und lassen sich kaum fangen. Die schlechtesten, welche nur braune Wolle haben, sind meist träge, schläfrig und dumm, liegen immer auf dem Eise oder Felsen, gehen langsam und lassen sich leicht fangen, als ob sie wüßten, daß man ihnen weniger nachstellt. Beim Schlafen auf dem Lande liegen sie krumm wie die Hunde. Kommen sie aus dem Meere, so schütteln sie sich ab und putzen sich mit den Vorderfüßen wie die Katzen. Sie laufen sehr geschwind, jedoch mit vielen Umschweifen. Wird ihnen der Weg zum Meere versperrt, so bleiben sie stehen, machen einen Katzenbuckel, zischen und drohen, auf den Feind zu gehen. Man braucht ihnen aber nur einen Schlag auf den Kopf zu geben, so fallen sie wie tot hin und bedecken die Augen mit den Pfoten. Auf den Rücken lassen sie sich geduldig schlagen; sobald man aber den Schwanz trifft, so kehren sie um und halten, lächerlich genug, dem Verfolger die Stirn vor; manchmal stellen sie sich auf den ersten Schlag tot und — laufen davon, sobald man sich mit anderen beschäftigt. Wir trieben sie ziemlich in die Enge und hoben die Keule in die Höhe, ohne zu schlagen; da legten sie sich nieder, schmeichelten, sahen sich um und krochen sehr langsam und demütig wie Hunde zwischen uns durch. Sobald sie sich aber außer aller Gefahr sahen, eilten sie mit großen Sprüngen nach dem Meere. „Im Juli oder August hären sich die Seeotter, jedoch nur wenig, und werden dann etwas brauner. Die beiten Felle find die aus den Monaten März, April und Mai; fie gehen meist nach China. In Kamtschatka gibt es keinen größeren Staat als ein Kleid, zusammengenäht aus weißem Pelze der Renntierfelle und mit Otterpelz verbrämt. Vor einigen Jahren trug noch alles Meerotterkleider; es hat aber aufgehört, seitdem sie so teuer geworden; auch hält man jetzt in Kamtschatka die Hundefelle für schöner, wärmer und dauerhafter. „Der Seeotter, welcher wegen der Beschaffenheit seines Felles mit Unrecht für einen Biber angesehen und daher Kamtschatka-Biber genannt worden, ist ein echter Otter und unterscheidet sich von dem Flußotter allein darin, daß er sich in der See aufhält, fast um die Hälfte größer ist und an Schönheit der Haare einem Biber ähnelt. Er ist unstreitig ein amerikanisches Seetier und an den Küsten von Asien bloß ein Gast und Ankömmling, welcher sich in dem sogenannten Bibermeer unter dem 56.— 50. Breitengrad aufhält. Vom 56.— 50. Grad haben wir die Seeotter auf den Inseln am Festlande von Amerika und unter 60 Grad nahe am Festlande angetroffen. Die meisten Otter werden mit dem Treib-eise von einer Küste des Festlandes zur anderen geführt; denn ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie gern diese Tiere auf dem Eise liegen, und obgleich wegen gelinden Winters die Eisschollen nur dünn und sparsam waren, wurden sie durch die Flut auf die Insel und mit abnehmendem Wasser wieder in die See geführt, im Schlafen sowohl als im Wachen. „Als wir auf der Beringinsel anlangten (1741), waren die Seeotter häufig vorhanden. Sie gehen zu allen Jahreszeiten, doch im Winter mehr als im Sommer, aufs Land, um zu schlafen und auszuruhen, auch um allerlei Spiele miteinander zu treiben. Zur Zeit der Ebbe liegen sie auf den Klippen und auf den abgetrockneten Blöcken, bei vollem Wasser auf dem Lande im Grase oder Schnee bis auf eine halbe, ja eine Werft vom Ufer ab, ge: wöhnlich jedoch nahe an demselben. Auf Kamtschatka oder den Kurilischen Inseln kommen sie selten ans Land, so daß man hieraus sieht, sie seien auf unserer Insel niemals in ihrer Ruhe und ihren Spielen gestört worden. „Wir jagten sie auf folgende Art: Gewöhnlich des Abends oder in der Nacht gingen wir in Gesellschaft von zwei, drei oder vier, mit langen, starken Stöcken von Birkenholz versehen,
gegen den Wind so still wie möglich dicht an dem Ufer hin und sahen uns allerorten fleißig um. Wo wir nur einen Seeotter schlafend liegen sahen, ging einer ganz ftille auf selbigen los, kroch wohl auch auf allen vieren, wenn er nahe war; die anderen benahmen ihm einstweilen den Weg nach der See. Sobald man ihm so nahe kam, daß man ihn mit einem Sprunge zu erreichen dachte, fuhr man mit einem Male zu und suchte ihn mit wiederholten Streichen auf den Kopf zu töten. Entsprang er aber, ehe man ihn erreichen konnte, so jagten die anderen gemeinschaftlich ihn von der Seeseite weiter nach dem Lande und schlossen ihn im Laufen immer enger ein, da dann dieses Tier, so schnell und geschicklich es auch laufen kann, endlich ermüdete und leicht erschlagen wurde. Trafen wir, was oft geschah, eine ganze Herde an, so wählte sich jeder sein Tier, welches ihm am nächsten schien, und dann ging die Sache noch besser von statten. Im Anfange brauchten wir wenig Fleiß, List und Behendigkeit, weil das ganze Ufer von ihnen voll war und sie in der größten Sicherheit lagen; später aber lernten sie unsere Löffel dergestalt kennen, daß man sie bloß lauernd und mit der äußersten Vorsicht ans Land gehen sah. Sie schauten allenthalben um sich her, wandten die Nasen nach jeder Gegend hin, um Witterung zu bekommen, und wenn sie sich nach langem Umsehen zur Ruhe gelegt hatten, sah man sie manchmal im Schrecken wieder aufspringen und entweder nochmals sich umsehen oder wieder nach der See wandern. Wo eine Herde lag, waren allerorten Wachen von ihnen ausgestellt. So hinderten uns auch die boshaften Steinfüchse, welche sie mit Gewalt vom Schlafe erweckten oder wachsam erhielten. Deshalb mußten wir immer neue Stellen aufsuchen und immer weiter auf die Jagd gehen, auch die finstere Nacht der hellen und das ungestüme Wetter dem ruhigen vorziehen, um sie nur zu bekommen, weil unsere Erhaltung darauf beruhte. Aller dieser Hindernisse ungeachtet sind jedoch vom 6. September 1741 bis zum 17. August 1742 über 700 Stück von ihnen durch uns erschlagen, von uns verzehrt und ihre Felle von uns zum Wahrzeichen mit nach Kamtschatka genommen worden. Weil man sie aber öfters ohne Not nur der Felle wegen erschlagen, ja auch öfters, wenn diese nicht schwarz genug waren, mit Fell und Fleisch liegen lassen, kam es durch unsere heillose Verfolgung der Tiere dahin, daß wir im Frühjahre, nachdem unsere Mundvorräte verzehrt waren, die Otter schon auf 50 Werst von unseren Wohnungen abgetrieben hatten. Man hätte sich nun gern mit Seehunden begnügt; diese aber waren allzu listig, als daß sie sich weiter auf das Land hätten wagen sollen, und es war immer ein großes Glück, wenn man einen Seehund erschleichen konnte. „Die Kurilen gehen im Frühjahre mit leeren Booten, worin 6 Ruderer, 1 Steuermann und 1 Schütze befindlich find, auf 10 Werft und weiter in die See. Wenn fie einen Seeotter erblicken, rudern fie mit allen Kräften auf ihn los. Der Otter spart aber auch keinen Fleiß, um zu entkommen. Ist das Boot nahe genug, so schießen der Steuermann und die vornsitzenden Schützen mit dem Pfeile nach dem Tiere. Treffen sie es nicht, so zwingen sie es doch unterzutauchen, und lassen es nicht wieder aufkommen, ohne es gleich wieder durch einen Pfeil am Atemholen zu hindern. An den aufsteigenden Blasen bemerken fie, wo sich der Otter hinwendet, und dahin steuert auch der Steuermann das Fahrzeug. Der Vordermann aber fischt mit einer Stange, an welcher kleine Querstöcke wie an einer Bürste sitzen, die wieder emporkommenden Pfeile aus der See auf. Wenn der Otter ein Junges bei sich hat, kommt dieses zuerst außer Atem und ersäuft. Dann wirft es die Alte, um sich besser retten zu können, weg; man fängt es auf und nimmt es in das Boot, wo es nicht selten wieder zu sich kommt. Endlich wird auch die Mutter oder das männliche Tier so atemlos und matt, daß es sich keine Minute lang unter dem Wasser aufhalten kann. Da erlegen es die Jäger entweder mit einem Pfeile oder in der Nähe mit der Lanze. Wenn Seeotter in Stellnetze geraten, womit man sie auch zu fangen pflegt, verfallen sie in eine solche