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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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für ihre Rechnung, und auch bei uns zulande hat man mehrmals Fischotter zu demselben Zwecke abgerichtet. Fischer in Indien, namentlich in den Sanderbans und am Indus, halten ebenfalls vielfach vollständig gezähmte Otter und lassen sich von ihnen die Fische regelrecht in aufgestellte Netze treiben. |

Ein zahmer Otter ift ein sehr niedliches und gemütliches Tier. Seinen Herrn lernt er bald kennen und folgt ihm zuletzt wie ein treuer Hund auf Schritt und Tritt nach. Er gewöhnt sich fast lieber an Milch- und Pflanzenkost als an Fleischspeise und kann dahin gebracht werden, Fische gar nicht anzurühren. Ich habe viele gepflegt und bald in hohem Grade gezähmt, ziehe es jedoch vor, andere für mich reden zu lassen. Eine Dame hatte einen jungen Otter mit Milch aufgezogen und so gezähmt, daß er ihr überall nachlief und, sobald er konnte, an ihrem Kleide emporstieg, um sich in ihren Schoß zu legen. Er spielte mit der Herrin oder in drolliger Weise mit sich selbst, suchte sich einen zu diesem Zwecke hingelegten Pelz auf, wälzte sich auf demselben herum, legte sich auf den Rücken, haschte nach dem Schwanze, biß sich in die Vorderpfoten und setzte dies so lange fort, bis er sich selbst inSchlummer wiegte. Die Gebieterin konnte mit ihm thun, was sie wollte. „So sehr ich das liebe Tierchen“, schrieb sie meinem Vater, „mit meinen Liebkosungen plagte, so ruhig duldete es dieselben. Ich legte es minutenlang um meinen Hals, dann auf den Rücken, ergriff es mit beiden Händen und vergrub mein Gesicht in seinem Felle; dann hielt ich es unter den Vorderfüßen umfaßt und drehte es wie einen Quirl herum: alles dieses ließ es sich geduldig gefallen. Nur wenn ich es von mir that, bekam es wieder eigenen Willen, den es dadurch kundgab, daß es an mir in die Höhe zu klettern suchte, dabei auch wohl in mein Kleid biß und dasselbe zerriß. Mit diesem Beißen und seinen schmutzigen Pfötchen konnte es mich recht plagen; denn nie blieb ein Unterkleid einen Tag lang sauber. Ich konnte aber doch nicht umhin, das Tierchen schlafen zu lassen, wo es wünschte. So gestaltete sich unsere gegenseitige Liebe immer inniger, je größer und verständiger der Otter wurde.“ „Ein Fischotter“, sagt Winkell, „welcher unter der Pflege eines in Diensten meiner Familie stehenden Gärtners aufwuchs, befand sich, noch ehe er halbwüchsig wurde, nirgends so wohl als in menschlicher Gesellschaft. Waren wir im Garten, so kam er zu uns, kletterte auf den Schoß, verbarg sich vorzüglich gern an der Brust und guckte mit dem Köpfchen aus dem zugeknöpften Oberrocke hervor. Als er mehr heranwuchs, reichte ein einziges Mal Pfeifen nach der Art des Otters verbunden mit dem Rufe des ihm beigelegten Namens hin, um ihn sogar aus dem See, in welchem er sich gern mit Schwimmen vergnügte, heraus und zu uns zu locken. Bei sehr geringer Anweisung hatte er apportieren, aufwarten und nächstdem die Kunst, sich fünf- bis sechsmal über den Kopf zu kollern, gelernt und übte dies sehr willig und zu unserer Freude aus. Beging er, was zuweilen geschah, eine Ungezogenheit, so war es für ihn die härteste Bestrafung, wenn er mit Wasser stark besprengt oder begossen ward; wenigstens fruchtete dies mehr als Schläge. Sein liebster Spielkamerad war ein ziemlich starker Dachshund, und sobald sich dieser im Garten nur blicken ließ, war auch gewiß gleich der Otter da, setzte sich ihm auf den Rücken und ritt gleichsam auf ihm spazieren. Zu anderen Zeiten zerrten sie sich spielend umher; bald lag der Dachshund oben, bald der Otter. War dieser recht bei Laune, so kicherte er dabei in einem weg. Ging man mit dem Hunde in ziemlicher Entfernung vorüber, und schien er nicht willens, seinen Freund zu besuchen, so lud dieser durch wiederholtes Pfeifen ihn ein. Jener folgte, wenn es sein Herr erlaubte, augenblicklich dem Rufe.“

Die Abrichtung eines Otters zum Fischfange ist ziemlich einfach. Das Tier bekommt in der Jugend niemals Fischfleisch zu fressen und wird bloß mit Milch und Brot erhalten. Nachdem es ziemlich erwachsen ist, wirft man ihm einen roh aus Leder nachgebildeten Fisch vor und sucht es dahin zu bringen, mit diesem Gegenstande zu spielen. Später wird der

Lehrfisch in das Wasser geworfen und Schließlich mit einem wirklichen, toten Fische vertauscht. Nimmt der Otter auch diesen auf, so wirft man ihn ebenso in das Wasser und läßt ihn von dort herausholen. Schließlich bringt man lebende Fische in einen großen Kübel und schickt den Otter dahinein. Von nun an hat man keine Schwierigkeiten mehr, letzteren auch in größere Teiche, Seen oder Flüsse zu senden, und man kann ihn, wenn man die Geduld nicht verliert, so weit bringen, daß er in Gesellschaft eines Hundes sogar auf andere Jagd mitgeht und so wie dieser die über dem Wasser geschossenen Enten herbeiholt. Man kennt Beispiele, daß er wie der Hund zur Bewachung der Hausgegenstände verwendet werden konnte. „Ein wohlbekannter Jäger“, erzählt Wood, „besaß einen Otter, welcher vorzüglich abgerichtet war. Wenn er mit seinem Namen, Neptun, gerufen wurde, antwortete er augenblicklich und kam auf den Ruf herbei. Schon in der Jugend zeigte er sich außerordentlich verständig, und mit den Jahren nahm er in auffallender Weise an Gelehrigkeit und Zahmheit zu. Er lief frei umher und konnte fischen nach Belieben. Zuweilen versorgte er die Küche ganz allein mit dem Ergebnis seiner Jagden, und häufig nahmen diese den größten Teil der Nacht in Anspruch. Am Morgen fand sich Neptun stets an seinem Posten, und jeder Fremde mußte sich dann verwundern, dieses Geschöpf unter den verschiedenen Vorsteh- und Windhunden zu erblicken, mit denen es in größter Freundschaft lebte. Seine Jagdfertigkeit war so groß, daß sein Ruhm sich von Tag zu Tag vermehrte und mehr als einmal die Nachbarn des Besitzers zu dem Wunsche veranlaßte: man möge ihnen das Tier auf einen oder zwei Tage leihen, damit es ihnen eine Anzahl von guten Fischen verschaffe.“

Die folgende hübsche Erzählung über einen gezähmten Fischotter rührt von dem polnischen Edelmann und Marschall Chrysostomus Passek her: „Im Jahre 1686, als ich in Ozowka wohnte, schickte der König den Herrn Straszewski mit einem Briefe zu mir; auch hatte der Kronstallmeister mir geschrieben und mich ersucht, dem Könige meinen Fischotter als Geschenk zu bringen, indem mir dies durch allerlei Gnadenbezeigungen würde vergolten werden. Ich mußte mich zur Herausgabe meines Lieblings bequemen. Wir tranken Branntwein und begaben uns dann auf die Wiesen, weil der Fischotter nicht zu Haufe war, sondern an den Teichen herumkroch. Ich rief ihn bei seinem Namen ‚Wurm'; da kam er aus dem Schilfe hervor, zappelte um mich herum und ging mit mir in die Stube. Straszewski war erstaunt und rief: ‚Wie lieb wird der König das Tierchen haben, da es jo zahm ist!“ Ich erwiderte: ‚Du siehst und lobst nur seine Zahmheit; du wirst aber noch mehr zu loben haben, wenn du erst seine anderen Eigenschaften kennst.“ Wir gingen zum nächsten Teiche und blieben auf dem Damme stehen. Ich rief: „Wurm, ich brauche Fische für die Gäste, spring ins Wasser!' Der Fischotter sprang hinein und brachte zuerst einen Weißfisch heraus. Als ich zum zweiten Male rief, brachte er einen kleinen Hecht und zum dritten Male einen mittleren Hecht, welchen er am Halse verletzt hatte. Straszewski schlug sich vor die Stirn und rief: „Bei Gott, was sehe ich!“ Ich frug: ‚Willst du, daß er noch mehr holt? denn er bringt jo viele, bis ich genug habe‘. Straszewski war vor Freude außer sich, weil er hoffte, den König durch die Beschreibung jener Eigenschaften überraschen zu können, und ich zeigte ihm deshalb vor seiner Abreise alle Eigenschaften des Tieres. „Der Fischotter schlief mit mir auf einem Lager und war dabei so reinlich, daß er weder das Bett noch das Zimmer beschmutzte. Er war auch ein guter Wächter. In der Nacht durfte sich niemand meinem Bette nahen; kaum daß er dem Burschen erlaubte, meine Stiefel auszuziehen, dann durfte er sich aber nicht mehr zeigen, weil das Tier sonst ein solches Geschrei erhob, daß ich selbst aus dem tiefsten Schlafe erwachen mußte. Wenn ich betrunken war, trat der Otter so lange auf meiner Brust herum, bis ich erwachte. Am Tage legte er sich in irgend einen Winkel und schlief so fest, daß man ihn auf den Armen umhertragen konnte, ohne daß er die Augen öffnete. Er genoß weder Fische noch rohes Fleisch.

Wenn mich jemand am Node faßte und ich rief: ‚Er berührt mich!‘ fo sprang er mit einem durchdringenden Schrei hervor und zerrte jenen an den Kleidern und Beinen wie ein Hund. Auch liebte er einen zottigen Hund, welcher Korporal hieß. Von diesem hatte er alle jene Künste erlernt; denn er hielt mit ihm Freundschaft und war sowohl in der Stube als auf Reisen stets bei ihm. Dagegen vertrug er sich mit anderen Hunden gar nicht. „Dieses Tierchen war auch auf der Reise sehr nützlich. Wenn ich während der Fastenzeit an einen Fluß oder Teich kam und den Fischotter bei mir hatte, so stieg ich ab und rief: „Wurm, spring hinein!' Das Tierchen sprang ins Wasser und brachte Fische heraus, soviel ich für mich und meine Dienerschaft brauchte. Auch Frösche, und was es sonst fand, schleppte es herbei. Die einzige Unannehmlichkeit, welche ich mit ihm auf Reisen hatte, war, daß allerwegens die Leute in Haufen zusammenströmten, als wenn das Tierchen aus Indien gewesen wäre. Ich besuchte einmal meinen Oheim Felix Chociewski, bei welchem sich auch der Priester Srebienski befand, welcher bei Tische neben mir saß, während hinter mir der Fischotter auf den Rücken gestreckt lag, weil er am liebsten auf diese Art ruhte. Als der Priester ihn bemerkte, glaubte er einen Muff zu sehen und faßte ihn an. Der Otter wachte auf, schrie und biß den Priester in die Hand, so daß dieser vor Schreck ohnmächtig wurde. „Straszewski begab sich nun zum Könige und erzählte ihm alles, was er gesehen und gehört hatte. Der König ließ mich schriftlich befragen, wieviel ich für den Fischotter verlangte; auch der Kronstallmeister Piekarski schrieb an mich: ‚Um Gotteswillen, schlage dem Könige die Bitte nicht ab, gib ihm den Fischotter, weil du sonst keine Ruhe haben wirft! Straszewski überbrachte mir die Briefe und erzählte, daß der König immer sagte: ‚Bis dat, qui cito dat“. Der König ließ auch zwei sehr schöne türkische Pferde von Jaworow holen, sie mit prächtigem Reitzeuge versehen und mir als Gegengeschenk überschicken. Ich sandte nun den Otter in den neuen Dienst. Er bequemte sich ungern dazu, denn er schrie und lärmte in dem Käfig, als er durch das Dorf gefahren wurde. Das Tierchen grämte sich und wurde mager. Als es dem Könige überbracht wurde, freute er sich unmäßig und rief: „Das Tierchen sieht jo abgehärmt aus, doch soll es schon besser mit ihm werden.“ Jeder, der es berührte, wurde von ihm in die Hand gebissen. Der König aber streichelte es, und es neigte sich zu ihm hin; darüber erfreute er sich sehr, streichelte es noch länger, befahl, ihm Speisen zu bringen, reichte sie ihm stückweise, und er verzehrte auch einiges. Er ging in den Zimmern frei und ungehindert 2 Tage umher; auch wurden Gefäße mit Wasser hingestellt und kleine Fische und Krebse hineingesetzt. Daran ergötzte sich der Otter und brachte die Fische heraus. Der König sagte zu seiner Gemahlin: „Holde Maria, ich werde keine anderen Fische essen als die, welche der Otter fängt. Wir wollen morgen nach Wilanow fahren, um zu sehen, wie er sich aufs Fischen versteht. Der Fischotter aber schlich sich in nächster Nacht aus dem Schlosse, irrte umher und ward von einem Dragoner erschlagen, welcher nicht wußte, daß er zahm war. Das Fell verkaufte er sogleich an einen Juden. Als man im Schlosse aufstand und ihn vermißte, wurde geschrieen, gejammert, nach allen Seiten ausgeschickt. Da findet man den Juden und Dragoner, ergreift sie und führt sie vor den König. Als dieser das Fell erblickte, bedeckte er mit einer Hand seine Augen, fuhr mit der anderen in seine Haare und rief: ‚Schlag zu, wer ein ehrlicher Mann ist; hau zu, wer an Gott glaubt!‘ Der Dragoner sollte erschossen werden. Da erschienen Priester, Beicht-väter und Bischöfe vor dem Könige, baten und stellten ihm vor, daß der Dragoner nur in Unwissenheit gesündigt habe. Sie wirkten endlich jo viel aus, daß er nicht erschossen, sondern nur durchgepeitscht wurde.“

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