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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Die Sinne des Fischotters find sehr scharf; er äugt, vernimmt und wittert ausgezeichnet. Schon aus einer Entfernung von mehreren hundert Schritt gewahrt er die Annäherung eines Menschen oder Hundes, und eine solche Erscheinung ist für ihn dann stets die Aufforderung zur schleunigsten Flucht nach dem Waller. Die unablässigen Verfolgungen, denen er aus—⸗ gesetzt ist, haben ihn sehr scheu und vorsichtig, aber auch sehr listig gemacht, und so kommt es, daß man tagelang auf ihn lauern kann, ohne ihn wahrzunehmen. Zwar trifft man ihn zuweilen auch bei Tage außerhalb seines Baues oder des Wassers, behaglich hingestreckt

auf einem alten Stocke oder einer Kaupe, hier sich sonnend, manchmal sogar so weit sich vergessend, daß er von heranschleichenden Menschen erschlagen werden kann: dies aber sind seltene Ausnahmen. In der Regel zieht er erst nach Sonnenuntergang zum Fischfange aus und betreibt diesen während der Nacht, am liebsten und eifrigsten bei hellem Mondscheine. Gelegentlich solcher Jagden nähert er sich den menschlichen Wohnungen nicht selten bis auf wenige Schritte, durchzieht auch Ortschaften, welche an größeren Flüssen oder Strömen liegen, regelmäßig, meist ohne daß man von seinem Vorhandensein etwas merkt. Unter Umständen legt er seinen Bau in der Nähe einer Mühle an. Jäckel berichtet, daß ein Müller drei junge, wenige Tage alte Otter in der Nähe seines Mahlwerkes erschlagen hat, und teilt noch mehrere andere ähnliche Fälle mit.

Alte Fischotter leben gewöhnlich einzeln, alte Weibchen aber streifen lange Zeit mit ihren Jungen umher oder vereinigen sich mit anderen Fähen oder um die Paarungszeit mit solchen und Männchen und fischen dann in Gesellschaft. Sie schwimmen stets stromaufwärts und suchen einen Fluß nicht selten auf Meilen von ihren Wohnungen gründlich ab, befischen dabei auch in dem Umfange einer Meile alle Flüsse, Bäche und Teiche, welche in den Hauptfluß münden oder mit ihm in Verbindung stehen. Nötigen Falls bleiben sie, wenn sie der Morgen überrascht, in irgend einem schilfreichen Teiche während des Tages verborgen und setzen bei Nacht ihre Wanderung fort. In den größeren Bächen, z. B. in denen, welche in die Saale münden, erscheinen sie nicht selten 20, ja an 30 Km von deren Mündungen entfernt und vernichten, ohne daß der Besitzer eine Ahnung hat, in aller Stille oft die sämtlichen Fische eines Teiches. Obgleich der Fischotter zu weiteren Spaziergängen keineswegs geeignet erscheint, unternimmt er erforderlichen Falls weite Streifzüge zu Lande, um aus fischarmen in fischreichere Jagdgebiete zu gelangen: „er scheut dabei“, sagt Jäckel, „um beispielsweise in die Gebirgsbäche des bayrischen Hochlandes zu kommen, selbst hohe Gebirgsrücken nicht und übersteigt sie mit überraschender Schnelligkeit. Im Jahre 1850 überstieg nach Beobachtung des Forstwartes Sollacher von Staudach ein starker Otter bei mehr als 1,5 m tiefem Schnee den felsigen, von Gemsen bewohnten Siedleckrücken am Hochgerngebirge, etwa 1460 m über der Meeresfläche erhaben, um von dem Weißachenthale in das gegenüberliegende Eibelsbachthal auf dem kürzesten Wege zu kommen und in letzterem Bache zu fischen. Er mußte hierbei mindestens 3 Stunden an dem sehr steilen und felsigen Gehänge aufwärts und dann 2 Stunden ebenso steil abwärts bis zum Ursprunge des Eibelsbaches, welchen er bis zu seiner Einmündung in den Achenfluß ununterbrochen verfolgte. Ein kräftiger Gebirgsjäger kann unter den obwaltenden Verhältnissen die betreffende Wegstrecke kaum in 7 Stunden zurücklegen, während sie der schwerfällige, zu Gebirgswanderungen nicht geschaffene Otter einschließlich der seinem Fischfange geopferten Zeit in dem kurzen Zeitraume von 12 Stunden ausführte, wovon sich Forstwart Sollacher durch Hin- und Herverfolgen der frischen Fährte mit Staunen überzeugte. Im Jahre 1840 stieg nach der Beobachtung des Revierförsters Sachenbacher aus dem das Aurachthal bei Schliersee durchziehenden Aurachflüßchen bei sehr tiefem Schnee ein starker Otter an das Land und setzte unter den schwierigsten örtlichen Verhältnissen seinen Weg über das nahezu 1300 m über der Meeresfläche liegende Hohenwaldeckgebirge und den Rhonberg fort, um in den weit entgegengesetzt liegenden, sehr fischreichen Leitzachfluß zu gelangen. Diese durch den Otter in einer Nacht zurückgelegte Wegstrecke beträgt mit Rücksicht auf das steile Gebirgsgehänge und das damalige tiefe Schneelager für einen geübten Bergsteiger wenigstens 8 Gehstunden.“

Im Wasser ist der Fischotter dasselbe, was Fuchs und Luchs im Vereine auf dem Lande sind. In den seichten Gewässern treibt er die Fische in den Buchten zusammen, um ihnen die Flucht zu verlegen und sie desto leichter zu erhaschen, oder scheucht sie, indem er mehrmals mit dem Schwanze plätschernd auf die Wasseroberfläche schlägt, in Uferlöcher und

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. I. 43

unter Steine, wo sie ihm dann sicher zur Beute werden. Nicht selten lauert er, auf Stöcken und Steinen sitzend, taucht, sobald er einen Fisch von ferne erblickt, plötzlich in das Wasser, jagt ihm in eiligster Hetzjagd eine Strecke weit nach und faßt ihn, falls er erschreckt sich zu verbergen sucht. Wenn ihrer zwei einen Lachs verfolgen, schwimmt der eine über, der andere unter ihm, und so jagen sie ihn so lange, bis er vor Müdigkeit nicht weiter kann und sich ohne Widerstand ergeben muß. Der Otter, welcher seine Jagd in tieferen Gewässern ohne Mithilfe anderer seiner Art ausüben muß, nähert sich den größeren Fischen, welche nicht gut unter sich sehen können, vom Grunde aus und packt sie dann plötzlich am Bauche. Kleinere Fische verzehrt er während seines Schwimmens im Wasser, indem er den Kopf etwas über die Oberfläche emporhebt, größere trägt er im Maule nach dem Ufer und verspeist sie auf dem Lande. Dabei hält er die schlüpfrige Beute zwischen seinen Vorderfüßen und beginnt in der Gegend der Schulter zu fressen, schält das Fleisch vom Nacken nach dem Schwanze zu ab und läßt Kopf und Schwanz und die übrigen Teile liegen. In fischreichen Flüssen wird er noch leckerer und labt sich dann bloß an den besten Rückenstücken. So kommt es, daß er an einem Tage oft mehrere große Fische fängt und von jedem bloß ein kleines Rückenstückchen verzehrt. Die in der Umgegend solcher Gewässer wohnenden Leute stören einen so leckeren Fischotter durchaus nicht, zumal wenn der Strom oder das Fischrecht darin nicht ihnen selbst gehört, betrachten vielmehr den Fischotter als einen höchst willkommenen Beschicker ihres Tisches und gehen des Morgens regelmäßig an die Ufer, um die angefressenen Fische aufzuheben und für sich zu verwerten. Bei Überfluß an Nahrung verleugnet der Otter die Sitten seiner Familie nicht. Auch er mordet, wie ich an Gefangenen beobachtete, solange sich in seiner Nähe unter Wasser etwas Lebendes zeigt, und wird durch einen an ihm vorüberschwimmenden Fisch selbst von der leckersten Mahlzeit abgezogen und zu neuer Jagd angeregt. Wenn er zufällig unter einen Schwarm kleiner Fische gerät, fängt er so rasch wie möglich nacheinander einen um den andern, schleppt ihn eiligst ans Land, beißt ihn tot, läßt ihn einstweilen liegen und stürzt sich von neuem ins Wasser, um weiter zu jagen.

Auch von Krebsen, Fröschen, Wasserratten, kleinen und sogar größeren Vögeln nährt sich der Fischotter, obschon Fische, zumal Forellen, seine Lieblingsspeise bleiben. Selbst durch außergewöhnliche Jagden wird er schädlich. „In den schönen Gartenanlagen zu Stuttgart“, erzählt Tessin, „sind die Teiche stark mit zahmem und wildem Wassergeflügel sowie mit Fischen bevölkert. Unter ersterem trieb im Sommer 1824 ein Fischotter seine nächtlichen Räubereien 6— 7 Wochen lang, ohne daß irgend eine Spur seiner Anwesenheit bemerkt wurde. Während dieser Zeit wurden alle Entennester sowohl auf dem Lande als aufden Inseln zerstört und die Eier ausgesaugt, auch die jungen Enten und Gänse schnell vermindert, ohne daß Überreste hiervon angetroffen worden wären, ebensowenig, als man solche von den gefressenen Fischen bemerkte. Dagegen fand man täglich 2—7 alte Enten, von denen nichts als Kopf und Hals verzehrt worden waren, desgleichen stark verletzte Gänse und Schwäne, welche infolge ihrer Wunden bald eingingen. In einer mondhellen Nacht entschloß sich endlich der in den Anlagen wohnende königliche Oberhofgärtner Bosch, auf dem Platze anzustehen. Von 9 Uhr an bis gegen 12 Uhr wurde das Wassergeflügel beständig beunruhigt und nach allen Richtungen hin umhergetrieben. Unaufhörlich tönte der Angstschrei, besonders der jungen Enten, und es fing erst an, ruhig zu werden, nachdem sich alle auf das Land geflüchtet hatten. Noch war es nicht möglich, zu entdecken, wodurch das Geflügel so in Angst gesetzt worden war, und vergebens versuchte Herr Bosch, dasselbe wieder in den Teich zu treiben. Nach 1 Uhr fiel eine wilde Ente in kurzer Entfernung von dem Verstecke des Jägers ins Wasser. Bald darauf bemerkte dieser im Wasser eine schmale Strömung, welche jedoch durchaus kein Geräusch verursachte und das Ansehen hatte, als ob ein großer Fisch hoch ginge, nur daß sich die Strömung weit schneller bewegte, als

es geschehen sein würde, wenn ein Fisch die Ursache gewesen wäre. Als die Ente diese Strömung wahrgenommen hatte, stand fie schnell auf und ftrich weg. Die Strömung kam Bosch immer näher, und er schoß endlich mit starken Schroten auf sie hin. Nach dem Schusse blieb das Wasser ruhig, Bosch nahm einen Kahn, fuhr damit an die Stelle und untersuchte mit dem Ladestocke, an dem sich ein Krätzer befand, das Wasser. Er verspürte bald eine weiche Masse, bohrte dieselbe an und brachte einen Fischotter männlichen Geschlechts empor. Von nun an hörten alle Verheerungen unter dem Wassergeflügel auf.“ Auch dieser Fall steht nicht vereinzelt da. Waltl nahm, wie Jäckel ferner mitteilt, einem Otter, welcher eine am Schwanze ergriffene Henne eben in seinen Bau unter einer Erle unter das Wasser ziehen wollte, die Beute wieder ab. Die Henne flatterte und breitete die Flügel aus; der Otter aber zerrte so lange, bis dem Huhne der Schwanz ausgerissen war. Im Jahre 1851 fand der Revierförster Schreck ein zufällig in ein Ottereisen gegangenes Wasserhuhn, welches nachts vorher von einem Otter zur Hälfte verzehrt worden war. Die andere Hälfte des Vogels wurde an dem Springer des Eisens befestigt, und am nächsten Morgen hatte sich der Otter, welcher ohne Zweifel den Rest seines gestrigen Nachtmahles holen wollte, glücklich gefangen. Ahnliches berichtet Blanford aus Indien als Augenzeuge. Nach ihm jagen die Otter dort häufig gemeinschaftlich zu fünf und sechs, töten raubgierig viel mehr, als sie verzehren können, und nehmen nicht nur Fische, Kruster, Frösche, sondern auch Eier und Wasservögel; er sah einmal sogar mehrere mit einem kleinen Krokodile beschäftigt, vermochte indessen nicht festzustellen, ob fie selbst es getötet hatten. Me Master beobachtete einmal mindestens sechs Otter, welche in einem weiten Halbkreise und in Abständen von etwa 50 m verteilt einen See regelrecht abjagten, schwimmend, tauchend und wieder an der Oberfläche erscheinend mit erhaschten Fischen, die sie töteten, aber nicht verzehrten, sondern sorglos fallen ließen. Ob der Fischotter während seines Freilebens auch Pflanzenstoffe frißt, weiß ich nicht mit Bestimmtheit zu sagen; wohl aber habe ich beobachtet, daß er solche in der Gefangenschaft durchaus nicht verschmäht. Eine Möhre war denen, welche ich pflegte, oft eine bevorzugte Speise, eine Birne, Pflaume, Kirsche eine Leckerei. Da nun die meisten übrigen Marder an Fruchtstoffen Gefallen finden, glaube ich annehmen zu dürfen, daß der Marder des Wassers auch im Freien Obst und dergleichen nicht liegen läßt.

Eine bestimmte Rollzeit hat der Otter nicht; denn man findet in jedem Monate des Jahres Junge. Gewöhnlich fällt die Paarungszeit in das Ende des Februars oder den Anfang des März. Männchen und Weibchen locken sich durch einen starken, anhaltenden Pfiff gegenseitig herbei und spielen allerliebst miteinander im Wasser umher. Sie verfolgen einander, necken und foppen sich; das Weibchen entflieht spröde, das Männchen wird ungestümer, bis ihm endlich Sieg und Gewähr zum Lohne wird. Neun Wochen nach der Paarungszeit, bei uns gewöhnlich im Mai, wirft das Weibchen in einem sicheren, d. h. unter alten Bäumen oder starken Wurzeln gelegenen, Uferbau, auf ein weiches und warmes Graspolster 2—4 blinde Junge. Die Mutter liebt diese zärtlich und pflegt fie mit der größten Sorgfalt. Angstlich sucht sie das Lager zu verbergen und vermeidet, um ja nicht entdeckt zu werden, in der Nähe desselben irgend eine Spur von ihrem Raube oder ihrer Losung zurückzulassen. Nach etwa 9—10 Tagen öffnen die niedlichen Kleinen ihre Augen, und nach Ber: lauf von 8 Wochen werden sie von der Mutter zum Fischfange ausgeführt. Sie bleiben nun noch etwa ein halbes Jahr lang unter Aufsicht der Alten und werden von ihr in allen Künsten des Gewerbes gehörig unterrichtet. Im dritten Jahre sind sie erwachsen oder wenigstens zur Fortpflanzung fähig.

Junge, aus dem Neste genommene und mit Milch und Brot aufgezogene Fischotter können sehr zahm werden. Die Chinesen benutzen eine Art der Gattung zum Fischfange 43*

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