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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Das Stinktier ist sich seiner furchtbaren Waffe so wohl bewußt, daß es keineswegs scheu oder feig ist. Alle seine Bewegungen sind langsam. Es kann weder springen noch klettern, sondern nur gehen und hüpfen. Beim Gehen tritt es fast mit der ganzen Sohle auf, wölbt den Rücken und trägt den Schwanz nach abwärts gerichtet. Ab und zu wühlt es in der Erde oder schnüffelt nach irgend etwas Genießbarem herum. Trifft man nun zufällig auf das Tier, so bleibt es ruhig stehen, hebt den Schwanz auf, dreht sich herum und spritzt nötigen Falls den Saft gerade von sich. Wenn die Hunde es stellen, legt es, laut Hensel, den Schwanz wie ein sitzendes Eichhörnchen über den Rücken, kehrt das Hinterteil den andrängenden Rüden entgegen und führt zornig sonderbare, hüpfende Bewegungen aus, wie man sie zuweilen in den Käfigen von Bären sieht. Die Hunde kennen die gefährliche Waffe ihres Gegners sehr gut und halten sich meist in achtungsvoller Entfernung. Nur wenige von ihnen haben den Mut, das Stinktier zu greifen und zu töten. Niemals verschießt das angegriffene Tier seinen Pestsaft voreilig, sondern droht bloß, solange die Hunde einige Schritte sich entfernt halten.

Zuweilen greift das Stinktier an, ohne daß es irgendwie gereizt wurde, vielleicht weil es meint, in Gefahr zu kommen, möglicherweise aber auch aus reinem Übermute. „Als mein Sohn“, jo erzählt Siedhof, „eines Abends langsam im Freien umherging, kam plötzlich ein Stinktier auf ihn los und biß sich in seinen Beinkleidern fest. Er schüttelte es mit Mühe ab und tötete es durch einen Fußtritt. Als er aber nach Hause kam, verbreitete sich von seinen durch das gefährliche Tier benetzten Kleidern ein so durchdringender, abscheulicher Knoblauchsgeruch, daß augenblicklich das ganze Haus erfüllt wurde, die befreundeten Familien, welche gerade zu Besuch anwesend waren, sofort davonliefen und die Einwohner, welche nicht flüchten konnten, sich erbrechen mußten. Alles Räuchern und Lüften half nichts. Die Stiefel rochen, so oft sie warm wurden, noch 4 Monate lang, trotzdem sie in den Rauch gehängt und mit Chlorwasser gewaschen wurden. Das Unglück hatte sich im Dezember ereignet; das Tier war im Garten vergraben worden: aber noch im No August konnte man seine Ruhestätte durch den Geruch auffinden.“

Auch Audubon erfuhr die Furchtbarkeit des Stinktieres an sich selbst. „Dieses kleine, niedliche, ganz unschuldig aussehende Tierchen“, sagt er, „ist doch im stande, jeden Prahlhans auf den ersten Schuß in die Flucht zu schlagen, so daß er mit Jammergeschrei Reißaus nimmt. Ich selbst habe einmal, als kleiner Schulknabe, solch Unglück erlitten. Die Sonne war eben untergegangen. Ich ging mit einigen Freunden langsam meinen Weg. Da sahen wir ein allerliebstes, uns ganz unbekanntes Tierchen, welches gemütlich umherschlich, dann stehen blieb und uns ansah, als warte es, wie ein alter Freund, um uns Gesellschaft zu leisten. Das Ding sah gar zu unschuldig und verführerisch aus, und es hielt seinen buschigen Schwanz hoch empor, als wolle es daran gefaßt und in unseren Armen nach Hause ge tragen sein. Ich war ganz entzückt, griff voller Seligkeit zu — und patsch! da schoß das niedliche Vieh seinen Teufelssaft mir in die Nase, in den Mund, in die Augen. Wie vom Donner gerührt, ließ ich das Ungeheuer fallen und nahm in Todesangst Reißaus.“

Fröbel hörte einmal ein Geräusch hinter sich und bemerkte, als er sich umwandte, das ihm unbekannte Stinktier, welches, als er sich nach ihm hinkehrte, augenblicklich zu knurren begann, mit dem Fuße stampfte und, sobald er seinen Stock ergriff, ihm Kleider, Gesicht und Haare mit seiner entsetzlichen Flüssigkeit bespritzte. Voller Wut schlug er das Tier tot, eilte über den Platz und wollte dem Hause zu, verursachte aber allgemeine Furcht. Die Thür wurde verrammelt, und nur aus dem Fenster rief man ihm guten Rat zu. Wasser, Seife, Kölnisches Wasser halfen nichts; endlich wurde ein kräftiges Feuer angebrannt, und der arme, verstänkerte Reisende legte die ihm von einem Ansiedler geborgten Kleider an und räucherte die bespritzten, nebst Gesicht und Haar, im dichten Qualm einige Stunden lang, worauf dann wirklich der Geruch verschwand.

Die in Südamerika lebenden Stinktiere unterscheiden sich, was die Güte ihres Pestsaftes anlangt, durchaus nicht von den nordamerikanischen. Azara berichtet vom Surilho in Paraguay, daß er von Kerfen, Eiern und Vögeln lebt und sowohl tags wie nachts still umherschleicht. Er ergreift niemals die Flucht, nicht einmal vor dem Menschen. Sobald er bemerkt, daß man ihm nachstellt, macht er Halt, sträubt sein Haar, hebt den Schwanz in die Höhe, wartet, bis man nahe gekommen ist, dreht sich plötzlich um und schießt los. Selbst nach vielmaligem Waschen bleibt der Gestank noch so stark, daß er das ganze Haus erfüllt. Ein Hund, welcher 8 Tage vorher bespritzt, sehr oft gewaschen und noch öfter mit Sand gerieben worden war, verpestete eine Hütte noch derartig, daß man es nicht in ihr aushalten konnte. Azara glaubt, daß man den Gestank wohl eine halbe englische Meile weit riechen könne. „Der Geruch des Pestsaftes“, sagt Hensel von dem Surilho, „ist ein überaus heftiger und durchdringender; doch hat man seine Stärke mitunter übertrieben, denn er ist nicht unbedingt unerträglich. Manche Personen bekommen allerdings Kopfweh und Erbrechen, wenn das Stinktier in ihrer Nähe seine Afterdrüsen ausleert; der Tierkundige aber wird sich schwerlich dadurch abhalten lassen, die beachtenswerten Tiere zu jagen und zu sammeln. Hunde, welche von dem Safte getroffen werden, scharren den Boden auf und wälzen sich wie rasend auf demselben umher, um den an ihrem Pelze haftenden Geruch zu entfernen. Ganz besonders haftet der Pestgeruch an Tuchkleidern, welche man in den Rauch zu hängen pflegt, um sie wieder zu reinigen. Wahrscheinlich wirkt dabei nicht der Rauch, sondern die Hitze des Feuers, durch welche der flüssige Stoff verdunstet. Der Geruch des Drüsensaftes eines Stinktieres ist, wie jede Sinneswahrnehmung, nicht zu beschreiben; allein man kann sich ihn vorstellen als einen Iltisgestank in vielfacher Verstärkung. Ungereizt riecht das Tier durchaus nicht.“ Pechuel-Loesche nennt den Geruch nicht so entsetzlich und unerträglich, wie er gemeiniglich geschildert wird, und vergleicht ihn mit dem Geruche eines Gemisches von Knoblauch und Schwefelkohlenstoff.

Es ist noch nicht ausgemacht, ob die Stinktiere auch einander anspritzen, und es wäre jedenfalls wichtig, dies genau zu erfahren. Freilich finden wir, daß die Gerüche, welche ein Tier verbreitet, ihm gewöhnlich durchaus nicht lästig fallen, ja sogar gewissermaßen wohlriechend erscheinen: demungeachtet wäre es doch möglich, daß ein Stinktiermännchen durch eine gehörige Ladung Pestsaft von einem spröden Weibchen hinlänglich abgeschreckt werden könnte.

In der Gefangenschaft entleeren die Stinktiere ihre Drüsen nicht, falls man sich sorgfältig hütet, sie zu reizen. Sie werden nach kurzer Zeit sehr zahm und gewöhnen sich einigermaßen an ihren Pfleger, obgleich sie anfangs mit dem Hinterteile vorangehen, den Schwanz in die Höhe gerichtet, um ihr Geschütz zum Losschießen bereit zu halten. Nur durch Schlagen oder sehr starke Beängstigung sollen sie veranlaßt werden, von ihrem Verteidigungsmittel Gebrauch zu machen. Einzelne lassen sich, wie ihre Pfleger versichern, ohne alle Fährlichkeit behandeln. Heu ist ihr liebstes Lager. Sie bereiten sich ein ordentliches Bettchen und rollen sich dann wie eine Kugel zusammen. Nach dem Fressen putzen sie sich die Schnauze mit den Vorderfüßen; denn sie sind reinlich und halten sich stets zierlich und glatt, legen auch ihren Unrat niemals in ihrem Lager ab. Man füttert sie mit Fleisch; am liebsten fressen sie Vögel. Sie verzehren oft mehr, als sie verdauen können, und erbrechen sich dann gewöhnlich nach einer solchen Überladung. Ihre Gier ist aber immer noch jo groß, daß fie das Erbrochene wieder auffressen, wie es die Hunde auch thun. Bei reichlicher Nahrung schlafen sie den ganzen Tag und gehen erst des Abends herum, selbst wenn sie keinen Hunger haben.

Das Fell des nordamerikanischen Stinktieres liefert einen recht guten Pelz; man muß jedoch beim Fange wie bei der Jagd sehr vorsichtig sein und das Tier schnell töten, bevor es sich ängstigt und die Drüse entleert. Anfang der sechziger Jahre kamen nach Lomer 120,000 Felle jährlich in den Handel zum Preise von 4—8 Mark; gegenwärtig ist die Ausbeute auf ungefähr das Sechsfache gestiegen, der Preis aber unverändert geblieben.

In Afrika finden wir statt der Stinktiere die Bandiltisse, jenen in Gestalt und Ansehen sehr nahe verwandte Tiere mit behaarten Sohlen und eher marder-als stinktierähnlichem, aus 34 Zähnen bestehendem Gebisse. Der innere Höckeransatz des länglichen Fleischzahnes richtet sich nach vorn. Die Wurzeln der niederen Kegelzacken der Lückzähne zeichnen sich durch ihre Dicke aus. Im Gerippe erscheinen die Bandiltisse als Mittelglieder zwischen Mardern und Stinktieren; in ihrer Lebensweise scheinen sie mehr den ersteren als den letzteren zu ähneln.

Die am besten bestimmte Art der Gattung ist die Zorilla, der „Maushund“ der Ansiedler des Vorgebirges der Guten Hoffnung (Rhabdogale mustelina, Viverra, Mustela, Putorius und Mephitis zorilla, Viverra und Zorilla striata, Zorilla capensis und leucomelas, Ictonyx capensis 2c.), ein Tier von 35 cm Leibes- und 25 cm Schwanzlänge. Der Leib ist lang, jedoch nicht sehr schlank, der Kopf breit, die Schnauze rüsselförmig verlängert; die Ohren sind kurz zugerundet, die Augen mittelgroß mit längs gespaltenem Stern; die Beine sind kurz und die Vorderfüße mit starken, ziemlich langen, aber stumpfen Krallen bewehrt; der Schwanz ist ziemlich lang und buschig, der ganze Pelz dicht und lang. Seine Grundfärbung, ein glänzendes Schwarz, wird gezeichnet durch mehrere weiße Flecken und Streifen, welche mehr oder weniger abändern. Zwischen den Augen befindet sich ein schmaler, weißer Flecken, ein anderer zieht sich von den Augen nach den Ohren hin; beide fließen zuweilen zusammen und bilden auf der Stirn ein einziges weißes Band, welches nach der Schnauze zu in eine Schneppe ausläuft. Auch die Lippen sind häufig weiß gesäumt. Der obere Teil des Körpers ist sehr verschieden, immer aber nach einem gewissen Plane gezeichnet. Bei den einen zieht sich über das Hinterhaupt eine breite, weiße Querbinde, aus welcher vier Längsbinden entspringen, die über den Rücken verlaufen, sich in der Mitte

des Leibes verbreitern und durch drei schwarze Zwischenstreifen getrennt werden; die beiden äußeren Seitenbinden vereinigen sich auf der Schwanzwurzel und setzen sich dann auf dem Schwanze jederseits als weißer Streifen fort. Bei anderen ist der ganze Hinterkopf und Nacken, ja selbst ein Teil des oberen Rückens weiß, und dann entspringen erst am Widerriste die drei dunkeln Binden, welche sich nun seitlich am Schwanze noch fortsetzen. Letzterer ist bald gefleckt und bald längs gestreift.

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Zorilla (Rhabdogal e mustelina). ½ natürl. Größe.

Der Bandiltis verbreitet sich über ganz Afrika, geht auch noch über die Landenge von Suez weg, findet sich in Kleinasien, soll sogar in der Nähe von Konstantinopel, jelbitver-ständlich nur auf der asiatischen Seite, vorkommen. Felsige Gegenden bilden seinen Lieblingsaufenthalt. Hier lebt er entweder im Geklüfte oder in selbstgegrabenen Löchern unter Bäumen und Gebüschen. Seine Lebensweise ist eine rein nächtliche, und daher kommt es, daß er im ganzen nur selten gesehen wird. Kolbe ist der erste, welcher unser Tier erwähnt. Seine Nahrung besteht in kleinen Säugetieren, namentlich in Mäusen, kleinen Vögeln und deren Eiern, in Lurchen und Kerbtieren. Dem Hausgeflügel wird er nicht selten gefährlich, weil er nach Marderart in die Bauernhöfe einschleicht und wie ein Iltis mordet.

Zorilla (Rhabdogal e mustelina). ½ natürl. Größe.

In seinen Bewegungen ähnelt er den Mardern nicht; denn er ist weniger behende und kann eher träge genannt werden. Das Klettern versteht er nicht, und auch vor dem Wasser hat er große Scheu, obwohl er, wenn es sein muß, recht fertig schwimmt. Seiner abscheulichen Waffen bedient er sich ganz in derselben Weise wie das Stinktier. „Befindet er sich auf einem Felde oder einer Wiese“, sagt Kolbe, „und bemerkt er, daß sich ihm ein Hund oder ein wildes Tier nähert, welches ihn umbringen will, so spritzt er seinen Feinden einen so pestartigen Gestank entgegen, daß sie genug zu thun haben, die Nase an der Erde und den Bäumen abzureiben, um den Gestank nur einigermaßen wieder loszuwerden. Nähert sich ihm der Feind wieder oder kommt wohl noch ein zweiter hinzu, so schießt er zum zweitenmal auf die Gegner und gibt wieder einen Gestank von sich, welcher durchaus nicht besser ist als der erste. Auf diese Weise verteidigt er sich sehr tapfer gegen seine Widersacher. Nimmt ein Jäger einen erschossenen Bandiltis in die Hand, so hängt sich ein solcher Gestank an dieselbe, daß er ihn nicht los wird, selbst wenn er sich mit Seife wäscht. Daher läßt man ihn liegen, wenn man ihn geschossen hat. Denn wer nur einmal etwas von diesem Gestanke bekommen hat, wird ihm gewiß ein andermal von selbst aus dem Wege gehen und ihn ungehindert sein Wesen treiben lassen.“

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