Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Zeit widersprechen jedoch diesen Angaben ausdrücklich. H. O. Forbes sagt vom Stinkdachse: „Sein Vorkommen nach der Höhe ist durchaus nicht so beschränkt, wie behauptet wird, denn ich habe ihn auf Bergen und Hochebenen bis zu 500 Fuß über der See angetroffen; in Ostjava soll er nicht vorkommen.“ Karl Bock wendet sich ebenfalls gegen Horsfields Mitteilung und versichert, daß unser Tier im südöstlichen Borneo, „wo die Saats so häufig wie die Ratten sind“, in Höhen gefunden werde, „die 80 oder 100 Fuß nicht übersteigen. Auch auf Sumatra“, fährt er fort, „beträgt die höchste Erhebung, wo der Saat angetroffen wird, nicht 1000 Fuß, und in dieser Höhe kommt er nur selten vor.“
Alle Bewegungen des Stinkdachses sind langsam, und er wird deshalb öfters von den Eingeborenen gefangen, welche sich keineswegs vor ihm fürchten, sondern sogar sein Fleisch
Stinkdachs (Mydaus meliceps). ½ natürl. Größe.
essen sollen, weil sie laut Forbes glauben, daß, wer sich dazu überwinden könne, fortan gegen Krankheit gefeit sei.
Horsfield beauftragte während seines Aufenthaltes in den Gebirgen von Prahu die Leute, ihm behufs seiner Untersuchungen Stinkdachse zu verschaffen, und die Eingeborenen brachten sie ihm in solcher Menge, daß er bald keinen einzigen mehr annehmen konnte. „Ich wurde versichert“, sagt dieser Forscher, „daß das Fleisch des Teledu sehr wohlschmeckend wäre; man müsse das Tier nur rasch töten und sobald wie möglich die Stinkdrüsen entfernen, welche dann ihren höllischen Geruch dem übrigen Körper noch nicht mitteilen konnten. Mein indischer Jäger erzählte mir auch, daß der Stinkdachs seinen Stinksaft höchstens auf 60 em Entfernung spritzen könne. Die Flüssigkeit selbst ist klebrig; ihre Wirkung beruht auf ihrer leichten Verflüchtigungsfähigkeit, welche unter Umständen die ganze Nachbarschaft eines Dorfes verpesten kann und in der nächsten Nähe so heftig ist, daß einzelne Leute geradezu in Ohnmacht fallen, wenn sie dem Geruche nicht ausweichen können. Die verschiedenen Stinktiere in Amerika unterscheiden sich von unserem Teledu bloß durch die Fähigkeit, ihren Saft weiter zu spritzen.“ Junghuhn bestätigt diese Angaben und fügt hinzu, daß
man den heftigen,an Knoblauch erinnernden Gestank bei günstigem Winde eine halbe Meile weit wahrnehmen könne. Bock urteilt milder über den Geruch und vergleicht ihn mit „dem des peruanischen Guano, wenn derselbe mit Salpetersäure vermischt wird“. Forbes dagegen sagt vom Stinkdachse: „Er machte oft durch den heftigen Gestank, mit welchem er selbst in seiner besten Laune seine Dämmerungsspaziergänge wenigstens auf eine l(englische) Meile weit ringsum verpestet, meine Abendstunden ganz unerträglich. Es war unnütz, ihn verscheuchen zu wollen, denn wenn sein Gleichmut gestört wurde, suchte er nicht sein Lager auf, wie man wünschte, sondern im Gegenteile verdickte er die Luft mit seinem boshaften Gestanke, welcher wochenlang an Kleidern, Geräten und Eßwaren festhing.“ „Der Stinkdachs“, fährt Horsfield fort, „ist sanft und mild in seinem Wesen und kann, wenn man ihn jung einfängt, sehr leicht gezähmt werden. Einer, welchen ich gefangen hatte und lange Zeit bei mir hielt, bot mir Gelegenheit, sein Wesen zu beobachten. Er wurde sehr bald liebenswürdig, erkannte seine Lage und seinen Wärter und kam niemals in so heftigen Zorn, daß er seinen Pestdunst losgelassen hätte. Ich brachte ihn mit mir von den Gebirgen Prahus nach Blederan, einer Ortschaft am Fuße dieses Gebirges, wo die Wärme bereits viel größer ist als in der Höhe. Um eine Zeichnung von ihm anzufertigen, wurde er an einen kleinen Pfahl gebunden. Er bewegte sich sehr rasch und wühlte den Grund mit seiner Schnauze und seinen Nägeln auf, als wolle er Futter suchen, ohne den Nebenstehenden die geringste Beachtung zu schenken oder heftige Kraftanstrengungen zu seiner Befreiung zu machen. Einen Regenwurm, welcher ihm gebracht wurde, verspeiste er gierig, das eine Ende desselben mit dem Fuße haltend, während er das andere hinterfraß. Nachdem er ungefähr 10 — 12 Würmer verzehrt hatte, wurde er ruhig und machte sich jetzt eine kleine Grube in die Erde, in welcher er seine Schnauze versteckte. Dann streckte er sich bedachtsam aus und war wenige Augenblicke später in Schlaf versunken.“
Man kann nicht sagen, daß irgend ein Mitglied aus der Familie der Marder Wohlgerüche verbreite; wir finden im Gegenteile schon unter den bei uns hausenden Arten solche, welche „Stänker“ benannt werden und diesen Namen mit Fug und Recht tragen. Was aber ist unser Iltis gegen einige seiner Verwandten, welche in Amerika und Afrika leben, und im Vergleiche mit dem oben besprochenen Stinkdachse des Südostens der Alten Welt! Sie sind die wahren Stänker. Wenn man liest, welches Entsetzen fie verbreiten können, sobald sie sich nur zeigen, begreift man erst, was eine echte Stinkdrüse besagen will. Alle Berichte von amerikanischen Reisenden und Naturforschern stimmen darin überein, daß wir nicht im stande sind, die Wirkung der Drüsenabsonderung dieser Tiere uns gehörig auszumalen. Keine Küche eines Scheidekünstlers, keine Senkgrube, kein Aasplatz, kurz, kein Gestank der Erde soll an Heftigkeit und Unleidlichkeit dem gleichkommen, welchen die äußerlich jo zierlichen Stinktiere zu verbreiten und auf Wochen und Monate hin einem Gegenstande einzuprägen vermögen. Man bezeichnet den Gestank mit dem Ausdrucke „Pestgeruch“; denn wirklich wird jemand, welcher das Unglück hatte, mit einem Stinktiere in nähere Be: rührung zu kommen, von jedermann gemieden wie ein mit der Pest Behafteter. Die Stinktiere sind trotz ihrer geringen Größe so gewaltige und mächtige Feinde des Menschen, daß sie denjenigen, welchen sie mit ihrem furchtbaren Safte bespritzten, geradezu aus der Gesellschaft verbannen und ihm selbst eine Strafe auferlegen, welche so leicht von keiner anderen übertroffen werden dürfte. Sie sind fähig, ein ganzes Haus unbewohnbar zu machen oder ein mit den kostbarsten Stoffen gefülltes Vorratsgewölbe zu entwerten. g
Die Stinktiere unterscheiden sich von den übrigen Dachsen durch merklich schlankeren Leib, langen, dicht behaarten Schwanz, große aufgetriebene Nase, schwarze Grundfärbung
und weiße Bandzeichnung. Der Kopf ist im Verhältnis zum Körper klein und zugespitzt, die Nase auffallend häßlich, kahl und dick, wie aufgeschwollen; die kleinen Augen haben durchdringende Schärfe; die Ohren sind kurz und abgerundet; die kurzen Beine haben mäßig große Pfoten mit fünf wenig gespaltenen, fast ganz miteinander verwachsenen Zehen, welche ziemlich lange, aber keineswegs starke, schwach gekrümmte Nägel tragen, und mindestens auf den Ballen nackten Sohlen. Das Gebiß besteht aus 32—34 Zähnen. Der Fleischzahn des Oberkiefers ist kurz, aber breit, sein innerer Zacken stark, jedoch flach; der un tere Fleischzahn hat vorn drei kleine spitze Zacken und hinten eine große, vertiefte, die halbe Krone einnehmende Kaufläche; der Kauzahn des Oberkiefers ist sehr stark, fast quadratisch, nur wenig breiter als lang, innen bogig gerundet; der untere Kauzahn stellt einen kleinen, kreisrunden und vertieften Höcker dar. Durch diese Eigentümlichkeiten der Kauzähne läßt sich das Gebiß leicht und scharf von dem anderer Marder unterscheiden. Die Stinkdrüsen haben bedeutende Größe, öffnen sich innen in dem Mastdarme und können durch einen besonderen Muskel zusammengezogen werden. Jede Drüse stellt, laut Hensel, einen etwa haselnußgroßen Hohlraum vor, dessen Wand mit einer Drüsenschicht ausgekleidet und an der Außenseite mit einer starken Muskellage umgeben ist. Den Hohlraum füllt eine gelbe ölähnliche Flüssigkeit, welche von dem Tiere durch Zusammenpressen des Muskels mehrere Meter weit weggespritzt werden kann, unmittelbar hinter dem After einen dünnen, gelblichen Strahl bildet, bald in einen feinen Staubregen sich verwandelt, wie wenn jemand Wasser aus dem Munde hervorsprudelt, und somit einen großen Raum bestreicht. Bei älteren Tieren und bei Männchen soll dieser fürchterliche Saft stärker sein als bei jungen und bei Weibchen, seine Wirkung auch während der Begattungszeit sich steigern.
Als eigentliche Waldtiere kann man die Stinktiere nicht bezeichnen; sie ziehen vielmehr die Gras- und Buschgegenden den ausgedehnten vollwüchsigen Wäldern vor. Bei Tage liegen sie in hohlen Bäumen, in Felsspalten und in Erdhöhlen, welche sie sich selbst graben, versteckt und schlafen; nachts werden sie munter und springen und hüpfen höchst beweglich hin und her, um Beute zu machen. Ihre gewöhnliche Nahrung besteht in Würmern, Kerbtieren, Lurchen, Vögeln und kleinen Säugetieren; doch fressen sie auch Beeren und Wurzeln. Nur wenn sie gereizt werden oder sich verfolgt sehen und deshalb in Angst geraten, gebrauchen sie ihre sinnbetäubende Drüsenabsonderung zur Abwehr gegen Feinde. Sie halten selbst die blutdürstigsten und raubgierigsten Katzen nötigen Falls in der bescheidensten Entfernung, und nur in sehr scharfen Hunden, welche, nachdem sie bespritzt worden sind, gleichsam mit Todesverachtung sich auf sie stürzen, finden sie Gegner. Abgesehen von dem Pestgestanke, welchen sie zu verbreiten wissen, verursachen sie dem Menschen keinen erheblichen Schaden; ihre Drüsenabsonderung aber macht sie entschieden zu den von allen am meisten gehaßten Tieren. Gegenwärtig unterliegt es keinem Zweifel mehr, daß die vielen Arten von Stinktieren, welche man unterschieden hat, auf wenige zurückgeführt werden müssen, weil sich die außerordentliche Veränderlichkeit derselben zur Genüge herausgestellt hat. In der Lebensweise ähneln sich alle bekannten Arten, und es genügt daher vollständig, eine oder zwei von ihnen kennen zu lernen.
Den größten Teil Südamerikas bewohnt ein Stinktier, der Surilho der Brasilier (Mephitis suffocans, M. nasuta, mesoleuca, marputio, molinae, patagonica, chilensis, amazonica, furcata, humboldtii und lichtensteinii, Conepatus nasutus, humboldtii und amazonicus, Thiosmus marputio und chilensis, Viverra marputio ac.), dessen Gebiß aus 32 Zähnen besteht, ein Tier von 40 em Xeibes:, 28 em Schwanzlänge und außerordentlich abändernder Färbung und Zeichnung. Das dichte, lange und reichliche, auf der Schnauze kurze, von hier allmählich länger werdende, an den Seiten 3, auf dem
Rücken 4, am Schwanze 7 cm lange Haar spielt, laut Hensel, vom Schwarzgrau und Schwarzbraun bis zum glänzenden Schwarz. Die weißen Streifen beginnen an der Stirn und laufen getrennt in etwa Fingersbreite bis zur Schwanzwurzel; zuweilen verbreitern sie sich, so daß der Zwischenraum fast ganz verloren geht, und verschwinden schon in der Gegend der letzten Rippen; in seltneren Fällen fehlen sie ganz, und das Tier sieht einfarbig schwarz aus. Der Schwanz ist meist an der Spitze weiß, oder die schwarzen und weißen Haare mischen sich so durcheinander, daß er grau erscheint; zuweilen, namentlich wenn die weißen Streifen des Rückens wenig entwickelt sind, ist er ebenfalls rein schwarz. Hensel
Surilho (Mephitis suffocans). ½ natürl. Größe.
versichert, daß man kaum zwei Surilhos finde, welche vollkommen übereinstimmen. Unsere treffliche Abbildung überhebt mich einer weiteren Beschreibung. „In der Lebensweise“, sagt Hensel, „unterscheidet sich der Surilho nicht wesentlich von den Mardern. Er lebt in den Kamposgegenden des Tieflandes und der Serra und vermeidet durchaus den dichten Urwald; doch ist er immer an den Wald gebunden, denn er findet sich bloß in vereinzelten Waldstellen der Kampos. Hier erkennt man feine Anwesenheit sehr leicht an kleinen trichterförmigen Löchern, welche er nahe am Waldrande in dem Grasboden macht, um Mistkäfer zu suchen. Diese Löcher gleichen denen des Dachses, wenn er ‚ticht‘, wie der Jäger jagt; nur find fie weiter als diese, werden aber ohne Zweifel, wie auch vom Dachse, mit seinen Vorderpfoten, nicht mit der Nase gemacht. „Den Tag über ruhen die Stinktiere wie der Iltis in unterirdischen Bauen unter Felsstücken oder Baumwurzeln. Mit der Dämmerung aber gehen sie ihrer Nahrung nach, welche
bloß in Mistkäfern zu bestehen scheint; wenigstens habe ich niemals etwas anderes in ihrem Magen gefunden.“
Im Norden Amerikas lebt als Gegenstück des Surilho der übel berufene Skunk (Mephitis varians, M. macrura, vittata, mesomelas, occidentalis, mephitica, chinga, americana; hudsonica, mexicana, Viverra mephitis 2c.), dessen Gebiß aus 34 Zähnen besteht. Die Leibeslänge beträgt 40 em, die Schwanzlänge beinahe ebensoviel. Der glänzende Pelz hat Schwarz zur Grundfarbe. Von der Nase zieht sich ein einfacher, schmaler, weißer Streifen zwischen den Augen hindurch, erweitert sich auf der Stirn zu einem rautenförmigen Flecken, verbreitert sich noch mehr auf dem Halse und geht endlich in eine Binde über, welche sich am Widerriste in zwei breite Streifen teilt, die bis zu dem Schwanzende fortlaufen und dort sich wieder vereinigen. Am Halse, an der Schultergegend, an der Außenseite der Beine, seltener auch an der Brust und am Bauche treten kleine, weiße Flecken hervor. Über den Schwanz ziehen sich entweder zwei breite, weiße Längsstreifen, oder er erscheint unregelmäßig aus Schwarz und Weiß gemischt.
Der Skunk ist wegen der rücksichtslosen Beleidigung eines unserer empfindlichsten Sinneswerkzeuge schon seit langer Zeit wohl bekannt geworden und macht noch heutzutage fast in allen Reisebeschreibungen von sich reden. Sein Verbreitungskreis ist ziemlich ausgedehnt; am häufigsten wird er in der Nähe der Hudsonbai gefunden, von wo aus er sich nach dem Süden hin verbreitet. Seine Aufenthaltsorte sind höher gelegene Gegenden, namentlich Gehölze und Buschwaldstreifen längs der Flußufer, oder auch Felsengegenden, wo er in Spalten und Höhlen des Gesteins haust.