All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
AskTalkView media
Reading progressPage 176 of 188

Kjärbölling erhielt ein trächtiges Dachsweibchen, welches später zwei Junge warf, sie mit größter Zärtlichkeit und Fürsorge pflegte und währenddem alle frühere Schüchternheit ablegte. Gegen jede Störung zeigte sich die Fähe höchst empfindlich, stellte sich bei Annäherung eines Menschen zähnefletschend an das Gitter und suchte dem Wärter den Eintritt in den Käfig zu wehren. Als die Jungen herangewachsen waren, spielte die Mutter mit ihnen in anmutiger Weise. Der Nutzen, welchen der getötete Dachs bringt, ist ziemlich beträchtlich. Sein Fleisch schmeckt süßer als Schweinefleisch, erscheint aber manchen Menschen als ein wahrer Leckerbissen. Die wasserdichten, festen und dauerhaften Felle, von denen, nach Lomer, jährlich 55,000 Stück im Werte von 123,000 Mark auf den Markt kommen, werden zu Überzügen von Koffern und dergleichen verwendet; aus den langen Haaren, namentlich aus denen des Schwanzes, verfertigt man Bürsten und Pinsel; das Fett gebraucht man als Arzneimittel oder benutzt es zum Brennen, manche essen es auch gern aufs Brot gestrichen und vergleichen es mit Gänsefett. 5

Eine andere Gattung wird gebildet durch die Honigdachse (Mellivora), breitrückige, kurzschnauzige und kurzschwänzige Tiere, hauptsächlich ausgezeichnet durch das Gebiß, welches nur aus 32 Zähnen und zwar der regelmäßigen Anzahl von Schneide- und Eck-, aber nur 3 Lückzähnen und je 1 Backenzahne in jedem Ober- und 2 Lück- und 2 Backenzähnen in jedem Unterkiefer besteht. Der Leib ist plumper als der unseres Dachses und seiner

nächsten Verwandten, erscheint auch von oben nach unten abgeplattet, der Rücken ist breit und flach, die Schnauze lang, die kleinen Ohren treten mit ihren Muscheln wenig über das Fell hervor, die Augen sind klein und tiefliegend, die Beine kurz und stark, nacktsohlig und die Zehen der Vorderfüße mit langen Scharrkrallen versehen.

Man hat mehrere Arten der Gattung unterschieden; wir beschreiben jedoch aller Lebensweise, wenn wir die der bekanntesten am Vorgebirge der Guten Hoffnung und in Mittelafrika sowie der in Indien lebenden Art schildern.

Der Honigdachs oder Ratel (Mellivora capensis, Gulo, Mustela, Viverra und Ratelus capensis, Ursus, Taxus, Meles, Viverra und Lipotus mellivora, Ratelus typicus) erreicht ausgewachsen eine Länge von reichlich 70 em, wovon auf den verhältnismäßig sehr langen Schwanz etwa 25 cm zu rechnen find. Die Behaarung ist lang und straff; Stirn, Hinterkopf, Nacken, Rücken, Schultern und Schwanz sind aschgrau, Schnauze, Wangen, Ohren, Unterhals, Brust, Bauch und Beine schwarzgrau gefärbt, scharf von der oberen Färbung abgegrenzt. Gewöhnlich trennt ein hellgrauer Randstreifen die Rückenfärbung von der unteren, und dieser Streifen ist es hauptsächlich, welcher den afrikanischen Honigdachs von dem indischen unterscheidet.

Der Ratel lebt in selbstgegrabenen Höhlen unter der Erde und besitzt eine unglaubliche Fertigkeit, solche auszuscharren. Langsam und ungeschickt, würde er seinen Feinden kaum entgehen können, wenn er nicht die Kunst verstände, wenigstens in mürbem Boden sich förmlich in die Erde zu versenken, d. h. sich so rasch eine Höhle zu graben, daß er sich unter der Erdoberfläche verborgen hat, ehe ein ihm auf den Leib rückender Widersacher nahe genug gekommen ist, um ihn zu ergreifen. Er führt eine nächtliche Lebensweise und geht des Tages nur selten auf Raub aus. Auf unserem Jagdausfluge nach den Bogosländern wurde er zweimal gesehen, jedesmal gegen Abend, jedoch ehe die Sonne niedergegangen war. Nachts dagegen streift er langsam und gemächlich umher und stellt kleinen Säugetieren, namentlich Mäusen, Springmäusen und dergleichen, oder Vögeln, Schildkröten, Schnecken und Würmern nach, gräbt sich Wurzeln oder Knollengewächse aus oder sucht Früchte. Eine Liebhaberei bestimmt seine ganze Lebensweise: er ist nämlich ein leidenschaftlicher Freund von Honig und aus diesem Grunde einer der eifrigsten Bienenjäger.

In baumleeren Gegenden Afrikas bauen die Bienenarten hauptsächlich in der Erde und zwar in verlassenen Löchern aller Art, wie es bei den Hummeln und Wespen ja auch der Fall ist. Solche Nester sind nun für den Honigdachs das Erwünschteste, was er finden kann, und er macht sich, wenn er einen derartigen Schatz entdeckt hat, mit Lust darüber her. Die Bienen wehren sich zwar nach Kräften und suchen ihn mit ihrem Stachel bestmöglichst zu verwunden; sein dicht behaartes, sehr starkes Fell aber ist gegen Bienenstiche der vorzüglichste Schild, welchen es gibt, weil es auf der Fettschicht unter ihm locker aufliegt wie kaum bei einem anderen Tiere. Man versichert, daß sich der Ratel förmlich in seinem Balge herumdrehen könne. Die Bienen sind vollkommen ohnmächtig solchem Feinde gegenüber, und dieser wühlt nun mit Gier in ihren Wohnungen umher und labt sich nach Behagen an dem köstlichen Inhalte derselben. Sparrmann berichtet über die Art und Weise der Jagden unserer Honigdachse ergötzliche Dinge, von denen weiter nichts zu bedauern ist, als daß sie bloß auf Erzählung der Hottentotten und holländischen Ansiedler gegründet und nicht wahr sind. „Die Bienen“, jagt jener Reisende, „geben dem Honigdachse wenn auch nicht die einzige, so doch die hauptsächlichste Nahrung, und ihr Feind ist mit großer Schlauheit begabt, die unterirdischen Nester aufzuspüren. Gegen Sonnenuntergang verläßt er seine Höhle, in welcher er den Tag verträumte, und schleicht umher, um seine Beute von ferne zu beobachten, wie das der Löwe auch thut. Er setzt sich auf einen Hügel hin, schützt seine Augen

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. I. | 42

durch eine vorgehaltene Vorderpfote vor den Strahlen der tiefstehenden Sonne und paßt sorgfältig den Bienen auf. Bemerkt er nun, daß einige immer in derselben Richtung hinfliegen, so humpelt er diesen gemächlich nach, beobachtet sie und wird so allmählich bis zu ihrem Neste geleitet, in welchem nun ein gegenseitiger Kampf auf Leben und Tod stattfindet. Es wird erzählt, daß der Ratel ebensowohl wie der Eingeborene Südafrikas zuweilen auf der Suche nach Honig von einem Vogel, dem Honigangeber, geleitet werde, welcher Klugheit genug besitzt, um zu wissen, daß Menschen und Tiere nach jenem Leckergerichte verlangen.

WAR

N e,.,

AhSi

Der kleine Bursche, unfähig, eine Bienenfestung durch eigene Macht zu erobern, jucht seinen Vorteil darin, aufgefundene Bienenstöcke anderen, stärkeren Wesen anzuzeigen, um dann bei der Räumung des Nestes mitzuschmausen. Zu diesem Zwecke erregt er durch sein Geschrei die Aufmerksamkeit der Honigliebhaber und fliegt in kurzen Absätzen gemächlich vor ihnen her, von Zeit zu Zeit fi niederlassend, wenn der schwerleibige Bodenbewohner ihm nicht so schnell folgen kann, und dann von neuem seine Führerschaft aufnehmend. In der Nähe eines Bienennestes angekommen, läßt er seine Stimme um so freundlicher vernehmen und zeigt endlich geradezu auf den niedergelegten Schatz. Während dieser gehoben wird, bleibt er ruhig in der Nähe und wartet, bis der habgierige Mensch oder Ratel genug hat, um dann sein Anteil für den geleisteten Dienst sich zu holen. Bei solchen Angriffen auf einen wütenden Schwarm von Bienen leistet dem Ratel die Dicke seines Felles vortreffliche Dienste, und es ist nicht bloß erwiesen, daß es den Bienen undurchdringlich ist, sondern auch wohl

bekannt bei allen Jägern, daß Hunde nicht im stande sind, das verhältnismäßig schwache, nichtssagende Tier zu bezwingen.“ |

Der Natel ftellt übrigens nicht bloß dem Honig nach, sondern liebt auch kräftigere Nahrung. Carmichael sagt, daß er von den Besitzern der Hühnerhöfe als eines der schädlichsten Tiere betrachtet werde. In der Algoabai zankten sich einmal Bauern um das Eigentum der Eier, welche die Hühner verlegt hatten. Der Ratel machte in einer Nacht diesem Streite ein Ende, indem er einfach allen Hühnern, gegen 30 Stück, den Kragen abbiß und drei tote in seine Höhle schleppte.

Man versichert, daß der Honigdachs mit 2 oder 3 Weibchen lebe und diese niemals aus den Augen lasse. Zur Rollzeit soll er wild und wütend sein, selbst Menschen anfallen und mit seinen Bissen schwer verwunden. Übrigens wehrt er sich seiner Haut, wenn er angegriffen wird. Es ist nicht ratsam, ihn lebend packen zu wollen; denn er weiß von seinen Zähnen einen ungemein empfindlichen Gebrauch zu machen. Ehe er zum Beißen kommt, sucht er sich zu retten, indem er sich, wo es der Boden erlaubt, durch unglaublich rasches Eingraben in die Erde versenkt oder aber seine Stinkdrüsen gegen den Feind entleert.

Man sagt, daß der Honigdachs bloß im höchsten Notfalle sich seines Gebisses bediene. Wenn dies wahr ist, begreife ich ihn nicht; denn das Gebiß ist so kräftig, daß es jedem Jäger und jedem Hunde Achtung einflößen und beide zur Vorsicht mahnen muß. Dagegen bin ich von der Lebenszähigkeit des Tieres vollkommen überzeugt. An den beiden Schüssen, welche mein Freund van Arkel d'Ablaing eines Abends im Mensathale auf kaum 20 Schritt einem Honigdachse zukommen ließ, hätte ein Löwe genug haben können; der Ratel aber war davongegangen, als wäre ihm nichts geschehen. Wir durchstöberten am nächsten Morgen das Gebüsch. Hierbei brauchten wir bloß der Nase nachzugehen; denn der in der Nacht gefallene Regen hatte den Gestank wohl etwas gedämpft, aber keineswegs vernichtet. Es roch noch immer so abscheulich, daß nur unser Eifer die Suche uns erträglich machen konnte. Die Bauern des Kaplandes sollen sich ein „Vergnügen“ daraus machen, dem Ratel ihre Messer in verschiedene Teile seines Leibes zu stoßen, weil sie wissen, daß sie hierdurch noch keineswegs seinen raschen Tod herbeiführen. Bei getöteten, welche von Hunden gebissen worden waren, konnte man niemals im Felle ein Loch bemerken. Starke Schläge auf die Schnauze sollen ihn jedoch augenblicklich töten. |

Der indische Natel (Mellivora indica, M. ratel, Ursus indieus, Ursitaxus inauritus) soll in seiner Lebensweise sich wie unser Afrikaner verhalten, auch ein sehr schädlicher Besucher der Geflügelhöfe sein. Er wird jedoch von den Eingeborenen überdies beschuldigt, die Gräber aufzuwühlen, um sich an den Leichnamen zu sättigen (2). Seine Ber: breitung erstreckt sich über ganz Indien westlich und nordwestlich von der Bai von Bengalen bis zum Fuße des Himalaja, mit Ausnahme der Malabarküste und Unterbengalens. Auf Ceylon kommt er nicht vor.

Jung eingefangene Ratels werden zahm und ergötzen durch die Plumpheit und Absonderlichkeit ihrer Bewegungen. Sie pflegen höchst ernsthaft und unermüdlich in ihrem Gefängnis auf einem und demselben Pfade herumzulaufen und genau an bestimmten Stellen gleichmütig Purzelbäume zu schlagen. Haben sie es einmal vergessen, so stutzen sie, kehren um und holen das Versäumte gewissenhaft nach. Ich beobachtete an Gefangenen, daß sie mit bewunderungswürdiger Regelmäßigkeit ihre höchst komischen Purzelbäume immer genau auf derselben Stelle ihres Käfigs machen, hundertmal nacheinander, falls sie die Laune anwandelt, ihren Käfig jo oft zu durchmessen. Die beiden befannteften Arten find im Londoner Tiergarten zusammengesperrt, vertragen sich vortrefflich und ergötzen durch ihren unverwüstlichen Humor. Ein Ratel, welchen ich pflegte, war viel langweiliger, unzweifelhaft nur 42 *

deshalb, weil ihm Gesellschaft fehlte. Im ganzen läßt unsere Kenntnis der Honigdachse | noch sehr viel zu wünschen übrig.

Eine fernere Gattung wird gebildet durch den Stinkdachs, dessen Merkmale folgende sind: der Leib ist untersetzt, der Schwanz nur ein mit langen Haaren besetzter Stummel, der Kopf sehr gestreckt, die Schnauze rüsselartig verlängert; die Augen sind klein, die kurzen, länglichen Ohren unter den Haaren versteckt; die niederen und starken Beine tragen an den mäßig großen Füßen mächtige Scharrkrallen, die Vorderfüße doppelt so lange als die Hinterfüße; ihre Zehen sind bis zum letzten Gliede miteinander verwachsen. Das Gebiß besteht aus 34 Zähnen und zwar, außer der gewöhnlichen Anzahl von Schneide-und Eckzähnen, aus je 3 Lückzähnen im oberen und unteren Kiefer, 1 Backenzahn oben und 2 unten. In der Aftergegend ist keine Drüsentasche vorhanden, dagegen finden sich an der Mastdarmmündung Absonderungsdrüsen, welche durch einen besonders entwickelten Ringmuskel sehr stark zusammengepreßt werden und die in ihnen enthaltene Flüssigkeit hervorspritzen können.

Der Stinkdachs, auf Java Teledu und Segung, auf Sumatra Tellego, auf

Borneo Saat und Gobang genannt (Mydaus meliceps, M. javanicus und telagon, Mephitis javanensis, Ursus foetidus), ist ein kleines Mitglied seiner Unterfamilie von 37 em Länge, wovon auf das Stumpfschwänzchen etwa 2 cm kommen. Die Färbung des dichten, langen Felles ist, mit Ausnahme des Hinterhauptes und Nackens, ein gleichartiges Dunkelbraun. Ein weißer oder gelblichweißer Streifen verläuft längs des Rückens bis zur Spitze des Schwanzes. Die Unterseite des Leibes ist lichter als die obere. Der Pelz besteht aus seidenweichem Woll- und grobem Grannenhaar, das an den Seiten und auf dem Nacken eine Art von Mähne bildet. Bock, der unser Tier vornehmlich auf Borneo beobachtete, gibt noch an, daß das ganze Gesicht bis zu den Ohren unbehaart, die Schnauze rötlich fleischfarben sei. Der Stinkdachs bewohnt Sumatra, Java und Borneo; ob er auch auf der Malayischen Halbinsel und andern Teilen des Festlandes vorkommt, muß unentschieden bleiben. Sterndale hält es für möglich, daß er sich in Tenasserim findet; Blanford führt ihn nicht an. Horsfield hat uns zuerst mit der Lebensweise des eigentümlichen Geschöpfes bekannt gemacht. Seinen Bau legt der Stinkdachs mit großer Vorsicht und vielem Geschick in geringer Tiefe unter der Oberfläche der Erde an. Wenn er einen Ort gefunden hat, welcher durch die langen und starken Wurzeln der Bäume besonders geschützt ist, scharrt er sich hier zwischen den Wurzeln eine Höhle aus und baut sich unter dem Baume einen Kessel von Kugelgestalt, welcher fast 1m im Durchmesser hat und regelmäßig ausgearbeitet wird. Von hier aus führen Röhren von etwa 2 m Länge nach der Oberfläche und zwar nach verschiedenen Seiten hin, deren Ausmündungen gewöhnlich durch Zweige oder trockenes Laub verborgen werden. Während des Tages verweilt er versteckt in seinem Baue, nach Einbruch der Nacht beginnt er Jagd auf Larven aller Art und auf Würmer, zumal Regenwürmer, welche in der fruchtbaren Dammerde in außerordentlicher Menge vorkommen. Die Regenwürmer wühlt er wie ein Schwein aus der Erde und richtet dadurch Schaden in den Feldern an. Laut Bock wirft er 3—4 Junge; auch läßt er „ein Knurren hören wie ein Hund, bevor er zu bellen anfängt, und wenn er umherläuft, so grunzt und schnüffelt er beinahe wie ein Schwein“. Nach Horsfield ist er auf Java ausschließlich auf Höhen beschränkt, welche mehr als 2000 m über dem Meere liegen, und kommt hier ebenso regelmäßig vor wie gewisse Pflanzen. Alle Gebirgsbewohner kennen ihn und seine Eigentümlichkeiten; in der Tiefe weiß man von ihm ebensowenig wie von einem fremdländischen Geschöpfe: in Batavia, Samarang oder Surabaya würde man vergeblich nach ihm fragen. Beobachtungen aus neuerer

Continue reading
Page 176 of 188