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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Im Herbste verspeist Grimbart nicht Bucheln, Eicheln ꝛc., wohl aber abgefallenes Obst aller Art, Möhren und Rüben; kleinere Säugetiere, Feldmäuse, Maulwürfe ꝛc., werden auch nicht verschmäht, ja selbst Eidechsen, Frösche und Schlangen munden ihm. In den Weinbergen richtet er unter Umständen Verwüstungen an, drückt die traubenschweren

Reben ohne Umstände mit der Pfote zusammen und mästet sich förmlich mit ihrer süßen Frucht. Höchst selten stiehlt er junge Enten und Gänse von Bauernhöfen, welche ganz nahe am Walde liegen; denn er ist außerordentlich mißtrauisch und furchtsam, wagt sich deshalb auch bloß dann heraus, wenn er überzeugt sein kann, daß alles vollkommen sicher ist. Nicht selten geht er Aas an. Er frißt im ganzen wenig und trägt nicht viel für den Winter in seinen Bau ein; es müßte denn ein Möhrenacker in dessen Nähe liegen und seiner Bequemlichkeit zu Hilfe kommen. Merklichen Schaden verursacht der Dachs in Europa nicht, jedenfalls niemals und nirgends so viel, daß der Nutzen, welchen er durch Wegfangen und Verzehren von allerlei Ungeziefer im Walde und in der Flur uns bringt, jenen nicht reichlich aufwiegen sollte. Unter allen Mardern ist er der nützlichste und ein Erhalter, nicht aber ein Schädiger des Waldes: der Forstmann, welcher ihn zu vernichten sucht, sündigt also an sich selbst und an dem von ihm gepflegten Walde. „Mit dem Igel“, bemerkt Adolf Müller, „hat man den harmlosen Grimbart der Zerstörung der Waldsaaten bezichtigt. Beide Tiere sind von unkundigen, oberflächlichen Beobachtern beim emsigen Suchen nach Larven und Maden in den Rinnen der mit Buchenoder Fichtensamen besäeten Flächen gesehen, für die Zerstörer der zerkauten Samen gehalten und verfolgt worden. Als ob die Tiere nicht vielmehr den in solchen Saaten und gerade hier vorzugsweise sich ansiedelnden schädlichen Engerlingen und anderen Larven oder gar Mäusen nachstellten. Schauet doch tiefer, ihr Pfleger und Erzieher der Wälder, die ihr nicht die Böcke von den Schafen scheiden könnt; thut Dachs und Igel aus dem abergläubischen Banne der alten Nimrode und in den Schutz der vorurteilslosen Naturwissenschaft. Betrachtet das Gebiß und vergleicht dies mit den Zähnen der Nager, und ihr werdet Dachs und Igel nicht mehr für Waldsamen- oder gar Nadelholzsamendiebe halten. Die Nahrung des Dachses ist und bleibt die von Gliedertieren, und dadurch, verbunden mit dem Umstande, daß er Mäuse fängt, bekundet er sich als eines der nützlichsten Tiere im großen Haushalte der Natur.“ 5

Nicht ganz so harmlos wie bei uns zulande tritt der Dachs in Asien auf. „In Ostsibirien“, sagt Radde, „scheint er viel dreister und blutdürstiger zu sein als in Europa. Er bleibt in den besser bevölkerten Gegenden ausschließlich ein nächtliches Raubtier, was beispielsweise im Burejagebirge, wo wir ihn 14mal bei Tage gesehen, nicht der Fall war. Hier begnügte er sich mit Mäusen und Schlangen und hatte sicher keine Gelegenheit, das junge Rindvieh zu belästigen, wie er es überall in Transbaikalien thut. In den Hochsteppen Dauriens ist es etwas ganz Gewöhnliches, daß er die Kälber seitwärts anspringt. Die grö⸗ ßeren von diesen kommen gemeiniglich mit starken Schrammen und Kratzwunden davon, während Schwächlinge dem Raubtiere unterliegen. Nach der Ansiedelung der Kosaken am Amur belästigten die Dachse besonders in den Ebenen oberhalb des Burejagebirges die Herden dieser Leute.“

Zu Ende des Spätherbstes hat sich der Dachs wohl gemästet. Jetzt denkt er daran, den Winter so behaglich wie nur irgend möglich zu verbringen, und bereitet das Wichtigste für seinen Winterschlaf vor. Er trägt Laub in seine Höhle und bettet sich ein dichtes, warmes Lager. Bis zum Eintritte der eigentlichen Kälte zehrt er von dem Eingetragenen. Nun rollt er sich zusammen, legt sich auf den Bauch und steckt den Kopf zwischen die Vorderbeine (nicht, wie gewöhnlich behauptet wird, zwischen die Hinterbeine, die Schnauzenspitze in seiner Drüsentasche verbergend) und verfällt in einen Winterschlaf. Dieser aber wird, wie jener der Bären, sehr häufig unterbrochen. Bei nicht anhaltender Kälte oder beim Eintritte gelinderer Witterung, besonders bei Tauwetter und in nicht sehr kalten Nächten, ermuntert er sich, geht sogar zuweilen nachts aus seinem Baue heraus, um zu trinken. Bei verhältnismäßig warmer Witterung verläßt er schon im Januar oder spätestens im Februar zeitweise

den Bau, um Wurzeln auszugraben und, wenn ihm das Glück wohl will, auch vielleicht ein Mäuschen zu überraschen und abzufangen. Dennoch bekommt ihm das Fasten schlecht, und wenn er im Frühlinge wieder an das Tageslicht steigt, ist er, welcher sich ein volles Bäuchlein angemästet hatte, fast klapperdürr geworden.

Die Rollzeit des Dachses findet im Oktober, ausnahmsweise (zumal bei jungen Tieren) später statt. Nach 12— 15 Wochen, also Ende Februar oder Anfang März, wirft die Mut: ter 3—5 blinde Junge auf ein sorgfältig ausgepolstertes Lager von Moos, Blättern, Farnkräutern und langem Grase, welche Stoffe sie zwischen den Hinterbeinen bis zum Eingange ihres Baues getragen und dann mit gegengestemmtem Kopfe und den Vorderfüßen durch die Röhre in den Kessel geschoben hat. Daß sie dabei einen eigenen Bau bewohnt, versteht sich eigentlich von selbst; denn der weibliche Dachs ist ebensogut ein eingefleischter Einsiedler wie der männliche. Die Jungen werden von ihr treu geliebt. Sie trägt ihnen nach der Säugezeit so lange Würmer, Wurzeln und kleine Säugetiere in den Bau, bis sie selbst sich zu ernähren im stande sind. Während des Wochenbettes wird es dem Weibchen schwer, die sonst musterhafte Reinlichkeit, welche im Baue herrscht, zu erhalten; denn die ungezogenen Jungen sind natürlich noch nicht so weit herangebildet, um jene hohe Tugend zu würdigen. Da hat nun die Alte ihre liebe Not, weiß sich aber zu helfen. Neben dem Kessel legt sie noch eine besondere Kammer an, die der kleinen Gesellschaft als Abtritt dienen und zugleich alle Nahrungsstoffe aufnehmen muß, welche die Jungen nur teilweise verzehren. Nach ungefähr 3—4 Wochen wagen sich die kleinen, sehr hübschen Tierchen in Gesellschaft ihrer Mutter bereits bis zum Eingange ihres Baues, legen sich mit ihr auch wohl vor die Höhle, um sich zu sonnen. Dabei spielen sie nach Kinderart allerliebst miteinander und erfreuen den glücklichen Beobachter um so mehr, als diesem das anziehende Schauspiel selten geboten wird. Bis zum Herbste bleiben sie bei der Mutter, trennen sich sodann und beginnen nun ihr Leben auf eigene Hand. Alte Dachsbaue werden von ihnen mit Vorliebe bezogen; im Notfalle muß aber auch ein eigener gegraben werden. Bloß in seltenen Fällen duldet die Mutter, daß sie sich in ihrem Geburtshause einen zweiten Kessel anlegen und dann den unterirdischen Palast noch während eines Winters mit ihr benutzen. Im zweiten Jahre sind die Jungen völlig ausgewachsen und zur Fortpflanzung fähig, und wenn ihnen nicht der Schuß eines vorsichtig angestellten Jägers das Lebenslicht ausbläst, bringen sie ihr Alter auf 10 oder 12 Jahre.

Man fängt den Dachs in verschiedenen Fallen, gräbt ihn aus und bohrt ihn, scheußlich genug, mit dem sogenannten Krätzer an, einem Werkzeuge, welches einem Korkzieher in vergrößertem Maßstabe ähnelt, treibt ihn durch scharfe Dachshunde aus seinem Baue und erschießt ihn beim Herauskommen. Nur wenn er sich in seinem Baue verklüftet, d. h. so versteckt, daß sogar die Hunde ihn nicht auffinden können, ist er im stande, der drohenden Gefahr sich zu widersetzen; denn seine Plumpheit ist so groß, daß ihm eine Flucht vor dem Hunde nichts helfen würde. Er sucht sich deshalb, wenn er in seinem Baue verfolgt wird, gewöhnlich dadurch zu retten, daß er still, aber mit großer Schnelligkeit sich tiefer eingräbt und hierdurch wirklich oft genug den ihm nachspürenden Hunden entgeht.

Ganz früh am Morgen kann man dem heimkehrenden Dachse wohl auch auf dem Anstande auflauern und ihn erlegen. Abends ist der Anstand höchst langweilig; denn der mißtrauische Gesell erscheint regelmäßig erst mitten in der Nacht und geht so geräuschlos wie möglich davon. Gewöhnlich errichtet man zum Schießstande eine sogenannte Kanzel, d. h. man baut sich auf den nächststehenden Bäumen mit Stangen und Brettern einen Standort und schießt den zu Tage tretenden Dachs von hier aus nieder. Der dickfellige Gesell verlangt aber einen sehr starken Schuß oder verschwindet noch vor den Augen des Schützen in seinem

Baue. Zuweilen geschieht es auch wohl, daß ein Dachs dem anderen verwundeten zu Hilfe kommt. Einen solchen Fall hat, nach Karl Müller, ein Förster in Diensten des Grafen von Schlitz aufgezeichnet. Er schoß im Oktober abends auf einen Dachs, welcher kaum einen Schritt von der Röhre sich entfernt hatte. Das Tier wälzte sich klagend und schien dadurch die Teilnahme eines Gefährten im Baue erweckt zu haben, denn ehe der Schütze hinzueilen Zeit findet, steigt ein zweiter Dachs aus dem Baue, packt den klagenden, zieht ihn in die Röhre und verschwindet in der Tiefe. Wird der Dachs im Freien von einem Hunde überrascht, so legt er sich zuerst platt auf den Boden, als würde er dadurch geborgen, wirft sich dann aber auf den Rücken und verteidigt sich ebenso schnell wie mutig mit seinem scharfen Gebisse und seinen Klauen. Im Baue verwundet er die eingefahrenen Dachshunde oft fürchterlich an der Nase, und wenn er sich einmal verbissen hat, läßt er nicht sogleich los. Ein einziger Schlag auf die Nase genügt, um ihn zu töten, während an den übrigen Teilen des Leibes die heftigsten Hiebe keine besondere Wirkung hervorzubringen scheinen. Sobald er Nachstellungen erfährt, verdoppelt er seine Vorsicht, und es kommt nicht selten vor, daß ein Dachs 2—3 Tage ruhig in seinem Baue verbleibt, wenn dieser vorher von einem Hunde oder Jäger besucht wurde. In manchen Gegenden geht man nachts an den Bau, setzt dort scharfe Hunde auf seine Fährte und läßt ihn verfolgen. Nach kurzer Zeit kommt er zurück und kann von dem Jäger, welcher mit einer Blendlaterne versehen ist, erlegt werden, da ihn die Hunde gewöhnlich bald erreichen und festpacken.

Alt eingefangene, beim Ausgraben ihrer Baue erbeutete Dachse sind geradezu abscheuliche Tiere, jeder Behandlung oder Erziehung unzugänglich, faul, mißtrauisch, tückisch und bösartig. Sie rühren sich bei Tage nicht und kommen nur des Nachts zum Vorschein, fletschen bei jeder Gelegenheit die Zähne und beißen den, welcher unvorsichtig sich ihnen nähert, in gefahrdrohender Weise. Lenz erhielt einen alten, fetten, ganz unversehrten Dachs und that ihn in eine große Kiste. Hier blieb er ruhig in derselben Ecke liegen, rührte sich nicht, wenn man ihn nicht derb stieß, und wurde erst nachts nach 10 Uhr munter. „Wollte ich ihn“, sagt unser Gewährsmann, „den Tag über in eine andere Ecke schaffen, so mußte ich ihn mit Gewalt vermittelst einer großen Schaufel dahin schieben. In solchen Fällen und überhaupt, wenn ich ihn durch Rippenstöße 2c. kränkte, fauchte er heftig durch die Nase, verursachte dann abwechselnd durch die Erschütterung feines Bauches ein ganz eigenes Trom—⸗ meln, und wenn er, um zu beißen, auf mich losfuhr, gab er einen Ton von sich, fast wie ein großer Hund oder Bär in dem Augenblicke, wenn er einen Rippenstoß bekommt und losbeißt. „Am ersten Tage gab ich ihm einige Möhren, zugleich aber auch eine lebende Blindschleiche nebst zwei Ringelnattern in seine Kiste. Am folgenden Morgen fand ich, daß er nichts gefressen, aber eine Ringelnatter in der Mitte tüchtig zerbissen hatte. Abends fügte ich zu diesen Speisen noch zwei große Kreuzottern, welche ich vor seine Schnauze legte. Er beachtete sie nicht im geringsten, ließ sich durch ihr Fauchen gar nicht in seiner Ruhe stören, obgleich er keineswegs schlief, und litt späterhin ganz geduldig, daß sie wie auch die Ringelnattern auf ihm herumkrochen. Am dritten Tage morgens fand ich noch immer alle Speisen unversehrt, nur hatte er von der tags zuvor angebissenen Ringelnatter ein etwa 7 em lan ges Stück abgefressen. Zu den erwähnten Speisen fügte ich nun noch eine tote Meise, ein Stück Kaninchen und Runkelrüben. Am vierten Tage morgens fand ich, daß er die Blindschleiche nebst beiden Kreuzottern ganz aufgezehrt, von beiden Ringelnattern sowie vom Kaninchen ein tüchtiges Stück abgefressen, die Meise aber wie die Möhren und Rüben nicht angerührt hatte. Er zeigte sich nun überhaupt munter, und da ich sah, daß ihm Kreuzottern wohlbehagten, sehnte ich mich nach dem Schauspiele, ihn solche zerreißen und fressen zu sehen. Wie war dies aber anzufangen, da er seiner Natur nach nur des Nachts frißt und außerdem fast übermäßig scheu ist?

„Ich hatte schon im voraus auf eine List gesonnen. Der Dachs ist auf einen frischen Trunk sehr begierig, und wenn er durch eine Falle tagelang verhindert wird, seinen Bau zu verlassen, geschieht es oftmals, daß er dann, nachdem er endlich doch glücklich herausgekommen ist, sogleich zum Wasser eilt und dort so viel säuft, daß er tot auf dem Flecke bleibt (?). Ich hatte ihn deshalb 2 Tage lang durften lassen, nahm jetzt aber eine große, matte Otter, tauchte sie in frisches Wasser und legte sie ihm vor. Sowie er das Wasser roch, erhob er sich und beleckte die Otter. Sie suchte zu entwischen; er aber trat mit dem linken Fuße fest auf sie, zerriß ihren Hinterleib und fraß vor meinen Augen ein tüchtiges Stück davon mit sichtbarem Wohlbehagen. Die Otter öffnete ihren Rachen weit und drohend, biß aber nicht zu. Jetzt setzte ich ihm einen Napf vor und goß Wasser hinein. Alsbald verließ er die Otter und soff mit großer Begierde alles, was da war, über 2 Nößel (2 Nößel S 1 Liter). Beim Saufen läßt er nicht, wie Hund und Fuchs, die Zunge vortreten, sondern steckt den Mund in das Wasser und bewegt die Unterkinnlade, als ob er kaue.“

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