Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Die Nahrung der Hyrare besteht aus allen kleinen, wehrlosen Säugetieren, deren sie habhaft werden kann. Hirschkälber, Agutis, Kaninchen, Apereas und Mäuse bilden wohl
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den Hauptbestandteil ihrer Mahlzeiten; auf waldfreien Strecken geht sie den Hühnern und jungen Nandus nach, in den Wäldern besteigt sie die Bäume und bemächtigt sich der Brut der Vögel. In die Hühnerställe bricht fie nach Marderart ein, beißt dem Federvieh den Kopf ab und leckt das Blut mit derselben Gier wie Baummarder oder Iltis; denn auch sie ist blutdürstig und erwürgt, wenn es in ihrer Gewalt liegt, mehr Tiere, als sie zur Sättigung bedarf. Als ausgezeichneter Kletterer besteigt sie selbst die höchsten Bäume, um die Nester der Vögel zu plündern oder den Honig der Bienen aufzusuchen. Abwärts klettert sie stets mit dem Kopfe voran und zeigt dabei eine Fertigkeit, welche nur wenig andere kletternde Säugetiere besitzen. „Sie läuft“, sagt der Prinz von Wied, „zwar nicht besonders schnell, hält aber sehr lange die Spur des angejagten Tieres ein und soll dadurch dasselbe oft ermüden und fangen. Man will gesehen haben, daß sie ein Reh jagte, bis dieses aus Ermüdung sich niederlegte und dann noch lebend von ihr angefressen wurde.“
Ihre Lager oder Nester legt sie, laut Hensel, wohl immer in unterirdischen Bauen an; wenigstens fanden Hensels Hunde einst ein solches unter Felsen. „Es gelang nach vieler Mühe, durch abgehauene schwere Stämme, welche als Hebebäume benutzt wurden, die Felstrümmer auf die Seite zu schaffen und die Alten nebst zwei Jungen zu erhalten. Diese waren noch blind und vielleicht erst wenige Tage alt; sie glichen in Ansehen und Stimme ganz täuschend jungen Füchsen, und man mußte ziemlich genau zusehen, um an den etwas kürzeren Beinen und den längeren Krallen an allen fünf Zehen die Unterschiede herauszufinden.“
Die Hyrare wird in ganz Südamerika ziemlich oft gezähmt. Schomburgk fand sie oft in den Hütten der Indianer, welche sie Maikong oder Hava nennen, und besaß, wie auch Rengger, selbst längere Zeit ein Stück lebend. Beide Forscher berichten uns darüber etwa folgendes: Man ernährt die Hyrare mit Milch, Fleisch, Fischen, gekochten Yams, reifen Bananen, kurz mit allem Möglichen, und kann sie somit sehr leicht erhalten. Wenn man ihr Speise zeigt, springt sie heftig danach, ergreift sie sogleich mit den Vorderpfoten und den Zähnen und entfernt sich damit soweit als thunlich von ihrem Wärter. Dann legt sie sich auf den Bauch nieder und frißt das Fleisch, es mit beiden Vorderpfoten festhaltend, ohne Stücke davon abzureißen, nach Katzenart, indem sie mit den Backenzähnen der einen Seite daran kaut. Wirft man ihr lebendes Geflügel vor, so drückt sie es in einem Sprunge zu Boden und reißt ihm den Hals nahe am Kopfe auf. Ein gleiches thut sie mit kleinen Säugetieren, ja, wenn sie nicht sorgsam genug gezogen worden ist, selbst mit jungen Hunden und Katzen. Sie liebt das Blut sehr, und man sieht sie dieses gewöhnlich, wenn sie ein Tier erlegt hat, auflecken, bevor sie von dem Fleische genießt. Stört man sie beim Fressen, so beißt sie wütend um sich. Flüssigkeiten nimmt sie lappend zu sich. Sie ist sehr reinlich und leckt und putzt ihr glänzend schwarzes Fell fortwährend. Im Zorne gibt sie einen eigenen Bisamgeruch von sich, welcher von einer Absonderung der in der Hautfalte unter dem After liegenden Drüsen herrührt. Behandelt man sie mit Sorgfalt, so wird sie gegen den Menschen sehr zahm, spielt mit ihm, gehorcht seinem Rufe und folgt ihm, wenn sie losgebunden wird, gleich einer Katze durch das ganze Haus nach. Dabei zeigt sie sich sehr spiellustig und leckt und kaut besonders gern an den Händen herum, beißt aber oft auch recht herzhaft zu. Im Spielen stößt sie, wie es die jungen Hunde zu thun pflegen, knurrende Töne aus; wird sie aber ungeduldig, so läßt sie ein kurzes Geheul hören. Ungeachtet ihrer Liebenswürdigkeit bleibt fie doch gegen alle kleineren Haustiere, namentlich gegen das Geflügel, ein gefährlicher Feind und springt, solange sie etwas Lebendes um sich sieht, auf dieses mit einer Art von Wut zu, um es abzuwürgen, alle früher erhaltenen Züchtigungen vergessend. Ihre Lebensart ändert sie in der Gefangenschaft, wenn sie immer angebunden bleibt oder in einem Käfig gehalten wird, insoweit, daß fie die ganze Nacht schlafend zu: bringt; läßt man sie aber in der Wohnung frei umherlaufen, so bringt sie dieselbe Ordnung
wie im Freien zu stande. Sie schläft dann bloß während der Mitternacht und in den Mittagsstunden und jagt vom frühen Morgen bis zum Abend den jungen Mäusen und Ratten nach, von denen sie besser als eine Katze das Haus zu reinigen versteht.
Bloß die wilden Indianer, für deren Gaumen keine Art von Fleisch zu schlecht zu sein scheint, essen den Maikong; die Europäer finden sein Fleisch abscheulich. Jene benutzen auch sein Fell, um kleine Säcke daraus zu verfertigen oder um es in Riemen zu zerschneiden, welche sie dann als Zierat gebrauchen; gleichwohl jagen sie das Tier nicht besonders häufig. Wenn sich die Hyrare verfolgt sieht, versteckt sie sich, falls sie Gelegenheit dazu findet, in einem Erdloche oder in einem hohlen Stamme oder klettert auf einen hohen Baum und setzt ihre Flucht durch die benachbarten Wipfel fort, um nach einiger Entfernung wieder den Boden zu gewinnen. Fehlt ihr aber ein solcher Zufluchtsort, so erreichen die Hunde sie sehr bald, da sie kein Schnellläufer ist, und überwältigen sie nach einer kurzen Gegenwehr.
Der Grison (Galictis vittata, Viverra, Mustela, Lutra und Grisonia vittata, Gulo vittatus, Ursus brasiliensis, Viverra und Mustela quiqui 2c.) ist kleiner als die Hyrare, etwa 65 em lang, wovon auf den Schwanz ungefähr 22 em kommen, und durch gedrungenere Gestalt und verhältnismäßig kurzen Schwanz, auch durch das dünnere, eng anliegende Haarkleid ausgezeichnet. Die Färbung erscheint besonders deshalb merkwürdig, weil die Oberseite des Körpers lichter gefärbt ist als die Unterseite. Die Schnauze, der untere Teil des Nackens, der Bauch und die Kiefer sind dunkelbraun, während die ganze Oberseite, von der Stirn an bis zum Schwanze, blaßgrau aussieht, da die Grannenhaare schwarze und weiße Ringe zeigen. Von der Stirn läuft über die Wangen eine hellockergelbe Binde, welche gegen die Schultern hin etwas stärker wird. Die Schwanzspitze und die kleinen Ohren sind ganz gelb, die Sohlen und die Fersen dunkelschwarz gefärbt, die kurzen Streifen der Stirn und Wange glänzend stahlgrau. Zwischen Männchen und Weibchen sowie zwischen alt und jung findet kein Unterschied in der Färbung statt. Eine nahe verwandte Art ist der Große Grison (G. allamandi).
Der Grison bewohnt so ziemlich dieselben Gegenden wie die vorhergehende Art. Schomburgk nennt ihn eines der gewöhnlichen Raubtiere der Küste. Er hält sich in den Pflanzungen und besonders gern in der Nähe der Gebäude auf, wo er unter dem Federvieh zuweilen großen Schaden anrichtet. In Brasilien findet er sich, laut Hensel, nicht so häufig wie die Hyrare und bewohnt lieber die Kamposgegenden, obwohl er auch tief im Urwalde angetroffen wird. Von den Hunden getrieben, bäumt er nicht, sondern verbirgt sich baldmöglichst unter Steinen und Baumwurzeln. Wenn die Hyrare unserem Edelmarder gleicht, ähnelt der Grison dem Iltis, mit welchem er auͤ ch in der Größe übereinstimmt. Hohle Bäume, Felsspalten und Erdlöcher sind seine Aufenthaltsorte. Das Tier macht den Eindruck eines unverschämten Wesens und hat eine eigentümliche Gewohnheit, den langen Hals emporzuheben, ganz wie giftige Schlangen zu thun pflegen; dabei blitzen die kleinen, dunkeln Augen unter der weißen Binde sehr lebendig hervor und geben der geistigen Regsamkeit sowie auch dem mordlustigen Wesen belebten Ausdruck. Der Grison soll ebenso blutgierig wie unser Marder sein und ohne Hunger so viele Tiere würgen, als er nur erhaschen kann; auch gilt er für recht mutig. Ein Grison, welchen ein Engländer zahm hielt, verließ einigemal seinen Käfig und griff einen jungen Alligator an, welcher sich in demselben Zimmer befand. Letzterer war, wie der Erzähler bemerkt, dummzahm und hatte sich an einem Abende in die Nähe des Feuers gelegt, um der willkommenen Wärme sich zu erfreuen. Als am nächsten Morgen der Eigner eintrat, fand er, daß der Grison die Flucht aus dem Käfig bewerkstelligt hatte, entdeckte auch zugleich die Spuren des Angriffs des kleinen Geschöpfes an der großen Panzerechse. Gerade unter den Vorderbeinen, dort, wo die starken 41*
Blutgefäße verlaufen, hatte der Grison den Alligator so furchtbar zerfleischt, daß das arme Vieh an den Folgen feiner Wunden zu Grunde ging. Auch Cuvier berichtet von den Angriffen unseres Marders auf andere, verhältnismäßig stärkere Tiere. Ein Grison, welchem fortwährend Nahrung im Überflusse gereicht wurde, stillte seinen Blutdurst an einem armen Lemur, dessen Anblick ihn vorher so aufgeregt hatte, daß er endlich die Stäbe seines Käfigs zernagte und das harmlose Geschöpf überfiel und tötete. Gerade dieser Grison war sehr zahm und im hohen Grade spiellustig, seine Spielerei aber freilich eigentlich nichts anderes als ein versteckter Kampf. Sobald man ihm sich hingab, legte er sich auf den Rücken und faßte die Finger feines menschlichen Spielkameraden zwischen seine Klauen, nahm dieselben in das Maul und kniff sie leise mit den Zähnen. Niemals hatte er so heftig gebissen, daß solches Spiel gefährlich geworden wäre, und um so verwunderter war man, daß er sich Tieren gegenüber ganz abweichend benahm. Sein Gedächtnis war merkwürdig: der Grison erkannte seine alten Freunde an den Fingern, mit welchen er früher gespielt hatte. In seinen Bewegungen war er flink und anmutig, und während er sich in seinem Käfig bewegte, hörte man von ihm, solange er bei guter Laune war, beständig ein heuschreckenartiges Gezirpe. Gereizt, gab er einen ziemlich starken, doch keineswegs unerträglichen Bisamgeruch von sich, welcher nach einigen Stunden wieder verging. In der Provinz Rio Grande do Sul, besonders in der gleichnamigen Stadt, soll er, laut Hensel, nicht selten in großen Speichern wie bei uns die Katzen zum Vertilgen der Ratten gehalten werden. Ein zahmes Pärchen, welches ein Kaufmann in Porto Alegre von dorther sich kommen ließ, hielt sich einige Wochen in seinen Speichern, verschwand dann aber, angeblich infolge der Nachlässigkeit der schwarzen Bediensteten, auf Nimmerwiedersehen.
In unseren Käfigen sieht man den Grison selten; doch kommt dann und wann einer auf den europäischen Tiermarkt. Ich selbst habe eine Zeitlang einen gepflegt und mich an seiner munteren Beweglichkeit und anscheinenden Gemütlichkeit ergötzt. Auffallend war mir die Haltung im Vergleiche zu der seiner Verwandten, der Hyrare. Während diese beim Sitzen den ausgeprägtesten Katzenbuckel zu machen und sich in eigentümlichen Sprüngen immer mit mehr oder weniger krummgebogenem Rücken zu bewegen pflegt, hält sich der Grison gerade und läuft mit gestrecktem Leibe trollend seines Weges fort. Mein Gefangener war stets gut gelaunt und aufgeräumt, schien sich mit seinem Lose als Gefangener vollständig ausgesöhnt zu haben und machte wenig Ansprüche an Pflege und Nahrung, verlangte hinsichtlich der ersteren nur größte Reinhaltung des Käfigs nebst einem weichen Heulager und liebte hinsichtlich des Futters Abwechselung. Früchte verschiedener Art, insbesondere Kirschen, Pflaumen und Birnenschnitzel, fraß er mit demselben Appetit wie Fleisch, und gierig zeigte er sich überhaupt nur dann, wenn ihm ein lebendes Tier zum Futter geboten wurde. Außerst gierig dagegen, wenn es Futter gab, war nach Haacke ein Grison des Frankfurter Tiergartens. Sobald sich der Wärter mit dem gefüllten Freßnapfe nahte, erhob er ein lautes, erregtes Gezwitscher; ungestüm fiel er über sein Futter her und verschlang es hastig unter fortgesetztem lauten Bekunden seiner regen Freßlust, das sich zu schmetterndem Wutgezeter steigerte, sobald man that, als ob man ihm das Futter streitig machen wolle. Im übrigen war aber auch dieser Grison ein gemütliches, liebenswürdiges Tierchen, das gern mit allen Leuten spielte, ohne dabei jemals ernstlich zuzubeißen.
Das Weibchen des Grison bringt im Oktober zwei Junge zur Welt und pflegt und liebt sie in ebendem Grade wie seine Verwandten. Auch er wird von Eingeborenen häufig in Gefangenschaft gehalten, manche essen auch sein Fleisch und verwenden seinen Pelz. Die Ansiedler töten ihn, wo sie ihn nur erlangen können.
Unserem Grimbarte zu Ehren nennen wir die aus Sohlengängern bestehende zweite Unterfamilie der Marder Dachse (Melidae) und vereinigen in ihr die plumpesten und gedrungensten Gestalten und die größten Stänker der ganzen Familie.
Das vollendetste Bild eines selbstsüchtigen, mißtrauischen, übellaunischen und gleichsam mit sich selbst im Streite liegenden Gesellen ist der Dachs. Hierüber sind so ziemlich alle Beobachter einig, obgleich sie den Nutzen, welchen dieser eigentümliche Marder gewährt, nicht verkennen. Der Dachs ist unter den größeren europäischen Raubtieren das unschädlichste und wird gleichwohl verfolgt und befehdet wie der Wolf oder der Fuchs, ohne daß er selbst unter den Weidmännern, welche doch bekanntlich diejenigen Tiere am meisten lieben, denen sie am eifrigsten nachstellen, viele Verteidiger gefunden hat. Man schilt und verurteilt ihn rücksichtslos, ohne zu bedenken, daß er nach seiner Weise schlecht und gerecht lebt und, so gut es gehen will, ehrlich und redlich sich durchs Leben schlägt. Nur die eigentümliche Lebensweise, welche er führt, trägt die Schuld der Härte des Urteils über ihn. Er ist allerdings ein griesgrämiger, menschen- und tierscheuer Einsiedler und dabei ein so bequemer und fauler Gesell, wie es nur irgend einen geben kann, und alle diese Eigenschaften sind in der That nicht geeignet, sich Freunde zu erwerben. Ich für meinen Teil muß gestehen, daß ich ihn nicht ungern habe: mich ergötzt sein Leben und Wesen.