Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Gedrungener, starker und kräftiger Leib, dicker Hals und langer Kopf, an dem sich die Schnauze rüsselförmig zuspitzt, kleine Augen und ebenfalls kleine, aber sichtbare Ohren, nackte Sohlen und starke Krallen an den Vorderfüßen, der kurze, behaarte Schwanz und der dichte, grobe Pelz sowie eine Querspalte, welche zu einer am After liegenden Drüsentasche führt, kennzeichnen die Gattung Meles, welche der Dachs vertritt. Im Gebisse fällt die Stärke der Zähne, zumal die unverhältnismäßige Größe des einzigen oberen Kauzahnes oder die Abstumpfung des Fleischzahnes, als eigentümlich auf. Außer den Schneide- und Eckzähnen finden sich oben 4, unten 3 Lückzähne, oben 1, unten 2 Mahlzähne in jedem Kiefer; das ganze Gebiß besteht aus 36 Zähnen.
Der Dachs, Gräving oder Greifing (Meles taxus, Ursus taxus und meles, Taxus vulgaris, Meles vulgaris und europaeus) erreicht bis 75 cm Leibes- und 18 cm Schwanzlänge, bei ungefähr 30 em Höhe am Widerriste. Alte Männchen erlangen im Herbste ein Gewicht bis zu 20 kg. Ein ziemlich langes, straffes, fast borstenartiges, glänzendes Haarkleid bedeckt den ganzen Körper und hüllt auch die Ohren ein. Seine Färbung ist am Rücken weißgrau und schwarz gemischt, weil die einzelnen Haare an der Wurzel meist gelblich, in der Mitte schwarz und an der Spitze grauweiß aussehen, an den Körperseiten und am Schwanze rötlich, auf der Unterseite und an den Füßen schwarzbraun. Der Kopf ist weiß, aber ein matter, schwarzer Streifen verläuft jederseits der Schnauze, verbreitert sich, geht über die Augen und die weiß behaarten Ohren hinweg und verliert sich allmählich im Nacken. Die Weibchen unterscheiden sich von den Männchen durch geringere Größe und Breite sowie durch hellere Färbung, welche namentlich durch die weißlichen, durchschimmernden Wollhaare bewirkt wird. Sehr selten sind Dachse von ganz weißer Färbung, noch seltener solche, welche auf weißem Grunde dunkel kastanienbraune Flecken zeigen.
Neugeborene Dachse sind, nach Döbner, 15, mit dem Schwanze 19 em lang und tragen ein dünnes, auf dem Bauche äußerst spärliches, aus straffen, verhältnismäßig dicken und borstenartigen, dicht anliegenden Haaren bestehendes, nur an den dunkel gefärbten Stellen des Körpers mehr oder weniger mit grauen und schwarzen Haaren gemengtes, übrigens weiß gefärbtes Fell. Der bei erwachsenen Dachsen zu beiden Seiten des Kopfes verlaufende schwarze Streifen ist bereits deutlich sichtbar, aber noch bräunlich gefärbt; ebenso sehen die
Füße und die Unterschenkel der Vorder- und Hinterbeine aus. Auch längs der Kehle und Brust zeigt sich schon die dunkle Färbung, doch finden sich hier noch keine dunkeln Haare.
In der Weidmannssprache nennt man das Dachsmännchen Dachs oder Rüde, das Weibchen Fähe oder Fehe, die Augen Seher, die Ohren Lauscher, die Eckzähne Fänge, die Beine Läufe, die Haut Schwarte, den Schwanz Bürzel, Rute, Zain, die Nägel auch Klauen, die Zugänge seiner Wohnung Röhren, Gänge, Geschleife und Einfahrten, den Ort, wo unter der Erde die Röhren zusammenlaufen, den Kessel, die Pfade, die außen vom Baue führen, Steige. Hat er den Bau erweitert, vertieft und die lockere Erde vor die Röhren geschafft, so hat er ausgeführt; hat er aber allerlei Pflanzenstoffe zum weichen Lager hineingeschafft, so hat er eingemoost. Man sagt, der Dachs bewohnt den Bau, befährt die Röhre, sitzt im Kessel, versetzt, verklüftet, verliert sich, wird vom Dachshunde im Kessel angetrieben, schleicht und trabt, weidet sich oder nimmt Weide an, sticht oder wurzelt, wenn er Nahrung aus der Erde gräbt, ranzt oder rollt,
Gerippe des Dachses. (Aus dem Berliner anatomischen Mujeum.)
indem er sich begattet, verfängt sich, wenn er sich an Hunden fest beißt; er wird totgeschlagen, die Schwarte abgeschärft, das Fett abgelöst, der Leib aufgebrochen, zerwirkt und zerlegt.
Der Dachs bewohnt mit Ausnahme der Insel Sardinien und des Nordens von Skandinavien ganz Europa, ebenso Asien von Syrien an durch Georgien und Persien bis nach Japan sowie Sibirien bis zur Lena. Er lebt einsam in Höhlen, welche er selbst mit seinen starken, krummen Krallen auf der Sonnenseite bewaldeter Hügel ausgräbt, mit 4 —8 Ausgängen und Luftlöchern versieht und innen aufs bequemste einrichtet. Die Hauptwohnung im Baue, der Kessel, zu welchem mehrere Röhren führen, ist so groß, daß er ein geräumiges, weiches Moospolster und das Tier selbst nebst seinen Jungen aufnehmen kann. Die wenigsten Röhren aber werden befahren, sondern dienen bloß im Falle der größten Not als Fluchtwege oder auch als Luftgänge. Größte Reinlichkeit und Sauberkeit herrscht überall, und hierdurch zeichnet sich der Dachsbau vor fast allen übrigen ähnlichen unterirdischen Behausungen der Säugetiere aus. Vorhölzer, welche nicht weit von Fluren gelegen sind, ja sogar un-bewaldete Gehänge mitten in der Flur werden mit Vorliebe zur Anlegung dieser Wohnungen benutzt; immer aber sind es stille und einsame Orte, welche der Einsiedler sich aussucht. Er liebt es, ein beschauliches und gemächliches Leben zu führen und vor allem seine eigene Selbständigkeit in der ausgedehntesten Weise zu bewahren. Seine Stärke macht es ihm leicht, Höhlen auszuscharren, und wie einige andere unterirdisch lebende Tiere ist er im stande, sich inwenigen Minuten vollkommen zu vergraben. Dabei kommen ihm seine starken, mit tüchtigen Krallen bewaffneten Vorderfüße vortrefflich zu statten. Schon nach sehr kurzer Zeit bereitet ihm die aufgegrabene Erde Hindernisse; nun aber nimmt er seine Hinterfüße zu Hilfe und wirft mit kräftigen Stößen das Erdreich weit hinter sich. Wenn die
Aushöhlung weiter fortschreitet, schiebt er, gewaltsam sich entgegenstemmend, die Erde mit seinem Hinterteile nach rückwärts, und so wird es ihm möglich, auch aus der Tiefe sämtliche Erde herauszuschaffen. Unter allen halbunterirdisch lebenden Tieren sowie unter denen, welche bloß unter der Erde schlafen, sieht der Dachs am meisten darauf, daß seine Baue möglichste Ausdehnung haben und entsprechende Sicherheit gewähren. Fast regelmäßig sind die Gänge, welche von dem Kessel auslaufen, 8 — 10 m lang und ihre Mündungen oft doppelt soweit voneinander
Dachs (Meles taxus). ½ natürl. Größe.
entfernt. Der Kessel befindet sich gewöhnlich 1,5 —2 m tief unter der Erde; ist jedoch die Steilung, auf welcher der Bau angelegt wurde, bedeutend, so kommt er auch wohl bis auf 5 m unter die Oberfläche zu liegen. Dann aber führen fast regelmäßig einzelne Röhren, welche zur Lüftung dienen, senkrecht empor. Kann der Dachs den Bau im Geklüfte anlegen, so ist es ihm um solieber: er genießt dann größere Sicherheit und Ruhe, Hauptbedingungen für die Behaglichkeit seines Daseins.
In diesem Baue bringt der Dachs den größten Teil seines Lebens zu, und erst wenn die Nacht vollkommen hereingebrochen ist, verläßt er ihn auf weitere Entfernung. In sehr stillen Waldungen treibt er sich während des Hochsommers auch wohl schon in den späteren Nachmittagsstunden spazieren gehend außen umher, und ich selbst bin ihm in der Nähe von
Stubbenkammer auf Rügen am hellen, lichten Tage begegnet; solche Tagesausflüge gehören jedoch zu den Ausnahmen. „Von einem Jäger“, berichtet Tschudi, „dem das seltene Glück zu teil ward, einen Dachs im Freien ungestört längere Zeit beobachten zu können, erhalten wir anziehende Mitteilungen. Er besuchte wiederholt einen Dachsbau, welcher, am Rande einer Schlucht angelegt, von der entgegengesetzten Seite dem freien Überblicke offen lag. Der Bau war stark befahren, der neu aufgeworfene Boden jedoch vor der Hauptröhre so eben und glatt wie eine Tenne und so festgetreten, daß nicht zu erkennen war, ob er Junge enthalte. Als der Wind günstiger war, schlich sich der Jäger von der entgegengesetzten Seite in die Nähe des Baues und erblickte bald einen alten Dachs, welcher griesgrämig, in eigener Langweiligkeit verloren, dasaß, doch sonst, wie es schien, sich recht behaglich fühlte in den warmen Strahlen. Dies war nicht ein Zufall: der Jäger sah das Tier, so oft er an hellen Tagen den Bau beobachtete, in der Sonne liegen. In Wohlseligkeit und Nichtsthun brachte es die Zeit hin. Bald saß es da, guckte ernsthaft ringsum, betrachtete dann einzelne Gegenstände genau und wiegte sich endlich nach Art der Bären auf den vorderen Branten gemächlich hin und her. So große Behaglichkeit unterbrachen jedoch plötzlich blutdürstige Schmarotzer, welche es mit außergewöhnlicher Hast mit Nagel und Zahn sofort zur Rechenschaft zog. Endlich zufrieden mit dem Erfolge des Strafgerichtes gab der Dachs mit erhöhtem Behagen in der bequemsten Lage sich der Sonne preis, indem er ihr bald den breiten Rücken, bald den wohlgenährten Wanst zuwandte. Lange dauerte aber dieser Zeit-vertreib auch nicht; mit der Langenweile mochte ihm etwas in die Nase kommen. Er hebt diese hoch, wendet sich nach allen Seiten, ohne etwas ausfindig zu machen. Doch scheint ihm Vorsicht ratsam, und er fährt zu Baue. Ein anderes Mal sonnte er sich wieder, trabte dann zur Abwechselung einmal thalabwärts, um in ziemlicher Entfernung Raum zu schaffen für die Asung der nächsten Nacht, kehrte sogar, gemäß seiner gerühmten Vorsicht und Reinlichkeit, nochmals um und überwischte zu wiederholten Malen seine Losung, damit sie ja nicht zum Verräter werde. Auf dem Rückwege nahm er sich Zeit, stach hier und da einmal, ohne jedoch beim Weiden sich aufzuhalten, trieb dann noch ein Weilchen den alten Zeitvertreib, und als allmählich der Bäume Schlagschatten die Szene überliefen, fuhr er nach sehr schweren Mühen wieder zu Baue, wahrscheinlich, um auf die noch schwereren der Nacht zum voraus noch ein bißchen zu schlummern.“
Eigentümlich ist die Art und Weise, wie er aus dem Baue und in denselben fährt. „Ganz verschieden vom Fuchse“, jagt Adolf Müller, „welcher rasch aus der Röhre hervorkommt und dann erst sichert, kündigt sich dem aufmerksamen Jäger die Ankunft des unterirdischen Gesellen erst durch ein dumpfes Gerumpel in der Röhre an: er schüttelt den Staub von seinem Felle. Dann rückt er äußerst vorsichtig mit dem halben Kopfe aus der Röhre, sichert einen Augenblick und taucht wieder unter. Dies wiederholt sich oft mehrmals, bis der geheimnisvolle Bergbewohner sich höher aus der Röhre heraushebt, einen Augenblick noch mit Gehör und Nase die Umgebung prüft und dann, gewöhnlich trottend, den Bau verläßt. Das Einfahren geschieht in der Regel rasch und im Herbste wegen seiner Beleibtheit unter vernehmbarem Keuchen, langsamer nur bei besonders stillem Wetter und vollkommener Sicherheit, auffallend schnell dagegen, wenn es windig ist.“ Nur junge Dachse gehen in Gesellschaft zur Nahrung aus, alte stets allein.
Zur Zeit der Paarung lebt der Dachs mit seinem Weibchen gesellig, jedoch immer nur in beschränkter Weise; den ganzen übrigen Teil des Jahres bewohnt er für sich allein einen Bau und hält weder mit seinem Weibchen noch mit anderen Tieren Freundschaft. In alten, ausgedehnten Bauen drängt sich ihm zwar der Fuchs nicht selten als Gesellschafter auf; beide Tiere aber bekümmern sich wenig umeinander, und der Fuchs haust sodann regelmäßig in den oberen, der Dachs in den unteren Röhren und Kesseln. Daß Reineke durch
Absetzen seiner Losung den reinlichen Grimbart vertreibe, ist eine von neueren Beobachtern widerlegte Jägerfabel. Die Bewegungen des Dachses sind langsam und träge; der Gang erscheint schleppend und schwerfällig; nicht einmal der schnellste Lauf ist fördernd: man behauptet, daß ein guter Fußgänger Grimbart einholen könne. Das Tier macht einen eigentümlichen Eindruck. Anfänglich meint man, eher ein Schwein vor sich zu sehen als ein Raubtier, und ich meine, daß schon eine gewisse Vertrautheit mit seiner Gestalt und seinem Wesen dazu gehört, wenn man ihn überhaupt erkennen will. An das Schwein erinnert auch seine grunzende Stimme.
Seine Nahrung besteht im Frühjahre und Sommer vorzüglich aus Wurzeln, Kerbtieren aller Art, Schnecken und Regenwürmern, gelegentlich aber auch aus jungen Hasen, Vogeleiern und jungen Vögeln. Die Regenwürmer bohrt er mit den scharfen, langen Nägeln seiner Vorderpfoten aus ihrem Verstecke sehr geschickt heraus, und derselben Werkzeuge bedient er sich beim Aufsuchen von Larven des Maikäfers und sonstiger schädlicher Kerbtiere, welche auf Ackern, Wiesen und anderem Gelände unter der Erde leben. Bei Erbeutung der letzteren sticht er aber nicht, wie der Jäger sagt, d. h. macht nicht trichterförmige, 5—5 cm tiefe und halb so weite Löcher wie beim Erbeuten der Regenwürmer, sondern wühlt öfters den Boden auf und wendet Kaupen um. Hier und da scharrt er ein Hummel- oder Wespennest aus und frißt mit großem Behagen die larvenreichen und honigsüßen Waben, ohne sich viel um die Stiche der erbosten Eigentümer zu kümmern; sein rauher Pelz, die dicke Schwarte und die darunter sich befindende Fettschicht schützen ihn auch vollständig vor den Stichen der Immen. Schnecken, möglicherweise auch Raupen, Schmetterlinge und dergleichen sucht er, wie von Bischofshausen beobachten konnte, von den Bäumen ab. Genannter Weidmann sah zu seiner nicht geringen Überraschung an einem schönen Sommerabende eine Dachsfamilie von fünf Stück, welche auf einem Schlage in sichtlicher Eile, um einander zuvorzukommen, von Baum zu Baum rannten, mit den Vorderläufen, so hoch sie reichen konnten, daran hinaufkletterten und so, auf den Hinterfüßen stehend, jeden Stamm umkreisten. „Sie kamen“, erzählt der Beobachter, „mir dabei sehr nahe und waren in ihrem Geschäfte so eifrig, daß sie meine Anwesenheit nur insofern beachteten, als sie wenigstens an dem Baume, an welchem ich stand, keine Kletterversuche machten, sondern, mich eine Sekunde neugierig betrachtend, zum nächsten Baume gingen. Was aber trieben sie überhaupt an den Bäumen? Zuerst glaubte ich, sie tränken das in den Baumrinnen herabfließende Regenwasser; dazu aber verweilten sie zu kurze Zeit auf einer Stelle und drehten sich zu schnell um den ganzen Stamm herum. Später, als ich nahe genug war, sah ich nun allerdings deutlich, daß sie nicht tranken, bemerkte vielmehr, wie einer von ihnen eine am Baume sitzende kleine Schnecke samt dem Gehäuse verschlang. Gleichzeitig fielen infolge des Regens öfters Schneckenhäuser vom Baume, unter welchem ich stand; ungeachtet aller Aufmerksamkeit konnte ich jedoch nicht entdecken, daß auch nur einer den Versuch gemacht hätte, solche aufzulesen. Sie schienen bloß darauf versessen, sich anden Stämmen aufzurichten, und zwar unbekümmert, ob dasselbe eben vorher schon von einem anderen Dachse an dem gleichen Baume bereits geschehen war oder nicht. Ihr Geschäft wurde von allen unter beständigem Gemurmel ausgeführt, welches in der Nähe wie ein dumpfes knurrendes ‚Bruno, Bruno‘ sich anhörte.“ Solches Treiben hat Pechuel-Loesche ebenfalls beobachtet und zwar einmal am Spätnachmittage an Kiefern, die auf dem Baue selbst standen. Ihm schien es jedoch nur Spielerei zu sein: die über halbwüchsigen Jungen umtanzten gleichsam die Stämme und zerkratzten dabei lustig die Borke.