All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
AskTalkView media
Reading progressPage 171 of 188

Eine kleine Beute, welche der Vielfraß gemacht hat, verzehrt er auf der Stelle mit Haut und Haaren, eine größere aber vergräbt er sehr sorgfältig und hält dann noch eine zweite Mahlzeit davon. Die Samojeden behaupten, daß er auch Menschenleichen aus der Erde scharre und sich zeitweilig von diesen nähre.

Infolge seiner umfassenden Thätigkeit als Raubtier steht der Vielfraß bei sämtlichen nordischen Völkerschaften keineswegs in besonderer Achtung, und man jagt, verfolgt und tötet ihn, wo man nur immer kann, obgleich sein Fell keineswegs überall benutzt wird. Die Kamtschadalen freilich schätzen es sehr hoch und glauben, daß es kein schöneres Rauchwerk geben kann als eben dieses Fell. Gerade die weißgelben Felle, welche von den Europäern für die schlechtesten gehalten werden, gelten in ihren Augen als die allerschönsten, und sie sind fest überzeugt, daß der Gott des Himmels, Bulutschei, Vielfraßkleider trage. Die gefallsüchtigen Weiber befestigen zwei Vielfraßfell-Stücke von Handgröße an dem Kopfe, oberhalb der Ohren; man kann sich deshalb seiner Frau oder Geliebten nicht besser verbindlich machen, als wenn man ihr derartige Rosomakenfleckchen kauft, deren Preis dort dem eines Biberfelles gleichgeachtet wird. Die Liebhaberei für diese Fleckchen geht so weit, daß die Frauen, welche keine besitzen, gefärbte Fellstücke aus dem Balge einer Seeente tragen. Steller fügt hinzu, daß trotz des hohen Wertes gedachter Felle Vielfraße in Kamtschatka häufig sind, weil die Einwohner es nicht verstehen, sie zu fangen, und bloß zufällig einen erbeuten, welcher sich in die Fuchsfallen verirrt.

Der Eskimo legt sich vor der Höhle des Vielfraßes auf den Bauch und wartet, bis derselbe herauskommt, springt dann sofort auf, verstopft das Loch und läßt nun seine Hunde los, welche zwar ungern auf solches Wild gehen, es aber doch festmachen. Nunmehr eilt der Jäger hinzu, zieht dem Räuber eine Schlinge über den Kopf und tötet ihn. In Norwegen und Lappland wird er mit dem Feuergewehre erlegt.

Trotz seiner geringen Größe ist der Vielfraß kein zu verachtender Gegner, weil unverhältnismäßig stark, wild und widerstandsfähig. Man versichert, daß selbst Bären und Wölfe ihm aus dem Wege gehen; letztere sollen ihn, wahrscheinlich seines Gestankes wegen, überhaupt nicht anrühren. Gegen den Menschen wehrt er sich bloß dann, wenn er nicht mehr ausweichen kann. Gewöhnlich rettet er sich angesichts eines Jägers durch die Flucht, und wenn er getrieben wird, auf einen Baum oder auf die höchsten Felsspitzen, wohin ihm seine Feinde nicht nachfolgen können. Von raschen Hunden wird er in ebenen, baumlosen Gegenden bald eingeholt, verteidigt sich aber gegen sie mit Mut und großer Geschicklichkeit. Ein einziger Hund wird ihn kaum überwältigen können; zuweilen wird es auch mehreren schwer, ihn zu besiegen. Wenn er vor seinen Verfolgern nicht auf einen Baum entkommen kann, wirft er sich auf den Rücken, faßt den Hund mit seinen scharfen Krallen, wirft ihn zu

Boden und zerfleischt ihn mit dem Gebisse derart, daß jener an den ihm beigebrachten Wunden oft zu Grunde geht.

Die Rollzeit des Vielfraßes fällt in den Herbst oder Winter, in Norwegen, wie Erik mir erzählte, in den Januar. Nach 4 Monaten Tragzeit, gewöhnlich also im Mai, wirft das Weibchen, in einer einsamen Schlucht des Gebirges oder in den dichtesten Wäldern, 2—3, selten auch 4 Junge auf ein weiches und warmes Lager, welches es entweder in hohlen Bäumen oder in tiefen Höhlen angelegt hat. Es hält schwer, ein solches Wochenbett aufzufinden; bekommt man aber Junge, welche noch klein sind, so kann man sie ohne große Mühe zähmen. Genberg zog einen Vielfraß mit Milch und Fleisch auf und gewöhnte ihn so an sich, daß er ihm wie ein Hund auf das Feld nachlief. Er war beständig in Thätigkeit, spielte artig mit allerlei Dingen, wälzte sich im Sande, scharrte sich im Boden ein und kletterte auf Bäume. Schon als er 3 Monate alt war, wußte er sich mit Erfolg gegen die ihn angreifenden Hunde zu verteidigen. Er fraß nie unmäßig, war gutmütig, erlaubte Schweinen, die Mahlzeit mit ihm zu teilen, litt aber niemals Hunde um sich. Immer hielt er sich reinlich und roch gar nicht, außer, wenn mehrere Hunde auf ihn losgingen, welche er wahrscheinlich durch die Entleerung seiner Stinkdrüsen zurückschrecken wollte. Gewöhnlich schlief erbei Tage und lief bei Nacht umher. Er lag lieber im Freien als in seinem Stalle und liebte überhaupt den Schatten und die Kälte. Als er ein halbes Jahr alt war, wurde er bissiger, blieb jedoch immer noch gegen Menschen zutraulich, und als er einmal in den Wald entflohen war, sprang er einer alten Magd auf den Schlitten und ließ sich von ihr nach Hause fahren. Mit zunehmendem Alter wurde er wilder, und einmal biß er sich derart mit einem großen Hunde herum, daß man letzterem zu Hilfe eilen mußte, weil man für sein Leben fürchtete. Auch im Alter spielte er immer noch mit den bekannten Leuten; hielten ihm jedoch Unbekannte einen Stock vor, so knirschte er mit den Zähnen und ergriff ihn wütend mit den Klauen. Solange ein gefangener Vielfraß jung ist, zeigt er sich höchst lustig, fast wie ein junger Bär. Wenn man ihn an einen Pfahl gebunden hat, läuft er in einem Halbkreise herum, schüttelt dabei den Kopf und stößt grunzende Töne aus. Vor dem Eintritte schlechter Witterung wird er launisch und mürrisch. Obgleich nicht eben schnell in seinen Bewegungen, ist er doch fortwährend in Thätigkeit, und bloß wenn er schläft, liegt er still auf einer und derselben Stelle. Einen Baum, welchen man in seinem Käfig angebracht hat, besteigt er mit Leichtigkeit und scheint sich durch die merkwürdigsten Turnkünste, welche er auf den Asten ausführt, besonders zu vergnügen. Zuweilen spielt er förmlich mit den Zweigen, indem er mit Leichtigkeit und ohne jede Furcht aus ziemlichen Höhen herunter auf die Erde springt und an den eisernen Stäben seines Käfigs oder an seinem Lieblingsbaume rasch wieder emporklettert; zuweilen rennt er in einem kurzen Galopp im Kreise innerhalb seines Käfigs umher, hält jedoch ab und zu inne, um zu sehen, ob ihm nicht einer von den Zuschauern ein Stückchen Kuchen oder sonst einen Leckerbissen durch das Gitter geworfen habe.

Das eigentliche Wesen des Vielfraßes zeigt sich aber doch erst, wenn er Gesellschaft seinesgleichen hat. Im Berliner Tiergarten lebten drei Stück des in unseren Käfigen so seltenen Tieres und zwar ein altes und zwei noch nicht erwachsene, welche in früher Jugend ankamen. Etwas Lustigeres und Vergnügteres, als diese beiden Geschöpfe sind, kann man sich nicht denken. Nur äußerst selten sah man sie kurze Zeit der Ruhe pflegen; den größten Teil des Tages verbrachten sie mit Spielen, welche ursprünglich durchaus nicht böse gemeint zu sein schienen, bald aber ernster wurden und gelegentlich in einen Zweikampf übergingen, bei welchem beide Recken Gebiß und Tatzen wechselweise gebrauchten. Unter kaum wiederzugebendem Gekläff, Geknurr und Geheul rollten sie übereinander weg, so daß der eine bald auf dem Rücken, bald auf dem Bauche des anderen lag, von diesem abgeschüttelt und nun

seinerseits niedergeworfen ward, sprangen auf, suchten sich mit den Zähnen zu packen, zerrten sich an den Schwänzen und kollerten von neuem ein gutes Stück über den Boden fort. Endete das Spiel und beziehentlich der Zweikampf, so trollten beide hintereinander her, durchmaßen ihren Käfig nach allen Seiten, durchschnüffelten alle Winkel und Ecken, untersuchten jeden Gegenstand, welcher sich fand, warfen Futter- und Trinkgefäße über den Haufen, ärgerten die rechtschaffenen Waschweiber, welche ihre Käfige zu reinigen hatten, durch unstillbaren Forschungseifer nach Dingen und Gegenständen, welche sie unbedingt nichts angingen, erzürnten sich wiederum und begannen das alte Spiel, achtsame Beobachter stundenlang fesselnd. Ganz andets benahmen sie sich angesichts des futterspendenden Wärters. Alle Ungeduld, welche ein hungriges Tier zu erkennen gibt, gelangte jetzt bei ihnen zum Ausdrucke. Der Name Vielfraß wurde mir, als ich sie zum erstenmal füttern sah, urplötzlich verständlich. Winselnd, heulend, knurrend, kläffend, zähnefletschend und sich gegenseitig mit Ohrfeigen und anderweitigen Freundschaftsbezeigungen bedenkend, rannten sie wie toll und unsinnig im Käfig umher, gierig nach dem Fleische blickend, wälzten sich, wenn der Wärter dasselbe ihnen nicht augenblicklich reichte, gleichsam verzweifelnd auf dem Boden und fuhren, sobald ihnen der Brocken zugeworfen ward, mit einer Gier auf diesen los, wie ich es noch bei keinem anderen Tiere, am wenigsten aber bei einem jo sorgsam wie fie gepflegten und gefütterten, beobachtet hatte. Der unstillbare Blutdurst der Marder schien bei ihnen in Freßgier umgewandelt zu sein. Sie stürzten sich, alles andere vergessend, wie sinnlos auf das Fleischstück, packten es mit Gebiß und Klauen zugleich und kauten nun unter lebhaftem Schmatzen, Knurren und Fauchen so eifrig, schlangen und würgten so gierig, daß man nicht im Zweifel bleiben konnte, die Fabelei der älteren Schriftsteller habe Ursprung und gewissermaßen auch Berechtigung in Beobachtung solcher gefangenen Vielfraße.

Nach Lomer gelangen jährlich etwa 3500 Vielfraßfelle im Werte von 32,000 Mark in den Handel, die meisten von Nordamerika her. Jedenfalls aber werden weit mehr Vielfraße alljährlich getötet und ihrer Felle beraubt; denn nicht allein die Kamtschadalen, sondern auch die Jakuten und andere Völkerschaften Sibiriens schätzen letztere ungemein hoch und zahlen sie mit guten Preisen. Nach Radde bleiben alle Felle der in Ostsibirien erlegten Vielfraße im Lande und kosten schon an Ort und Stelle 4—5 Rubel das Stück. Die asiatischen Völkerschaften und ebenso die Polen benutzen sie zu schweren Pelzen, Amerikaner und Franzosen dagegen zu Fußdecken, für welche sie sich der verschiedenen Färbung und Haarlänge wegen vorzüglich eignen.

In Brasilien lebende, schlank gebaute Mitglieder unserer Familie vom Ansehen der Marder sind die Huronen oder Grisons (Galictis). Sie kennzeichnen sich durch ziemlich dicken, hinten verbreiterten, an der Schnauze wenig vorgebogenen Kopf mit niedrigen, ab gerundeten Ohren und verhältnismäßig großen Augen, niedrige Beine, mäßig große Füße mit fünf durch Spannhäute verbundenen Zehen, welche scharfe, stark gebogene Krallen tragen und nackte, schwielige,an den Hinterbeinen bis zur Fußwurzel unter die Fersen reichende Sohlen zeigen, mittel- oder ziemlich langen Schwanz, ein kurzes Haarkleid und durch ihr von dem der übrigen Marder erheblich abweichendes Gebiß. Dieses besteht wie bei den Stinkmardern aus 34 Zähnen, zeichnet sich aber besonders durch deren Stärke aus; namentlich gilt dies für die Schneide- und Eckzähne des Oberkiefers, weniger für die oberen 4 und unteren 5 Backenzähne. Neben dem After finden sich drüsige Stellen, welche eine stark nach Bisam riechende Feuchtigkeit absondern.

Man hat auch diese Gruppe in zwei Gattungen getrennt, die Unterschiede sind jedoch so unwesentlicher Art, daß wir sie nicht zu berücksichtigen brauchen.

Die Hyrare der Brasilier oder Tayra der Bewohner Paraguays (Galictis barbara, Gulo mustela und Galera barbara, Gulo barbatus, Mustela galera, gulina und tayra, Viverra poliocephala und vulpecula, Eira ilya, Galea subfusca 2c.) erreicht eine Länge von 11 m, wovon etwa 45 em auf den Schwanz kommen. Der dichte Pelz ist am Rumpfe, an den vier Beinen und am Schwanze bräunlichschwarz, das Gesicht blaß braungrau, die übrigen Teile des Kopfes, der Nacken und die Seiten des Halses sind bald aschgrau, bald gelblichgrau; die Färbung des Ohres zieht sich etwas ins Rötlichgelbe. An der Unterseite des Halses steht ein großer, gelber Flecken. Beide Geschlechter unterscheiden sich nicht; wohl aber kommen Abänderungen in der Färbung vor, und namentlich ist die Färbung des Kopfes und des Nackens bald heller, bald dunkler und der Flecken am Halse zuweilen gelblichweiß. Auch Weißlinge oder Albinos sind nicht gerade selten.

N 37;

Die Hyrare verbreitet fih über einen großen Teil von Südamerika, von Britisch— Guayana und Brasilien bis Paraguay und noch weiter südlich. Sie ist keineswegs selten, an manchen Orten sogar häufig. In den vom Prinzen von Wied bereisten Waldungen Brasiliens fehlt sie nirgends, ist auch allen Ansiedlern wohl bekannt. Moore behauptet, daß fie inTrupps von 15—20 Stück zusammen auf die Jagd ausgehe; diese Angabe ist aber jedenfalls nicht richtig, weil kein einziger der übrigen Beobachter solches erwähnt. Laut Rengger lebt sie teils in Feldern, welche mit hohem Grase bewachsen sind, teils in den dichten Waldungen. Dort dient ihr der verlassene Bau eines Gürteltieres, hier ein hohler Baumstamm zum Lager. Sie ist nichts weniger als ein bloß nächtliches Tier, geht vielmehr erst, wenn der Morgen bald anbricht, auf Raub aus und verweilt besonders bei bedecktem Himmel bis gegen Mittag auf ihren Streifereien. Während der Mittagshitze zieht sie sich in ihr Lager zurück und verläßt dasselbe erst wieder gegen Abend, dann bis in die Nacht hinein jagend. Sie wird als ein sehr schädliches Tier angesehen, welches sich kühn selbst bis in die Nähe der Wohnungen drängt.

Continue reading
Page 171 of 188