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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Im Verhältnis zu der Anzahl von Minkfellen, welche unter dem Namen amerikanische Nerze auf den Markt kommen, ist die Anzahl der echten Nerzfelle sehr gering: nach Lom er erbeutete man vor 2 Jahrzehnten 55,000 Nerze, aber 160,000 Minke jährlich; jetzt ist die Ausbeute an Minkfellen auf weit mehr als das Doppelte gestiegen (1888: 370,000). Letztere wurden damals mit 9 - 30 Mark bezahlt, während russische durchschnittlich nur 3 — 6 Mark wert waren; gegenwärtig gelten jene bloß noch 4 —10, diese 15— 4 Mark. Die Preise wechseln manchmal sehr schnell. Der Unterschied zwischen beiden Fellen ist bedeutend: die Minke haben feineres und darum haltbareres Haar. Die beiten Minffelle liefert die Ostküste Nordamerikas, Neuengland und Maine.

Der Vielfraß, eine der plumpesten Gestalten der Marderfamilie, vertritt eine besondere Gattung (Gulo), deren Kennzeichen folgende sind: Der Leib ist kräftig und gedrungen, der Schwanz kurz und sehr buschig, der Hals dick und kurz, der Rücken gewölbt, der Kopf groß, die Schnauze länglich, ziemlich stumpf abgeschnitten, die Beine sind kurz und stark, die plumpen Pfoten fünfzehig und mit scharf gekrümmten und zusammengedrückten Krallen bewehrt. Der Schädel ähnelt dem des Dachses, ist aber doch etwas breiter, gedrungener und sehr gebogen, so daß die Stirn und der Nasenrücken stark hervortreten; das aus 38 Zähnen bestehende Gebiß sehr kräftig, der Reißzahn oben und unten stark entwickelt, der Höckerzahn im Oberkiefer quer gestellt und doppelt so breit als lang, während der untere Höckerzahn größere Länge als Breite hat. Die Anzahl der rippentragenden Wirbel beträgt 15 oder 16; 4 oder 5 find rippenlos, 4 bilden das Kreuzbein und 14 den Schwanz.

Der Vielfraß (Gulo borealis, Ursus, Mustela und Taxus gulo, Ursus sibiricus, Gulo vulgaris, arcticus, luscus, volverene und leucurus) ist 95 cm bis 1 m lang, wovon 12—15 cm auf den Schwanz kommen, und am Widerriste 40—45 cm hoch. Auf der Schnauze sind die Haare kurz und dünn, an den Füßen stark und glänzend, am Rumpfe lang und zottig, um die Schenkel, an den hellen Seitenbinden und am Schwanze endlich straff und sehr lang. Scheitel und Rücken sind braunschwarz mit grauen Haaren gemischt, der Rücken, die Unterseite und die Beine dunkelschwarz; ein hellgrauer Flecken steht zwischen Augen und Ohren, und eine hellgraue Binde verläuft von jeder Schulter an längs der Seiten hin. Das Wollhaar ist grau, an der Unterseite mehr braun.

Der Vielfraß bewohnt den Norden der Erde. Von Südnorwegen und Finnmarken an findet man ihn durch ganz Nordasien und Nordamerika bis Grönland. Früher war die südliche Grenze seiner Verbreitung in Europa unter tieferen Breiten zu suchen als gegenwärtig; zur Renntierzeit erstreckte sie sich bis zu den Alpen. Eichwald versichert, daß er noch spät in den Wäldern von Litauen vorgekommen sei; Brincken hat ihn noch vor einigen Jahrzehnten im Walde von Bialowicza beobachtet, wo er jetzt nicht mehr vorkommen soll;

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Vielfraß (Gulo borealis). ½ natürl. Größe.

Bechstein erzählt von einem Vielfraße, welcher bei Frauenstein inSachsen, und Zimmermann von einem anderen, welcher bei Helmstedt im Braunschweigischen erlegt wurde. Die beiden letzteren werden als versprengte Tiere angesehen, weil man nicht wohl annehmen kann, daß der Vielfraß in so späten Zeiten noch so weit nach Süden gegangen ist. Gegenwärtig sind Norwegen, Schweden, Lappland, Nordrußland, namentlich die Gegenden um das Weiße Meer, Perm, ganz Sibirien, Kamtschatka und Nordamerika sein Wohngebiet.

Die älteren Naturforscher erzählen von ihm die fabelhaftesten Dinge, und ihnen ist es zuzuschreiben, daß der Vielfraß einen in allen Sprachen gleichbedeutenden Namen führt.

Vielfraß (Gulo borealis). ½ natürl. Größe.

Man hat sich vergebliche Mühe gegeben, das deutsche Wort Vielfraß aus dem Schwedischen oder Dänischen abzuleiten. Die einen sagen, daß das Wort aus Fjäl und Fräß zusammengesetzt sei und Felsenkatze bedeute; Lenz behauptet aber, daß das Wort Vielfraß der schwedischen Sprache durchaus nicht angehöre, und weist auch die Annahme zurück, daß es aus dem Finnischen abgeleitet sei. Die Schweden selbst sind so unsicher hinsichtlich der Bedeutung des Namens, daß jene Ableitung wohl zu verwerfen sein dürfte. Bei den Finnen heißt das Tier Kampi, womit man jedoch auch den Dachs bezeichnet, bei den Russen Rosomacha oder Rosomaka und bei den Skandinaviern Jerf; die Kamtschadalen nennen es Dimug und die Amerikaner endlich Wolverene. Höchst wahrscheinlich wurde der Name nach den ersten Erzählungen ins Deutsche übersetzt und ging nun erst in die übrigen Sprachen über. Wenn man jene Erzählungen liest und glaubt, muß man dem alten Kinderreime

„Vielfraß nennt man dieses Tier, Wegen seiner Freßbegier!“ freilich beistimmen. Michow sagt folgendes: „In Litauen und Moskowien gibt es ein Tier, welches sehr gefräßig ist, mit Namen Rosomaka. Es ist so groß wie ein Hund, hat Augen wie eine Katze, sehr starke Klauen, einen langhaarigen, braunen Leib und einen Schwanz wie der Fuchs, jedoch kürzer. Findet es ein Aas, so frißt es so lange, daß ihm der Leib wie eine Trommel strotzt; dann drängt es sich durch zwei nahestehende Bäume, um sich des Unrates zu entledigen, kehrt wieder um, frißt von neuem und preßt sich dann nochmals durch die Bäume, bis es das Aas verzehrt hat. Es scheint weiter nichts zu thun, als zu fressen, zu saufen und dann wieder zu fressen.“ In dieser Weise schildert auch Ges ner den Vielfraß; Olaus Magnus aber weiß noch mehr. „Unter allen Tieren“, sagt er, „ist dieses das einzige, welches, wegen seiner beständigen Gefräßigkeit, im nördlichen Schweden den Namen Jerf, im Deutschen den Namen Vielfraß erhalten hat. Sein Fleisch ist unbrauchbar, nur sein Pelz ist sehr nützlich und kostbar und glänzt sehr schön und noch mehr, wenn man ihn künstlich mit anderen Farben verbindet. Nur Fürsten und andere große Männer tragen Mäntel davon, nicht bloß in Schweden, sondern auch in Deutschland, wo sie wegen ihrer Seltenheit noch viel teurer zu stehen kommen. Auch lassen die Einwohner die Pelze nicht gern in fremde Länder gehen, weil sie damit ihren Wintergästen eine Ehre zu erweisen pflegen, indem sie nichts für angenehmer und schöner halten, als ihren Freunden Betten von solchem Pelze anweisen zu können. Dabei darf ich nicht verschweigen, daß alle diejenigen, welche Kleider von solchen Tieren tragen, nie mit Essen und Trinken aufhören können. Die Jäger trinken ihr Blut; mit lauem Wasser und Honig vermischt, wird es sogar bei Hochzeiten auf-getragen. Das Fett ist gut gegen faule Geschwüre ꝛc. Die Jäger haben verschiedene Kunststücke erfunden, um dieses listige Tier zu fangen. Sie tragen ein Aas in den Wald, welches noch frisch ist. Der Vielfraß riecht es sogleich, frißt sich voll, und während er sich, nicht ohne viele Qual, zwischen die Bäume durchdrängt, wird er mit Pfeilen erschossen. Auch stellt man ihm Schlagfallen, wodurch er erwürgt wird. Mit Hunden ist er kaum zu fangen, weil diese seine spitzigen Klauen und Zähne mehr fürchten als den Wolf.“ Schon Steller widerlegt die abgeschmackten Fabeln, und Pallas gibt eine richtige Lebensbeschreibung des absonderlichen Gesellen.

Der Vielfraß bewohnt die gebirgigen Gegenden des Nordens, zieht z. B. die nackten Höhen der skandinavischen Alpen den ungeheueren Wäldern des niederen Gebirges vor, obwohl er auch in diesen zu finden ist. Die ödeste Wildnis ist sein Aufenthalt. Er hat keine feststehenden Wohnungen, sondern wechselt sie nach dem Bedürfnis und verbirgt sich, wenn die Nacht hereinbricht, an jedem beliebigen Orte, welcher ihm einen Schlupfwinkel gewährt, sei es im Dickichte der Wälder oder im Geklüfte der Felsen, in einem verlassenen Fuchsbaue oder in einer anderen, natürlichen Höhle. Wie alle Marder mehr Nacht- als Tagtier, schleicht

er doch in seiner so wenig von den Menschen beunruhigten Heimat ganz nach Belieben umher und zeigt sich auch im Lichte der Sonne, würde dies auch unter allen Umständen thun müssen, da ja bekanntlich in den nördlichsten Teilen seines Wohngebietes während des Sommers die Sonne monatelang Tag und Nacht am Himmel steht. In dem von Radde bereisten südlichen Grenzgebiete des östlichen Sibirien ist das Vorkommen des Vielfraßes viel mehr an das Vorhandensein der Moschustiere als der Renntiere geknüpft. Das Auftreten des erstgenannten Wiederkäuers hängt nun aber wesentlich mit dem pflanzlichen Gepräge der betreffenden Gegenden zusammen, und daher findet man da, wo in weitgedehnten bleichgelben und grauen Flechtengebieten eine Alpenflora noch die äußerste Grenze des Baumwuchses schmückt, Moschustier und Vielfraß am häufigsten, während man in einer durchschnittlichen Höhe von 1000 m über dem Meere in dem Gebiete der üppigen Pflanzenwelt beide Tiere nur zufällig und vereinzelt antrifft. Dem entsprechend ist der Vielfraß im östlichen Sajan entschiedener Gebirgsbewohner, welcher, ohne festen Wohnsitz zu haben, beständig umherschweift und namentlich diejenigen Ortlichkeiten der Hochgebirge aufsucht, an denen den Moschustieren Schlingen gelegt werden. Unter ähnlichen Verhältnissen tritt er überall im Süden von Sibirien auf, und ebenso verhält er sich, unter Berücksichtigung örtlicher Eigentümlichkeiten, im Norden Amerikas.

Im Winter, welchen er nach Art der nächstverwandten Marder, ohne längere Zeit zu schlafen, durchlebt, setzen ihn seine großen Tatzen in den Stand, mit Leichtigkeit über den Schnee zu gehen, und da er kein Kostverächter ist, führt er ein behagliches und gemütliches Leben, ohne jemals in große Not zu kommen. Seine Bewegungen sind sehr eigentümlicher Art, und namentlich der Gang zeichnet sich vor dem aller übrigen mir bekannten Tiere aus. Der Vielfraß wälzt sich nämlich in großen Bogensätzen dahin, ganz merkwürdig humpelnd und Purzelbäume schlagend. Doch fördert diese Gangart immer noch so rasch, daß er kleine Säugetiere bequem dabei einholt und auch größeren bei längerer Verfolgung nahe genug auf den Leib rücken kann. Im Schnee zeigt sich seine Fährte, diesem Gange entsprechend, in tiefen Löchern, in welche er mit allen vier Beinen gesprungen ist. Aber gerade sein eigentümlicher Gang ist dann ganz geeignet, ihn leicht zu fördern, während das von ihm verfolgte Wild mit dem tiefen Schnee sehr zu kämpfen hat. Trotz seiner Ungeschicklichkeit versteht er es, niedere Bäume zu besteigen. Auf deren Asten liegt er, dicht an den Stamm gedrückt, auf der Lauer und wartet, bis ein Wild unter ihm weggeht. Unter seinen Sinnen steht der Geruch obenan; doch sind auch sein Gesicht und Gehör hinlänglich scharf. f Seine Hauptnahrung bilden die Mäusearten des Nordens und namentlich die Lemminge, von denen er eine erstaunliche Menge vertilgt. Bei der großen Häufigkeit dieser Tiere in gewissen Jahren, braucht er sich kaum um ein anderes Wild zu bekümmern. Den Wölfen und Füchsen folgt er auf ihren Streifzügen nach, in der Hoffnung, etwas von ihrem Raube zu erbeuten. Im Notfalle aber betreibt er selbst die höhere Jagd. Gewiß ist es, daß er Renntiere, ja selbst Elentiere angreift und niedermacht. Thunberg erkundete, daß er sogar Kühe umbringt, indem er ihnen die Gurgel zerreißt. Löwenhjelm erwähnt in seiner Reisebeschreibung von Nordland, daß er dort Schaden unter den Schafherden anrichte, und Erman erfuhr von den Ostjaken, daß er dem Elentiere auf den Nacken springe und es durch Bisse töte. Hiermit stimmen die Mitteilungen Raddes vollständig überein. In geeigneten Gebirgen am Balkalsee wird der dort häufige Vielfraß in der Nähe der Ansiedelungen eine Plage für das junge Hornvieh. Eine im Jahre 1855 stattgehabte Auswanderung der Renntiere aus dem östlichen Sajan südwärts in die Quellgebirge des Jenissei blieb jedoch ohne Einfluß auf die Lebensweise des Vielfraßes; die Karagassen und Sojotten behaupteten sogar, er habe hier niemals ein Renntier angegriffen, sondern sei ausschließlich auf das Moschustier angewiesen. Mein Jagdgehilfe Erik Swenson erzählte mir, daß er in

Skandinavien sich, zumal im tiefen Schnee, leise unter dem Winde an die vergrabenen Schneehühner heranmache, sie in den Höhlen, welche sich die Vögel ausscharren, verfolge und dann mit Leichtigkeit töte. Den Jägern ist er ein höchst verhaßtes Tier. Mein Begleiter versicherte mich, daß ein jedes erlegte Renntier, welches er nicht sorgfältig unter Steinen verborgen habe, während seiner Abwesenheit von dem Vielfraße angefressen worden sei. Sehr häufig stiehlt er auch die Köder von den Fallen weg oder frißt die darin gefangenen Tiere an. Genau ebenso treibt er es in Sibirien und Amerika. In den Hütten der Lappen richtet er oft bedeutende Verwüstungen an. Er bahnt sich mit seinen Klauen einen Weg durch Thüren und Dächer und raubt Fleisch, Käse, getrockneten Fisch und dergleichen, zerreißt aber auch die dort aufbewahrten Tierfelle und frißt, bei großem Hunger, selbst einen Teil derselben. Während des Winters ist er Tag und Nacht auf den Beinen, und wenn er ermüdet, gräbt er sich einfach ein Loch in den Schnee, läßt sich dort verschneien und ruht in dem nun ganz warmen Lager behaglich aus.

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