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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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„Doch bald war es aus mit meiner Freude. Das Hermelin schien mit größerer Schwierigkeit als vorher kleine Mäuse und Vögel zu verzehren, und am 15. Juli lag mein hübscher „Kisse' tot in feinem Bauer, nachdem er mir 7 Monate jo manches Vergnügen ge: schenkt hatte. Ich sah nun deutlich, was ich schon lange zu bemerken geglaubt hatte, daß alle Zähne, außer den Raubzähnen in der Oberkinnlade, beinahe ganz abgenutzt waren, die Eckzähne am meisten. Kam dies vom hohen Alter? Oder hat das Hermelin sie durch das Beißen in das Eisengitter abgenutzt beim Arbeiten für seine Freiheit? Wahrscheinlich hat beides zusammengewirkt. „Weil man anzuführen pflegt, daß das Hermelin, wenn es gereizt oder erschreckt wird, eine übelriechende Feuchtigkeit aus den Schwanzdrüsen ergießt, will ich noch mitteilen, daß mein Hermelin dieses niemals aus reiner Bosheit, auch nicht, wenn es sehr gereizt wurde, sondern nur beim Erschrecken that. Wenn es bellend und zischend mit gesträubten Schwanzhaaren hervorstürzte — und dies that es immer, wenn es böse war — verbreitete sich niemals dieser Geruch, nicht einmal während der Kämpfe mit den größten Ratten, aber wohl, wenn es die Flucht ergriff. Im Anfange der Gefangenschaft traf letzteres oft ein, weil es da bei jedem Geräusche oder jeder eingebildeten Gefahr gleich bange ward, aber nachdem es daran gewöhnt und heimisch geworden war, sehr selten, und nach 2 oder 3 Monaten erinnere ich mich nur einer einzigen Gelegenheit, nämlich, als ich die Thür seines Käfigs heftig zuschlug. Es ward darüber so erschreckt, daß es bis an die Decke hinaufsprang, und der Geruch verbreitete sich augenblicklich so stark wie in den ersten Tagen. Ich bin daher geneigt, anzunehmen, daß diese Ergießung nicht von dem freien Willen des Tieres abhängt, sondern durchaus unfreiwillig geschieht. Es ist wahrscheinlich, daß das Hermelin bei großem Schrecken die Schließmuskeln der Afterdrüsen nicht zu schließen vermag, und daß deshalb die Flüssigkeit frei wird. Dasselbe Verhältnis möchte auch wohl bei allen verwandten Tieren, welche mit derartigen Drüsen versehen sind, stattfinden. Es ist auch natürlich! Wenn das Tier Grund hat, sich zu fürchten, bedarf es dieser kleinen Hilfe in der Stunde der Gefahr; aber wozu sollte sie dienen, wenn das Tier überlegen ist oder im Vertrauen auf seine Kraft es zu sein glaubt?“ Das Fell des Hermelins gibt ein zwar nicht teures, seiner Schönheit halber jedoch geschätztes Pelzwerk. Früher wurde dasselbe nur von Fürsten getragen, gegenwärtig ist es allgemeiner geworden. Nach Lomer gelangen jährlich etwa 400,000 Hermelinfelle im Gesamtwerte von 300,000 Mark in den Handel, die besten von Barabinsk und Ischim, minder gute vom Jenissei und von der Lena. In Südostsibirien wird das Hermelin, laut Radde, erst in neuester Zeit eifriger gejagt, und seit 1856 etwa werden 10 —15 Kopeken Silber (32—48 Pfennig) für das Fell bezahlt, während man früher des geringen Preises halber das Tier gar nicht verfolgte.

Der Nerz und seine nächsten Verwandten sind dem Iltis ungemein nahe stehende Marder, welche sich von ihm einzig und allein unterscheiden durch den etwas platteren Kopf, den stärkeren Höckerzahn, die kürzeren Beine, die namentlich an den Hinterfüßen deutlicher ausgeprägten Bindehäute zwischen den Zehen, den verhältnismäßig etwas längeren Schwanz und das glänzende, aus dicht und glatt anliegenden, kurzen Haaren bestehende, an das der Fischottern erinnernde, auf der Ober- und Unterseite gleichmäßig braun gefärbte Fell. Außer unseren Nerz schildern wir seinen amerikanischen Vetter, den Mink. Bis in die neueste Zeit war über die Lebensweise der beiden Tiere nur höchst wenig bekannt, und auch jetzt noch lassen die veröffentlichten Beobachtungen viel an Vollkommenheit zu wünschen übrig, wenigstens was die europäische Art anlangt. Ich danke der Freundlichkeit eines Weidmannes aus der Lübecker Gegend wichtige Bereicherungen unserer bisherigen Kenntnis, soweit diese den 40*

eigentlichen Nerz angeht; über dessen Verwandten in Amerika, den Mink, haben Audubon und der Prinz von Wied berichtet. | |

Viele Naturforscher halten den amerikanischen Sumpfotter oder Mink nur für eine Abart des unserigen, und in der That sind beide Tiere sich sehr nahe verwandt. Doch unterscheidet sich der Mink vom Nerze durch die Verschiedenheit der Leibesverhältnisse hinlänglich, um die entgegengesetzte Ansicht anderer Forscher zu rechtfertigen, d. h. Mink und Nerz als verschiedene Arten anzusehen. Als Hauptkennzeichen des ersteren mag gelten, daß er kurzköpfiger, aber langschwänziger ist als unser Nerz. Dem entspricht die verschiedene Anzahl der Schwanzwirbel beider Tiere; denn während Hals-, Rücken- und Lendenteil bei Mink und Nerz aus der gleichen Anzahl Wirbel besteht, zählt man bei ersterem 21, bei letzterem

Nerz (Putorius lutreola). ½ natürl. Größe.

dagegen nur 19 Schwanzwirbel. Diese Unterscheidungsmerkmale sind übrigens die einzigen, welche man aufgefunden hat.

Unser Nerz, welcher auch Krebsotter, Steinhund, Wasserwieselund bei Lübeck

Menk soder Wassermenk genannt wird (Putorius lutreola, Mustela, Viverra, Lutra, Vison und Foetorius lutreola, Lutra minor 2c.), erreicht eine Länge von 50 cm, wovon etwa 14 em auf den Schwanz kommen. Der Leib ist gestreckt, schlank und kurzbeinig, im ganzen fischotterähnlich, der Kopf jedoch noch schlanker als bei diesem Verwandten. Die Füße ähneln denen des Iltis, aber alle Zehen sind, wie bemerkt, durch Bindehäute verbunden. Der glänzende Pelz besteht aus dichten und glattanliegenden, kurzen, ziemlich harten Grannenhaaren von brauner Färbung, zwischen und unter denen ein grauliches, sehr dichtes Wollhaar sitzt. In der Mitte des Rückens, am Nacken und Hinterleibe am meisten, dunkelt diese Färbung, auch die Schwanzhaare pflegen dunkler zu sein als jene der Leibesseite. Auf dem Unterleibe geht die Färbung in Graubraun über. Ein kleiner, lichtgelber oder weißlicher Flecken steht an der Kehle; die Oberlippe ist vorn, die Unterlippe der ganzen Länge nach weiß.

Eine ganz ähnliche Färbung zeigt auch der Mink (Putorius vison, Mustela, Martes, Lutreola und Foetorius vison, Mustela und Vison lutreocephala, Mustela minx),

Nerz (Putorius lutreola). ½ natürl. Größe.

dessen Pelz weit höher geachtet wird, weil er wollhaariger und weicher ist. Der Mink übertrifft den Nerz etwas an Größe, ist diesem aber sehr ähnlich gefärbt. In der Regel sehen Ober- und Unterseite dunkel nußbraun, der Schwanz braunschwarz und die Kinnspitze weiß aus.

Hinsichtlich der Lebensweise werden beide Tiere wahrscheinlich in allem Wesentlichen übereinkommen, und deshalb scheint es mir angemessen, einer kurzen Schilderung der Sitten und Gewohnheiten unseres Sumpfotters das Wichtigste aus den Berichten der genannten Naturforscher über den amerikanischen Mink vorausgehen zu lassen.

Nächst dem Hermelin ist nach Audubons Bericht der Mink das thätigste und zerstörungswütigste Raubtier, welches um den Bauernhof oder um des Landmanns Ententeich streift, und die Anwesenheit von einem oder zwei dieser Tiere wird an dem plötzlichen Verschwinden verschiedener junger Enten und Küchlein bald bemerkt werden. Geduld ist hier das einzige Mittel, sich des schädlichen Räubers zu entledigen. Aud ubon erfuhr dies selbst bei einem Mink, welcher sich unmittelbar neben seinem Hause in dem Steindamme eines kleinen Teiches eingenistet hatte. Der Teich war eigentlich den Enten des Gehöftes zuliebe aufgestaut worden und bot somit dem Raubtiere ein höchst ergiebiges Jagdgebiet. Sein Schlupfwinkel war mit ebensoviel Kühnheit wie List gewählt: sehr nahe am Hause und noch näher der Stelle, zu welcher die Hühner des Hofes, um zu trinken, herabkommen mußten. Vor der Höhle lagen zwei große Stücke Granit; sie dienten dem Sumpfotter zur Warte, von wo aus er Gehöft und Teich überschauen konnte. Hier lag er tagtäglich stundenlang auf der Lauer, und von hier aus raubte er bei hellem, lichtem Tage Hühner und Enten weg, bis unser Forscher seinem Treiben, obwohl erst nach längerem Anstande, ein Ende machte. Besonders häufig fand Audubon den Mink am Ohio und beobachtete hier, daß er sich durch Mäuseund Rattenfang auch nützlich zu machen weiß. Neben solcher dem Menschen nur ersprießlichen Jagd treibt er freilich allerhand Wilddiebereien und namentlich den Fischfang, zuweilen zum größten Arger des Anglers, dessen Gebaren das listige Tier mit größter Teilnahme verfolgt, um im entscheidenden Augenblicke aus seiner Höhle unter dem Ufergebüsche hervorzukommen und den von jenem erangelten Fisch in Beschlag zu nehmen. Nach den Beobachtungen unseres Gewährsmannes schwimmt und taucht der Mink mit größter Gewandtheit und jagt, wie der Otter, den schnellsten Fischen, selbst Lachsen und Forellen, mit Erfolg nach. Im Notfalle begnügt er sich freilich auch mit einem Frosche oder Molche; wenn er es aber haben kann, zeigt er sich sehr leckerhaft. Seine feine Nase gestattet ihm, eine Beute mit der Sicherheit eines Jagdhundes zu verfolgen; gute Beobachter sahen ihn von dieser Begabung den ausgedehntesten Gebrauch machen. Im Moore verfolgt er die Wasserratten, Rohrsperlinge, Finken und Enten, an dem Ufer der Seen Hasen, im Meere stellt er Austern nach, und vom Grunde der Flüsse holt er Muscheln herauf: kurz, er weiß sich überall nach des Ortes Beschaffenheit einzurichten und immer etwas zu erbeuten. Felsige Ufer bleiben unter allen Umständen sein bevorzugter Aufenthalt; nicht selten wählt er sich seinen Stand in unmittelbarer Nähe von Stromschnellen und Wasserfällen. Verfolgt, flieht er stets ins Wasser und sucht sich hier tauchend und schwimmend zu retten. Auf dem Lande läuft er ziemlich rasch, wird jedoch vom Hunde bald eingeholt und dann selbst zum Klettern ge— * zwungen. In der Angst verbreitet er gleich dem Iltis einen sehr widerlichen Geruch.

In Nordamerika fällt die Rollzeit des Minks zu Ende Februar oder zu Anfang des März. Den Boden deckt um diese Zeit meist tiefer Schnee, und somit kann man recht deutlich wahrnehmen, wie rastlos er ist. Man sieht die brünstigen Männchen längs der Stromufer nach Weibchen suchen, und es kann dabei geschehen, daß eine ganze Gesellschaft unserer Tiere, den Flüssen folgend, sich in Gegenden verirrt, in denen sie sonst selten oder gar nicht mehr vorkommen. Audubon schoß an einem Morgen sechs alte Männchen, welche unzweifelhaft

beabsichtigten, ein Weibchen zu suchen. In einer Woche erhielt gedachter Naturforscher eine große Anzahl von männlichen Minks, jedoch nicht einen einzigen weiblichen, und spricht deshalb seine Meinung dahin aus, daß sich die weiblichen Minks während der Rollzeit in Höhlen verbergen. Die 5—6 Jungen, welche ein Weibchen wirft, findet man Ende April in Höhlen unter den überhängenden Ufern oder auf kleinen Inselchen, im Sumpfe und auch wohl in Baumlöchern. Wenn man sie bald aus dem Neste nimmt, werden sie ungemein zahm und zu wahren Schoßtierchen. Richardson sah eins im Besitze einer Kanadierin, welches sie bei Tage in der Tasche ihres Kleides mit sich herumtrug. Au dubon besaß ein anderes über ein Jahr lang und durfte es frei im Hause und Hofe umherlaufen lassen, ohne daß er Ursache hatte, sich zu beklagen. Es fing wohl Ratten und Mäuse, Fische und Frösche, griff aber niemals die Hühner an. Mit den Hunden und Katzen stand es auf bestem Fuße. Am lebendigsten und spiellustigsten zeigte es sich inden Morgen- und Abendstunden; gegen Mittag wurde es schläfrig. Einen unangenehmen Geruch verbreitete es niemals.

Der Mink geht leicht in alle Arten von Fallen und wird ebenso häufig geschossen wie gefangen; seine Lebenszähigkeit macht jedoch einen guten Schuß notwendig.

Prinz von Wied bestätigt Audubons Beschreibung, fügt aber hinzu, daß der Mink zuweilen mehr als ein Huhn auf einmal töte, daß er sich im Winter oft längere Zeit von Flußmuscheln ernähre und man deshalb viele leere Muschelschalen in der Nähe seines Wohnplatzes finde, daß er sich im Winter häufig den menschlichen Wohnungen nähere und dann oft gefangen oder erlegt würde, und endlich, daß er, obwohl er außerordentlich geschickt und schnell mit langausgestrecktem Körper schwimme, doch nicht lange unter dem Wasser bleiben könne, sondern mit der Nase bald hervorkomme, um Atem zu holen.

Über unseren Nerz sind die Angaben viel dürftiger. Schon Wildungen sagt in seinem 1799 erschienenen „Neujahrsgeschenk für Forst- und Jagdliebhaber“, daß der Sumpfotter ein in Deutschland sehr seltenes, manchem wackeren Weidmanne wohl gar noch unbekanntes Geschöpf sei, daß er schon länger gewünscht habe, näher mit ihm vertraut zu werden, und die Erfüllung dieses Wunsches nur der unermüdlichen Fürsorge des Grafen Mellin verdanke. Von diesem Naturforscher teilt er einige Beobachtungen mit. „In seinem Gange mit gekrümmtem Rücken, in seiner Behendigkeit, durch die kleinsten Offnungen zu schlüpfen, gleicht der Nerz dem Marder. Gleich dem Frettchen ist er in unaufhörlicher Bewegung, alle Winkel und Löcher auszuspähen. Er läuft schlecht, klettert auch nicht auf die Bäume, ist aber, wie der gemeine Fischotter, ein sehr geübter Schwimmer, welcher sehr lange unter Wasser ausdauern kann. Den reißenden Wellen starker Ströme zu widerstehen, mag er sich wohl zu schwach fühlen, da er weniger an großen Flüssen, sondern mehr an kleinen fließenden Wässern gefunden wird. Seine Rollzeit ist im Februar und März, und im April oder Mai findet man an erhabenen, trockenen Orten, in den Brüchen oder Baum: wurzeln, in den eigenen Röhren blindgeborene Junge. „Der Sumpfotter liebt Stille und Einsamkeit an seinem Wohnorte. So sehr er aber auch Menschen flieht und mit großer Klugheit deren Nachstellungen zu entgehen weiß, besucht er doch zuweilen Federviehställe und würgt dann, wie Marder und Iltis, solange noch Federvieh vorhanden und er nicht gestört wird; doch geschieht dies nur in einsamen Fischerwohnungen, und ich habe nie gehört, daß er in Dörfer gekommen sei, um dort zu rauben. Seine gewöhnliche Nahrung sind Fische, Frösche, Krebse, Schnecken; wahrscheinlich mögen ihm aber auch manche junge Schnepfen und Wasserhühnchen zur Beute werden. Der anlockende Preis seines Balges, welcher auch im Sommer gut ist, vermehrt die Nachstellungen auf das immer seltener werdende Tier ungemein, und wenn ihm nicht die bisherigen gelinden Winter etwas zu statten gekommen sind, so möchte diese Tierart auch wohl in Pommern, woselbst Mellin sie beobachtete, bald gänzlich ausgerottet sein.“

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