Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Der nächste Verwandte des Wiesels ist das Hermelin, auch wohl großes Wiesel genannt (Putorius erminea, Viverra, Mustela und Foetorius erminea, Mustela candida ꝛc.), ein Tier, welches dem Hermännchen in Gestalt und Lebensweise außerordentlich ähnelt, aber bedeutend größer ist als der kleine Verwandte. Die Gesamtlänge beträgt 32 bis 33 em, wovon der Schwanz 5—6 em wegnimmt; im Norden soll es jedoch größer werden als bei uns. Oberseite und Schwanzwurzelhälfte sehen im Sommer braunrot, im Winter weiß aus und haben zu jener Zeit braunrötliches, zu dieser weißes Wollhaar, die Unterseite hat jederzeit weiße Färbung mit gelblichem Anfluge, und die Endhälfte des Schwanzes ist immer schwarz. Die Veränderung der Färbung des Hermelins im Sommer und Winter hat unter den Naturforschern zu Meinungsverschiedenheiten Veranlassung gegeben. Einige sonst trefflich beobachtende Schriftsteller nehmen an, daß eine doppelte Härung ftattfinde, andere, zu denen ich zähle, sind der Ansicht, daß das Sommerhaar gegen den Winter hin und beziehentlich bei Eintritt starker Kälte einfach verbleicht, so wie wir dies beim Eisfuchse und dem Schneehasen beobachten können. Über den Farbenwechsel im Frühlinge hat der Schwede Grill, dessen anmutige Schilderungen weiter unten folgen werden, nach Wahrnehmungen an seinen Gefangenen treffliche Beobachtungen gemacht. „Am 4. März“, sagt er, „konnte man zuerst einige dunkle Haare zwischen den Augen bemerken. Am 10. hatte es auf derselben Stelle einen braunen, hier und da mit Weiß durchbrochenen Flecken von der Breite der halben Stirn. Über den Augen und um die Nase zeigten sich nun mehrere kleine dunkle Flecken. Wenn es sich krumm bückte, sah man, daß der Grund längs der Mitte des Rückens, unter den Schultern und auf dem Scheitel dunkel war. Am 11. war es den ganzen Rückgrat und über die Schultern entlang dunkel. Am 15. zog sich das Dunkel schon über die Hinter- und Vorderbeine sowie ein Stück über die Schwanzwurzel. Am 18. umfaßte das Graubraun den Durchgang zwischen den Ohren, den Hinterhals, ungefähr 5 em breit, ebenso den Rücken, ein Viertel des Schwanzes und zog sich über Schultern und Hüften bis zu den Füßen. Überall war die dunkle und die weiße Färbung scharf begrenzt und die erstere durchaus unvermischt mit Weiß, ausgenommen im Gesichte, welches ganz bunt aussah. Das Braune war dort am dunkelsten und wurde nach hinten zu allmählich heller, so daß es über den Lenden und um die Schwanzwurzel gelbbraun oder schmutziggelblich war. Der Schwanz hatte nun drei Far: ben, nämlich ein Viertel Braungelb, ein Viertel Weiß mit schwefelgelbem Anstrich und die Hälfte Schwarz. Auch unter dem Bauche war die schwefelgelbe Farbe jetzt stärker als vorher.
Der Farbenwechsel ging sehr schnell vor sich, besonders im Anfange, so daß man ihn täglich, ja sogar halbtäglich bemerken konnte. Am 3. April war nur noch weiß: die untere Seite des Halses und der Kehle, der ganze Bauch, die Ohren und von da zu den Augen, welche mit einem kleinen Ring umgeben waren, ein kurzes Stück vor der schwarzen Hälfte des Schwanzes und die ganze Unterseite seiner vorderen Hälfte, die ganzen Füße sowie die innere Seite der Vorder-und Hinterbeine und die Hinterseite der Schenkel. Am 19. waren auch die Ohren bis auf einen kleinen Teil des unteren Randes braun. Es ist an keiner Stelle stachelhaarig gewesen, außer an der Stirne, wo mehrere weiße Haare nebeneinander sitzen und kleine Flecken bilden. Erst wuchsen die dunkeln Haare auf einmal hervor, und ehe sie mit den
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Hermelin (Putorius erminea), im Winterkleide. ½ natürl. Größe.
weißen gleich hoch waren, waren diese schon ausgefallen. Man kann annehmen, daß der eigentliche Wechsel in der ersten Hälfte des März vor sich ging; nach dem 19. März hat das braune Kleid sich nur mehr ausgebreitet und allmählich das weiße verdrängt.“
Über das Ausbleichen des Sommerkleides fehlen allerdings noch Angaben, welche auf Beobachtung lebender Wiesel beruhen; doch wissen wir, daß die Wintertracht unter Umständen sehr schnell angelegt werden kann. Nicht selten sieht man das Hermelin bis spät in den Winter hinein in seinem Sommerkleide umherlaufen; wenn aber plötzlich Kälte eintritt, verändert es oft in wenigen Tagen seine Färbung. Hieraus geht für mich mit kaum an: zufechtender Gewißheit hervor, daß ebenso wie bei den oben genannten Tieren auch beim Hermelin eine einfache Verfärbung oder, wenn man will, Ausbleichung des Haares stattfindet. Bei allen Marderarten bedarf das Wachstum des Pelzes eine beträchtliche Zeit, und geht die Härung wesentlich in der S. 26 angegebenen Weise vor sich; es läßt sich also kaum annehmen, daß das Hermelin eine Ausnahme von der Regel machen und binnen wenigen Tagen ein verhältnismäßig ebenso dichtes Kleid erhalten kann wie seine Verwandten, da letztere doch Monate brauchen, bevor sie dieses anlegen.
Das Hermelin hat eine sehr ausgedehnte Verbreitung im Norden der Alten Welt. Nordwärts von den Pyrenäen und dem Balkan findet es sich in ganz Europa, und außerdem kommt es in Nord- und Mittelasien bis zur Ostküste Sibiriens vor. In Kleinasien, Persien und Afghanistan hat man es ebenfalls angetroffen, ja selbst im Himalaja will man es beobachtet haben, jedenfalls hat Henderson eins in Kaschmir geschossen. In allen Ländern, in denen es vorkommt, ist es auch nicht selten, in Deutschland sogar eins der häufigsten Raubtiere. Wie dem Wiesel, ist auch dem Hermelin jede Gegend, ja fast jeder Ort zum Aufenthalte recht, und es versteht sich überall so behaglich als möglich einzurichten. Erdlöcher, Maulwurf- und Hamsterröhren, Felsklüfte, Mauerlöcher, Ritzen, Steinhaufen, Bäume, un: bewohnte Gebäude und hundert andere ähnliche Schlupforte bieten ihm Obdach und Verstecke während des Tages, welchen es größtenteils in seinem einmal gewählten Baue verschläft, obwohl es gar nicht selten auch angesichts der Sonne im Freien lustwandelt und sich dreist den Blicken des Menschen aussetzt. Seine eigentliche Jagdzeit beginnt jedoch erst mit der Dämmerung. Schon gegen Abend wird es lebendig und rege. Wenn man um diese Zeit an passenden Orten vorübergeht, braucht man nicht lange zu suchen, um das klugäugige, scharfsinnige Wesen zu entdecken. Findet man in der Nähe einen geeigneten Platz, um sich zu verstecken, so kann man sein Treiben leicht beobachten. Ungeduldig und neugierig, wie es ist, vielleicht auch hungrig und sehnsüchtig nach Beute, kommt es hervor, zunächst bloß um die unmittelbarste Nähe seines Schlupfwinkels zu untersuchen. Alle Behendigkeit, Gewandtheit und Zierlichkeit seiner Bewegungen offenbaren sich jetzt. Bald windet es sich wie ein Aal zwischen den Steinen und den Schößlingen des Unterholzes hindurch; bald sitzt es einen Augenblick bewegungslos da, den schlanken Leib in der Mitte hoch aufgebogen, viel höher noch, als es die Katze kann, wenn sie den nach ihr benannten Buckel macht; bald bleibt es einen Augenblick vor einem Mauseloche, einer Maulwurfshöhle, einer Ritze stehen und schnuppert da hinein. Auch wenn es auf einer und derselben Stelle verharrt, ist es nicht einen Augenblick ruhig; denn die Augen und Ohren, ja selbst die Nase, sind in beständiger Bewegung, und der kleine Kopf wendet sich blitzschnell nach allen Richtungen. Man darf wohl behaupten, daß es in allen Leibesübungen Meister ist. Es läuft und springt mit der größten Gewandtheit, klettert vortrefflich und schwimmt unter Umständen rasch und sicher über breite Gewässer.
Mit seiner Leibesgewandtheit stehen die geistigen Eigenschaften des Hermelins vollständig im Einklange. Es besitzt denselben Mut wie sein kleiner Vetter und eine nicht zu bändigende Mordlust, verbunden mit dem Blutdurste seiner Gattung. Auch das Hermelin kennt keinen Feind, welcher ihm wirklich Furcht einflößen könnte; denn selbst auf den Menschen geht es unter Umständen tolldreist los. Man sollte nicht glauben, daß es dem erwachsenen Manne ein wenigstens lästiger Gegner sein könnte: und doch ist dem so. „Ein Mann“, so erzählt Wood, „welcher in der Nähe von Cricklade spazieren ging, bemerkte zwei Hermeline, welche ruhig auf seinem Pfade saßen. Aus Übermut ergriff er einen Stein und warf nach den Tieren und zwar so geschickt, daß er eins von ihnen traf und es durch den kräftigen Wurf über und über schleuderte. In demselben Augenblicke stieß das andere einen eigentümlichen, scharfen Schrei aus und sprang sofort gegen den Angreifer seines Gefährten, kletterte mit einer überraschenden Schnelligkeit an seinen Beinen empor und versuchte sich in seinem Halse einzubeißen. Das Kriegsgeschrei war von einer ziemlichen Anzahl anderer Hermeline, welche sich in der Nähe verborgen gehalten hatten, erwidert worden, und diese kamen jetzt ebenfalls herbei, um dem mutigen Vorkämpfer beizustehen. Der Mann raffte zwar schleunigst Steine auf, in der Hoffnung, jene zu vertreiben, mußte sie aber bald genug fallen lassen, um seine Hände zum Schutze seines Nackens frei zu bekommen. Er hatte
gerade hinlänglich zu thun; denn die gereizten Tierchen verfolgten ihn mit der größten Aus: dauer, und er verdankte es bloß seiner dicken Kleidung und einem warmen Tuche, daß er nicht ernstlich verletzt wurde. Doch waren seine Hände, sein Gesicht und ein Teil seines Halses immer noch mit Wunden bedeckt, und er behielt diesen Angriff in so gutem Andenken, daß er hoch und teuer gelobte, niemals wieder ein Hermelin zu beleidigen.“ Daß der Mann keine Unwahrheit berichtet hat, beweist nachstehende Angabe des Kreisphysikus Hengstenberg. „Ich erlaube mir“, schreibt derselbe unterm 8. August 1869 an mich, „Mitteilung von einer Thatsache zu machen, welche Ihnen vielleicht nicht unwichtig erscheinen dürfte. Vorgestern gegen Abend spielt das fünfjährige Kind des Bahnhofsinspektors Braun in Bochum am Rande eines Grabens, gleitet aus und fällt mit der Hand in diesen. Mit Blitzesschnelle schießt ein Hermelin auf das Kind zu und beißt es zweimal in die Hand. Heftig blutend eilt dieses nach Hause, wo eine zufällig gegenwärtige barmherzige Schwester den ersten Verband übernimmt. Ich werde hinzugerufen und finde die Speichenschlagader vollständig durchgerissen und bogenförmig spritzend. Die Wunde hatte ganz die halbkreisförmige Gestalt des Kiefers des Tieres; etwas höher, nach dem Ballen des Daumens zu, fand sich eine regelmäßig eingerissene Hautwunde vor. Ich vermute, daß das Tierchen in der Nähe der Stelle, an welcher das Kind fiel, Junge hatte, dieselben bedroht glaubte, sie verteidigen wollte und deshalb die Wunde beibrachte.“
Das Hermelin jagt und frißt fast alle Arten kleiner Säugetiere und Vögel, die es erlisten kann, und wagt sich gar nicht selten auch an Beute, welcher es an Leibesgröße bedeutend nachsteht. Mäuse, Maulwürfe, Hamster, Kaninchen, Sperlinge, Lerchen, Tauben, Hühner, Schwalben, welche es aus den Nestern holt, Schlangen und Eidechsen werden beständig von ihm befehdet, und selbst Hasen sind nicht vor ihm sicher. Lenz hat einmal beobachtet wie fünf Hermeline bei einem Gartenzaune einem kranken Hasen zu Leibe gingen, um ihn zu erwürgen. Englische Naturforscher versichern, daß das freche Tier auch gesunde überfalle. Hope hörte Lampes lauten Angstschrei und wollte nach dem Orte hingehen, um sich von der Ursache zu überzeugen. Er sah einen Hasen dahinhinken, welcher offenbar von irgend etwas auf das äußerste gequält wurde. Dieses etwas hing ihm an der Seite der Brust wie ein Blutegel angesaugt, und beim Näherkommen erkannte unser Beobachter, daß es ein Wiesel war. Der Hase schleppte seinen furchtbaren Feind noch mit sich fort und verschwand im Unterholze; wahrscheinlich kam er nicht mehr weit. Man hat auch diese Thatsache bestreiten wollen; doch unterliegt sie keinem Zweifel. Schon Gesner weiß von Angriffen des Hermelins auf Hasen zu berichten: „Dem Hasen soles listiglich nachstellen, dann es spilt und schimpfft ein weyl mit jm, und jo er müd, fi der feyndschafft nit versicht, fo springt es jm an seinen halß und gurgel, hangt, truckt vnd erwürgt jn, ob er gleych in dem louff ist.“
Auch neuerdings find von Naturforschern, deren Glaubwürdigkeit keinen Zweifel zus läßt, hierauf bezügliche Beobachtungen gemacht worden. „Es ist bekannt“, erzählt Karl Müller, „daß das Hermelin ein gefährlicher Feind des Hasen ist und namentlich im Sommer, wenn die üppige Saat und das hoch gewachsene Gras dem kleinen Schelm das Lauern an heimlichen Plätzchen oder das Anschleichen begünstigt, oft reiche Beute unter den feigen Bewohnern der Felder macht; einmal habe ich das Glück gehabt, in den Besitz des sterbenden Hasen samt dem im Blutgenusse trunkenen Hermelin zu gelangen. Trotz alledem hielt ich es nicht für möglich, daß ein einziges Hermelin im stande wäre, in einem Zeitraume von wenigen Wochen ein halbes Dutzend Hasen zu überlisten und zu morden, bis ich im Spät: sommer des Jahres 1865 Gelegenheit fand, mich eines besseren zu überzeugen. Mehrere Wegebauer unweit Alsfelds waren gegen Abend schon etliche Male durch das Klagen eines Hasen aufmerksam gemacht worden, ohne sich in den Haferacker, aus welchem die Angsttöne herüberschallten, zu begeben, bis endlich ein Kenner der jagdbaren Tiere sich entschloß, der