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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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um das kleine Tier zu einem ausgezeichneten Räuber zu machen. Man hat sogar beobachtet, daß es gemeinschaftlich jagt, was nicht wundernehmen kann, da es gesellig lebt und sich an manchen Orten in großer Anzahl sammelt: so sah Pechuel-Loesche sieben erwachsene Wiesel, wahrscheinlich eine Familie bildend, die bei Tage einen bebuschten Feldrain regelrecht abjagten, ohne sich durch den nachgehenden Zuschauer sonderlich stören zu lassen. Kleine Tiere packt es im Genicke oder beim Kopfe, große sucht es am Halse zu fassen. In die Eier macht es geschickt an einem Ende ein oder mehrere Löcher und saugt dann die Flüssigkeit aus, ohne daß ein Tropfen verloren geht. Größere Eier soll es zwischen Kinn und Bruft klemmen, wenn es sie fortschaffen muß; kleinere trägt es im Maule weg. Bei größeren Tieren begnügt es sich mit dem Blute, welches es aufleckt, ohne das Fleisch zu berühren, kleinere frißt es ganz auf; die, welche es einmal gepackt hat, läßt es nicht wieder fahren. Und dabei gilt es ihm gleich, ob feine Räuberthaten bemerkt werden oder nicht. In uns mittelbarer Nähe von bewohnten Gebäuden jagt es fast ohne alle Scheu.

Die Paarungszeit fällt in den März. Im Mai oder Juni, also nach fünfwöchiger Tragzeit, bekommt das Weibchen 5 — 7, manchmal aber bloß 3, zuweilen auch 8 blinde Junge, welche es meist in einem hohlen Baume oder in einem seiner Löcher zur Welt bringt, immer aber an versteckten Orten auf ein aus Stroh, Heu, Laub und dergleichen bereitetes, nestartiges Lager bettet. Es liebt fie außerordentlich, säugt fie lange und ernährt fie dann noch mehrere Monate mit Haus-, Wald- und Feldmäusen, welche es ihnen lebendig bringt. Wenn sie beunruhigt werden, trägt es sie im Maule an einen anderen Ort. Bei Gefahr verteidigt die treue Mutter ihre Kinder mit grenzenlosem Mute. Sowie die allerliebsten Tierchen erwachsen sind, spielen sie oft bei Tage mit der Alten, und es sieht ebenso wunderlich wie hübsch aus, wenn die Gesellschaft sich im hellsten Sonnenschein auf Wiesen umhertreibt, zumal auf solchen, welche an unterirdischen Gängen, namentlich an Maulwurfslöchern, reich sind. Lustig geht es beim Spielen zu. Aus diesem und jenem Loche guckt ein Köpfchen hervor; neugierig sehen sich die kleinen, hellen Augen nach allen Seiten um. Es scheint alles ruhig und sicher zu sein, und eins nach dem anderen verläßt die Erde und treibt sich im grünen Grase umher. Die Geschwister necken, beißen und jagen sich und entfalten dabei alle Gewandtheit, welche ihrem Geschlechte eigentümlich ist. Wenn der versteckte Beobachter ein Geräusch macht, vielleicht ein wenig hustet oder in die Hand schlägt, stürzt alt und jung voll Schrecken in die Löcher zurück, und im Augenblicke scheint alles verschwunden zu sein. Doch nein! Hier schaut bereits wieder ein Köpfchen aus dem Loche hervor, dort ein zweites, da ein drittes: jetzt sind sie sämtlich da, prüfen von neuem, vergewissern sich der Sicherheit, und bald ist die ganze Gesellschaft vorhanden. Wenn man nunmehr das Erschrecken fortsetzt, bemerkt man gar bald, daß es wenig helfen will; denn die kleinen, mutigen Tierchen werden immer dreister, immer frecher und treiben sich zuletzt ganz unbekümmert vor den Augen des Beobachters umher.

Junge Wiesel, welche noch bei der Mutter sind, haben das rechte Alter, um gezähmt zu werden. Die Ansicht, welche sich unter den Naturforschern von Buffon her fortgeerbt hat, daß unser Tierchen unzähmbar sei, hat mit Recht Widerlegung gefunden; gänzlich unbegründet aber ist sie nicht. Gefangene Wiesel gehören zu den großen Seltenheiten, nicht weil man sie schwer erlangt, sondern weil sie nur in wenigen Ausnahmefällen den Verlust ihrer Freiheit ertragen. Ich meinesteils habe mir die größte Mühe gegeben, ein Wiesel längere Zeit am Leben zu erhalten, ihm die ihm zusagendsten Aufenthaltsorte und die passendste Nahrung geboten, es in keiner Weise an umsichtiger Pflege fehlen lassen und bin doch nicht zum Ziele gelangt. Ein paar Tage, manchmal auch wochenlang geht es ganz gut; plötzlich aber liegt das Tierchen zuckend und sich windend auf dem Boden, und bald darauf ist es verendet. In seiner außerordentlichen Reizbarkeit dürfte meiner Meinung nach

die hauptsächlichste Ursache dieser Hinfälligkeit gefunden werden: das Wiesel ärgert sich, falls man so sagen darf, zu Tode. Anders verhält es sich, wenn man junge, womöglich noch blinde Wiesel aufzieht, beziehentlich sie durch eine sanfte Katzenmutter aufsäugen läßt; sie, welche sich von Kindheit auf an den Menschen gewöhnen, werden ungemein zahm und dann zu wirklich allerliebsten Geschöpfen. Unter den verschiedenen Geschichten, welche von solchen Wieseln berichten, scheint mir eine von Frauenhand niedergeschriebene, welche Wood in seiner „Natural History“ mitteilt, die anmutigste zu sein, und deshalb will ich sie im Auszuge wiedergeben. „Wenn ich etwas Milch in meine Hand gieße“, sagt die Dame, „trinkt mein zahmes Wiesel davon eine gute Menge; schwerlich aber nimmt es einen Tropfen der von ihm so geliebten Flüssigkeit, wenn ich ihm nicht die Ehre anthue, ihm meine Hand zum Trinkgefäße zu bieten. Sobald es sich gesättigt hat, geht es schlafen. Mein Zimmer ist sein gewöhnlicher Aufenthaltsort, und ich habe ein Mittel gefunden, seinen unangenehmen Geruch durch wohlriechende Stoffe vollständig aufzuheben. Bei Tage schläft es in einem Polster, zu dessen Innern es Eingang gefunden hat; während der Nacht wird es in eine Blechbüchse in einem Käfig verwahrt, geht aber stets ungern in dieses Gefängnis und verläßt es mit Vergnügen. Wenn man ihm seine Freiheit gibt, ehe ich wach werde, kommt es in mein Bett und kriecht nach tausend lustigen Streichen unter die Decke, um in meiner Hand oder an meinem Busen zu ruhen. Bin ich aber bereits munter geworden, wenn es erscheint, so widmet es mir wohl eine halbe Stunde und liebkost mich auf die verschiedenste Weise. Es spielt mit meinen Fingern wie ein kleiner Hund, springt mir auf den Kopf und den Nacken oder klettert um meinen Arm oder um meinen Leib mit einer Leichtigkeit und Zierlichkeit, welche ich bei keinem anderen Tiere gefunden habe. Halte ich ihm in einer Entfernung von 1 m meine Hand vor, so springt es in sie hinein, ohne jemals zu fallen. Es bekundet große Geschicklichkeit und List, um irgend einen seiner Zwecke zu erreichen, und scheint oft das Verbotene aus einer gewissen Lust am Ungehorsam zu thun. „Bei seinen Bewegungen zeigt es sich stets achtsam auf alles, was vorgeht. Es schaut jede Ritze an und dreht sich nach jedem Gegenstande hin, welchen es bemerkt, um ihn zu untersuchen. Sieht es sich in seinen lustigen Sprüngen beobachtet, so läßt es augenblicklich nach und zieht es gewöhnlich vor, sich schlafen zu legen. Sobald es aber munter geworden ist, bethätigt es sofort seine Lebendigkeit wieder und beginnt seine heiteren Spiele sogleich von neuem. Ich habe es nie schlecht gelaunt gesehen, außer wenn man es eingesperrt oder zu sehr geplagt hatte. In solchen Fällen suchte es dann sein Mißvergnügen durch kurzes Gemurmel auszudrücken, gänzlich verschieden von dem, welches es ausstößt, wenn es sich wohl befindet. „Das kleine Tier unterscheidet meine Stimme unter zwanzig anderen, sucht mich bald heraus und springt über jeden hinweg, um zu mir zu kommen. Es spielt mit mir auf das liebenswürdigste und liebkost mich in einer Weise, welche man sich nicht vorstellen kann. Mit seinen zwei kleinen Pfötchen streicht es mich oft am Kinne und sieht mich dabei mit einer Miene an, welche sein großes Vergnügen auf das beste ausdrückt. Aus dieser seiner Liebe und tausend anderen Bevorzugungen meiner Person ersehe ich, daß seine Zuneigung zu mir eine wahre und nicht eingebildete ist. Wenn es bemerkt, daß ich mich ankleide, um auszugehen, will es mich gar nicht verlassen, und niemals kann ich mich so ohne Umstände von ihm befreien. Listig, wie es ist, verkriecht es sich gewöhnlich in ein Zimmer an der Ausgangsthür, und sobald ich vorbeigehe, springt es plötzlich auf mich und versucht alles mögliche, um bei mir zu bleiben. „In seiner Lebendigkeit, Gewandtheit, in der Stimme und in der Art feines Gemurmels ähnelt es am meisten dem Eichhörnchen. Während des Sommers rennt es die ganze

Nacht hindurch im Hause umher; seit Beginn der kälteren Zeit aber habe ich dies nicht mehr beobachtet. Es scheint jetzt die Wärme sehr zu vermissen, und oft, wenn die Sonne scheint und es auf meinem Bette spielt, dreht es sich um, setzt sich inden Sonnenschein und murmelt dort ein Weilchen. „Wasser trinkt es bloß, wenn es Milch entbehren muß, und auch dann immer mit gro— ßer Vorsicht. Es scheint just, als wolle es sich nur ein wenig abkühlen und sei fast erschreckt über die Flüssigkeit; Milch hingegen trinkt es mit Entzücken, jedoch immer bloß tropfen: weise, und ich darf stets nur ein wenig von der so beliebten Flüssigkeit in meine Hand gießen. Wahrscheinlich trinkt es im Freien den Tau in derselben Weise wie bei mir die Milch. Als es einmal im Sommer geregnet hatte, reichte ich ihm etwas Regenwasser in einer Tasse und lud es ein, hinzugehen, um sich zu baden, erreichte aber meinen Zweck nicht. Hierauf befeuchtete ich ein Stückchen Leinenzeug in diesem Wasser und legte es ihm vor, darauf rollte es sich mit außerordentlichem Vergnügen hin und her. „Eine Eigentümlichkeit meines reizenden Pfleglings ist seine Neugier. Es ist geradezu unmöglich, eine Kiste, ein Kästchen oder eine Büchse zu öffnen, ja bloß ein Papier anzusehen, ohne daß auch mein Wiesel den Gegenstand beschaut. Wenn ich es wohin locken will, brauche ich bloß ein Papier oder ein Buch zu nehmen und aufmerksam auf dasselbe zu sehen, dann erscheint es plötzlich bei mir, rennt auf meiner Hand hin und schaut mit größter Aufmerksamkeit auf den Gegenstand, welchen ich betrachte. Ich muß schließlich bemerken, daß das Tier mit einer jungen Katze und einem Hunde, welche beide schon ziemlich groß sind, gern spielt. Es klettert auf ihren Nacken und Rücken herum und steigt an den Füßen und dem Schwanze empor, ohne ihnen jedoch auch nur das leiseste Ungemach zuzufügen.“

Der Herausgeber der artigen Geschichte bemerkt nun noch, daß das Tierchen hauptjäch: lich mit kleinen Stückchen Fleisch gefüttert wurde, welche es ebenfalls am liebsten aus der Hand seiner Herrin annahm.

Dies ist nicht das einzige Beispiel von der vollständig gelungenen Zähmung des Wiesels. Ein Engländer hatte ein jung aus dem Neste genommenes so an sich gewöhnt, daß es ihm überall folgte, wohin er auch ging, und andere Tierfreunde haben die niedlichen Geschöpfe dahin gebracht, daß sie nach Belieben nicht nur im Hause herumlaufen, sondern auch aus- und eingehen durften.

Bei guter Behandlung kann man das Wiesel 4—6 Jahre am Leben erhalten; in der Freiheit dürfte es ein Alter von 8—10 Jahren erreichen. Leider werden die kleinen, nützlichen Geschöpfe von unwissenden Menschen vielfach verfolgt und aus reinem Übermute getötet. In Fallen, welche man mit Eiern, kleinen Vögeln oder Mäusen ködert, fängt sich das Wiesel sehr leicht. Oft findet man es auch in Rattenfallen, in welche es zufällig geraten ist. Wegen des großen Nutzens, den es stiftet, sollte man das ausgezeichnete Tier kräftig schützen, anstatt es zu verfolgen. Man kann dreist hehaupten, daß zur Mäusejagd kein anderes Tier so vortrefflich ausgerüstet ist wie das Wiesel. Der Schade, welchen es anrichtet, wenn es zufällig in einen schlechtverschlossenen Hühnerstall oder Taubenschlag gerät, kommt diesem Nutzen gegenüber gar nicht in Betracht. Doch ist gegen Vorurteile aller Art leider nur schwer anzukämpfen. Nicht genug, daß man die Thätigkeit des Tieres vollkommen verkennt, schmückt man auch seine Geschichte noch mit mancherlei Fabeln aus. Unter vielen ist noch hier und da die Meinung verbreitet, daß das Wiesel seine Jungen aus dem Munde gebäre, jedenfalls deshalb, weil man die Mutter oft ihre Jungen von einem Orte zum anderen tragen sieht und dabei zufällig nicht an die Hauskatze denkt, welche doch genau dasselbe thut. Außerdem glaubt man, daß alle Tiere, welche mit ihm in Berührung kommen oder von ihm gebissen werden, an den betreffenden Stellen bösartige Geschwülste bekommen, und fürchtet namentlich für Kühe, welche den Bissen mehr als alle anderen

Haustiere ausgesetzt sein sollen. In den Augen abergläubischer Leute ist, laut Wuttke, das Wiesel ein äußerst gefährliches Tier. Wenn jemand von ihm angefaucht wird, so schwillt das Gesicht auf, oder man wird blind oder muß sterben, ja schon das bloße Ansehen des Tierchens macht blind oder krank. Man darf das Wiesel nicht beim Namen nennen, sonst verfolgt es den Menschen und bläst ihn an, deshalb muß man zu ihm sagen: „Schönes Dingel behüt' dich Gott“. Es bläst auch das Vieh an, wodurch dieses krank wird und Blut statt Milch gibt. Ein langsam zu Tode gemartertes Wiesel heilt Beulen, das ihm abgezapfte, noch warm getrunkene Blut die Fallsucht, das einem lebendigen Wiesel ausgerissene und sofort gegessene Herz verleiht die Kraft der Wahrsagung. Von sonstiger Quacksalberei, wie solche der alte Gesner erzählt, will ich schweigen; nach den Proben, welche ich weiter oben gegeben, genügt es zu sagen, daß so ziemlich jeder Teil des Leibes im Arzneischatze früherer Zeiten seine Rolle spielte. Dagegen glauben die Landleute in anderen Gegenden, daß die Anwesenheit eines Wiesels im Hofe dem Hause und der Wirtschaft Glück bringe, und diese Leute haben in anbetracht der guten Dienste, welche der kleine Räuber leistet, jedenfalls die Wahrheit besser erkannt.

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