Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Gegenwärtig gilt es unter allen Naturforschern als ausgemacht, daß das Frett (Putorius furo, Mustela und Foetorius furo) nichts anderes als der durch Gefangenschaft und Zähmung etwas veränderte Abkömmling des Iltis ist. | | tan kennt das Frettchen zwar seit den ältesten Zeiten, aber bloß im gezähmten Zustande. Aristoteles erwähnt es unter dem Namen Iktis, Plinius unter dem Namen Viverra. Auf den Balearen hatten sich einmal die Kaninchen so vermehrt, daß man den Kaiser Augustus um Hilfe anrief. Er sendete den Leuten einige Viverrae, deren Jagdverdienste groß waren. Sie wurden in die Gänge der Kaninchen gelassen und trieben die verderblichen Nager heraus in das Netz ihrer Feinde. Strabon erzählt die Sache noch umständlicher. Spanien hatte fast keine schädlichen Tiere, mit Ausnahme der Kaninchen, welche Wurzeln, Kräuter und Samen fressen. Diese Tiere hatten sich so verbreitet, daß man in Rom um Hilfe bitten mußte. Man erfand verschiedene Mittel, um sie zu verjagen. Das beste blieb aber, sie durch afrikanische Katzen (unter diesem Namen verstehen alle alten Na: turforscher die Marder), welche mit verschlossenen Augen in die Höhlen gesteckt wurden, aus ihrem Baue zu vertreiben. Zu Zeiten der Araber hieß das Frett bereits Furo, wurde auch schon, wie Albertus Magnus berichtet, in Spanien zahm gehalten und wie heutzutage verwendet. Das Frett ähnelt dem Iltis in Gestalt und Größe. Es ist zwar etwas kleiner und schwächlicher als dieser, allein ähnliches bemerken wir bei vielen Tieren, welche nur in abhängigen Verhältnissen von den Menschen, also in der Gefangenschaft, leben. Die Leibeslänge beträgt 45 cm, die des Schwanzes 13 em. Dies find genau die Verhältnisse des Iltis, und auch im Bau des Gerippes weicht es nicht wesentlich von diesem ab. Gewöhnlich sieht man das Frett in Europa bloß im Kakerlakenzustande, d. h. weißlich- oder semmelgelb, unten etwas dunkler gefärbt, und mit hellroten Augen. Nur wenige sehen dunkler und dann echt iltisartig aus. So viel ist sicher, daß bis jetzt scharfe Unterschiede zwischen Iltis und Frett noch nicht aufgefunden werden konnten, und daß alle Gründe, welche man für den Beweis der Selbständigkeit unseres Frettchens zusammenstellte, als nicht stichhaltig betrachtet werden müssen. Als Hauptgrund gilt die größere Zartheit und Frostigkeit, die Sanftmut und leichte Zähmbarkeit des Frettes gegenüber den uns bekannten Eigenschaften des Iltis. Allein dieser Grund ist meiner Ansicht nach so wenig beweisend wie die übrigen; denn alle Kakerlaken sind eben schwächliche, zarte Wesen. Einige Naturforscher nahmen fest an, daß das Frett ein Afrikaner sei und sich von Afrika aus über Europa verbreitet habe, waren aber nicht im stande, diese Meinung durch irgend welche Beobachtung zu unterstützen. Das Frett findet sich also bloß in der Gefangenschaft und wird von uns einzig und allein für die Kaninchenjagd gehalten; nur die Engländer gebrauchen es auch zur Rattenjagd und
achten diejenigen Frette, welche Rattentöter genannt werden, weit höher als die, welche sie bloß zur Kaninchenjagd verwenden können. Man hält die Tiere in Kisten und Käfigen, gibt ihnen oft frisches Heu und Stroh und bewahrt sie im Winter vor Kälte. Sie werden gewöhnlich mit Semmel oder Milch gefüttert; doch ist es ihrer Gesundheit weit zuträglicher, wenn man ihnen zartes Fleisch von frisch getöteten Tieren reicht. Mit Fröschen, Eidechsen und Schlangen kann man sie nach den Beobachtungen unseres Lenz ganz billig erhalten; denn sie fressen alle Lurche und Kriechtiere sehr gern.
In seinem Wesen ähnelt das Frettchen dem Iltis, nur daß es nicht so munter ist wie dieser; an Blutgier und Raublust steht es seinem wilden Bruder nicht nach. Selbst wenn es schon ziemlich satt ist, fällt es über Kaninchen, Tauben und Hühner wie rasend her, packt
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fie im Genicke und läßt fie nicht eher los, bis die Beute sich nicht mehr rührt. Das aus den Wunden hervorfließende Blut leckt es mit einer unglaublichen Gier auf, und auch das Gehirn scheint ihm ein Leckerbissen zu sein. An Lurche geht es mit größerer Vorsicht als an andere Tiere, und die Gefährlichkeit der Kreuzotter scheint es zu ahnen. Ringelnattern und Blindschleichen greift es, nach Lenz, ohne weiteres an, auch wenn es diese Tiere noch niemals gesehen hat, packt sie trotz ihrer heftigen Windungen, zerreißt ihnen das Rückgrat und verzehrt dann von ihnen ein gutes Stück. Den Kreuzottern aber naht es sich äußerst vorsichtig und versucht, diesem tückischen Gewürm Bisse in die Mitte des Leibes zu versetzen. Ist es erst einmal von einer Otter gebissen worden, so gebraucht es alle erdenkliche List, um die Giftzähne zu meiden, wird aber zuweilen so ängstlich, daß es sich von dem Kampfe zurückzieht und der Otter das Feld überläßt. Der Biß der Otter tötet das Frett nicht, macht es aber krank und mutlos. Selten gelingt es, ein Frettchen vollkommen zu zähmen; doch sind Beispiele bekannt, daß einzelne ihrem Herrn wie ein Hund auf Schritt und Tritt nachgingen und ohne Besorgnis freigelassen werden konnten. Die meisten wissen, wenn sie einmal ihrem Käfig entrinnen
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konnten, die erlangte Freiheit zu benutzen, laufen in den Wald hinaus und beziehen dort eine Kaninchenhöhle, welche ihnen nun während des Sommers als Lager und Zufluchtsort dienen muß, entwöhnen sich nach kurzer Frist vollkommen des Menschen, gehen jedoch, wenn sie nicht zufällig wieder eingefangen werden, im Winter regelmäßig zu Grunde, weil sie viel zu zart sind, als daß sie der Kälte widerstehen könnten. Nur sehr wenige suchen nach längeren Streifzügen das Haus ihrer Pfleger wieder auf oder unternehmen regelmäßig von hier aus Jagden nach ihnen bekannten Orten. Auf den Kanarischen Inseln verwildert das Frett, laut Bolle, oft vollständig.
Die Stimme des Fretts ist ein dumpfes Gemurr, bei Schmerz ein helles Gekreisch. Letzteres hört man selten; gewöhnlich liegt das Frett ganz still in sich zusammengerollt auf seinem Lager, und nur wenn es seine Raubgier bethätigen kann, wird es munter und lebendig.
Das Weibchen wirft nach fünfwöchiger Tragzeit anfangs Mai 5—8 Junge, welche 2—3 Wochen blind bleiben. Sie werden mit großer Sorgfalt von der Mutter gepflegt und nach etwa 2 Monaten entwöhnt; dann sind sie geeignet, abgesondert aufgezogen zu werden. Junge Iltisse pflegt die Frettmutter ohne Umstände unter ihre Kinderschar aufzunehmen und mit derselben Sorgfalt zu behandeln wie diese; solche Milchgeschwister vertragen sich auch später vortrefflich miteinander. Man pflegt das Frettchen wie jeden anderen Marder, muß aber auf seine Entwöhnung von frischer Luft und Freiheit die gebührende Rücksicht nehmen und darf den Weichling namentlich strenger Kälte nicht aussetzen. Frische Luft, Reinlichkeit und entsprechende Nahrung sind die Hauptbedingungen zu seinem Wohlsein: im Sommer muß man es kühl, im Winter warm legen; Käfig, Freß- und Trinkgefäß sind stets rein zu halten; mit dem Futter hat man entsprechend zu wechseln. In Ermangelung eines besseren Behälters sperrt man 2—8 Frettchen zusammen in einen Bretterkasten, welcher etwa 1 m lang, 70 cm tief und ebenso hoch, mit einem verschließbaren Deckel versehen, an einer Wand mit einem Gitter und innen mit einem Schlafkästchen ausgestattet ist. Für letzteren genügt eine Länge von 40, eine Höhe und Breite von 20 —25 cm; es besitzt ein Schlupfloch und unten ein zum Ausschieben eingerichtetes enges Drahtgitter, auf welches durch den oben zu öffnenden Deckel Leinen- und Wollläppchen zur Unterlage für die ein weiches Bett liebenden Tiere gebreitet werden; in der entgegengesetzten Ecke des Kastens bringt man im Boden ein Loch an und befestigt unter demselben ein Kästchen mit einem Thonnapfe zur Aufnahme der Losung der Frettchen, welche man dadurch an einen bestimmten Ort gewöhnt, daß man zuerst ihren Unrat aufsammelt und in den betreffenden Napf legt oder denselben mit jenem einreibt; wollen sie sich nicht bequemen, auf einem bestimmten Orte sich zu lösen, so muß man alle verunreinigten Teile des Kastens sorgfältig reinigen und durch Auflegen von Ziegelsteinen und dergleichen sie abhalten, dieselben wieder zu benutzen. Zur Nahrung erhalten die Frettchen, laut Zeiller, dem ich in vorstehendem gefolgt bin, morgens Milchsemmel, abends rohes Fleisch und wöchentlich ein- oder zweimal ein rohes Ei; auch kann man ihnen wie allen Mardern verschiedene Früchte, insbesondere Kirschen, Pflaumen und Birnenschnitzel, reichen. Nach geschehener Paarung hat man das Männchen von dem Weibchen zu trennen, weil es sonst regelmäßig die kaum geborenen Jungen auffrißt, darf aber ohne Bedenken mehrere, mindestens zwei Weibchen mit Jungen in demselben Käfig lassen. Nicht wohlgethan ist es, die rechtzeitige Paarung der Frettchen zu verhindern, weil Männchen wieWeibchen, wenn man ihren natürlichen Trieb unterdrückt, fast regelmäßig erkranken und zu Grunde gehen können. Bei sorgfältiger Pflege erhält man die Tierchen 6—8 Jahre lang am Leben und bei guter Gesundheit. So treffliche Dienste das Frett bei der Kaninchenjagd leistet, so gering ist der wirkliche Nutzen, den es bringt, im Vergleiche zu den Kosten, welche es verursacht. Man darf die Kaninchenjagd mit dem Frett eben nur während der gewöhnlichen Jagdzeit, vom Oktober
bis zum Februar, betreiben und muß das ganze übrige Jahr hindurch das Tierchen ernähren, ohne den geringsten Nutzen von ihm zu erzielen; zudem ist es bloß gegen halb oder ganz erwachsene Kaninchen zu gebrauchen, weil es Junge, welche es im Baue findet, augenblicklich tötet und auffrißt, worauf es sich gewöhnlich in das weiche, warme Nest legt und nun den Herrn Gebieter draußen warten läßt, solange es ihm behagt.
Zur Jagd zieht man am Morgen aus. Die Frettchen werden in einem weich ausgelegten Korbe oder Kästchen, unter Umständen auch in der Jagdtasche getragen. Am Baue sucht man alle befahrenen Röhren auf, legt vor jede ein sackartiges, etwa 1 m langes Netz, welches um einen großen Ring geflochten und an ihm befestigt ist, und läßt nun eins der Frettchen in die Hauptröhre, welche hierauf ebenfalls verschlossen wird. Sobald die Kaninchen den eingedrungenen Feind merken, fahren sie erschreckt heraus, geraten in das Netz und werden in ihm erschlagen. Das Frettchen selbst wird durch einen kleinen Beißkorb oder durch Abfeilen der Zähne gehindert, ein Kaninchen im Baue abzuschlachten, und bekommt, um von seinem Treiben beständig Kunde zu geben, ein helltönendes Glöckchen um den Hals gehängt. In früheren Zeiten war man, namentlich in England, so grausam, zu gleichem Behufe die Lippen des armen Jagdgehilfen zusammenzunähen, ehe man ihn in den Bau kriechen ließ; glücklicherweise hat man sich überzeugt, daß ein Beißkorb dieselben Dienste leistet. Sobald das Frettchen wieder an der Mündung der Röhre erscheint, wird es sofort aufgenommen; denn wenn es zum zweiten Male in den Bau geht, legt es sich in das Nest zur Ruhe und läßt dann oft stundenlang auf sich warten. Sehr wichtig ist es, wenn man es an einen Pfiff und Ruf gewöhnt. Kommt es dann nicht heraus, so sucht man es durch allerhand Lockungen wieder in seine Gewalt zu bringen. So bindet man an eine schwankende Stange ein Kaninchen und schiebt dieses in die Röhre. Einer solchen Aufforderung, der unser Tier beherrschenden Blutgier Folge zu leisten, kann kein Frett widerstehen; es beißt sich fest und wird samt dem Kaninchen herausgezogen.
In England benutzt man das Frett häufiger noch als zur Jagd der Kaninchen zum Vertreiben der Ratten und noch lieber zu Kämpfen mit diesen bissigen Nagern. Mein englischer Gewährsmann versichert, daß verhältnismäßig wenige Frette zur Rattenjagd zu gebrauchen seien, nachdem sie einige Male von den Zähnen der gefräßigen Langschwänze zu leiden gehabt hätten. Ein Frett, welches bloß an Kaninchenjagd gewöhnt ist, soll für die Rattenjagd gänzlich unbrauchbar sein, weil es sich vor jeder großen Ratte fürchtet. Der Rattenjäger muß also besonders erzogen werden. Man läßt ihnanfangs nur mit jungen und schwachen Ratten kämpfen und gewöhnt ihn nach und nach an Kampf und Sieg. Dann regt sich der angeborene Blutdurst; der Mut des kleinen Räubers wächst, und zuletzt erlangt er eine solche Fertigkeit in dem Kampfe mit dem schwarzen Wilde, daß er wahre Wunder verrichtet. Gewöhnlich ziehen sich alte, erfahrene Ratten, sobald sie angegriffen werden, in eine Ecke zurück und wissen von hier aus erfolgreiche Ausfälle zu machen und dem unvorsichtigen Feinde gefährliche Wunden beizubringen; ein gut abgerichtetes Frett aber schrecken solche ausgelernte Fechter nicht ab: es weiß doch den richtigen Augenblick zu wählen, um den tückischen Gegner zu fassen. Ausgezeichnete Frettchen vermögen in einer Stunde 50 Ratten in einem 2—3 m großen Raume zu töten.
Ich habe schon bemerkt, daß das Frett bei seinen Kaninchenjagden zuweilen auch auf andere Feinde trifft, welche in einem verlassenen Kaninchenbau Zuflucht gefunden haben. So ereignet es sich zuweilen, daß es in einer Kaninchenhöhle mit einem Iltis zusammenkommt. Dann beginnt ein furchtbarer Kampf zwischen beiden gleich starken und gewandten Tieren, keineswegs zur Freude des Besitzers des gezähmten Mitgliedes der Marderfamilie, weil er alle Ursache hat, für das Leben seines Jagdgehilfen zu fürchten. „Ein Frett, welches in eine Kaninchenhöhle gesandt wurde“, erzählt ein Jäger, „verblieb so lange Zeit darin, 39*