Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
daß ich ungeduldig wurde und bereits glauben wollte, mein Tier habe sich in das warme Nest gelegt und schlafe dort. Ich stampfte deshalb heftigauf den Boden, um es zu erwecken und wieder zu mir zu bringen. Freilich erfuhr ich bald, daß mein Frettchen sich keiner Un: terlassungssünde schuldig gemacht hatte. Ich hörte ein ganz eigentümliches Geschrei, welches dem Murren und Kreischen des Frettchens glich, aber doch noch von Tönen begleitet war, welche ich mir nicht enträtjeln konnte. Der Lärm wurde lauter, und bald konnte ich unter: scheiden, daß es von zwei Tieren herrühren mußte. Endlich sah ich in dem Dunkel der Höhle den Schwanz meines Frettchens und entdeckte nun zu gleicher Zeit, daß es mit einem Tiere im Kampfe lag. Das Frett bemühte sich nach Kräften, seine Beute nach der Mündung der Höhle zu schleppen, stieß aber auf einen bedeutenden Widerstand. Endlich kam es doch hervor, und ich entdeckte zu meiner nicht geringen Überraschung, daß es sich mit einem männlichen Iltis in den Kampf eingelassen hatte. Beide waren ineinander verbissen; eines hatte das andere am Nacken gefaßt, und keines schien gewillt zu fein, seinen Gegner jo leichten Kampfes davonzulassen. Plötzlich erblickte mich der Iltis und versuchte nun, mein
Gerippe
armes Frettchen nach der Tiefe der Höhle zu schleppen, um den Kampf dort weiter auszufechten. Das vorzügliche Tierchen hielt jedoch trefflich stand und brachte seinen Feind nach kurzer Zeit nochmals an die Mündung der Höhle zurück. Aber es war zu schwach, um ihn vollends bis an das Tageslicht zu bringen. Der Iltis gewann wieder die Oberhand, und beide verschwanden von neuem. Nun sah und hörte ich wieder lange Zeit nichts von ihnen, und meine Angstlichkeit nahm begreiflicherweise mit jeder Minute zu. Aber zum dritten Male sah ich das Frett, welches seinen Feind an das Tageslicht zu schleppen versuchte. An der Mündung der Höhle entstand ein verzweifeltes Ringen; das Frettchen kämpfte mit un-übertrefflichem Geschicke, und ich hoffte schon die Niederlage des Iltis zu sehen, als jenes plötzlich den Kampf aufgab und mit zerfetzter Brust auf mich zusprang. Sein Feind erkühnte sich nicht, ihm zu folgen, sondern blieb vorsichtig schnüffelnd in der Mündung der Röhre stehen. Ich schlug auf ihn an; allein mein Gewehr versagte mir mehrere Male, und ehe ich noch schießen konnte, drehte sich der kleine Held plötzlich um und ließ seinen Gegner und dessen Helfershelfer im Stiche.“
Ungeachtet solcher Kämpfe paaren sich Frett und Iltis ohne viele Umstände miteinander und erzielen Blendlinge, welche von den Jägern sehr geschätzt werden. Solche Bastarde ähneln dem Iltis mehr als dem Frett, unterscheiden sich von ersterem auch bloß durch die lichtere Färbung im Gesichte und an der Kehle. Ihre Augen sind ganz schwarz und aus diesem Grunde feuriger als die des Frettchens. Sie vereinigen die Vorzüge beider Eltern in sich; denn sie lassen sich weit leichter zähmen, stinken auch nicht so heftig wie der Iltis, sind aber stärker, kühner und weniger frostig als das Frettchen. Ihr Mut ist unglaublich. Sie stürzen sich wie rasend auf jeden Feind, welchem sie in einer Höhle begegnen. Nicht selten sind sie aber auch gegen ihren Herrn heftig und beißen ihn empfindlich.
Das Wiesel und seine nächsten Verwandten sind noch weit schlanker und gestreckter als die übrigen Marder; ihr Schädel ist etwas schmächtiger und hinten schmäler, der obere Reißzahn ein wenig anders gestaltet als bei den Iltissen. Alle hierher gehörigen Arten halten sich am liebsten in Feldern, Gärten, Erdhöhlen, Felsritzen, unter Steinen und Holzhaufen auf und jagen fast ebensoviel bei Tage wie bei Nacht. Obgleich die kleinsten Raubtiere, zeichnen sie sich durch ihren Mut und ihre Raublust aus, so daß sie als wahre Musterbilder der Familie gelten können.
Das Wiesel, Hermännchen oder Hermchen (Putorius vulgaris, Viverra, Mustela und Foetorius vulgaris, Mustela gale, nivalis und pusilla), erreicht eine Gesamtlänge von 20 cm, wovon 4,5 em auf das kurze Schwänzchen zu rechnen find. Der außer: ordentlich gestreckte Leib sieht wegen des gleichgebauten Halses und Kopfes noch schlanker aus, als er ist. Vom Kopfe an bis zum Schwanze fast überall gleich dick, erscheint er nur bei Erwachsenen in den Weichen etwas eingezogen und an der Schnauze ein wenig zugespitzt. Er ruht auf sehr kurzen und dünnen Beinen mit äußerst zarten Pfoten, deren Sohlen zwischen den Zehenballen behaart und deren Zehen mit dünnen, spitzen und scharfen Krallen
Gerippe des Wiesels. (Aus dem Berliner anatomischen Museum.)
bewaffnet sind. Der verhältnismäßig kurze Schwanz spitzt sich von der Wurzel nach dem Ende allmählich zu. Die Nase ist stumpf und durch eine Längsfurche einigermaßen geteilt. Die breiten und abgerundeten Ohren stehen seitlich und weit hinten; die schiefliegenden Augen sind klein, aber sehr feurig. Eine mittellange, glatte Behaarung deckt den ganzen Leib und zeigt sich nur in der Nähe der Schnauzenspitze etwas reichlicher. Lange Schnurren vor und über den Augen und einzelne Borstenhaare unter diesen sind außerdem zu bemerken. Die Färbung des Pelzes ist rötlichbraun; der Rand der Oberlippe und die ganze Unterseite sowie die Innenseiten der Beine sind weiß. Hinter jedem Mundwinkel steht ein kleiner, rundlicher, brauner Flecken, und zuweilen finden sich auch einzelne braune Punkte auf dem lichten Bauche. In gemäßigten und südlichen Gegenden ändert diese Färbung nicht wesentlich ab; weiter nördlich hingegen legt das Wiesel wie sein nächster Verwandter eine Winterlracht an und erscheint dann weißbraun gefleckt, ohne jedoch die schöne, schwarze Schwanzspitze zu erhalten, welche das Hermelin so auszeichnet.
Das Wiesel bewohnt ganz Europa ziemlich häufig, obschon vielleicht nicht in jo großer Anzahl wie das nördliche Asien, und zwar ebensowohl die flachen wie die gebirgigen Gegenden, buschlose Ebenen so gut wie Wälder, bevölkerte Orte nicht minder zahlreich als einsame. Überall findet es einen passenden Aufenthalt; denn es weiß sich einzurichten und entdeckt allerorten einen Schlupfwinkel, welcher ihm die nötige Sicherheit vor seinen größeren Feinden gewährt. So wohnt es denn bald in Baumhöhlen, in Steinhaufen, in altem Gemäuer, bald unter hohlen Ufern, in Maulwurfsgängen, Hamster- und Rattenlöchern, im Winter in Schuppen und Scheuern, Kellern und Ställen, unter Dachböden ꝛc., häufig auch in Städten. Wo es ungestört ist, streift es selbst bei Tage umher, wo es sich verfolgt sieht, bloß des Nachts oder wenigstens bei Tage nur mit äußerster Vorsicht.
Wenn man achtsam und ohne Geräusch an Orten vorübergeht, welche ihm Schutz ge: währen, kann man leicht das Vergnügen haben, es zu belauschen. Man hört ein unbedeutendes Rascheln im Laube und sieht ein kleines, braunes Wesen dahinhuschen, welches, fo-bald es den Menschen gewahrt, aufmerksam wird und auf seine Hinterbeine sich erhebt, um bessere Umschau halten zu können. Gewöhnlich fällt es dem zwerghaften Gesellen gar nicht ein, zu fliehen; er sieht vielmehr mutig und trotzig in die Welt hinaus und nimmt eine wahrhaft herausfordernde Miene an. Wenn man ihm dicht an den Leib kommt, ist er auch wohl so dreist, sich dem Störenfriede selbst zu nähern und ihn mit einer unbeschreiblichen
N irNN TRN
Wiesel (Putorius vulgaris), im Sommerkleide. ½ natürl. Größe.
Unverschämtheit anzusehen, als wolle er fih Kunde verschaffen, was der ungebetene Gast denn hier zu suchen habe. Mehr als einmal ist es vorgekommen, daß das kühne Geschöpf sogar den Menschen angegriffen und von ihm erst nach langem Streite abgelassen hat. Auch in den Beinen von vorübergehenden Pferden hates sich festgebissen und konnte nur durch vereinte Anstrengung von Roß und Reiter abgeschüttelt werden. Mit diesem Mute ist eine unvergleichliche Geistesgegenwart verbunden. Das Wiesel findet fast immer noch einen Ausweg: es gibt sich in den Krallen des Raubvogels noch nicht verloren. Der starke und raubgierige Habicht freilich macht wenig Umstände mit dem ihm gegenüber allzu schwachen Zwerge, nimmt ihn vielmehr, ohne die geringste Gefahr befürchten zu müssen, mit seinen langen Fängen vom Boden auf und erdolcht oder erdrosselt ihn, ehe der arme Schelm noch recht zur Besinnung gelangt; die schwächeren Räuber aber haben sich immerhin vorzusehen, wenn sie Gelüste nach dem Fleische des Wiesels verspüren. So sah ein Beobachter einen Weih auf das Feld herabstürzen, von dort ein kleines Säugetier aufheben und in die Luft tragen. Plötzlich begann der Vogel zu schwanken, sein Flug wurde unsicher, und schließlich fiel der Raubvogel tot zur Erde herab. Der überraschte Zuschauer eilte zur Stelle und sah ein Wiesel lustig dahinhuschen. Es hatte seinem fürchterlichen Feinde geschickt den Hals zerbissen und sich so gerettet. Ahnliche
Beobachtungen hat man bei Krähen gemacht, welche so kühn waren, das unscheinbare Tier anzugreifen, und sich arg verrechneten, indem sie selbst ihr Leben lassen mußten, anstatt einen guten Schmaus zu halten.
Ein lehrreiches Beispiel von einem ungleichen Zweikampfe, den unser kleiner Räuber bestand, teilt Lenz mit: „Zu einem alten Wiesel, welches mit anderen Tieren schon ganz gesättigt war, setzte ich einen Hamster, welcher es an Körpermasse wohl dreimal übertraf. Kaum hatte es den bösen Feind bemerkt, vor dem es wie ein Zwerg vor einem Riesen stand, so rückte es im Sturmschritte vor, quiekte laut auf und sprang unaufhörlich nach dem Gesichte und Halse seines Gegners. Der Hamster richtete sich empor und wehrte mit den Zähnen den Wagehals ab. Plötzlich aber fuhr das Wiesel zu, biß sich in seine Schnauze ein, und beide wälzten sich nun, das Wiesel laut quiekend, auf dem mit Blute sich rötenden Schlachtfelde. Die Streiter fochten mit allen Füßen; bald war das leicht gebaute Wiesel, bald der schwere, plumpe Hamster obenauf. Nach 2 Minuten ließ das Wiesel los, und der Hamster putzte, die Zähne fletschend, seine verwundete Nase. Aber zum Putzen war wenig Zeit; denn schon war der kleine Feind wieder da, und wupp! saß er wieder an der Schnauze und hatte sich fest eingebissen. Jetzt rangen sie eine Viertelstunde lang unter lautem Quieken und Fauchen, ohne daß ich bei der Schnelligkeit der Bewegungen recht sehen konnte, wer siegte, wer unterlag. Zuweilen hörte ich zerbissene Knochen knirschen. Die Heftigkeit, womit sich das Wiesel wehrte, die zunehmende Mattigkeit des Hamsters schien zu beweisen, daß jenes im Vorteile war. Endlich ließ das Wiesel los, hinkte in eine Ecke und kauerte sich nieder; das eine Vorderbein war gelähmt, die Brust, welche es fortwährend leckte, blutig. Der Hamster nahm von der anderen Ecke Besitz, putzte seine angeschwollene Schnauze und röchelte. Einer seiner Zähne hing aus der Schnauze hervor und fiel endlich gänzlich ab; die Schlacht war entschieden. Beide Teile waren zu neuen Anstrengungen nicht mehr fähig. Nach 4 Stunden war das tapfere Wiesel tot. Ich untersuchte es genau und fand durchaus keine Verletzung, ausgenommen, daß die ganze Brust von den Krallen des Hamsters arg zerkratzt war. Der Hamster überlebte seinen Feind noch um 4 Stunden. Die Schnauze desselben war zermalmt, ein Zahn ausgefallen, zwei andere wacklig, und nur der vierte saß fest. Übrigens sah ich nirgends eine Verletzung, da ihn das Wiesel immer fest an der Schnauze gehalten hatte.“
| Es versteht fih von selbst, daß ein jo mutvolles und kühnes Geschöpf ein wahrhaft
furchtbarer Räuber sein muß, und ein solcher ist das Wiesel in der That. Es hat allen kleinen Säugetieren den Krieg erklärt und richtet unter ihnen oft entsetzliche Verwüstungen an. Unter den Säugetieren fallen ihm die Haus-, Wald- und Feldmäuse, Wasser- und Hausratten, Maulwürfe, junge Hamster, Hasen und Kaninchen zur Beute; aus der Klasse der Vögel raubt es junge Hühner und Tauben, Lerchen und andere auf der Erde wohnende Vögel, selbst solche, welche auf Bäumen schlafen, plündert auch deren Nester, wenn es diese auffindet. Unter den Kriechtieren stellt es den Eidechsen, Blindschleichen und Ringelnattern nach, wagt sich selbst an die gefährliche Kreuzotter, obgleich es deren wiederholten Bissen erliegen muß. Außerdem frißt es auch Frösche und Fische, genießt überhaupt jede Art von Fleisch, selbst das der eigenen Art. Kerbtiere der verschiedensten Ordnungen sind ihm ein Leckerbissen, und wenn es Krebse erlangen kann, weiß es deren harte Kruste geschickt zu zerbrechen. Seine geringe Größe und unglaubliche Gewandtheit kommen ihm bei seinen Jagden trefflich zu statten. Man kann wohl sagen, daß eigentlich kein kleines Tier vor ihm sicher ist. Es läuft außerordentlich gewandt, klettert recht leidlich, schwimmt sehr gut und weiß durch blitzschnell Wendungen und rasche Bewegungen, im Notfalle auch durch ziemlich weite Sprünge seiner Beute auf den Leib zu kommen oder seinen Feinden zu entgehen. In der Fähigkeit, die engsten Spalten und Löcher zu durchkriechen und somit überall sich einzuschleichen, liegt seine Hauptstärke, und Mut, Mordlust und Blutdurst thun dann vollends noch das Ihrige,