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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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Die Gespinst- oder bre itleibigen Blattwespen (Lyda) bilden in ihren zahlreichen, nicht leicht zu unterscheidenden und noch wenig in der Lebensweise erkannten Arten eine zweite, sehr bestimmt abgegrenzte Sippe. Die langen, borstigen Fühler, der, weil einem Halse aufsitzend, ungemein bewegliche Kopf sowie das Flügelgeäder bringen sie den Holzwespen nahe, den flachgedrückten, beinahe wagerecht gestellten Kopf, platten Mittel⸗ und gleichfalls platten, an den Seiten gekanteten Hinterleib beanspruchen sie als Eigentümlichkeit für sich allein, und wegen des nicht vorstehenden Legbohrers und der außerhalb der Pflanzen lebenden Larven schließen sie sich den echten Blattwespen an. In letzterer Hinsicht jedoch noch nicht vollständig; denn die Larven sind ärmer an Beinen und leben in einem leichten Gespinste oder in einem Blätterfutteral, wie gewisse Motten oder Zünsler unter den Schmetterlingen.

Die Kotsack⸗Kiefernblattwespe (Lyda campestris, Fig. 2, S. 355), eine nicht eben seltene Art, mag uns alle diese Verhältnisse etwas genauer erläutern. Die schmutzig grüne Larve hat nur sechs Brustfüße, siebengliederige, lange Fühler, am After

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX. 23

ein Hornhäkchen und seitwärts je ein dreigliederiges Anhängsel. Sie lebt im Juli an drei- und vierjährigen Kiefern, wo das befruchtete Weibchen seine Eier, höchstens ihrer drei, an verschiedene Zweige des Maitriebes abgesetzt hatte, und wird durch das röhrenförmige, infolge ihres Kotes undurchsichtige Gespinst kenntlich gemacht. Sie hält sich darin versteckt und kommt meist nur am unteren Gespinstteile mit dem Vorderkörper hervor, um eine außerhalb befindliche Nadel von der Spitze bis zur Wurzel abzuweiden, was sie ungefähr in einer Stunde fertig bringt. Sind alle Nadeln im Bereiche ihres Nestes verzehrt, so verlängert sie dasselbe und kann auf diese Weise den ganzen Maitrieb des jungen Bäumchens vernichten. Ende August ist sie erwachsen, in einem warmen Sommer schon früher, läßt sich an einem Faden herab und gräbt sich bis 13 mm tief in lockere Erde ein, bereitet aus dieser ein bohnenähnliches, loses Gespinst und verschläft hier in gekrümmter Stellung den Herbst und Winter. Mitte April des nächsten Jahres kann man unter Umständen statt ihrer eine Puppe finden, es ist aber auch möglich, daß Ende Mai die Larve noch unverwandelt liegt, ausnahmsweise sogar das ganze laufende Jahr hindurch. 14 Tage ungefähr ruht die Puppe, dann erscheint die Wespe, welche sich ziemlich versteckt zwischen den Nadeln hält und darum wenig bemerkt wird. Geht man bei warmem Sonnenschein durch jene Schonungen, in welchen sie sich aufhält, so fliegt sie scheu auf und verrät sich durch schwaches Summen mit den Flügeln. Ihr Körper ist bis auf die größere, rötlichgelbe Hinterleibsmitte (Glied 2—5) glänzend blauschwarz, Mund, Fühler, ein Augenfleck, Schildchen, Kniee, Schienen, Füße und Flügel sind gelb, letztere auf dem Male blaufleckig. Die Vorderschienen haben zwei End- und zwei Seitendornen, die mittleren zwei der letzteren Art übereinander, die hintersten nur einen und auch nur einen am Ende. Diese Dornenverlältnisse ändern sich bei anderen Arten, darum müssen sie, wie die Oberflächenverhältnisse des Scheitels zu seiner Umgebung sowie die Beschaffenheit der schmalen Wurzelzelle am Vorderrand des Vorderflügels, stets genau geprüft werden, wenn es sich um Artunterschiede handelt. Die eben genannte Zelle ist hier durch eine an der Spitze gegabelte Längsader in drei Teile zerlegt, während bei anderen durch Wegfall des oberen Gabelästchens nur zwei Teile entstehen. Ebenso steht hier der Scheitel nicht polsterartig über seine Umgebung heraus, wodurch sich andere Arten auszeichnen. An dem Vorderflügel unterscheidet man überdies zwei Rand- und vier Unterrandzellen, deren letzte sich nicht vollkommen schließt.

Eine zweite, gleichfalls an Kiefern lebende Art ist die entschieden schädlichere große

Kiefernblattwespe der Forstleute (Lyda stellata oder pratensis), deren Gespinst ziemlich klar bleibt, da nur vereinzelte Kotklümpchen in ihm hängen bleiben; eine dritte, die an dem stahlblauen Körper und dem roten Kopfe des Weibchens leicht kenntliche rotköpfige Gespinstblattwespe (Lyda erythrocephala), lebt ebenfalls im Larvenzustand an Kiefern und gehört mit beiden vorigen derselben Grundform an. Andere Arten leben gesellig in einem und demselben Gespinste, wie die gesellige Fichtenblattwespe (Lyda hypotrophica) an 15— 20 jährigen Fichten, die Birn-Gespinstwespe (Lyda pyri oder elypeata) an Birnbäumen und Weißdorngebüsch. Die einsam lebende Larve der Rosen-Gespinstwespe (Lyda inanita) fertigt ein langes Gehäuse aus Stückchen von Rosenblättern, in welchem fie lebt, und jo ließe sich noch manche Eigentümlichkeit dieser und jener näher bekannten Art aufzählen, wenn es der Raum gestattete. Die Larven aller haben den Bau der abgebildeten und unterscheiden sich nur durch Färbung und Zeichnung voneinander sowie durch die eben angedeuteten Lebensgewohnheiten. Der Süden Europas scheint reicher, namentlich auch an bunteren Arten zu sein als unsere nördlicheren Gegenden; ich habe wenigstens einige sehr zierliche Gestalten aus Griechenland erhalten, die größtenteils noch namenlos sein dürften.

——

Die artenreichste, überall verbreitete Sippe umfaßt die echten Blattwespen (Tenthredinidae), von deren Larven und Lebensweise das oben Gesagte gilt. Die Wespen selbst, sich in langgestreckte und gedrungene Formen gruppierend, haben in der Mehrzahl neungliederige, einige dreigliederige Fühler, die bei den Männchen öfters anders gebildet sind wie bei den Weibchen, an ihnen und am Flügelgeäder unterscheidet man hauptsächlich die zahlreichen Gattungen, an einem niedergedrückten, quer bogig endenden Hinterleib die Männchen von ihren Weibchen, deren walziger Hinterleib stumpf gespitzt endigt und den Bohrer in der Ruhelage verbirgt. Manche Arten haben zwei und mehr Bruten im Jahre, doch muß man bei der Beurteilung dieser Verhältnisse vorsichtig sein, weil sie oft durch unregelmäßige Entwickelung mehr oder weniger verwischt werden.

2, il)

den Angriff einer Schlupfwespe wehren, Puppenhülse geschlossen und offen. 2) Kotsack-Kiefernblattwespe (Lyda campestris) nebst Larven und Gespinst. Alles natürliche Größe.

Die Kiefern-Kammhornwespe (Lophyrus pini) hält sich, wie ihr Name ver: muten läßt, nur in Kiefernwäldern auf, wo die Larve bisweilen nicht unbeträchtlichen Schaden anrichtet. Man hat gesehen, wie dieselben in so dicht gedrängten Reihen auf die Bäume kletterten, daß die Stämme gelb gefärbt waren, wie sie oben die Nadeln vollständig bedeckten und in Knäueln von der Größe eines Menschenkopfes daran hingen. Hatten sie alles Grün verschwinden lassen, so zogen sie weiter nach anderen Revieren, welche vom Schauplatz ihrer Verwüstungen durch einen Bach getrennt waren. Zu Tausenden und abermals Tausenden wimmelten sie am Ufer desselben, und weil sie ihre Richtung nicht änderten, stürzten sie indas Wasser. Tag für Tag wogten sie aus dem Inneren jenes vernichteten Bestandes ihrem sicheren Tode zu, so daß der Bach während dieser Zeit nicht von lebendigem Wasser, sondern von dem mit dem Tode ringenden Geziefer gebildet zu sein schien. Für gewöhnlich erscheint die Afterraupe vom Mai ab in sehr mäßiger Anzahl. Sie hat 22 Beine, eine grüne, je nach dem Alter in Gelb oder Braun spielende Körperfarbe und eigentümlich geschwungene, rauchgraue oder schwarze Zeichnungen über den vorderen Beinen und spritzt wohl auch einem Angreifer einen harzigen Saft aus der 23.

den Angriff einer Schlupfweſpe wehren, Puppenhülſe geſchloſſen und offen. 2) Kotſack-Kiefernblattweſpe (Lyda campestris) nebſt Larven und Geſpinſt. Alles natürliche Größe.

Mundöffnung entgegen. Nach 8 Wochen oder darüber hinaus, wenn die Witterungsverhältnisse ungünstig, ist sie erwachsen, nachdem sie sich fünfmal gehäutet hat. In diesem Zustande erblicken wir mehrere auf einem Zweige, ebenso das Tönnchen, in welchem sie A sich an einer Nadel verspinnt. Ende Juli nagt die Wespe ein Deckelchen los und kommt an das Tageslicht. Sehr charakteristisch wird sie und ihre Gattung durch die bei den verschiedenen Arten 17 — 22gliederigen Fühler. Beim Weibchen find diese gesägt, beim Männchen außerordentlich zierlich kammzähnig; die Zähne nehmen nach der Spitze hin allmählich an Länge ab, stehen in zwei Reihen, und jeder hat, wie die Fahne einer Feder, wieder feine Fiedern. Eine Rand- und drei Unterrandzellen, zwei Enddornen an den Vorderschienen kennzeichnen die Gattung, und unsere Art unterscheidet man von den vielen ähnlichen im weiblichen Geschlechte durch die in der Mitte der Fühler auftretende größte Stärke derselben, durch den dicht punktierten Kopf und Mittelleib, die hier und da in kleinen Strecken ausgebliebenen Flügeladern und die zwei Endspornen an den Schienen der Hinterbeine; Kopf und Rücken des Mittelleibes sowie die Hinterleibsmitte sind vorherrschend schwarz, ebenso ein Mittelfleck der Brust, das Übrige ist schmutzig rostgelb. Das Männchen erkennt man an seinem schwarzen Kleide, wovon nur die von den Knieen an schmutzig rostgelben Beine eine Ausnahme machen, an dem dunkeln Flügelmaleund der: selben Körperpunktierung, wie sie eben am Weibchen auseinandergesetzt wurde. Gleich nach ihrem Erscheinen paaren sich die Wespen, und das Weibchen kriecht sofort, mit den vorgestreckten Fühlern suchend, umher und wählt, wenn der Juli noch nicht vorüber ist, vorjährige Nadeln, später, vom August ab, schwärmende Weibchen gehen an diesjährige. Hat es die erwünschte Stelle ausfindig gemacht, so setzt es sich, gleichviel ob an der Spitze oder am Grunde beginnend, auf die scharfe Kante der Nadel, schneidet mit seiner Säge das Fleisch bis auf die Mittelrippe durch und läßt ein Ei neben das andere seiner Länge nach auf diese gleiten. Die Spaltöffnung wird mittels eines gleichzeitig ausfließenden Schleimes, welcher sich mit den Sägespänen vermengt, zugekittet. Auf solche Weise gelangen 2— 20 Eier in eine Nadel, deren Kante durch ebenso viele, von der Seite als Vierecke erscheinende, sich aneinander reihende Kittknötchen wieder geschlossen wird. Ein Weibchen vermag 80— 120 Eier abzusetzen, und zwar geschieht dies immer an benachbarten Nadeln. Mit kurzer Unterbrechung behufs der Ruhe wird die Arbeit Tag und Nacht bis zu Ende fortgesetzt, und ein schneller Tod ist die Folge der gehabten Anstrengung. Übrigens hat man hier auch jungfräuliche Fortpflanzung beobachtet. Je nach der Witterung ist ein Zeitraum von 14— 24 Tagen ausreichend, um das Ei zur Entwickelung zu bringen; dabei schwillt es etwas an, und der Kitt löst sich von selbst, so daß die junge Afterraupe ohne Mühe herauskriechen kann. Berechnen wir die bei den verschiedenen Ständen bereits angeführten Zeiten ihrer Entwickelung, so ergibt sich im günstigsten Falle eine Lebensdauer vom Eie bis zum Schwärmen der Wespe von etwa 3 Monaten. Findet letzteres nach gewöhnlichen Witterungsverhältnissen zum erstenmal im April statt, so wird im Juli die zweite, gewöhnlich immer zahlreichere Brut schwärmen, und der Fraß der Raupen fällt somit in den Mai und Juni von der ersten, in den August und September von der zweiten Brut, welche unter Moos ihre Tönnchen spinnt, darin überwintert und im nächsten Jahre den Anfang macht. Indes muß man nicht meinen, daß diese Regelmäßigkeit auch immer statthabe; nach sorgfältig angestellten Beobachtungen kann die erste Brut im nächsten Frühling zur Entwickelung gelangen oder im Nachsommer, ja selbst mit Überspringung eines ganzen Jahres erst im dritten, ebensowenig braucht die Brut des Spätsommers gerade den ersten Schwarm im folgenden Frühjahr zu bilden. Merkwürdig bleibt hierbei der Umstand, daß die Larren derselben Wespenart wenige Tage in ihrem Gespinste ruhen und in einem allerdings selteneren Falle mehrere

Jahre. Im Allgemeinenist die Afterraupe gegen äußere Einflüsse ziemlich empfindlich, besonders in der zarten Jugend und vor dem Verspinnen; es fehlt nicht an Beispielen, wo man nach einer kühlen Nacht, einem heftigen Gewitterregen, nach Höhenrauch ꝛc. ganze Familien in den verschiedensten Stellungen und Färbungen tot, teils auf den Nadeln, teils unter den Bäumen angetroffen hat. Daß sie außerdem noch von vielen Schmarotzern aufgesucht werden (man hat beinahe 40 verschiedene Arten daraus erzogen), geht aus dem Vorhergehenden zur Genüge hervor. Im Winter schleppen die Mäuse gern die Tönnchen zusammen und fressen sie aus.

Nematus ist eine sehr verbreitete Gattung, deren Arten wegen der großen Übereinstimmung in der unbestimmten, oft matten Färbung unzureichende Unterschiede bieten; neungliederige, borstige Fühler, welche im Vergleiche zum kleinen Körper oft ziemlich lang erscheinen, eine Rand- und vier in der Anlage vorhandene Unterrandzellen, welche aber wegen Fehlschlagens der Querader zwischen den beiden ersten nicht immer zu stande kommen, und deren zweite beide rücklaufende Adern aufnimmt, bilden die Gattungsmerkmale. Die Larven haben 20 Füße. Unter ihnen fällt die in der Mitte des Körpers grünblaue, an beiden Enden gelb gefärbte, durchaus schwarz punktierte und schwarzköpfige, eins jener oben erwähnten Fragezeichen, vom Juli bis Oktober an verschiedenen Weidenarten in die Augen. Sie gehört dem Nematus salicis an, einer gelben, am Scheitel, Flügelmal, den Fühlern und auf dem Mittelrücken fleckig schwarzen Wespe von nahezu 10 mm Länge. — Die höchstens 6,5 mm lange, rötlichgelbe Stachelbeer-Blattwespe (Nematus ventricosus), welche noch eine Menge anderer Namen führt, ist am Kopfe außer dem Munde und der Unterseiteder Fühler, an drei Flecken auf dem Brustrücken, an der Brust mehr oder weniger und an der Wurzel des männlichen Hinterleibes schwarz, an der Schienenspitze und den Füßen der Hinterbeine braun. Ihre schmutzig grüne, an den Seiten des ersten und der drei letzten Glieder gelbe, schwarzwarzige, schwarzköpfige und kurzhaarige Larve frißt im Mai manchmal die Stachelbeer- und Johannisbeerbüsche vollständig kahl und erscheint zum zweitenmal desselben Jahres im Juli und August. Von Afterraupen, welche am 22. Mai eingetragen waren, erhielt ich schon am 3. Juni zwei weibliche Wespen. Daraus, daß ein Weibchen bis 120 Eier absetzen kann, erklärt sich die starke Vermehrung. — Die bohnenartigen Anschwellungen der Weidenblätter, verschieden in ihrem Baue und ihrer Verbreitungsweise, entstehen durch grüne Afterräupchen, aus denen sich verschiedene Arten der in Rede stehenden Gattung entwickeln.

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