Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
— — — Jch lerne dann, Ob eine Seele das goldene Würmchen hatte. 2
Hunderte von e zittern durch die würzige Luft, undwenn dem bun
und Blätter der Gräser, das Moos und die Steinchen dese 5arf N tend, im schwächeren, immer schwächeren Lichtnebel verschwimmend und der Dun f endlich den Sieg einräumend; denn e. es an einerr Stelle,*
des hochzeitlichen Hymen. Mit Anbruch des Tages ist der Glanz verschwunden, und das
r Fünkchen, welches heute leuchtete, ist morgen für immer verlöscht, wenn auch ihm Hymen die Fackel angezündet hatte; solange dies nicht geschah, irrt es allnächtlich von neuem umher. Am Tage hält es sich verborgen im Grase, ernährt sich auch von solchem, wenn =. ihm ein längeres Leben beschieden sein sollte. In den an Glühwürmchen armen Jahren wird ee:FBr jener wunderbare Fackeltanz durch die geringe Zahl der Teilnehmer wesentlich abgeschwächt, En außerdem auch, wenn es sich um die Hochzeitsfeier des großen Leuchtkäfers handelt, weil die Männchen ein schwächeres Licht verbreiten als die der gemeinen Art, welche mir, dem früheren Augenzeugen, bei meiner Schilderung vorgeschwebt hat; die Wirkungen des Tanzes en8 bleiben aber stets dieselben. Die an die Erde gelegten kugelrunden, gelbgefärbten Eier leuchten gleichfalls einige Zeit und entwickeln sich bald zu den uns bereits bekannt gewordenen Larven, welche im erwachsenen Zustande nach der Überwinterung nur demjenigen zu Gesicht kommen, welcher sie aufzusuchen weiß; denn obgleich sie auch schwach leuchten, verraten sie sich wegen der Schwäche des nur dem Boden zugekehrten Lichtes durch dasselbe so leicht nicht. Einige Wochen vor der Schwärmzeit der Männchen wird die Larve schwerfälliger und träger, nimmt keine Nahrung mehr zu sich, zuletzt reißt ihr an den Seitenkanten der drei vordersten Leibesringe das auf dem Rücken bepanzerte Kleid, und aus ihm windet sich die Puppe hervor. Selbstverständlich ist dieselbe eine andere, je nachdem ein Männchen oder ein Weibchen aus ihr hervorgeht. Die männliche Puppe zeigt die zukünftigen Flügel als Läppchen und ist in jeder Beziehung wie eine Käferpuppe gebildet, die weibliche stellt eine Mittelstufe zwischen Larve und dem ihr sehr nahe stehenden Weibchen dar, und es würde zu weit führen, wenn die Unterschiede aller drei Entwidelungs-stufen hier scharf hervorgehoben werden sollten, daher möge sie kurz als eine wenig eingekrümmte, ruhende Larve bezeichnet werden.
Die Licht verbreitenden Werkzeuge bestehen aus zahlreichen zartwandigen, vielseitigen Zellen, welche teils durchsichtig sind, teils eine feinkörnige Masse enthalten, und aus einem dichten Netze zarter Verästelungen der Luftröhren. Daß die Leuchtmasse auf Kosten des durch die Luftröhren zugeführten Sauerstoffes verbrenne, dürfte die jetzt allgemein angenommene Ansicht über das Leuchtvermögen sein.
Andere Leuchtkäfer, welche über alle Länder der Erde verbreitet sind, leben am zahlreichsten im südlichen Amerika in den verschiedensten Formen, die meisten jedoch in beiden Geschlechtern geflügelt, und alle stimmen unter sich und mit den einheimischen darin überein daß sich der Kopf unter dem erweiterten und vorn gerundeten Halsschilde meist ganz versteckt, die Taster kräftig,die Fühler der Stirn eingelenkt sind, daß die Mittelhüften der zusammengedrückten Beine sich berühren, und daß am Hinterleibe einige Ringe durch lichte Flecke den Sitz des Leuchtvermögens anzeigen. Wie es scheint, ist das Betragen der Arten mit geflügelten Weibchen im wesentlichen kein anderes als das unserer heimischen. Wenig: stens berichtet von Osten-Sacken über die um Washington gemeinste Art, die Light-ning bug (Photinus pyralis), ungefähr in folgender Weise: Männchen und Weibchen sehen sich vollkommen ähnlich, nur daß ersteres längere Fühler und stärkeres Leuchtvermögen besitzt; es glänzen bei ihm nämlich zwei ganze Hinterleibsglieder, während das Weibchen nur einen halbrunden Leuchtfleck auf dem drittletzten und zwei kleine Punkte auf dem vorletzten Bauchringe aufzuweisen hat. Das Leuchten besteht in einem wahren Blitzen, und der Glanz des in der Hand gehaltenen Käfers ist ein wirklich blendender. Befindet man sich auf einer feuchten Wiese, so hat man ein dem oben geschilderten gleiches Schauspiel. Gleich nach Sonnenuntergang steigen Tausende von Käfern senkrecht auf, fliegen eine Strecke seitwärts, währenddem sie sich wenig senken, um dann wieder zu steigen. Da sie bloß beim Aufsteigen at, fo sieht man die Menge immer nur fteigen, und zwar 1
find es nur Männchen, die bei ihrem Fluge den Körper senkrecht halten, jo daß der Hinter: leib wie eine Laterne herabhängt; von Zeit zu Zeit schwebt das eine und andere unbeweglich, wahrscheinlich um sich nach einem Weibchen unten im Grase umzuschauen. Diese bleiben hier ruhig sitzen und halten ihren Hinterleib nach oben, um ihr Licht leuchten zu lassen und den Männchen ein Zeichen zu geben. Anfangs ist es noch hell genug, um den Flug der einzelnen Käfer verfolgen zu können. Man sieht dann, wie nach einigen schaukelnden Wendungen in der Luft bei Eintritt der Dunkelheit das Männchen sich in einiger Entfernung von einem Weibchen niederläßt. Unter fortgesetztem Aufblitzen von beiden Seiten kommt man sich immer näher, bis man sich schließlich trifft. Die später im Grase leuchtenden Punkte sind sicher nur vereinigte Pärchen, und die einzelnen zu dieser Zeit noch in der Luft zu beobachtenden Männchen eben nur solche, welche noch keine Gefährtin gefunden haben.
Mancher meiner Leser hat vielleicht schon Kenntnis von Zeitungsberichten über „Schneewürmer“ genommen, die mit dem ersten Winterregen auf den Schnee gefallen sein sollen. Schon 1672 wurde diese Erscheinung am 20. November in Ungarn bemerkt und sorgfältig aufgezeichnet; ein gleiches „Wunder“ ereignete sich, wie Degeer erzählt, im Januar 1749 an verschiedenen schwedischen Orten, und es wird dabei des Umstandes gedacht, daß man schon früher solche Würmer einzeln mitten auf dem Eise und Schnee eines Sees gefunden habe, so daß also der Wind sie offenbar fortgeführt haben müsse. Am Ausgang eines sehr strengen Winters (11. Februar 1799) erregte jene Erscheinung im Rheingau, an der Bergstraße, bei Offenbach, Bingen ꝛc. solches Aufsehen, daß die darauf bezüglichen Aus: sagen von dem Kantonsgerichte in Stromberg von Personen zu Protokoll gegeben wurden, welche an jenem Tage das Herabregnen der Insekten im Freien gesehen haben wollten. Daß der Aberglaube, der immer aus ungewohnten Naturerscheinungen eine Ankündigung göttlicher Strafgerichte herauszulesen gewohnt ist, auch damals die untrüglichsten Bor: bedeutungen von Pestilenz, Hungersnot und allen Schrecknissen eines neuen Krieges in jenen zum Teil übertriebenen Gerüchten erkannte, läßt sich wohl erwarten. Im Februar 1811 wurden dieselben „Würmer“ in Sachsen und am 30. Januar 1856 in der Schweiz beobachtet. Hier, besonders in Mollis (Glarus), trieben fie sich in einer Größe von 13— 33 mm auf einer Schneedecke eines 25— 30,000 Quadratruten haltenden Flächenraumes in solcher Menge umher, daß ungefähr 5—6 Stück auf die Quadratklafter kamen, ja in der Nähe des Waldes 12— 15. Einzelne fanden sich sogar auf den Dächern des Dorfes. In allen angeführten Fällen gab es eine vernünftige Erklärung der an sich wunderbaren Erscheinung, wenn man sie nur suchte. Die Berichte über die beobachteten Nebenumstände stimmen alle darin überein, daß jene „Würmer“, die wir gleich näher kennen lernen werden, und von denen zunächst bemerkt sein mag, daß sie unter Steinen, Laub oder an Baumwurzeln überwintern, durch die verschiedensten Veranlassungen in ihrer Ruhe gestört, aus ihren Schlupfwinkeln vertrieben worden waren. Hier geschah es durch große Nässe infolge anhaltender Regengüsse oder durch einige verhältnismäßig warme Tage, dort hatten Holzhauer durch Abholzen eines Rottannen- und Buchenbestandes den nicht gefrorenen Boden aufgewühlt und gelockert. Allemal ward ein sehr heftiger, zum Teil orkanartiger Sturm beobachtet, der diese Tierchen mit noch manchen anderen ebenso lebenden und in jenen Berichten teil: weise auch namhaft gemachten fortführte, und zwar nach Schneefeldern hin, wo man sie leicht bemerkte. Ganz dieselben Umstände mögen öfter zusammenkommen, aber die weiße Schneedecke fehlt, und man beobachtet keinen „Regen von Insekten“, und doch ist es leicht möglich, daß auf derselben Fläche dieselben Massen von ihnen liegen. Ein anderes Mal treffen wieder alle jene Nebenumstände zusammen, auch die Schneedecke fehlt nicht,
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aber die Insekten bleiben aus, weil sie in dem Jahre gerade in so geringer Zahl vorhanden gewesen sind, daß das eine und andere, welches der Sturm vor sich herjagte, unbemerkt bleibt. Das Wunder ist also gelöst und der natürliche Zusammenhang aufgeklärt.
Es fragt sich nun, von welchen „Würmern“ solche natürliche Dinge erzählt werden. Wir brauchen sie uns nicht aus Ungarn, Schweden oder der Schweiz zu verschreiben, auch bedarf es keines vermeintlichen Insektenregens, um sie näher kennen zu lernen. Wenden wir nur an einem Raine, Holzrande, Gartenzaune oder ähnlichem Orte einen etwas größeren Stein um, so finden wir im Winter unter anderen in einer runden Grube, mit etwas Erde bedeckt, in halbmondförmiger Lage ein samtschwarzes Tierchen der Erstarrung anheimgefallen, oder, wenn wir die mildere Witterung nach demselben abwarteten, dieses außerhalb des Lagers damit beschäftigt, unter dem Steine sich diesen und jenen kleineren Schlafgenossen zur Beute auszulesen; auch begegnet es uns wohl auf dem Wege, um ein eben totgetretenes Käferchen auszusaugen. Wo wir es auch antreffen mögen, immer erkennen wir es gleich vor den anderen durch den dunkeln, samtartigen Filz, mit welchem es auf der Oberseite dicht und jo überzogen ist, daß nur die vordere Hälfte des Kopfes frei bleibt. Derselbe ist platt, hornig, hat zwei Augen, ein Paar kurze, dreigliederige Fühler, kein Kopfschild und keine Oberlippe, kurze, kräftige Kinnbacken mit starkem Zahne in der Mitte, dreigliederige Taster der in einen halbkreisförmigen Ausschnitt eingefügten Kinnladen und zweigliederige der ziemlich großen Unterlippe. Die kurzen Beine an den drei ersten Leibesringen beweisen uns in Verbindung mit den bereits angegebenen Merkmalen, daß wir es mit keinem Wurme, sondern mit einer Käferlarve zu thun haben, welche in ihrer sonstigen Körpertracht an die S. 116 abgebildete der Glühwürmchen erinnert. Ende März, Anfang April mochte es sein, als bei dem besonders häufigen Auftreten der Larven in jenem Jahre öfter wahrgenommen werden konnte, wie eine oder die andere einen Regenwurm oder eine Schnakenlarve erfaßt und sich so fest in ihren Raub eingebissen hatte, daß sie sich mit demselben in die Höhe heben ließ. Sie saugen ihn zunächst aus und verzehren ihn auch wohl schließlich ganz. Wenn ich in früheren Zeiten, in welchen mir diese Larven noch unbekannt waren, beim Raupensuchen im Frühlinge einige der weiteren Beobachtung wegen mit den Raupen zusammen eingeschachtelt hatte, so konnte ich mit Sicherheit darauf rechnen, kaum eine Raupe heil nach Hause zu bringen; die meisten waren von den Käferlarven angebissen, wenn nicht schon getötet, so daß sie sich als nützliche, im Dienste des Garten- und Landbauers stehende Tiere erweisen. Im April oder Mai werden sie ungeschickt im Kriechen, wälzen sich hin und her, verkürzen sich allmählich und liegen 5—6 Tage an solchen Stellen, wo sie ihren Winterschlaf gehalten hatten, dann streifen sie die Haut ab und werden zu einer blaßroten, etwas nach vorn gekrümmten, schwarzäugigen Puppe.
Wenn der Frühling seinen ganzen Reichtum entfaltet, der Schwarzdorn den Schnee seiner zarten Blütchen schon in alle Winde ausgestreut und seinem Bruder, dem Weißdorn, den Preis der Schönheit abgetreten hat, wenn die Schwalben ihre alten Nester schon wieder aufgefunden und für die junge Brut wohnlich eingerichtet haben, wenn Tausende von Kerfen ihre winterlichen Schlupfwinkel längst verlassen haben oder andere der zerbrechliche Puppenhülle entschlüpft sind: dann stellt sich mit ihnen auch ein schlanker, schwarzer, nicht eben schöner Käfer ein und belagert die Blumen, die ihm in reicher Auswahl erschlossen sind, besonders die Blüten der zahlreichen Sträucher, fliegt, von der Sonne durchwärmt, von einer zur anderen, oder hängt hier und da, wie der Maikäfer, bei feuchter und rauher Witterung an den Zweigen, verbissen ob der ihm unbehaglichen Lage. Der gemeine Weichkäfer,
Warzenkäfer (Telephorus fuscus, Abbildung S. 120), denn um diesen handelt
2der Stirn eingelenkten fadenförmigen Fühler, der Vorderteil des nach unten gerichteten, x f zum Teil unter dem gerundeten Halsschilde versteckten Kopfes, dieser letztere mit Ausnahme — eines schwarzen Vorderfleckes, und endlich der Umkreis des siebengliederigen Bauches. Die verhältnismäßig schlanken Beine haben sämtlich fünf Fußglieder, deren vorletztes sich in zwei ATi Lappen spaltet. Die äußere Klaue der Hinterfüße hat an der Wurzel ein kleines Zähnchen, während es allen anderen fehlt. Auf der Gesamtheit dieser Merkmale beruht der Unterschied dieser von mehreren hundert anderen, ihr teilweise sehr ähnlichen Arten, die als Gattungsgenossen (früher auch Cantharis genannt) in allen Weltteilen leben, den kälteren Erdstrichen und besonders dem Gebirge eigen sind und entschieden ihre Larven zu den oben besprochenen „Insektenregen“ hergegeben haben und ferner hergeben werden. Um ihre Nahrung dort zu finden, suchen die Käfer mit Vorliebe blühende Pflanzen auf, entnehmen dieselbe aber meist nicht den Blüten selbst, sondern ergreifen andere des Honigs wegen gleichfalls sich dort einfindende Kerfe; auch sitzen sie an Baumstämmen, denen zahlreiche Schildläuse anhaften, wie in unserer Abbildung. Indes begehren fie nicht au3- schließlich Fleischkost, sondern genießen auch Pflanzensäfte, und die genannte, wie eine sehr nahestehende zweite Art (Telephorus obscurus), hat wiederholt an jungen Eichentrieben gefressen und deren Spitzen zum Absterben gebracht. Daß eine lehmgelbe Art, deren mehrere bei uns vorkommen, durch Benagen der noch weichen Getreidekörner das „Mutterkorn“ erzeuge, gehört in das Reich der Fabeln, obschon es allen Ernstes behauptet worden ist.