Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Brotkäfer (Anobium paniceum), um noch eine vierte, oft in un⸗ Bl 1 IR geheurer Menge vorkommende Art von den Körperverhältnissen der Bunter Klopfkäfer vorigen zu nennen, hat ein durchaus gleichmäßig flach gewölbtes, vorn ee etwas verengertes Halsschild und eine feine, ziemlich dichte Behaarung auf n dem ganzen rötlichbraunen und walzenförmigen Körper. Diese Art lebt nicht bloß, wie ihr Name andeutet, in altem, knochenhart gewordenem Brote, sondern überhaupt in mehl- und zuckerhaltigen Pflanzenstoffen, inSämereien, in Gemeinschaft mit dem Diebe in Herbarien, durchlöchert das Papier, welches schlecht schließenden Fenstern nachhelfen soll und durch Stärkekleister aufgeklebt worden ist, bewohnt den Schiffszwieback und richtet fo in der verschiedensten Weile Schaden an. An solche Gegenstände legt das Weibchen seine zahlreichen Eier ab, die ihnen folgenden Larven bohren sich ein und verwandeln mit Beihilfe der Käfer den betreffenden Körper in Brocken und Staub, wenn sie in ihrer Thätigkeit nicht gestört werden.
Alle diese Käfer verursachen zuzeiten ein klopfendes, durch seine Regelmäßigkeit an das Ticken einer Taschenuhr erinnerndes Geräusch. Hörte man es abends und nachts in einem stillen Krankenzimmer — einem Orte, der sich vor allen anderen zu dergleichen Wahrnehmungen eignet —, jo mußte es dem alten Aberglauben zufolge die letzten Lebensstunden des schwer Daniederliegenden verkündigen, daher „Totenuhr“. Als man nach einer natürlichen und vernünftigen Erklärung dieser Erscheinung suchte, glaubte man sie in dem rhythmischen Nagen jener Larven und der Käfer gefunden zu haben. Dieses ist allerdings ein sehr gleichmäßiges, ahmt aber nichts weniger als den Ton einer Uhr nach. Vielmehr bringen die Käfer dieses Geräusch selbst und zwar in folgender Weise hervor. Vorderbeine nebst Fühler angezogen, den Körper hauptsächlich auf die Mittelbeine gestützt, schnellt der Käfer jenen vor und schlägt mit Stirn und Vorderrand des Halsschildes gegen das Holz. Becker in Hilchenbach teilt hierüber seine Beobachtungen mit, wie folgt: „Unter vielen Fällen, in denen ich das Klopfen belauschte, ist mir nur ein einziger bekannt, wo dieses der Käfer außerhalb seines Ganges im Holze verrichtete. Es war am 1. Mai 1863, als ich in einem Zimmer meiner Wohnung, wo aufgehobene alte Dielen aufgestellt waren, dieses gegen Abend hörte. Das vorsichtige Umdrehen der Dielenstücke führte mir zwei noch nicht lange ausgeschlüpfte Käfer von Anobium tessellatum zu, ich brachte sie unter eine Glasglocke auf einem Tische und fand sie zu meiner Überraschung nach einer Stunde in der engsten Verbindung. Als diese einige Zeit gewährt und beide etwa 3 Zoll voneinander
gelaufen waren, begann das Weibchen sein Locken durch Klopfen; das Männchen streckte die Fühler wie zum Lauschen geradeaus und antwortete nach dem zweiten Rufe dem Weibchen mit demselben Zeichen; jo wurde unter Näher- und Näherrücken dieses Liebes-duett mit Erfolg fortgesetzt. Das abwechselnde Klopfen und Begatten dauerte in größeren und kleineren Zwischenräumen bis zum anderen Nachmittag fort. Nach dieser Zeit saßen beide Käfer ruhig und voneinander entfernt. Am anderen Morgen verriet das Männchen an allen seinen Bewegungen eine bedeutende Schwäche, konnte nicht mehr ordentlich gehen und verendete den folgenden Tag.“ Im nächsten Jahre fand der Berichterstatter seine Wahrnehmungen von neuem bestätigt und erzählt dann weiter von einem Pärchen, welches er am 1. April des abermals nächsten Jahres aus altem Holze erzogen und jedes einzeln in gut verschlossene, leere Zündholzbüchschen gebracht hatte: „Am 8. April“, heißt es, „hörte ich den einen in der Abenddämmerung klopfen, worauf der andere bald antwortete. Das Männchen war zu meinem großen Leidwesen in der Nacht gestorben, das Weibchen machte mir aber um so größere Freude; denn als ich mit einer Stricknadel durch Stoßen auf den Tisch, auf welchem das Büchschen mit ihm stand, dessen Klopfen nachzuahmen versuchte, antwortete es mir mit demselben Zeichen und zwar an späteren warmen Tagen zu jeder Zeit und mit einer solchen Hitze, daß sich leicht deren Ursache, Liebessehnsucht, verriet. Am 2. Mai antwortete mir der Käfer zum letztenmal; bis zum 15. Mai lebte derselbe noch, ohne in 6 Wochen mir bekannte Nahrung zu sich genommen zu haben.“ Auch ich hatte Gelegenheit, dieselbe Art, wenn auch unvollkommener als Becker, beim Klopfen zu belauschen. Es war am 15. und 16. April 1872 in den Nachmittagsstunden, als ich in meinem, nach einer belebten Straße sehenden Zimmer, am Arbeitstische sitzend, auf lautes Klopfen aufmerksam wurde. Am ersten Tage war es bald verklungen und ich ging ihm daher nicht weiter nach, als es am folgenden aber wieder und anhaltender hörbar wurde, spürte ich dem Urheber nach und fand endlich oben zwischen den Fenstern hinter etwas losgesprungener Tapete an dieser einen bunten Klopfkäfer sitzen, welcher durch Stoßen an das steife und federnde Papier ein besonders lautes Geräusch hervorgebracht hatte. Das Klopfen, welches sich vom Juni bis zum August an warmen Tagen oder Nächten vernehmen läßt, rührt von dem sich später entwickelnden Trotzkopfe her. Die „Totenuhr“ der Schwachköpfe hat sich somit nach den Beckerschen Beobachtungen unzweifelhaft in eine „Lebensuhr“ umgewandelt. Um neues Leben zu erzeugen, klopfen sich die Werkholzkäfer zusammen, wie sich die allerdings mehr poetischen Lampyriden zusammen leuchten!
Man findet alle diese Käfer auch im Freien, wo es ja nirgends an altem Holze fehlt, aber auch noch viele andere, sehr ähnliche, bedeutend kleinere, höchstens 3,37 mm lange, der Gattung Cis angehörige, welche oft zu Hunderten bei einander in holzigen Baumschwämmen wohnen und darin ebenso bohren wie die besprochenen im Holze. Lacordaire weist sie mit noch mehreren anderen Gattungen einer besonderen Familie zu, während wir es vorzogen, sie mit den vorigen zu der Familie der Holzbohrer (Ny IOphagi oder Ptiniores) zu vereinigen, indem sie ein horniges Kinn, eine Zunge von häutiger oder lederartiger Beschaffenheit, zwei blattartige und gewimperte Laden, meist elfgliederige, vor den Augen eingelenkte Fühler, walzige oder kugelige Hüsten der vier vorderen Beine, meist fünfgliederige Füße, einen aus fünf (selten sieben) Bauchringen zusammengesetzten Hinterleib und einen walzigen Körper miteinander gemein haben.
Mit der Familie der Schwarzkäfer oder Tenebrioniden (Melasomata, Tenebrionidae) beginnt die Reihe der verschiedenzehigen Käfer (Heteromera). So
mannigfaltig auch die Tracht der zahlreichen Sippen ausfällt, in welche man die mehr denn 4500 Arten gruppiert hat, legen sie doch in anderen Beziehungen, als in der schwarzen Färbung und in der Fußbildung, so viele Übereinstimmung an den Tag, daß sie ein großes, abgeschlossenes Ganze bilden. In Ansehung der Mundteile bewehrt ein Mahlzahn die kurzen und kräftigen Kinnbacken am Grunde und ist von den beiden Lappen des Unter: kiefers der innere kleinere oft mit Hornhaken versehen. Die Augen sind breiter als lang, meist flach und vorn ausgerandet, die seitlich vor den Augen, unter dem vorspringenden Wangenrande eingefügten Fühler meist aus elf Gliedern zusammengesetzt und schnurförmig von Ansehen. Die Hüften liegen stets voneinander entfernt, die vorderen, kugeligen in geschlossenen Pfannen, die Klauen der Füße sind einfach. Am Bauche unterscheidet man stets deutlich fünf freie Ringe. Da diesen Schwarzröcken, der Flügel meist bar, die Decken sogar oft an der Naht zusammengewachsen sind, so fehlt ihnen nicht nur der Trieb, sondern überhaupt das Vermögen, den Flug nach oben zu nehmen, sie meiden daher das Licht, fühlen fi an dem dumpfigen Boden, unter Steinen, hinter faulenden Wurzeln und Rindenstücken, in den Schmutzwinkeln der Häuser am wohlsten und nehmen von ihrer unflätigen Umgebung auch einen widerlichen Geruch an, sind somit in jeder Hinsicht höchst unliebenswürdige Finsterlinge. Neben dem großen Heere der düster gefärbten, trägen und lichtscheuen Arten, welche in Afrika mit Einschluß der Mittelmeerländer ihren Hauptsitz haben und nur in einzelnen Vertretern auch anderweitig vorkommen, finden sich lichtere, metallisch glänzende, geflügelte und beweglichere Arten, welche an Baumstämmen umherkriechen oder sich noch höher erheben und dadurch ihre Verwandtschaft zu anderen verschiedenzehigen Familien bekunden.
In den wenig bekannten Larven zeigen die Schwarzkäfer große Übereinstimmung: einen langgestreckten, wurmförmigen, etwas niedergedrückten Körper, der in eine Spitze oder in zwei Anhängsel ausläuft und durchaus hart bepanzert ist, sechs fünfgliederige Beine, viergliederige Fühler, eine Lade im Unterkiefer und keine, zwei oder fünf Augen auf jeder Seite des Kopfes. Unter Verleugnung einer Reihe von gedrungenen und gestreckten, nur im füdlichen Europa gedeihender Formen sei zunächst des in ganz Europa lebenden, am liebsten in Kellern und ähnlichen dunkeln Winkeln der Häuser sich aufhaltenden Finsterlinges gedacht, welcher weniger im Munde des Volkes, als in der Schriftsprache unter dem Namen des gemeinen Trauerkäfers oder Totenkäfers (Blaps mortisaga) bekannt ist. Auch Moufet erwähnt ihn neben den Schaben und meint, er würde gewiß unbekannt geblieben sein, wenn ihn (Blatta foetida) Plinius nicht als den Spitzsteiß näher bezeichnet hätte, da er ohne diese Eigenschaft mit anderen, namentlich pillendrehenden Käfern leicht verwechselt werden könne. Obgleich sein Körper so gebildet sei, daß man schwören möchte, er habe Flügel, so sei doch nicht einmal das Männchen bei dieser Gattung geflügelt, wie Plinius gefaselt habe. Dann fährt Moufet fort: „Er lebt in Kellern und ist Gastfreund der Mistgruben, kriecht in der Nacht in trägem Marsche hervor, kehrt aber beim leisesten Anzeichen von Licht oder der menschlichen Stimme in die Finsternis zurück; in Wahrheit ein schamhaftes und im höchsten Grade lichtscheues Tier, nicht wegen Blödsichtigkeit, sondern im Bewußtsein seines schlechten Geruches und seiner Übelthaten; denn er liebt schmutzige Gastmähler, durchbricht fremde Mauern und beleidigt durch seinen häßlichen Geruch nicht nur die Nahestehenden, sondern die ganze Nachbarschaft. Er lebt einsam und finden sich kaum zwei bei einander. Ob er aus der Schmutzmasse entstehe oder durch gegenseitige Vereinigung eines Männchens und Weibchens, wissen wir nicht.“ Der letzte Zweifel ist längst gelöst und die Larve des Käfers von mehreren Landsleuten Moufets später abgebildet worden. Sie ist der des Mehlkäfers sehr ähnlich und von der Bildung, welche wir
an der hier gegebenen erkennen. Im übrigen übertreibt Moufet die unangenehmen Eigenschaften und die Lichtscheu des Tieres, indem dasselbe nicht unangenehmer riecht als andere Familiengenossen und hundert andere in ähnlicher Weise lebender Käfer. Alle Blapse haben die vorliegende Körperform, zusammengewachsene Flügeldecken, eine sichtbare Oberlippe, ein beilförmiges Endglied der Kiefertaster, an den Hüften der Mittel- und Hinterbeine einen kleinen Anhang, zwei Enddornen an den Vorderschienen und kurz bewimperte, kaum zusammengedrückte Füße, welche stets viel kürzer als ihre Schienen sind. Bei unserer Art ist die ausgezogene Flügeldeckenspitze in beiden Geschlechtern gleich lang und das Männchen vor dem Weibchen durch ein Büschel gelben Filzes mitten am Hinterrande des ersten Bauchringes ausgezeichnet.
Ungeachtet des nicht eben schmeichelhaften Laufpasses, welcher der ganzen Gesellschaft der Schwarzkäfer oben ausgestellt worden, ist doch eine Art, im System unserem Trauerkäfer nahe stehend, aber kräftiger, 8 1 in der Körperform schlanker,, AN 0 u17 und überall gleich breit, durch.. Z 4 | \ 5I den Aberglauben zu unver: Mn nn dienten Ehren gelangt. Zwischen dem Gemäuer uralter Ruinen im Yucatan findet fich der Zopherus Bremei in der Sprache der Käfer: kundigen, welcher, an ein Kettchen gelegt, als Abwehr gegen böse Geister, vor der Brust von dortigen Frauensleuten getragen wird und so —
ohne Nahrung zwei Jahre Gemeiner Trauerkäfer (Blaps mortisaga) nebst Larve. Natürliche Größe. lang sein Dasein fristen soll. Ich habe Gelegenheit gehabt, einen derartigen Talisman lebend hier in Halle zu sehen. Sein Halsschild, die linke und rechte Flügeldecke waren mit verschiedenfarbigem, samtähnlichem Stoffe (dunkel, rot, lichtgrünlich in der angegebenen Gliederfolge) so sorgfältig überklebt, als hätte es die Natur gethan, um den Leib war ein zarter Reif aus Goldblech gelegt und hieran ein feines Kettchen aus Gold befestigt. Ein zweites lebendes Stück war nicht verunstaltet, glänzend schwarz, auf der Oberseite mit dichten, schmutzig weißen Schuppen überzogen, welche inmitten des Halsschildes und auf den Flügeldecken einige Warzen in der Grundfarbe durchblicken lassen.
Von den Feistkäfern (Pimelia) kommen 40 im südlichen Europa, mehr noch im nördlichen Afrika samt Vorderasien vor. Sie führen, wie die hier wiedergegebenen Körperverhältnisse lehren, den Namen mit Recht; denn alle Teile an ihnen sind gedrungen und massig, das Endglied der Taster stark gestutzt, die gebuchtete Oberlippe vorspringend, das dritte Glied der sonst kurzen Fühler auffallend lang, die Vorderschiene dreieckig erweitert, die übrigen zusammengedrückt und vierkantig. Die Pimelia distincta aus Spanien zeichnet sich aus durch ein glänzend glattes, an den Seiten erhaben punktiertes Halsschild und matte, runzelig punktierte Flügeldecken, deren jede in gleichen Abständen von vier glänzenden Längsrippen außer den ebenso gebildeten Nahtleisten durchzogen wird. Nur an der Oberflächenbeschaffenheit und an den geringen Abweichungen in den Körperumrissen sind die ähnlichen Arten oft nicht leicht voneinander zu unterscheiden.