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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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Die Feistkäfer kommen vorherrschend an den Meeresküsten vor, wo sie sich unter Steinen, in leeren Schneckenhäusern, zwischen dem ausgeworfenen und aufgehäuften Seetang versteckt halten und an verwesenden Stoffen aller Art nie Mangel leiden. Weil niemand eine besondere Neigung für sie empfindet, so ist unseres Wissens nach ihre Entwickelungsgeschichte bisher ebenso unbeachtet geblieben, wie die vieler anderer ihrer Gesinnungs- und Familiengenossen.

Schließlich sei noch einer Art gedacht, die einzige vielleicht, mit welcher wir nach mehr als einer Seite hin zu Hause Bekanntschaft machen können, ohne dadurch unangenehm berührt zu werden. Ich meine den Mehlkäfer, Müller (Tenebrio molitor). Der wissenschaftliche Gattungsname ist auf die ganze Familie übertragen worden, nicht als ob der Käfer dieselbe am besten vergegenwärtigte, sondern sicher nur darum, weil man seine verbreitetste Bekanntschaft vorausgesetzt hat. Die deutschen Benennungen deuten auf seinen Aufenthalt und seine Geburtsstätte, denen zu⸗ 1 2 folge wir uns nicht wundern dürfen, vorübergehend eine seiner braunen Flügeldecken oder Überreste seines mageren Körpers, vielleicht auch seine Larve in das Brot eingebacken zu finden, falls der Bäcker es an der nötigen Vorsicht und Reinlichkeit hat fehlen lassen. Die Larve oder der Mehlwurm, wie sie allgemein heißt, lebt indes nicht ausschließlich im Grunde der Mehl: und Kleiekasten, nicht bloß in allen Win⸗ ER en keln und unzugänglichen Plätzchen von Mühlen, Back⸗ 1) Pimelia distincta. Natürliche Größe. häusern oder Hauswirtschaften, wo die genannten 8 ce dei N Nahrungsmittel hinstäuben und jahrelang unberührt liegen bleiben, sie kommt auch an wesentlich anderen Ortlichkeiten vor und ernährt sich von noch ganz anderen Stoffen. Ich fand sie einst in Menge und von verschiedener Größe in einem etwas Erde haltenden, zur Zucht von Schmetterlingsraupen bestimmten Kasten, den mir ein ein Bäckerhaus bewohnender Freund geliehen hatte. Die darin befindlichen, längst vergessenen Puppen und einige Schmetter-lingsleichen dienten den Larven zur Nahrung. Andere haben sie im Miste der Taubenschläge gefunden, wo gar mancherlei für sie abfällt, und alle diejenigen, welche insektenfressende Singvögel in Mehrzahl halten, züchten bekanntlich die Mehlwürmer, um ihren gefiederten Pfleglingen von Zeit zu Zeit einen Leckerbissen reichen zu können. Zu diesem Zwecke bringt man eine Anzahl Larven in einen alten, breiten Kochtopf mit etwas Kleie, vertrocknetem Brote und alten Lumpen zusammen, deckt denselben zu, damit die ausgeschlüpften Käfer nicht entweichen, sondern ihre Brut an dem ihnen angewiesenen Orte wieder absetzen. Besonders fruchtbringend gestaltet sich die Aufzucht, wenn von Zeit zu Zeit die Leiche eines kleinen Säugers oder Vogels dargereicht wird. Die Käfer und Larven skelettieren solche fast vollständig und liefern Präparate, die, durch Abschaben der noch anhaftenden Sehnenfasern nachträglich gereinigt und geglättet, allen Anforderungen genügen, um in einer Skelettsammlung aufgestellt werden zu können. Ehe die Mehlwürmer erwachsen sind, häuten sie sich viermal, und man könnte eine solche Larvenhaut für ein abgestorbenes Tier halten, weil sie wegen ihrer Härte die natürliche Gestalt beibehält. Sie sind glänzend gelb, bis 26 mm lang, haben einen kleinen eiförmigen und augenlosen Kopf, dessen Mundöffnung nach unten gerichtet ist, kurze, viergliederige Fühler, sechs Beine mit ebensoviel Gliedern und an dem stumpf zugespitzten letzten Leibesringe zwei schwarze, nach oben gerichtete Hornspitzchen. Schon bei Besprechung der „Drahtwürmer“ wurde auf den mit den Mehlwürmern übereinstimmenden Körperbau hingewiesen. Wie jene, können

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1) Pimelia distincta. Natürliche Größe. 8 ce dei N

auch diese infolge ihrer Glätte und starken Muskelkraft sich leicht zwischen den Fingerspitzen durchwinden, wenn man sie nicht festhält.

Ungefähr im Juli erfolgt die Verpuppung an dem gewohnten Aufenthaltsorte der Larve, gern in einem Winkel, zwischen Brettern, die wohl auch zur größeren Bequemlichkeit an den Rändern etwas abgenagt werden. Abweichend von der Larve ist die Puppe zart und weich, von Farbe weiß, mit deutlichen Gliedmaßen und zwei hornigen, braunen Schwanzspitzchen versehen. Jedes Hinterleibsglied erweitert sich seitwärts zu einem dünnen viereckigen Vorsprunge mit braun gezahntem Rande. Nach einigen Wochen erscheint der Käfer, anfangs gelb, allmählich dunkelbraun, am Bauche heller und rötlich schimmernd. Er ist ziemlich flach, mit Ausnahme seines schmalen Kopfes fast gleich breit im ganzen Verlaufe, und hängt, obschon vollkommen geschlossen, infolge der nachgiebigen Verbindungshäute, deren bereits bei den Speckkäfern gedacht wurde, in den drei Hauptteilen lose zusammen. Besonders des Abends wird der reichlich 15 mm messende Käfer lebendig und fliegt umher, so daß man ihn des Morgens bisweilen in Räumlichkeiten findet, wo er sich bisher noch nie blicken ließ, und die allgemeine Verbreitung seiner Larve leicht erklärlich wird. Seine Entwickelung nimmt durchschnittlich ein Jahr in Anspruch.

Die artenarme Familie der Fächerträger (Rhipiphoridae) bietet durch ihre abweichende Entwickelungsweise ein höheres Interesse. Die Mitglieder sind nur kleine, unscheinbare Käferchen, deren senkrechter Kopf wie durch einen Stiel mit dem vorn sehr verschmälerten Halsschilde in Verbindung steht, und beim Männchen wedelförmige oder gekämmte, beim Weibchen meist nur gesägte Fühler trägt. Alle Hüften sind einander genähert und zapfenförmig aus den Gelenkgruben vorgestreckt.

Der seltsame Fächerträger (Metoecus paradoxus; Abbildung S. 130), eins der größten Familienglieder (7,6 bis 10 mm), ist schwarz, an den stumpfkantigen Seiten des Halsschildes sowie am kielartig zugeschärftem Bauche gelbrot, das Männchen überdies an den Flügeldecken ganz oder nur teilweise gelb; seine Fühlerglieder tragen vom vierten an je zwei lange Fahnenanhänge, während an denen des Weibchens nur ein Zahn steht. Das seitwärts geradlinige und mehr in die Länge gezogene Halsschild springt an den Hinterecken zahnartig, in der Mitte des Hinterrandes dreizipfelig vor und wird in der Mitte seiner Scheibe von einer Längsgrube durchfurcht. Jede Flügeldecke erreicht das Hinterleibsende, nimmt aber durch scharfe Zuspitzung Keilform an, so daß im weiteren Verlaufe sich die Nähte beider nicht berühren, sondern klaffen, eine bei Käfern nur selten vorkommende Bildung. An den langen und dünnen Beinen übertreffen die Hinterfüße ihre Schienen und Schenkel an Länge. Unser Käfer wird in den Erdlöcher ausfüllenden Nestern der gemeinen Wespe geboren, unter Verhältnissen, welche längere Zeit einen Gegenstand des Streites gebildet haben. Andrew Murray behauptete 1869, daß die Larve gleich der Larve der Wespe eine Zelle bewohne und wie letztere von den Arbeiterinnen des Wespenstaates mit demselben Futter ernährt werde wie jeder rechtmäßige Zellenbewohner. Dieser Ansicht widersprach in derselben Zeitschrift („Ann. and Mag. Nat. Hist.“, Ser. IV.) und in demselben Jahre Smith, indem er sich auf Stones Beobachtungen stützte. Nach denselben wird die Larve des Fächerträgers für einen echten Schmarotzer erklärt. Das Weibchen legt sein Ei in eine Wespenzelle, und sobald die in dieser rechtmäßig wohnende Wespenlarve ihre volle Größe erlangt und die Zelle bereits zugesponnen hat, um ihrer weiteren Verwandlung entgegenzugehen, bohrt sich die mittlerweile dem Metoecus-Cie entschlüpfte Larve in 9 5 ein

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX.

und zehrt sie binnen 48 Stunden, mit Ausschluß der Haut und der Kiefernteile, vollständig auf. Das folgende Jahr ward der Streit fortgesetzt. Murray brachte neue, teils auf unhaltbaren, teils auf unvollständigen Beobachtungen fußende Ansichten vor, während Chapmann die Partei des Gegners verstärkte und die bis dahin vollständigsten Mitteilungen über die Lebensweise des seltsamen Fächerträgers veröffentlichte. Ihm zufolge legt das Weibchen des Metoecus paradoxus seine Eier wahrscheinlich nicht in die Wespennester, sondern außerhalb derselben.

Die dem Eie entschlüpfte Larve ist derjenigen der Spanischen Fliege, welche wir bald näher kennen lernen werden, nicht unähnlich, mißt 5 mm, trägt am Raupenkopfe dreigliederige, weit voneinander entfernte Fühler und einfache Augen, an den drei vordersten Körperringen ein Paar geglie-im derter Beine, deren drei Fuß: glieder blattartig erweitert und am Ende mit 2—3 Klauen und einer Haftscheibe nach Art eines Fliegenrüssels versehen sind. Jeder Leibesring führt eine rüd-wärts gekrümmte Seitenborste und der letzte eine doppelte, ähnlich denen der Füße gebildete Haftscheibe. Wahrscheinlich begibt sich e 00 diese junge Larve selbständig in

| die Zelle zu einer Wespenlarve M |]

Seltsamer Fächerträger (Metoecus paradoxus) neben einem und bohrt ih 55 dieselbe zwischen Wespenneste. Natürliche Größe. dem zweiten und dritten Ringe am Rücken ein, bevor jene ihre Zelle gedeckelt hat. Man sieht die eingebohrte Larve später zwischen dem dritten und vierten Ringe der Wespenlarve durchschimmern. Der Schmarotzer saugt nun an seinem Wohn: tiere, wie andere Schmarotzerlarven an dem ihrigen, ohne dessen wesentliche Organe zu verletzen. Sein Leib schwillt an und dehnt die Zwischenhäute zwischen den Chitinringen der Körperbedeckung merklich aus. Hierauf durchbricht die Schmarotzerlarve die Haut ihres irtes abermals, jetzt also von innen nach außen am vierten Ringe, und häutet sich gleichzeitig, um die Gestalt einer „Made“ anzunehmen. In dieser Gestalt saugt sie sich äußerlich an den vierten Ring der Wespenlarve fest und liegt an deren etwas gehöhlter Bauchseite. Diese Larvenform wurde von Murray aufgefunden und beschrieben. — Hat nun die Metoecus-Larve 6 mm Länge erreicht, jo häutet fie sich abermals, indem sich ihre Haut auf dem Rücken spaltet und der leere Balg zwischen ihr und dem Wirte hängen bleibt. Sie saugt jetzt letzteren vollständig aus und verpuppt sich in der Zelle. Der Käfer erscheint zwei Tage später als die den benachbarten Zellen entschlüpfenden Wespen, und die vollständige Verwandlung nimmt 12— 14 Tage in Anspruch. Der Käfer findet sich Ende August, Anfang September vereinzelt auf Blumen; in dem Staube einer Waldstraße erbeutete mein Sohn 1874 ein Weibchen. Zufolge dieser Erfahrung und weil die Wespen im nächsten Jahre neue Nester bauen, ist Murrays Ansicht, daß von den Weibchen die Zellen nicht verlassen und mit Eiern beschenkt würden, unhaltbar.

Den interessanten und in den Sammlungen verhältnismäßig seltenen Käfer im Freien zu erbeuten, hängt sehr von einem zufälligen Glücksumstande ab, und man hat daher auf Mittel gesonnen, sich auf einem sicheren Wege in dessen Besitz zu bringen. Neuerdings hat de Borck ein Verfahren angegeben, welches in wespenreichen Jahren zu dem erwünschten

Seltſamer Fächerträger (Metoecus paradoxus) neben einem Weſpenneſte. Natürliche Größe. cherträger (Metoecus paradox Weſpenneſte. Natürliche Größe.

Ziele führt. Wenn nämlich die Wespen gegen Abend ihr Nest wieder aufgesucht haben, verstopft man das Flugloch durch einen mit möglichst stinkendem Erdöle (Solaröl, Benzin, auch Terpentinöl) getränkten Wattenpfropfen, schiebt ihn durch einen zweiten trockenen Pfropfen tiefer hinein und bedeckt die Stelle mit lockerer Erde. Am anderen Morgen fängt man die etwa später noch angekommenen und ausgesperrten Bewohner des Nestes weg, um vor ihren Stichen gesichert zu sein. Jetzt öffnet man vorsichtig das den Abend vorher geschlossene Flugloch oder stößt neben demselben ein neues, um sich von den betäubenden Wirkungen des Steinöls zu überzeugen. Kommen keine lebenden Wespen zum Vorschein, so hebt man das Nest mit einem Spaten aus, indem man ungefähr 40 em im Umkreise die Erde entfernt. Derbe Handschuhe gegen die Angriffe möglicherweise noch lebender Wespen sind ratsam. Nachher nimmt man die Waben mit Larven einzeln vor und findet so die Metoecus, wenn solche — — vorhanden waren.

Die sich der vorigen unmittelbar anschließende Familie hat den Namen der Pflasterkäfer (Vesicantia oder Cantharidae) erhalten, weil die meisten Arten einen eigentümlichen Stoff, das Cantharidin, entwickeln, welcher Blasen zieht, sobald man ihn auf die Haut bringt; er wird deshalb in der Heilkunde äußerlich als Zugpflaster und unter Umständen auch innerlich verwertet. Schon den Alten war diese Eigenschaft bekannt, aber aus den Namen, welche den betreffenden Tieren beigelegt werden, und aus deren Beschreibungen läßt sich das Wahre schwer herausfinden. Moufet aber trägt durch seine Abhandlung über die „Bupreste“ und die „Cantharide“ eher dazu bei, die Sache zu verwirren, als sie aufzuklären, da er entschieden neben der Spanischen Fliege auch einige Karaben und andere nicht zu deutende Käfer abbildet.

Abgesehen von der eben erwähnten physiologischen Eigenschaft einiger Familienglieder stimmen alle in folgenden Merkmalen überein: der Kopf, durch einen hochgewölbten Scheitel ausgezeichnet, steht senkrecht, ist hinten halsartig verengert und in seiner ganzen Ausdehnung sichtbar; auf der Stirn oder vor den Augen trägt er die neun- bis elfgliederigen Fühler, welche fadenförmig, nach der Spitze auch verdickt oder unregelmäßig gebildet sein können. Das Halsschild ist am Vorderrande schmäler als der Kopf, am Hinterrande weit schmäler als die biegsamen Flügeldecken. Alle Hüften stehen zapfenartig hervor und nahe beisammen, die vier vorderen Füße tragen fünf, die hintersten nur vier Glieder mit in ungleich dicke Hälften gespaltenen Klauen.— Die mehr als 800 Arten gehören vorherrschend den wärmeren Erdstrichen an. | Die Maiwürmer, Olkäfer (Melo), bilden die erste, sehr artenreiche Gattung der Familie und leben mit Ausnahme einiger amerikanischen Arten nur in der Alten Welt. Zu ihrer Erkennung wird uns eine ausführlichere Beschreibung erspart durch die S. 134 gegebene Abbildung und die Eigentümlichkeit der Flügeldecken. Dieselben stoßen nämlich nicht in einer geraden Naht, wie bei fast allen anderen Käfern, aneinander, sondern die eine legt sich an der Wurzel über die andere, wie dies bei den Kaukerfen Regel ist. Auf dem unförmlichen, sackähnlichen Hinterleibe eines Weibchens stellen sie ein paar kleine Läppchen dar, bei dem oft viel kleineren Männchen, dessen Hinterleib, von Eiern nicht aufgetrieben, mit allen übrigen Teilen im Ebenmaße verbleibt, klaffen die Deckschilde nicht und verbergen zwar den Hinterleib vollkommen, jedoch keine Flügel, da solche beiden Geschlechtern gänzlich fehlen. Den lateinischen Namen Proscarabaeus, welchen Moufet auf diese Gattung anwendet, rechtfertigt er damit, daß sie vor den Skarabäen ein männliches und ein weibliches Geschlecht voraus hätte. 9 *

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