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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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Die Olkäfer („Olmütter“) erscheinen früh im Jahre — ich habe die gemeine Art schon am 11. März angetroffen — kriechen im Grase, an dessen Stengeln und auf Wegen umher, im Monat Mai am zahlreichsten, nehmen dann allmählich wieder ab, so daß Ende Juni auch der letzte verschwunden sein dürfte. Ihre Nahrung besteht aus niederen Pflanzen, vorzüglich Ranunkeln, jungen, weichen Gräsern, Löwenzahn, Veilchen und anderen, die sie des Morgens und gegen Abend mit großer Gefräßigkeit verzehren. Dabei umklammern sie die Futterpflanze mit den langen Beinen, bringen die zu verzehrenden Teile mit einem der Vorderbeine heran, halten dann und wann bei ihrem Mahle inne, um sich mit den Vorderbeinen zu „putzen“, und zeigen in jeder Beziehung ein gewisses Behagen. Wenn die Mittagssonne zu heiß brennt, suchen sie den Schatten auf und kommen trotz ihres plumpen Körperbaues doch leidlich schnell von der Stelle. Wenn man sie anfaßt, ziehen sie Beine und Fühler ein und lassen aus allen Kniegelenken ölartige, gelbe Tropfen austreten. Wahrscheinlich bezieht sich die Bemerkung Nicanders: „das Rindvieh schwillt auf, wenn es das Tier gefressen hat, welches die Hirten Buprestis nennen“, auf unseren Käfer. In der Tierarzneikunde finden die Maiwürmer mehrfache Anwendung, besonders bei gewissen Krankheiten der Pferde, spielten jedoch in früheren Zeiten eine weit bedeutendere Rolle; es wird unter anderm berichtet, daß sie von den Dithmarschen getrocknet, zerrieben und mit Bier getrunken worden seien. Dieser „Anticantharinen- oder Kaddentrank“ (Kadde bezeichnete die Olkäfer) sollte gegen Schwäche jeglicher Art helfen, außerdem ist die Melos auch vielfach mit Erfolg gegen den Biß toller Hunde angewendet worden.

Haben sich nach dem Erscheinen der Käfer die Geschlechter zusammengefunden, so erfolgt die Paarung. Das abgemattete Männchen stirbt sogleich, das Weibchen erst nach Vollendung des Brutgeschäftes. Zu diesem Zwecke beginnt es mit seinen Vorderbeinen in nicht zu lockerer Erde ein Loch zu graben, während die übrigen Beine zur Fortschaffung der Erde verwendet werden. Bei der Arbeit dreht es sich öfters, so daß das Loch eine ziemlich kreisförmige Gestalt bekommt. Ist es ungefähr 26 mm tief vorgedrungen, so sind die Vorarbeiten beendet, es kommt hervorgekrochen und setzt sich nun mit dem von Eiern strotzenden Hinterleibe auf den Boden der Grube, indem es sich mit den Vorderbeinen am Rande derselben festhält. Unter verschiedenen Kraftanstrengungen legt es einen Haufen walzenförmiger, dottergelber Eier und beginnt schon gegen Ende dieser Arbeit mit kleinen Unterbrechungen, welche dem Sammeln frischer Kräfte gelten, so viele Erde wieder herunterzuschaffen, als es mit seinen Vorderbeinen eben erreichen kann. Der halb und halb mit verschüttete Hinterleib wird zuletzt hervorgezogen und durch weiteres Auffüllen der Erde jede Spur davon möglichst vertilgt, daß ihr hier ein Schatz anvertraut ward. Hierauf läuft es — nach seiner Weise — schnell von dannen und stärkt sich durch eine gehörige Mahlzeit. Noch ist die Mutter zu sterben nicht bereit, ihr Vorrat an Eiern hat sich noch nicht erschöpft, an 2—3 anderen Stellen wiederholt sie die eben beschriebene Arbeit und vertraut so der Erde die ungeheuer zahlreichen Keime ihrer Brut an. Über 1000 Eier werden von ihr abgelegt, es sei denn, daß eine anhaltend ungünstige Witterung ihr die Lust dazu benimmt und sie allmählich verkommen läßt.

Nach 28— 42 Tagen kriechen die Larven hervor, welche man ihrer drei Fußklauen wegen „Triangulinen“ genannt hat, und suchen sich die nächsten Kinder Floras auf, die weißen und gelben Anemonen, die saftreichen, immer dürstenden Dotterblumen mit ihren glänzenden Blättern, die mancherlei Ranunkeln, kurz alle, welche, bei uns wenigstens, die Volkssprache unter dem Namen „Butter- oder Kuhblumen“ zusammenfaßt, Lippen-, Kreuzblümler und andere, wohl wissend, daß hier des Honigs wegen auch die Bienen sich einstellen werden. In dichten schwarzen Knäueln kann man sie dort sitzen sehen. In einem Falle, bei künstlicher Zucht, stand der diesem Zwecke dienende Blumentopf lose mit einem

Ölfäfer. NEE

Glasscherben bedeckt am Fenster des Zimmers. Gar bald liefen die kleinen Larven zu Hunderten auf der Fensterbrüstung umher, gruppierten sich in größeren oder kleineren Haufen und verhielten sich dann ziemlich ruhig. Auch währte es nicht lange, so schleppten sich Stubenfliegen an derselben Stelle mühsam einher oder lagen unbeweglich auf dem Rücken. Bei näherer Untersuchung fanden fie sich über und über mit Meloelarven bedeckt. Dies beweist ihren Drang, ein anderes Insekt zu besteigen, und sollte es in Ermangelung des wahren ein falsches sein. Nicht nach Nahrung suchen diese kleinen Wesen, wie andere dem Eie entschlüpften Larven, sondern ihr einziges Bestreben geht dahin, auf den Rücken einer honigsammelnden Biene zu gelangen. Doch lernen wir sie erst kennen, um sie an Blumen oder auf dem Körper wiederzufinden. Die Meloelarve ist in ihrer Gestalt der später vorgeführten Larve der spanischen Fliege sehr ähnlich: langgestreckt und mit Chitin überzogen. Am dreieckigen Kopfe stehen jederseits ein Auge und ein dreigliederiger, in eine lange Endborste auslaufender Fühler, die sechs gespreizten Beine endigen in je drei Klauen und der Hinterleib in vier Borsten. Zwischen den Haaren der Biene krabbelt das Tierchen umher, thut derselben nichts zu leide, sondern betrachtet sie als Mittel zu seinem weiteren Fortkommen. Die Biene ihrerseits, besorgt um ihre Nachkommenschaft, wie jedes rechtschaffene Insektenweibchen, baut ihre Zelle, trägt sie voll süßer Flüssigkeit und legt ihr Ei darauf. Diesen Augenblick hatte aber die vermeintliche „Bienenlaus“ erwartet. Sie gleitet herunter von ihrer Wohlthäterin und setzt sich auf das Ei. Jene schließt die Zelle und hat alles gethan, was ihr die zärtliche Muttersorge eingab. Für unser Lärvchen beginnt nun eigentlich erst das Leben. Es verzehrt das Ei, seine erste Nahrung, legt die Maske ab, welche es bisher trug, und wird zu einer weichhäutigen, wesentlich anders aussehenden Larve, welche nun den Honig vertragen kann, ihn unter sichtlichem Gedeihen zu sich nimmt und zu ihrer völligen Größe gelangt. Das engerlingähnliche Wesen links in unserem Bilde (S. 134) stellt diese zweite Larvenform vor; sie ist zwölfringelig am Mittelbrustringe und an den acht ersten Gliedern des Hinterleibes mit Luftlöchern ausgerüstet. Am hornigen Kopfe fehlen die Augen, die Oberlippe tritt trapezförmig hervor, die kurzen, kräftigen Kinnbacken biegen sich nur schwach und tragen innen je einen Zahn; Fühler, Kiefer- und Lippentaster sind dreigliederig, die kurzen Füße einklauig.

Wie nun, wird man mit Recht fragen, wenn eine solche „Bienenlaus“ sich versieht, eine männliche Biene besteigt oder eine haarige Fliege, und so niemals ihren Zweck erreichen kann? Es sind einzelne Fälle beobachtet worden, sie kommen also vor, wo sie im Irrtum war und wahrscheinlich zu Grunde gehen mußte. Weil die weitere Entwickelung hier von mehreren Vorbedingungen abhängig ist als bei anderen, darum hat die Natur zum Schutze der Art den weiblichen Eierstock auch vorzugsweise gesegnet. Anderseits aber hat sie auch jenen Lärvchen den Trieb eingepflanzt und fie unter solchen Bedingungen geboren werden lassen, daß sie die ihrem Fortkommen nötigen Bienen (besonders den Gattungen Antophora, Andrena, Osmia, Halictus, Macrocera angehörig, auch Apis und andere) herausfinden. Man sollte meinen, daß nun wenigstens, nachdem die Larve den Honig verzehrt hat und vollkommen erwachsen ist, der gewöhnliche Entwickelungsgang eintreten und sie sich verpuppen werde. Dem ist aber nicht so. Es hebt sich vielmehr ihre Haut ab, ohne zu bersten, und innerhalb derselben zeigt sich eine hornige Puppenform, dem Umrisse der vorigen Larve sehr ähnlich, die Scheinpuppe oder Pseudochrysalide, welche keine Nahrung mehr zu sich nimmt. Ihr Bauch ist plattgedrückt, der Rücken stark gewölbt, der Kopf eine Maske, an welcher einige unbewegliche Erhabenheiten eine gewisse Übereinstimmung mit den zukünftigen Kopfteilen andeuten, statt der Beine bemerkt man warzige Auftreibungen. Gerstäcker behauptet, daß diese Scheinpuppe bei Melo& erythrocnemus nicht

entstände. Innerhalb dieser Puppe, deren Hornhaut sich abermals löst, tritt von neuem eine weichhäutige, wurmähnliche Larve auf, welche in kürzester Zeit zu der wahren Puppe wird. Dies der Hergang der Verwandlung, welcher bei einigen vollständig, bei anderen in einzelnen Unterbrechungen beobachtet worden ist. Newport und Fabre verdanken wir in erster Linie diese jo überaus interessanten Wahrnehmungen, zu denen Melo& eicatri-cosus den Beweis lieferte. |

Der bunte Olkäfer (Melo& variegatus oder majalis) verbreitet sich über ganz Europa, das nordwestliche Asien und den Kaukasus, und scheint in Deutschland besonders häufig zu sein. Er ist metallisch grün oder bläulich, mehr oder weniger purpurn schimmernd, grob punktiert und gerunzelt, das quere Halsschild verengertsich etwas nach hinten,

Bunter ölkäfer (Melos variegatus). Vorn eierlegendes Weibchen, an den Bienen und in den Blüten die erste Larvenform, die zweite an den Kokons links. Natürl. Größe.

und die Ränder steigen unmerklich auf. Länge 11—36 mm,je nachdem die eingeschleppte erste Larve einen geringeren oder größeren Honigvorrat in der Zelle vorfand. Dieselbe it 2—3 mm lang, glänzend schwarz und von der früher angegebenen Beschaffenheit. Die weiteren Entwickelungsformen dieser Art sind noch nicht bekannt. Die erste, in manchen Jahren außerordentlich häufige Larvenform findet sich denn auch auf der Hausbiene, jedoch unter eingentümlichen Verhältnissen. Sie begnügt sich nämlich nicht, gleich den anderen, nur zwischen den Haaren umherzulaufen, sondern sie bohrt sich zwischen die schuppig übereinander liegenden Ringe des Bauches und andere Gelenke ein, wodurch die Bienen unter Zuckungen absterben. Sie sitzt an den auf dem Boden des Stockes sterbenden Bienen, oder irrt, weil sie die toten verläßt, im Gemülm umher und ist allmählich dem Verderben preisgegeben. Man hat sie im April und Mai, ob von dieser oder einer anderen Art, weiß ich nicht, auch mit gespreizten Beinen auf dem Honig in den Waben angetroffen, wo sie bereits tot war oder mit dem Tode rang; denn bevor sie nicht das Ei verzehrt und sich dann gehäutet hat, nimmt sie keinen Honig an. Also nicht durch seine parasitische Lebensweise in den Bienenstöcken wird der bunte Olkäfer der Hausbiene nachteilig, wohl aber wird es seine erste Larve in der angegebenen Weise für die Trachtbienen, durch 12 a welche sie sich in den Stock einbringen lassen, für die jungen, eben ausgekrochenen Arbeitsbienen und Drohnen sowie für die Königin, auf welche alle sie von den ersteren überkriecht und sich einbeißt.

Bunter ölkäfer (Melos variegatus). Vorn eierlegendes Weibchen, an den Bienen und in den Blüten die erſte Larven— form, die zweite an den Kokons links. Natürl. Größe.

Der gemeine Maiwurm (Melo& proscarabaeus) findet sich entschieden noch häufiger als der vorige und in denselben Gegenden; er ist schwarzblau, violett schimmernd, an Kopf und Halsschild grubig punktiert, letzteres fast quadratisch, nur nach hinten schwach verengert und an den Ecken gerundet, die Flügeldecken wurmartig querrunzelig und beim Männchen das sechste und siebente Fühlerglied scheibenartig erweitert, an der Unterseite wie ausgefressen. Die Größe so veränderlich wie bei voriger Art, bei den Kleinen wird der Hinterleib von den Flügeldecken sogar etwas überragt. Die erste Larve ist etwas kleiner als die des vorigen (2,25 mm), hat einen vorn mehr gerundeten, weniger dreieckigen Kopf und heller oder dunkler gelbe Körperfarbe. Ihre weitere Entwickelung ist gleichfalls noch nicht beobachtet worden. Auch sie findet sich ab und zu an der Hausbiene, namentlich zwischen den Haaren des Mittelleibes, bohrt sich aber niemals in den Körper ein und verursacht daher auch keinen Schaden. Bisweilen mag es ihr gelingen, auch hier zu weiterer Entwickelung zu gelangen, Aßmuß wenigstens fand im Gouvernement Moskau in einer faulbrütigen, beinahe des ganzen Volkes beraubten Klotzbaute ein einziges Mal zwei 13 mm messende Larven der zweiten Form, welche er darum für unsere Art anspricht, weil er Ende Mai die erste Larvenform von Melo& proscarabaeus an seinen Bienen beobachtet hatte. Leider ließen sich trotz der sorgfältigsten Pflege die Larven nicht erziehen, sondern starben nach wenigen Tagen.

Eine sehr artenreiche, in den Mittelmeerländern von Afrika und Asien hauptsächlich anzutreffende Gattung führt den Namen Reizkäfer (Mylabris). Diese Arten sind wegen der Einförmigkeit im Baue und in der Färbung des Körpers schwer zu unterscheiden. Die fast dachartig die Flügel und den Leib schützenden, allmählich nach hinten erweiterten Deckschilde führen auf schwarzem Grunde lichte, meist rote Binden, auch Flecke, oder es zieren umgekehrt den lichten Grund schwarze Zeichnungen. Lineale Schenkel und Schienen, lange Endsporen an diesen, etwas zusammengedrückte Füße und gleiche, einfache Hälften jeder Fußklaue charakterisieren die langen Beine. Von den mehr denn 200 Arten kommen einige wenige auch in Landen deutscher Zunge vor. Ich fing die Mylabris variabilis auf blühenden Kornblumen bei Bozen, weiß aber über die Lebensweise und Entwickelung der ganzen Gattung nur anzugeben, daß einige bekannt gewordene Erscheinungen auf eine ganz ähnliche Entwickelung wie bei den nächsten Verwandten schließen lassen. Möglicherweise hat schon Hippokrates eine oder die andere Art zu Zugpflastern verwendet, da mehrere Arten in Griechenland keineswegs selten zu sein scheinen.

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