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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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Die sämtlichen Rüsselkäfer, mit geringen Ausnahmen nur von mittlerer Größe, leben von Pflanzen, und weil oft bestimmte Arten von jenen auf bestimmte Arten von diesen angewiesen sind, so hängt die Verbreitung jener auf das genaueste mit der Pflanzenwelt zusammen. Es gibt keinen Teil eines Gewächses von der äußersten Wurzelspitze bis zu der reifen Frucht, welcher vor den Angriffen ihrer Larven gesichert wäre.

Diese gleichen am meisten denen der Diebkäfer unter den Holzbohrern, haben einen runden, nach unten gerichteten Kopf, einen schwach eingekrümmten, faltigen, fußlosen, mehr oder weniger behaarten Körper, der sich nach hinten etwas verengert. Die Mundteile bestehen außer dem viereckigen Kopfschilde aus kurzen, kräftigen Kinnbacken, einem dicken, fleischigen Kinne, an dessen Vorderende die zweigliederigen Taster aus gemeinsamer Wurzel entspringen, und aus fest mit der Zunge verwachsener, bewimperter Innenlade

des Unterkiefers. Die Fühler sind nur warzenförmig, die Augen nicht oder in geringer Anzahl vorhanden. | Die Familie der Rüsselkäfer übertrifft alle anderen an Reichtum der Arten, indem das neueste Verzeichnis davon 10,143 aufzählt; hinsichtlich der Verbreitung über die Erde überwiegen dieselben alle anderen in dem Maße, als sie sich dem Gleicher nähern, und bevorzugen Amerika gegen die Alte Welt; vorzüglich ist der Süden des genannten Erdteiles auch für diese Kerfe eine unerschöpfliche Fundgrube und weist neben anderen heißen Ländern Arten auf, welche durch den Schmelz, die Pracht ihrer Farben und deren Zusammenstellung über alle Beschreibung erhaben sind, und mit dem kostbarsten Schmucke, den eine Künstlerhand aus den edelsten Metallen anfertigt, um die Siegespalme streiten können.

Liniierter Graurüßler (Sitones lineatus), in der mittleren Figur vergrößert, und einige nahe verwandte Arten in Vergrößerung.

Wie lückenhaft daher unsere weiteren Ausführungen hier ausfallen müssen, geht aus den eben gegebenen Andeutungen zur Genüge hervor. |

Der liniierte Graurüßler (Sitones lineatus) mag ein Bild von den durchschnittlich sehr unansehnlichen Kurzrüßlern geben. Er ist durch dichte Beschuppung grau oder grünlichgrau; der Kopf, drei Längsstreifen über das Halsschild und von den flachen Zwischenräumen zwischen den Punktreihen der Flügeldecken einer um den anderen sind heller beschuppt, mehr gelblich. Den Kopf zeichnet überdies eine tiefe Längsfurche, das nahezu walzige, jedoch seitlich schwach gebauchte Halsschild ein die Länge überwiegender Breiten: durchmesser aus. Mehrere andere teilweise schwer unterscheidbare Arten, mit der genannten untermengt, kriechen massenhaft an der Erde und zwischen niederen Pflanzen umher, nachdem fie aus der winterlichen Erstarrung erwacht find. Als Nahrung scheinen fie Schmetterlingsblümlern vor allen anderen den Vorzug zu geben, wenigstens lehren dies die mit dergleichen, wie Erbsen, Pferdebohnen, Luzerne und verwandten Futterkräutern, bestellten Felder. An jung aufgesproßten Pflanzen genannter Arten sieht man nämlich öfter die Samenlappen, an älteren die zarteren Stengelblätter ringsum ausgekerbt. Diese Randveränderung, welche der Nichtkenner wegen einer gewissen Regelmäßigkeit für das natürliche Vorkommen halten könnte, haben die Zähne der hungerigen Graurüßler hervor: gebracht und entschieden dadurch dem kräftigen Wachstum junger Pflanzen Eintrag gethan, wenn sie den Keimblättern und zarten Stengeln, die sie gleichfalls nicht verschonen, zu arg zugesprochen haben. Trotz ihrer Häufigkeit kennt man die früheren Stände dieser Käferchen noch nicht. | Die 82 befannten Arten leben in den Mittelmeerländern, dem übrigen Europa und einige in Nordamerika und stimmen sämtlich in folgenden Merkmalen überein: Vor den

Liniierter Graurüßler (Sitones lineatus), in der mittleren Figur vergrößert, und einige nahe verwandte Arten

stark vortretenden Augen verlängert sich der Kopf unter schwacher Verjüngung nur wenig und bildet somit einen kurzen, gekanteten Rüssel, durch dessen Oberfläche eine Längsfurche läuft. Die am Mundwinkel eingelenkten Fühler sind gekniet und ziemlich dünn, ihr Schaft erreicht die Augenmitte, wo an deren Unterrande die für ihn bestimmte Rinne aufhört. Die Flügeldecken sind zusammen mehr oder weniger walzig, immer breiter als das Halsschild, an den Schultern und der Spitze stumpf und bergen nicht nur die Leibesspitze, sondern auch Flügel; die Beine sind einfach, mäßig lang, an den Schienenenden ohne Hornhaken. Für diejenigen meiner Leser, welche Gelegenheit haben sollten, eine reich ausgestattete Sammlung von Rüsselkäfern einzusehen, sei beiläufig bemerkt, daß die nur südamerikanischen, kurzrüsseligen Gattungen Cyphus, Platyomus und Compsus Arten enthalten, welche an Zartheit der Farben und an Ausputz durch goldglänzende Schuppen zu dem Schönsten gehören, was man überhaupt in dieser Hinsicht sehen kann.

Der schwarze Dickmaulrüßler (Otiorhynchus niger; Abbildung S. 142) oder der große schwarze Rüsselkäfer, wie er bei den Forstleuten allgemein heißt, ein glänzend schwarzer Käfer mit gelbroten Beinen, wenn die schwarzen Kniee und Fußglieder ausgenommen werden, dessen Flügeldecken Grübchenreihen und in den Grübchen je ein graues Härchen tragen, mag statt aller die gedrungene Gestalt einer vorherrschend europäischen, dann weiter in den außereuropäischen Mittelmeerländern und Asien vorkommenden Gattung zur Anschauung bringen, welche an Artenzahl (444) von keiner zweiten heimischen erreicht wird. Diese Käfer, in ihren größten Arten vorherrschend den Gebirgswäldern zugethan, zeichnen sich alle aus durch einen nur schwach geneigten Kopf, welcher nicht bis zu dem hinteren Augenrande im Halsschilde steckt und sich nach vorn zu nur kurzem Rüssel verlängert. Der am Vorderrande ausgeschnittene Rüssel erweitert sich seitlich über der sehr weit vorgerückten Einlenkungsstelle der Fühler lappenartig und rechtfertigt auf diese Weise die deutsche Benennung Lappenrüßler oder Dickmaulrüßler, durch welche man den wissenschaftlichen Namen wiedergegeben hat. Seine Grube für die Fühler ist nach dem oberen Augenrande hin gerichtet und viel zu kurz, um den mindestens noch einmal so langen Fühlerschaft aufnehmen zu können. Die Geißel besteht aus zehn Gliedern, von denen die beiden ersten merklich länger als breit sind, die drei letzten aber im engen Anschlusse aneinander den eiförmigen zugespitzten Fühlerknopf bilden. Das Halsschild ist an beiden Enden gerade abgestutzt, an den Seiten mehr oder weniger bauchig erweitert und das Schildchen undeutlich. Die harten Flügeldecken sind breiter als das Halsschild, aber an den gerundeten Schultern wenig vorspringend, bei den schlankeren Männchen schmäler und an der Spitze etwas länger ausgezogen als beim Weibchen. Die Vorderhüften stehen in der Mitte ihres Ringes nahe beisammen, alle Schienen tragen einen nach innen gekrümmten Endhaken und die viergliederigen Füße einfache Klauen. Der Körper ist ungeflügelt. Die gemeinsamen Gattungsmerkmale setzen sich in der düsteren, schwarzen, braunen oder durch Beschuppung grauen Färbung des ganzen Körpers zumeist fort, doch zeichnen sich auch mehrere Arten durch gold- oder silberglänzende Schuppenbekleidung einzelner Stellen vorteilhaft aus. Als Kinder des gemäßigten nördlichen Erdstriches bleiben sie allerdings in dieser Beziehung gewaltig hinter ihren nahen Verwandten auf den Philippinischen Inseln und Neuguinea zurück. Dort kommen schwarze Dickrüßler (Pachyrhynchus) vor, deren Halsschild und Flügeldecken durchschnittlich noch bauchiger, gleichzeitig aber mit Binden oder Flecken aus azurblauen, gold⸗ oder silberglänzenden Schuppen verziert find und einen wunderbar schönen Anblick gewähren. Unsere Art nun, um zu ihr zurückzukehren, findet sich beinahe das ganze Jahr hindurch in den Nadelwäldern der Gebirge, ohne der Ebene gänzlich zu fehlen, ist als flügelloser

Käfer an ihre Geburtsstätte gebunden und daher immer da zu finden, wo sie sich einmal eingebürgert hat. Vom August ab und später trifft man den Käfer in seiner Heimat sicher unter Moos, Bodenstreu oder Steinen an, wie halb erstarrt und ungemein träge. Da man nun in seiner Umgebung die Überreste feiner Brüder gleichfalls reichlich umher: liegen sieht, so kann es zweifelhaft bleiben, ob er den Stein als seinen Leichenstein oder f nur als den Ort betrachtet wissen will, der ihn während seines Winterschlafes schützen soll. Beide Annahmen lassen sich miteinander vereinigen: ist er lebensmüde, und will er einen ruhigen Platz haben, an welchem er sein müdes Haupt niederlege, so ist er ein alter Käfer, || |der seinen Lebenszweck erfüllt hat; will er dort nur den Winter verschlafen, so wurde er im Laufe des Sommers im Schoße der Erde geboren, bekam aber noch Lust, sich draußen in der Welt umzuschauen, ehe der unfreundliche Winter zu einem abermaligen Verkriechen zwingt. Dem sei nun, wie ihm wolle, um die Pfingstzeit sind die Käfer in den Fichtenbeständen am zahlreichsten und benagen junge Stämmchen unmittelbar über der Erde, besonders wenn sie, durch den Graswuchs gedeckt, bei ihrer Arbeit nicht gestört werden. Mit der Zeit rücken sie höher I} | Maitriebhinauf und gleichfallslassen sich denschmecken.jungen Durch die Endhaken der Schienen können sie sich außerordentlich festhalten, so daß der heftigste und Puppe. Natürliche Größe und vergrößert. Wind sie so leicht nicht herabzuwerfen vermag, sowie man sie nur mit einem gewissen Kraftaufwande von dem Finger losbringt, in welchen sie sich beim Aufnehmen sofort einhaken. Während der genannten Zeit erfolgt auch die Paarung. Das befruchtete Weibchen kriecht in die Erde und legt seine zahlreichen Eier ab. Die aus denselben geschlüpften Larven fressen an den Wurzeln der Nadelhölzer in Weise der Engerlinge und werden meist in kleineren Gesellschaften bei einander gefunden. Die Larve ist derjenigen des Hylobius abietis (S. 145) sehr ähnlich, aber auf Querreihen von Dornhöckerchen büschelweise und auffällig behaart. Da man den Sommer über alle Entwickelungsstufen nebeneinander antreffen kann, so muß die Verwandlung eine ungleichmäßige sein, wenn sie sich auch in Jahresfrist vom Eie bis zum Käfer abspielt. Aus jener Unregelmäßigkeit erklärt sich auch das von Juni bis September beobachtete Hinzukommen neuer Käfer zu den überwinterten und somit ihr eingangs er: wähntes Vorhandensein das ganze Jahr hindurch.

Die befallenen Pflanzen werden im ersten Jahre gelb, im nächsten rot und sterben ab, weshalb man der Vermehrung des Käfers durch Einsammeln und Töten desselben entgegenwirken muß. — Bei der Menge von pflanzenfressenden Lappenrüßlern, welche so leicht auf keine bestimmte Pflanze ausschließlich angewiesen sind und an ihren Geburtsstätten bleiben müssen, es sei denn, daß die Wasserfluten sie anderwärts an das Land spülen, darf es nicht wundernehmen, daß diese und jene Art verderblich an unseren Kulturen auftreten kann. So der gefurchte Dickmaulrüßler (Otiorhynchus sulcatus), eine kleinere Art mit unregelmäßig den schwarzen Körper deckenden Fleckchen aus graugelben

und Puppe. Natürliche Größe und vergrößert.

Schuppenhaaren, auf den jungen Trieben des Weinstockes, während seine Larve die Wurzeln der Primeln, Erdbeeren, Steinbreche, Aschenkräuter und anderer benagt. Der sogenannte Spitzkopf (O. nigrita), dem vorigen ähnlich, aber noch grauer, und der braunbeinige Lappenrüßler (O. picipes) haben dann und wann gleichfalls die Rebenschosse oder Pfropfreiser geschädigt, der Liebstöckel-Lappenrüßler, Nascher (O. ligustiei) die Pfirsichen und namentlich auch den Luzerneklee. Diese und andere in gleicher Weise sich unnütz erweisenden Arten müssen sorgfältig abgelesen werden, sobald sie sich zeigen, ehe die Weibchen ihre Eier abgelegt haben, und man wird sich ihrer bald entledigen.

Unter dem Namen der Grünrüßler hat früher Ratzeburg eine Anzahl Kurzrüßler verschiedener Gattungen darum zusammengefaßt, weil der Körper der meisten mit goldgrünen, kupferroten oder metallisch blau schimmernden Schuppen reichlich bedeckt ist, und weil sie zahlreich auf dem verschiedensten Laubholzgebüsche als Knospenfresser erscheinen. Der Systematiker begreift unter jenen die der Sippe der Lappenrüßler angehörenden Gattung Phyllobius, wo die Fühlergrube des Rüssels ebenfalls fast gerade gegen die vordere Augenmitte aufsteigt, die lang-eiförmigen Flügeldecken aber an der Schulter stumpfwinkelig vortreten und Flügel bergen. Außerdem gehören hierher einige im Systeme vorangehende geflügelte Gattungen, namentlich Metallites mit vierkantigem, oben flachem Rüssel und kegelförmigen Grundgliedern der Fühlergeißel und Polydrosus mit rundlichem Rüssel und länglichen Grundgliedern der Geißel. Die Entwickelungsgeschichte dieser gemeinen Käfer ist bisher noch sehr wenig aufgeklärt, sie selbst aber schließen sich ihrem Kleide nach mehr als die meisten heimatlichen den glänzenden Erscheinungen heißer Länderstriche an.

Über Afrika und die Mittelmeerländer Europas breitet sich in zahlreichen Arten die Gattung der Kurzhörner (Brachycerus) aus, welche unwillkürlich an die Feistkäfer unter den Verschiedenzehern erinnert, untersetzte, in ihren einzelnen Teilen plumpe, düster gefärbte Kerfe, welchen man auf den ersten Blick ansieht, daß sie träge und in gewisser Hilflosigkeit ander Erde und unter den Pflanzen umherkriechen müssen. Bei genauerer Betrachtung finden sich die eiförmigen oder rechteckigen, glatten oder mit erhabenen Hieroglyphen beschriebenen Flügeldecken verwachsen. Der fast senkrecht gestellte Kopf trägt einen sehr dicken, von ihm durch tiefe Querfurche allermeist abgeschnürten, nach vorn erweiterten Rüssel mit tiefer, bogig gekrümmter Fühlerfurche und dicke, kurze Fühler. Die Augen umgibt mehr oder weniger vollständig, besonders nach oben, eine Wulst, welche die Rauheit der Oberfläche erhöht, die am queren Halsschilde noch mehr zur Entwickelung kommt, indem Furchen, Buckel, seitliche Dornen ꝛc. große Unregelmäßigkeiten erzeugen. Häufig erweitert es sich nahe den Augen lappenartig, so daß diese zum Teil wie von einem Scheuleder bedeckt werden. Das Schildchen fehlt. Die Flügeldecken ändern sehr in ihrer Form, gehen in sanften Rundungen allmählich in die den Körper umschließenden Seitenteile über, oder biegen sich unter Leistenbildung rechtwinkelig um, runden sich an den Schultern und nach hinten ab oder stellen nahezu ein Rechteck, auch ein Quadrat dar. Die Beine sind, wie alles, plump, die Schenkel verdicken sich allmählich, die mittelsten berühren sich in ihren Hüften, die Schienen sind gerade, an der Spitze nach innen und außen geeckt, ihre Füße schmal, fast drehrund, die drei ersten Glieder am Ende nach unten spitz ausgezogen. Die Chitinbedeckung des dicken Körpers pflegt bei den Rüsselkäfern überhaupt sehr hart zu sein, übertrifft aber hier in dieser Beziehung den gewöhnlichen Grad um ein Bedeutendes.

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