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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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Die Spanische Fliege (Cantharis oder Lytta vesicatoria; Abbildung S. 136) kommt stellenweise manches Jahr während des Juni in überraschenden Mengen vor und verrät dann ihre Gegenwart aus weiter Ferne durch einen scharfen Geruch. Eschengebüsch, Syringen, Rainweide und andere weidet die Gesellschaft kahl ab und zieht weiter, wenn sie nichts mehr findet. Ihre schön grünen, dicht gerunzelten Flügeldecken mit je zwei feinen Längsrippen, beim Manne smaragdgrün und gestreckter, beim Weibchen lichter goldgrün und breiter, machen sie kenntlich, wenn es der Geruch nicht schon thäte. Die fadenförmigen Fühler erreichen dort halbe Körperlänge, hier sind sie um die Hälfte kürzer. Noch gehört ein herzförmiger Kopf, ein queres, stumpf fünfeckiges Halsschild zu den Kennzeichen des 17 19,5 mm messenden Käfers.

Auf ihren Weideplätzen zeigen sich, mit einander entgegenstehenden Köpfen, massenhaft zusammenhängende Pärchen. Das Weibchen legt seine sehr zahlreichen Eier in die Erde ab, aus denselben kriecht, und zwar rückwärts, wie man beobachtet hat, eine Larve (Trianguline) der oben abgebildeten Form und schwarzer Färbung, mit Ausnahme der beiden letzten weißen Thoraxringe und des ersten Hinterleibsringes am Bauche. Dieselbe, meint man, läßt sich

nicht, wie die vorigen, durch Bienen in ein Nest tragen, sondern sucht selbst solche von erdbewohnenden Bienen, wie Colletes, Megachile, Meliturgus, auf, ernährt sich von dem Inhalt einer Zelle unter mehrmaligen Häutungen und wird außerhalb der Zelle zu einer Pseudochrysalide von 15—18 mm Länge. H. Beauregard fand eine solche in den letzten Dezembertagen bei Avignon im Sande neben Colletes-Zellen. Am 12. Mai des folgenden Jahres kroch durch einen Spalt auf dem Rücken eine gelbliche, dicke Larve daraus hervor, die einige Tage beweglich war, dann aber ruhig dalag, sich am 26. Mai in eine Puppe verwandelte, aus welcher am 7. Juni das vollkommene Insekt schlüpfte. |

In Schweden, Rußland, Deutschland, namentlich aber im Süden Europas, kommt die Spanische Fliege vor. Eine kurze Bemerkung aus meinen entomologischen Tagebüchern

Spanische Fliege (Lytta vesicatoria) nebst erster Larve. Vergrößert.

lautet: „Naumburg a. S., 16. Juni 1850. Kolossale Mengen von Lytta vesicatoria an Ligustrum vulgare und Thalictrum, nachdem sie die benachbarten Eschen vollständig entblättert hatten.“ Einige Jahre später traf ich fie in ähnlichen Mengen am östlichen Ende der Provinz Sachsen, aber merkwürdigerweise seit dem mehr als dreißigjährigen Aufenthalt inmitten dieser beiden Punkte (Halle) nur in wenigen Jahren (1873) sehr vereinzelt. In Italien schädigt sie die Oliven, in Piemont findet sie sich auf Nuß und Ulme. In Spanien mag sie häufig vorkommen und gesammelt werden, worauf die deutsche Benennung hinzudeuten scheint. Dieselbe ist schon zu Moufets Zeiten, aber nicht in Deutschland üblich gewesen; denn er bemerkt ausdrücklich, daß der Käfer bei den Belgiern „spänsche vlieghe“, bei den Engländern „Cantharis“ oder „Spanish Flye“ heiße, während für die Deutschen „grüner Kefer, Goldkäfer“ angegeben wird. Wenn die Käfer in hinreichenden Mengen vorhanden sind, daß ihr Einsammeln lohnt, so klopft man sie am frühen Morgen oder an unfreundlichen Tagen von den Büschen auf untergebreitete Tücher oder untergehaltene Schirme ab (bei Sonnenschein sind sie sehr beweglich), tötet sie, trocknet sie bei künstlicher Wärme, am besten in einem Backofen, schnell und sorgt für guten Verschluß der trockenen, ungemein leicht gewordenen Ware. Fein zerrieben und mit einem Bindestoffe vermischt, liefern sie das bekannte Zugpflaster, ein Auszug mit Alkohol unter anderem die Kantharidentinktur. Die berüchtigte Aqua Tofana soll nach Ozanari nichts anderes als ein mit Wasser versetzter Weingeistauszug von Spanischen Fliegen sein. Das rein dargestellte Kantharidin besteht aus glimmerartig glänzenden, leicht in Ather und fetten Olen löslichen Blättchen. Der Preis der getrockneten Käfer dürfte nach den Verhältnissen schwanken, ein befreundeter Apotheker, welcher in seinem Garten in den fünfziger Jahren

Spaniſche Fliege (Lytta vesicatoria) nebſt erſter Larve. Vergrößert.

eine Sammlung veranstaltet hatte, erzielte beim Verkaufe nach Berlin einen Thaler für das Pfund. Man kennt mehr als 250 Cantharis- Arten, von denen die meisten in Afrika und Amerika leben, letztere, vorherrschend schwarz oder durch dichte Behaarung grau, auch in beiden Färbungen gestreift, sind neuerdings als besondere Gattung „Epicauta“ von Cantharis getrennt, weil ihre Borstenfühler kürzer, kaum so lang wie der halbe Leib, das Halsschild gestreckter, immer länger als breit und die Flügeldecken an der Wurzel schmäler sind, der Körper hier überhaupt mehr von den Seiten her zusammengedrückt erscheint. Mehrere nordamerikanische Arten, wie Epicauta cinerea und vittata, sowie im südlichen Europa die Epicauta verticalis kommen bisweilen in ungeheuren Mengen auf Kartoffel—⸗ kraut vor und zerstören durch ihren ungehinderten Fraß der Blätter die ganze Kartoffelernte, wie der so berüchtigt gewordene Colorado-Kartoffelkäfer. Ihre Larven ernähren sich übrigens von Heuschrecken und anderen Orthopteren.

Der rotschulterige Bienenkäfer (Sitaris muralis, früher Necydalis humeralis) ist ein interessantes Käferchen des südlichen Europa, welches am nördlichsten bisher in Südtirol und vor einigen Jahren in Frankfurt am Main in mehreren Stücken an einem Hause beobachtet worden ist. Es erinnert in seiner Körpertracht einigermaßen, mehr noch durch seine Entwickelungsgeschichte an den Fächerträger. Der Käfer ist durch die gleich von der Wurzel klaffenden, am Außenrande ausgeschweiften, nach hinten ungemein verschmälerten und stumpf gespitzten Decken, welche die wohl entwickelten Flügel nur schlecht verbergen, leicht kenntlich; die Fühler sind fadenförmig, die Kinnbacken von der Mitte an rechtwinkelig umgebogen, die Klauen einfach, d. h. keine derselben gezahnt, und die Hinterhüften weit von den Mittelhüften entfernt. Der Körper ist schwarz, an den Schultern rot. Fabre fand in der Erde Löcher, welche von der einsam bauenden pinselbeinigen

Schnauzenbiene (Anthophora pilipes) bewohnt waren, einer Honig eintragenden Biene, welche sehr zeitig im Frühjahr erscheint und weit verbreitet, auch bei uns keineswegs selten ist. Ende August kamen aus den Fluglöchern einzelne rotschulterige Bienenkäfer, anfangs Männchen, welche mit großer Ungeduld die Weibchen erwarteten und deren Gehäuse aufbissen, um das Herauskommen derselben zu beschleunigen. Sowie letztere erschienen waren, erfolgte am Eingange der Bienenwohnungen die Paarung und das Ablegen der zahlreichen ovalen, sehr kleinen Eierchen hinten in den zu den Bienennestern führenden Erdröhren, Ende September entschlüpften die 1 mm langen Larven von der auf S. 138 abgebildeten Form (a), ausgezeichnet durch lange Fühler, lange, langbehaarte Beine, zwei gekrümmte Schwanzborsten am stumpf zugespitzten Leibesende und durch zwei Augen auf jeder Seite des Kopfes. Alle diese Merkmale sowie die harte Körperbekleidung erinnern an die erste Larvenform der vorher besprochenen Familienglieder. Die Lärvchen find außerordentlich beweglich, verlassen jedoch ihre Geburtsstätte nicht, und sitzen schließlich haufenweise beisammen, um die Wintermonate zu verschlafen. Mit dem Erwachen des neuen Lebens im Frühjahr verlassen die rechtmäßigen Zellenbewohner, die jungen Schnauzenbienen, ihre Wiege, und sofort sind die Sitarislarven bereit, sich an den vorbeikriechenden Bienen festzuhalten und sich von ihnen wegtragen zu lassen. Da die Bienenmännchen stets mehrere Tage vor den Weibchen ausschlüpfen, so gelangen die Larven zum großen Teil auf die männlichen Bienen. Diese würden für ihr weiteres Fortkommen schlecht sorgen, da ihnen die Weibchen allein nur dienen können. Sei es nun, daß fie durch Vermittelung der honig: spendenden Blumen oder während der Paarung der Bienen auf letztere überkriechen, sei es, daß manche, bei den Bienenmännchen zurückbleibend, zu Grunde gehen, so viel steht fest, daß ihrer genug, wie es ihre Bestimmung fordert, auf den weiblichen Schnauzenbienen

verweilen. Diese nun bauen, gleich ihren Müttern, Nester, tragen Honig in die Zellen, legen je ein Ei auf den Vorrat und verschließen die Zelle. Letzteres darf die Sitarislarve nicht abwarten, sondern muß sofort auf das Ei herabgleiten, sowie es dem mütterlichen Schoße entschlüpft ist. Am 21. Mai beobachtete Fabre gefüllte und mit einem Eie belegte Zellen und hier und da auf dem Eie eine Larve. Sobald die Zelle geschlossen ist, beißt die Larve das Ei auf, verzehrt dessen Inhalt als erste Nahrung nach so langer Entbehrung und bleibt auf der Eischale wie auf einem Flosse sitzen, um von da aus die für die Bienenlarve bestimmten Vorräte aufzuzehren. In ihrer ursprünglichen Form würde sie dies schwerlich bewirken können, weil die harte Körperbedeckung zu wenig nachgeben und eine Vergrößerung nicht zulassen würde. Unzweifelhaft erfolgt die Körperumwandlung unmittelbar nach dem Genusse des Bieneneies und vor dem des Honigs, welcher das volle Wachstum bedingt. Ist dieser aufgezehrt, jo hat die erwachsene zweite Zar: venform (b) ein mehr madenartiges Aus: sehen: einen dicken, weichen Körper, mit einem augenlosen, kleinen Kopfe, an welchem Fühlerstumpfe und Kinnbacken unterschieden werden können; auch tragen die drei vordersten Glieder sechs, allerdings N sehr kurze Beinchen. Diese zweite Larvena Erste, b zweite, d dritte Larvenform, e Scheinpuppe, e Puppe form verkürzt sich allmählich, erhärtet und des e e ee, muralis). nimmt Eiform, den zu der Überwinterung geschickten Zustand, an, welcher als Scheinpuppe, Pseudonymphe (c), bezeichnet worden ist. Aus dieser entsteht im nächsten Frühjahr ein dritte, der zweiten außerordentlich ähnliche Larvenform (d), und aus dieser endlich durch abermalige Häutung die regelrechte Puppe (e), welcher der Käfer schließlich Ende August des zweiten Jahres seit dem Eierlegen sein Dasein verdankt.

Die Verwandlungsgeschichte, wie wir sie bei den beiden letzteren Familien, den Pflasterkäfern und den Fächerträgern, in ihren Grundzügen kennen gelernt haben, überrascht durch die größere Mannigfaltigkeit (Hypermetamorphose) im Vergleiche zu den zwei Übergangsformen der Larve und der Puppe bei den anderen Käfern. Es kommt hier ein nicht zu übersehender Umstand, die Abhängigkeit von dem Leben eines anderen Kerfes, mit einem Worte, das Schmarotzerleben hinzu. Wir werden später bei einer anderen Ordnung das selbe in noch weit ausgebildeterer Form kennen lernen, aber so verborgen und in geheimnisvolles Dunkel gehüllt, daß nur der mit dem Mikroskop vertraute Fachmann unter gewissen günstigen Verhältnissen den Schleier zu lüften vermag. Die Versuche hierzu stehen sehr vereinzelt da, haben aber eine gleich große Wandelbarkeit der Larvenform ergeben. Für unsere Familien bedarf es nicht jener wissenschaftlichen Apparate und Durchbildung, sondern nur der Ahnung von den interessanten Verhältnissen, einer günstigen Gelegenheit und der Ausdauer in vorurteilsfreier Beobachtung. In der Voraussetzung, daß bei einem oder dem anderen meiner Leser die beiden letzten Punkte eintreffen könnten, habe ich den Gegenstand berührt, um aufzufordern, denselben weiter zu verfolgen, zu berichtigen oder zu vervollständigen.

Mit Übergehung langgestreckter, den vorigen nahe verwandter Käferchen, welche auf Blumen leben und zur Familie der Oedemeriden vereinigt wurden, kommen wir nun zu denen, welche wenigstens scheinbar nur vier Glieder an allen Füßen haben und darum vierzehige Käfer (Tetramera) heißen. Die Neueren wollen sie Coleoptera cryptopentamera genannt wissen, weil allerdings bei vielen das vorletzte Glied sich zwar versteckt, aber nachweisen läßt, und daher in Wirklichkeit fünf Glieder vorhanden sind. Die Rüsselkäfer (Curculionina) werden unsere Aufmerksamkeit zunächst in Anspruch nehmen. Wie der Name besagt, verlängert sich bei ihnen der Kopf vorn rüsselartig und trägt an der Spitze dieser Verlängerung die Freßwerkzeuge, welche bis auf die fehlende Oberlippe in allen Teilen vorhanden sind und sich durch die sehr kurzen Taster, dreigliederige der Unterlippe und viergliederige der Kiefer, auszeichnen. Die Kinnladen haben in der Regel nur einen Lappen und werden ganz oder größtenteils durch das Kinn bedeckt in der ersten Legion Lacordaires, welche sich wieder in sechs Sippen teilt, oder sie liegen vollkommen offen in der zweiten, die übrigen 76 Sippen umfassenden Legion. Von den Kinnbacken läßt sich nur anführen, daß sie kurz sind, denn ihre Form ändert sehr ab. Die acht: bis zwölfgliederigen Fühler entspringen in einer Grube oder Furche (Fühler: furche) des Rüssels, sind in den meisten Fällen gebrochen und keulenförmig. Rücken und Weichen des Halsschildes verschmelzen miteinander; die Vorderhüften berühren sich oder bleiben getrennt wie die anderen Hüften und bewegen sich in nur geschlossenen Pfannen. Die Füße, deren drittes Glied zweilappig zu sein pflegt, haben meist eine schwammige Sohle und vier deutliche Glieder, öfter ein verstecktes fünftes. Der Hinterleib, umschlossen von den Flügeldecken, setzt sich aus fünf, sehr selten aus sechs Bauchringen zusammen, von denen der dritte und vierte meist kürzer als die übrigen sind. Der Rüssel als wesentlicher Charakter dieser Familie, fast allen denkbaren Anderungen unterworfen, schwankt am meisten in der Länge. In vielen Fällen, wo er fast gleiche Dicke mit dem Kopfe behält, würde man ihn der Kürze wegen kaum für einen solchen erklären können und zweifelhaft sein, ob man einen Rüsselkäfer vor sich habe, wenn nicht alle sonstigen, dieser Familie eignen Merkmale zusammenkämen. Dem gegenüber stehen Fälle, in welchen er bei fadenförmiger Dünnheit die Körperlänge erreicht oder übertrifft. Der dicke, kurze und mehr oder weniger verlängerte, dünne Rüssel ändert das Ansehen der Käfer so wesentlich, daß die beiden Hauptgruppen: Kurzrüßler und Langrüßler, bisher bei der Einteilung einander entgegengesetzt wurden. Ob eckig oder gerundet, vorn verdickt oder verdünnt, gerade oder gebogen, jedoch immer nach unten, ob einlegbar in eine Grube zwischen den Hüften oder nicht, das sind Dinge, die näher berücksichtigt sein wollen, um die ungefähr 350 Gattungen zu unterscheiden. Aber nicht bloß der Rüssel, auch die Fühler, die Beine, die ganze Gestalt der Tiere durchlaufen die mannigfachsten, innerhalb der gegebenen Grenzen nur möglichen Bildungen; so kommt z. B. in Hinsicht auf letztere die Kugel- neben der Linienform vor.

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