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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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Den freien Kopf mit nicht abgesetztem Schilde und undeutlicher Oberlippe, die nicht zusammengedrückten Beine, deren Schenkelring an der Innenseite der Schenkel liegt und deren viertes Fußglied sich in zwei Lappen teilt, sowie den siebenringeligen Hinterleib hat die eben besprochene mit noch anderen, vorzugsweise in Amerika heimatenden Gattungen gemein, weshalb man diese alle zu der Gruppe der Telephoriden vereinigt hat.

Von einer Anzahl kleinerer, ausschließlich auf Blumen und blühenden Gräsern anzutreffenden Weichkäfern, die wegen anderer Fühleranheftung sowie wegen des deutlich geschiedenen Kopfschildes zu der Gruppe der Melyriden zusammengefaßt worden sind, dürfte der große Blasenkäfer (Malachius aeneus) am meisten interessieren. Er mißt zwar nur 6,5 mm, ist aber der größte heimische seiner mit zahlreichen Arten auf Europa und die angrenzenden Teile Asiens und Afrikas beschränkten Gattung. Der dem Warzenkäfer gleich geformte Körper ist glänzend grün von Farbe, am Vorderkopfe goldgelb, an den Vorderecken des Halsschildes und an den Flügeldecken, mit Ausnahme eines breiten, grünen Nahtfleckes, scharlachrot. Beim Männchen läuft das zweite und dritte Glied der fadenförmigen Fühler nach unten in einen krummen Haken aus; diese sitzen zwischen den Augen tief unten an der Stirn, von welcher das viereckige Kopfschild deutlich geschieden ist. Der genannte Blasenkäfer besitzt wie alle anderen Arten die Fähigkeit, aus den Körperseiten rote Wülste auszustülpen, wenn er angefaßt oder sonstwie gereizt wird. Der überall

im Frühjahr gemeine Käfer gewinnt durch die Verfolgungen der Larven des Rapsglanzkäfers für den Landwirt einen gewissen Wert.

Die Larven der ganzen Gattung haben mehr als ein Punktauge auf jeder Seite, sechs Füße und endigen in zwei fleischige Spitzchen. Sie nähren sich ausschließlich vom Raube, halten sich hinter Baumrinde, in alten Strohdächern und anderwärts, mehr im Verborgenen, als frei auf der Oberfläche der Pflanzen auf.

Der ameisenartige Buntkäfer (Clerus formicarius) vergegenwärtigt die Körpertracht der aus reichlich 600 meist ausländischen Gliedern bestehenden Familie der Cleriden (Cleridae); sie finden sich fast alle an altem Holzwerke und leben gleich ihren Larven vom Raube. Der genannte Buntkäfer zeigt sich häufig in Nadelwäldern, besonders an abgeschlagenen oder reichlich zerbohrten noch stehenden Stämmen. Hier läuft er emsig, wie eine Ameise, auf und ab und stellt vorzugsweise den Borkenkäfern nach. Hat er einen erwischt, so hält er ihn mit den vorderen Füßen fest und verspeist ihn. Halsschild und Wurzel der Flügeldecken bis zur vorderen der beiden weißen Querbinden sowie die Unterseite sind bei dem sonst schwarzen Käfer rot gefärbt. Die nahe an 100, sämtlich bunten und auf der ganzen Erde verbreiteten Arten haben als gemeinsame 2

Merkmale eine zweilappige Zunge, ein großes, Ameisenartiger Buntkäfer (Clerus formicarius), quer beilförmiges Endglied der Lippentaster, Larve mit Puppe. Alles vergrößert. ausgerandete Oberlippe und Augen und schwach keulenförmige Fühler; das sehr kurze erste Fußglied wird vom zweiten derartig bedeckt, daß nur ihrer vier vorhanden zu sein scheinen.

An der rosenroten Larve sind das Halsschild auf dem Rücken vollständig, die beiden folgenden Ringe nur fleckenartig mit Chitin bekleidet. Der Kopf trägt jederseits in zwei Reihen fünf Augen, unter einem Vorsprunge über der Kinnbackenwurzel zweigliederige Fühler, ein schmales, pergamentartiges Kopfschild, eine vorgestreckte, vorn gebuchtete Oberlippe, kurze, dreigliederige Kiefertaster und zweigliederige Lippentaster. Diese Larve erwirbt sich noch mehr Verdienste um den Forst als der Käfer, indem sie hinter der Baumrinde den Larven des verschiedenen Ungeziefers eifrig nachstellt.

Kräftiger, sonst aber von demselben allgemeinen Baue, gestalten sich die Immenkäfer (Trichodes), meist stark behaarte, dunkelblaue oder grünschimmernde Kerfe mit roten, blaugebänderten oder umgekehrt mit blauen, rotgebänderten Flügeldecken. Ihr Unterkiefer ist aus zwei gefransten Lappen und fadenförmigen langen Tastern zusammengesetzt, das Endglied der noch längeren Lippentaster dreieckig, ebenso die plattgedrückte, aus den drei letzten Gliedern gebildete Fühlerkeule und der Ausschnitt der Augen. Das cylindrische Halsschild verengert sich nach hinten, die Flügeldecken haben genau die Gestalt wie bei den Buntkäfern. Auch hier verkürzt sich an den kräftigen Beinen das erste Fußglied, wogegen das zweite der Hinterbeine eine lange Walze darstellt. Das Viertelhundert bekannter Arten heimatet fast ausschließlich in der nördlichen Halbkugel; sie stellen sich auf Blumen ein, besonders auf den Dolden und Spirstauden, um Jagd auf andere Insekten zu machen.

Ameiſenartiger Buntkäfer (Clerus formicarius), Larve mit Puppe. Alles vergrößert. artiger Buntkäfer (Clerus formi Larve mit Puppe. Alles vergrößert.

Der gemeine Immenkäfer (Trichodes apiarius), von durchschnittlich 12 mm Länge, ist glänzend schwarzblau, dicht punktiert und rauhhaarig; die grob punktierten Flügeldecken erweitern sich schwach nach hinten und sind mit Ausschluß der Spitze und zweier Querbinden, deren vordere sich in Flecke auflösen, in seltenen Fällen ganz fehlen kann, hochrot gefärbt. Man findet ihn vom Mai bis Juli an den angegebenen Stellen in Deutschland nirgends selten. Die Larve gleicht der des Buntkäfers ungemein, ist nur etwas gedrungener, nach hinten wenig dicker und hält sich vom Juli bis zum April des nächsten Jahres in den Gängen der Gemeiner Immenkäfer Trichodes Holzwespenlarven (Sirex) auf, denen fie nachgeht, in den Nestern apiarius). Vergrößert. verschiedener wilder Bienen (Osmia, Megachile), aber auch in denen der Honigbiene, wo sie Larven, Puppen und herabgeworfene, halbtote Bienen verzehrt. Sie findet sich hier vorzugsweise auf dem Boden unreinlich gehaltener, schwacher Stöcke und verbirgt sich in Spalten. Hat sie sich aber erst in eine Bruttafel eingenistet, so arbeitet sie im Inneren Gänge und verzehrt natürlich gesunde Brut; nur dann, wenn es solche nicht mehr gibt, kriecht sie heraus und überwintert in Fugen und Ritzen. Im April fängt sie wieder an zu fressen, setzt dies bis tief in den Mai fort, dann aber geht fie in die Erde, fertigt eine Höhlung und wird in 3—4 Tagen zu einer derjenigen der vorigen Art sehr ähnlichen Puppe. Nach 4— 5 Wochen kommt der Käfer aus derselben hervor. Manche Larven scheinen sich schon im ersten Jahre zu verpuppen und in diesem Zustande zu überwintern; solche liefern bereits im nächsten Mai den Immenkäfer.

Der Dieb oder Kräuterdieb (Ptinus fur, S. 76) gesellt sich zu den unangenehmen Hausgenossen, deren schon einige, wie der Pelzkäfer, der Speckkäfer und solches Gelichter, zur Sprache kamen, bei denen er sich auch abgebildet findet, lebt ebenso wie sie verborgen in Winkeln, und kriecht meist nur bei Nacht lebhaft nach Beute an den Wänden in die Höhe. Seine graulichweiße, nur 4,5 mm messende Larve hat einen augenlojen, braunen Kopf mit sehr kurzen Fühlern, kräftige Freßzangen, sechs Beine und einen behaarten Körper, den sie einkrümmt, als Anzeichen, daß freies Umherkriechen zu ihren Liebhabereien nicht gehört. Herbarien und Insektensammlungen sind ihre liebsten Aufenthaltsorte, und besonders in ersteren richtet sie in kurzer Zeit den größten Schaden an; denn sie nistet in den großen Blütenköpfen der Kompositen, durchlöchert beim Suchen nach einem ihr zusagenden Weideplatze dicke Papierlagen in den Pflanzenmappen und gleichzeitig alle Stengel, Blätter, Blüten, welche ihre Straßen versperren. In Niederlagen, Vorratskammern, Schwalbenund Wespennestern, kurz, überall da, wo genießbare Gegenstände irgend welcher Art vorhanden sind, findet unsere Larve, welche fast 2 Jahre leben soll, auskömmliche Nahrung. Im August umspinnt sie ihr letztes Lager mit den Abnagseln ihrer Umgebung, wird zur Puppe und schon in 14 Tagen zu einem kaum 3,5 mm langen, unscheinbaren Käfer, dessen Aussehen sich je nach den Geschlechtern ändert. Das Weibchen hat eiförmige, vorn und hinten durch Behaarung weißfleckige Flügeldecken, das Männchen fast walzige und ungefleckte, tiefe Punktstreifen auf diesen; ein fast kugeliges, hinten jedoch eingeschnürtes Halsschild mit vier, von Haarbüscheln gebildeten Höckern auf seiner Scheibe, keulenförmige, fast gestielte Schenkel und rostbraune Körperfarbe haben beide Geschlechter miteinander gemein und unterscheiden sie von anderen Arten. Die Gattung Ptinus (Bohrkäfer) wird erkannt an dem eingezogenen Kopfe, den genäherten, fadenförmigen Fühlern, den runden,

Gemeiner Immenkäfer Trichodes apiarius). Vergrößert.

vortretenden Augen, dem lang spindelförmigen Endgliede der Taster, am hinten verengerten Halsschilde, an den walzigen, wenig heraustretenden vorderen und den nach innen nicht merklich erweiterten hintersten Hüften.

Hin und wieder zeigen sich in den menschlichen Behausungen noch andere Arten derselben oder einer ungemein nahestehenden Gattung, so hat namentlich seit geraumer Zeit der durch den Handel in Deutschland eingeführte messinggelbe Bohrkäfer (Ptinus hololeucus) einiges Aufsehen erregt. Der gedrungene, im Halsschilde kugelrunde, in den Flügeldecken breit eiförmige, artige Käfer fällt durch das messinggelbe, dicht anliegende und seidenartige Haarkleid, sofern es nicht, fleckenweise abgerieben, die schwarze Grundfarbe durchblicken läßt, sofort in die Augen. Wegen des gedrungenen Baues und weil die Oberlippe ausgerandet, der Zahn in der Kinnmitte stumpf ist, während jene ganzrandig, dieser spitz bei Ptinus ist, hat man unseren Käfer einer besonderen Gattung Niptus zugewiesen. Vor einer Reihe von Jahren gelangte er aus England in die Sammlungen der Deutschen. Neuerdings hat er sich nun lebend in Hamburg, Zwickau, Roßwein in einzelnen Häusern gefunden, ist mir Ende April 1873 lebend zugeschickt worden, mit dem Bemerken, daß er trotz seiner stellenweise in Quedlinburger Niederlagsräumen beobachteten ungeheuern Vermehrung jetzt wieder seltener zu werden beginne, und begegnete mir schließlich in den eignen Wohnräumen, in die er durch Verpackung von Glaswaren eingeschleppt sein dürfte. Der Käfer stammt ohne Zweifel aus dem fernen Osten; denn Falderman hat ihn zuerst in seiner transkaukasischen Fauna benannt und beschrieben. Im Freien hat er sich in Deutschland bisher sicher noch nicht fortgepflanzt.

Die Klopf- oder Werkholzkäfer (Anobium) bohren als Larven in abgestorbenem Holze, vorzugsweise in dem der Nadelbäume oder Pappeln, Linden, Birken, Ellern und anderen durch Weichheit ausgezeichneten Laubhölzern, und können daher an Orten, wo sie ungestört sind, wie in Kirchen, unbewohnten Schlössern, an Bildsäulen, wertvollen Schnitzereien, an alten Erbstücken von Möbeln in unseren Wohnzimmern sehr beträchtlichen Schaden anrichten. Gekrümmt an dem faltigen Körper wie die vorige und mit sechs kleinen Beinchen versehen, arbeiten sie Gänge im Holze, zunächst unter Schonung der Oberfläche, und lassen des Abends, wenn alles ruhig ist, ihr Schrapen hören, indem sie in einem alten Schranke, einem Tisch- oder Stuhlbeine ihrem Zerstörungswerke nachgehen und nach und nach deren Inneres in unzusammenhängende Brocken und Staub umwandeln. Im Mai oder später, je nach der Art, pflegen sie erwachsen zu sein. Dann nagen sie sich ein etwas geräumigeres Lager und werden zu Puppen, diese in einigen Wochen zu Käfern, welche nun das Werk der Larve fortsetzen und durch ein kreisrundes Flugloch das Freie suchen. Mehrere solcher Löcher, welche den späteren Larven auch dienen, um das Bohrmehl auszustoßen, verraten mit der Zeit die Anwesenheit des „Wurmes“ in irgend einem Holzgeräte, in Balken oder in den Fensterbekleidungen des alten Gebäudes. Ist es aber erst dahin gekommen, so läßt sich zur Erhaltung der angegriffenen Gegenstände wenig oder nichts mehr thun. Im Juni fällt für gewöhnlich die Flugzeit der Käfer, und jetzt findet man sie da, wo sie einmal hausen, in Paarung, das kleinere Männchen auf dem größeren Weibchen sitzend. Der kapuzenförmige, buckelige Vorderrücken, der seitlich scharf gekantet und daher mit den Weichen nicht verschmolzen ist, ein kleiner, nach unten gerichteter, zum größten Teil darin versteckter Kopf, eine schmale, lose Fühlerkeule, welche so lang oder länger ist als die ihr vorangehenden fädlichen Geißelglieder, obschon sie nur davon drei umfaßt, und ein walziger Körper lassen sie auch vom unbewaffneten Auge erkennen. Die Beine haben alle fünf ungeteilte Fußglieder und können wie die Fühler an den Körper angedrückt werden; denn auch diese Käfer stellen sich tot und lassen in solcher Lage alles über sich ergehen, weshalb

man der einen Art den Namen „Trotzkopf“ beigelegt hat. Man kennt etwa 60 Arten, deren Hälfte in Europa heimatet.

Der bunte Klopfkäfer (Anobium tessellatum) ist der größte von allen und hier im Bilde vorgeführt. Durch die unterwärts nicht ausgehöhlten Seiten des Halsschildes und eine feine, über den ganzen Körper mit Einschluß der Flügeldecken ausgebreitete Punktierung unterscheidet er sich von allen anderen; außerdem zeichnen ihn dreieckige Fußglieder und die Oberseite des braunen Körpers eine Sprenkelung von graugelben

Haaren aus. — Der Trotzkopf, die Totenuhr (Anobium pertina), ist schwarz oder pechbraun, merklich kleiner, hat den Seitenrand und die Ecken des Halsschildes abgerundet, eine rautenförmige Vertiefung an der Wurzel des letzteren, beiderseits davon ein gelbes Haarfleckchen und, wie die folgenden, tiefe Punktstreifen auf den Flügeldecken. — Der gestreifte Werkholzkäfer (Anobium striatum) ist fast um die Hälfte kleiner als der vorige, heller oder dunkler pechbraun, fein und kurz behaart, an den Flügeldecken hinten gerundet, nicht abgestutzt. Der Rand des Halsschildes biegt sich in der Gegend der Schultern winkelig auf, hat aber keine Einkerbung. — Der

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