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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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Z*e„dieselben vielmehr im warmen Sonnenschein, um von honigspendender Dolde zu Dolde oder von Blume zu Blume anderer Art zu gelangen, oder um an warmen Abenden sein anderes Ich aufzusuchen. Hinsichtlich ihrer Lebensweise zeigen die verschiedenen Arten andere Gewohnheiten. Diese treiben sich am Boden umher, besuchen Blumen, um Honig zu lecken, und zeigen sich um so lebendiger, je wärmer die Sonne scheint; jene wählen Sträucher und deren grüne Blätter zum Aufenthalte und finden sich daher mehr im Walde als auf Wiesen und Feld; kommt man ihnen zu nahe, so lassen sie sich mit angezogenen Beinen zur Erde fallen und sind dann meist, trotz der sorgfältigsten Nachforschungen, für immer dem Auge entschwunden. Noch andere stecken bei Tage hinter der Baumrinde oder klemmen sich zwischen die harzigen Knospenteile der Nadelhölzer, wollen überhaupt von einem sehr geübten Auge gesucht sein. Sie alle kommen bei uns im Frühjahre mit dem jungen Grün oder später und verschwinden gegen den Herbst nach und nach wieder, sei es nun, daß sie bis dahin ihre Art fortgepflanzt haben und dann von der Bühne abtreten, sei es, daß sie als jungfräuliche Käfer die winterliche Zeit in Erstarrung erst vorüber-lassen wollen, ehe sie dem Brutgeschäfte obliegen. Man kennt bis jetzt erst von wenigen die Entwickelungsgeschichte, aus welcher ein mehrjähriges Leben im Larvenzustande hervorgeht.

Die bekannt gewordenen Larven sind wurmförmig, walzig oder schwach niedergedrückt, durchaus mit festem und glänzendem Chitinpanzer umschlossen und sechsbeinig. Sie haben auf den ersten Blick große Ahnlichkeit mit dem allbekannten „Mehlwurme“, also mit der Larve des später zu besprechenden Mehlkäfers (Tenebrio molitor). Wer beide neben: einander sieht, bemerkt aber sofort einen wesentlichen Unterschied zwischen der Bildung und Stellung des Kopfes. Die Schnellkäferlarven tragen den flachgedrückten, auf dem Scheitel ausgehöhlten Kopf gerade vorgestreckt. Auf seiner Unterseite zeichnet sich derselbe durch drei gestreckt viereckige Streifen aus, welche in einem tiefen, bogenförmigen Ausschnitte des Schädels nebeneinander liegen; die beiden äußeren, nach vorn sich verbreiternden stellen den Stamm der Kinnladen, der mittelste das Kinn dar. Durch die Bildung des letzten Leibesgliedes scheinen hauptsächlich die Artunterschiede bedingt zu sein. Diese Larven laufen gewandt und leben versteckt in der Erde oder im mulmigen Holze, oder bohrend in verschiedenen abgestorbenen, aber auch lebenden Pflanzenteilen, von welchen sie sich ernähren, wie beispielsweise von Hutpilzen, saftigen Wurzeln und Knollen, so daß einige unseren Kulturpflanzen erheblichen Schaden zufügen. Auch verschmähen sie tierisches Fleisch nicht und fressen sich untereinander auf, wenn sie eng beisammen sind und Mangel an anderer Nahrung leiden, oder bohren sich dann und wann in andere Insektenlarven ein. Am letzten Aufenthaltsorte erfolgt ebenso versteckt, wie die Larve lebte, die Verwandlung in eine schlanke, ungemein bewegliche Puppe, welche in einer Erweiterung der umgebenden Erde oder des faulen Holzes ohne Zweifel nur kurze Zeit ruht.

In den Sammlungen finden sich mehr als 3000 Arten, von denen manche weder beschrieben noch benannt sind. Sie breiten sich über alle Erdteile aus, sind in den warmen und heißen Gegenden zahlreicher und zum Teil wesentlich größer und prächtiger als in den gemäßigten, in ihrer Gesamtheit jedoch nur von mittlerer Größe und eintönig in ihrer Färbung, so daß zwischen ausländischen und heimischen Arten durchaus der Gegensatz schwindet, welchen wir in dieser Beziehung bei den Prachtkäfern kennen gelernt haben. Latreille vereinigte die Schnellkäfer samt den Prachtkäfern und einer beide verbindenden kleineren Familie, den hier mit Stillschweigen übergangenen Euenemiden, zu der Gruppe der Spitzbrüstigen (Sternoxia), Linné alle Arten der in Rede stehenden Familie unter dem Gattungsnamen Elater, welcher heutzutage nur für eine verhältnismäßig kleine Anzahl beibehalten worden ist. Es würde ermüdend sein, hier auch nur einen Vertreter für jede der acht Gruppen vorzuführen, welche die Systematiker seit Candezes klassischer Bearbeitung dieser Familie annehmen, zwecklos, dieselben charakterisieren oder überhaupt der wissenschaftlichen Anordnung irgendwie Rechnung tragen zu wollen; es mag genügen, auf einige wesentliche Punkte hinzuweisen, welche in ihren verschiedensten Gruppierungen als unterscheidende Merkmale dienen, und dann wenige interessantere Arten näher zu beleuchten. Die ausländischen Arten nehmen eine Reihe von Eigentümlichkeiten in Anspruch, welche bei unseren heimischen sehr vereinzelt oder gar nicht vorkommen, wie beispielsweise jederseits eine lange Spalte an der Unterseite des Halsschildes zur Aufnahme der Fühler in der Ruhelage. Dieselbe bildet gleichzeitig die seitliche Grenze der Vorderbrust und den nach unten umgeschlagenen Seitenteilen des Vorderrückens und findet sich höchst selten bei unseren heimischen Arten; eine der gemeinsten führt sie: der mäusegraue Schnellkäfer (Lason murinus), ein flacher, breiter Schnellkäfer, der an den Rosen die Blütenstiele befressen und als Larve den zarten Wurzeln der Bäumchen in den Baumschulen schädlich werden soll. Die eben erwähnte Furche darf nicht verwechselt werden mit einer anderen, welche zu gleichem Zwecke hier und da nahe dem Seidenrande des Halsschildes vorkommt. Die Stellung des Kopfes, ob die Stirn

unmittelbar in den vorderen Gesichtsteil übergeht oder durch eine Querleiste von ihm ge: trennt ist, die Form der Fühlerglieder und die Länge des dritten derselben im Vergleiche zu anderen, die Gestalt des Schildchens, der Mangel oder die Gegenwart von Hautläppchen an gewissen Fußgliedern, die Gestalt der breiten Hinterhüften und anderes kommen für alle die Elateriden in Betracht, deren Vorderbrust zu einem Kinnfutterale erweitert und deren Hinterbrust nach vorn abgerundet oder gestutzt ist, während bei der letzten Gruppe (Campylidae) jener „Brustlatz“ fehlt und das Hinterbrustbein nach vorn in eine Spitze ausläuft.

Der rauhe Schmied (Athous hirtus) gehört einer namentlich in den kalten und gemäßigten Strichen der nördlichen Halbkugel vertretenen Gattung an und ist eine unserer

Schnellkäfer: 1) Corymbites peetinicornis. 2) Elater sanguineus. 3) Corymbites signatus. Natürliche Größe.

gemeinsten Arten, welche oft in größeren Mengen auf den blühenden Dolden der Wiesen, Weidenheger und Feldraine während des Sommers angetroffen wird. Er saugt dort Honig, fliegt unter Mittag und des Nachmittags bei Sonnenschein nach anderen Weideplätzen und ist ein vollkommen harmloser Käfer von durchschnittlich 13 mm Länge und 4,5 mm Breite. Seine Stirn begrenzt ein erhabener, scharf abgesetzter Vorderrand; jedes der mittleren Glieder an den Fühlern ist ebenso lang wie breit und dreieckig, das zweite kürzer als das dritte; das Halsschild ist länger als breit, in der Mitte etwas erweitert, vor den mäßig heraustretenden und spitzen Hinterecken ein wenig eingezogen und gleichmäßig fein punktiert; die kaum breiteren, seicht gestreiften und fein punktierten Flügeldecken runden sich hinten gemeinschaftlich ab. Die Hüften der Hinterbeine erweitern sich allmählich nach innen, Füße und Fußklauen sind einfach, das erste Glied ist so lang wie die beiden folgenden zusammen. Der Glanz des schwarzen Körpers wird durch die graue Behaarung etwas gebrochen, es kommen indes auch Stücke mit braunen Flügeldecken zwischen den schwarzen nicht selten vor. Die Larve des rauhen Schnellkäfers läßt sich nicht, gleich ihm, als harmlos bezeichnen, weil sie, wenn in größeren Mengen an einer Stelle vorkommend, unseren Kulturpflanzen merklichen Schaden zufügt. Sie hat den wurmförmigen Bau aller bekannten Schnellkäferlarven, den charakteristischen Kopf, wie sich dies alles bei der auf S. 113 abgebildeten Larve des

Schnellkäfer: 1) Corymbites peetinicornis. 2) Elater sanguineus. 3) Corymbites signatus. Natürliche Größe.

Saatschnellkäfers wiederfindet, ist aber im Vergleiche zu dieser kräftiger, entschieden etwas platt gedrückt und mit vereinzelten Borstenhaaren besetzt. Der erste der 12 Körperringe erreicht die doppelte Länge jedes der unter sich gleichen übrigen Ringe; über alle 12 läuft ein feiner Längseinschnitt in der Rückenmitte. Das letzte, sich kaum verschmälernde Glied ist an den Seiten gekerbt, auf seiner Rückenfläche platt gedrückt und durch seichte Runzeln uneben, am Hinterrande mehr als halbkreisförmig ausgeschnitten, so daß jederseits des Ausschnittes ein dreizähniger Hornfortsatz gewissermaßen zwei Anhängsel bildet. Zwei Zähne jedes dieser viereckigen Anhängsel stehen nebeneinander, während der dritte, über dem inneren stehende sich nach oben richtet. Diese drei Zähne pflegen samt den stumpfen Hervorragungen an den gekerbten und leistenartigen Seiten des Gliedes braun gefärbt zu sein. Diese Larve lebt nach Candezes Erfahrungen hinter der Rinde abgestorbener Bäume, nach den meinigen auch wie diejenige des Saatschnellkäfers in der Erde an verschiedenen Pflanzen, namentlich, wie auch von anderen beobachtet worden, an den Zuckerrüben. Wenn sie, wie der Engerling, den Bart und die Spitze der jungen Rübe benagt, so fängt die Pflanze an zu kränkeln, die Rübe bleibt im Wuchse zurück und verliert wesentlich an Zuckergehalt. Die Schädlichkeit dieser Larve, welche mit den nächsten Verwandten unter dem gemeinsamen Namen „Drahtwurm“ bei den Landwirten bekannt ist, liegt mithin auf der Hand. Über ihre Lebensdauer vermag ich Sicheres nicht anzugeben; entschieden erstreckt sich dieselbe auf mehrere Jahre, wie von allen anderen angenommen wird. Das reiche Mittel- und Südamerika erzeugt in seinen heißen Strichen ungefähr 100 Arten von Schnellkäfern, welche neben der Familieneigentümlichkeit noch die wunderbare Kraft besitzen,wie die Johanniswürmchen im Dunkeln zu leuchten. Man erkennt die großen oder mittelgroßen „Feuerfliegen“, welche meist düster braun gefärbt, dicht graugelb behaart und der Gattung Pyrophorus zugeteilt worden sind, leicht an einem aufgetriebenen, wachsgelben Flecke in der Nähe jeder Hinterecke des Halsschildes, von welchem aus sich im Leben das magische Licht verbreitet; überdies besitzen sie noch ein kräftigeres Leuchtorgan an der Bauchseite der Hinterleibswurzel. Das Leuchten selbst ist Wirkung eines Oxydationsprozesses. Daß Insekten, welche Mutter Natur mit so hervorragenden Eigenschaften ausgerüstet hat, wie die eben erwähnte „Feuerfliege“, die Aufmerksamkeit und Bewunderung derjenigen Menschen auf sich lenken mußte, die nicht mit den Augen eines heutigen Forschers dergleichen Dinge betrachten, darf nicht wundernehmen. Wir finden daher schon bei Moufet (1634) ein große Art leidlich abgebildet und beschrieben. Er nennt den Käfer Cicindela, griechisch Kephalolampis, weil er sein Licht nicht aus dem Schwanze, sondern von dem Kopfe aussende, und erzählt, was er in den Reiseberichten des Oviedus über ihn gefunden hat, wie folgt: „Der Cocujo, viermal größer als unsere fliegende Art (er hat vorher den Leuchtkäfer Lampyris auch als eine Cicindela abgehandelt), gehört zum Geschlechte der Käfer (scarabeorum). Seine Augen leuchten wie eine Laterne, durch deren Schein die Luft fo erhellt wird, daß jeder im Zimmer lesen, schreiben und andere Verrichtungen vornehmen kann. Mehrere vereinigt geben ein weit helleres Licht, so daß eine Gesellschaft in finsterer Nacht unangefochten einen beliebigen Weg zurücklegen kann, allein bei diesem Lichte, welches weder der Wind wegwehen, noch die Finsternis verdunkeln, noch Nebel oder Regen auslöschen können. Mit ausgebreiteten Flügeln glänzen sie ebenso mit hellem Lichte nach ihrem Hinterteile zu. Die Ureinwohner bedienten sich vor Ankunft der Spanier keines anderen Lichtes, weder in den Häusern noch im Freien. Die Spanier aber brauchen Fackel⸗ und Lampenlicht zu ihren häuslichen Geschäften, weil jener Glanz mit dem Leben des lichtverbreitenden Tieres allmählich schwindet. Wenn sie aber des Nachts ins Freie

gehen müssen oder mit einem eben erst angelandeten Feinde zu kämpfen haben, durchsuchen sie nur mit Hilfe dieser Käfer den Weg und, indem ein Soldat vier Cocujos trägt, täuschen sie den Feind mannigfach. Denn als der edle Thomas Candisius und der Ritter Robert Dudley, der Sohn des berühmten Robert, Grafen von Leicester, die westindische Küste zuerst betraten und in der Nacht ihrer Ankunft im benachbarten Walde unzählige Lichter, wie von brennenden Fackeln, unerwartet herannahen sahen: kehrten sie schnell zu ihren Schiffen zurück, in der Meinung, daß die Spanier mit Kanonen und brennenden Lunden unvermutet im Hinterhalte lägen. Es finden sich daselbst mehrere Insekten dieser Gattung, aber weil der Cocujo unter allen den Vorrang hat, übergeht Oviedus die übrigen mit Stillschweigen. Die Indier pflegen Gesicht und Brust mit einer aus diesen Tieren bereiteten Salbe einzureiben, damit sie anderen gleichsam als feurige Personen erscheinen. Wie dies möglich, läßt sich nicht einsehen, da ja mit dem Leben des Käfers auch die Leuchtkraft schwindet, es sei denn, daß kurz nach dem Tode = Glanz noch andauert, daß er aber nicht lange bestehen ne ist sicher. „Es gibt dort auch noch andere Arten fliegende Tierchen, welche bei Nacht leuchten, sie sind aber viel größer als unsere heimischen und strahlen ein weit helleres Licht aus. Sie leuchten nämlich jo hell, daß diejenigen, welche eine Reise unternehmen, diese Cicindelen lebend mit einer gewissen Kunst sich an den Köpfen und Beinen schwebend anheften; denn so werden sie aus der Entfernung gesehen, so schrecken sie die der Sache nicht Kundigen zurück. Die Weiber bedienen sich keines anderen Lichtes bei ihren häuslichen Arbeiten zur Nachtzeit.“ Abgesehen von der irrigen Ansicht, daß die Käfer Fliegen wegfangen, haben sich die Berichte ihrer Hauptsache nach bestätigt, und es ist auch anzunehmen, daß der in der Havana und wahrscheinlich auch auf dem Festlande gebräuchliche Name Cocujo den sehr verbreiteten Pyrophorus noctilucus der neueren bezeichnet. Nach A. von Humboldt und Bonpland lebt seine Larve an den Wurzeln des Zuckerrohres, wo fie bis: weilen bedeutenden Schaden anrichtet, scheint jedoch auch, gleich unseren heimischen Arten, nicht auf eine Futterpflanze beschränkt zu sein. Denn der Käfer ist vereinzelt durch Handelshölzer mit nach Europa verschleppt worden. Im Jahre 1766 hat man einen solchen, Furcht und Schrecken verbreitend, in der Vorstadt von St.⸗Antoine in Paris umherfliegen sehen, und in den ee sechziger Jahren dieses Jahrhunderts sah Snellen van Bol:

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