Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Kinder des Lichtes. Ihre Flügel legen sich nur der Länge nach zusammen, sind also schnell entfaltet und ebenso schnell wieder unter den fast gleichlangen Decken untergebracht.
Die Larven, nur von wenigen Arten gekannt, leben hinter der Rinde gesunder oder kränkelnder Bäume und zeichnen sich auf den ersten Blick aus durch einen großen, scheibenförmigen Vorderteil, von den drei ersten Gliedern gebildet, an welchen sich die meist walzigen Hinterleibsglieder, neun an Zahl, wie der Stiel an einen Kuchenschieber anschließen. Der wagerechte Kopf läßt sich zurückziehen und ist nur am Mundrande hornig. Außer dem Halsringe sind die übrigen Körperteile fleischig und weich, ohne Hornbedeckung. Der After tritt, gleichsam ein dreizehntes Glied bildend, als Nachschieber etwas hervor und öffnet sich in breiter Längsspalte; manchmal kommen auch zwei zangenartige Anhängsel vor. Die Luftlöcher, neun Paare, sind halbmondförmig, das vorderste am Mittelrücken besonders groß. Dem Kopfe fehlen die Augen, den kräftigen Brustringen in der Regel die Beine. Diese Familie schließt sich durch die angegebenen sowie durch gewisse anatomische Merkmale, welche hier füglich mit Stillschweigen übergangen werden, sehr scharf von anderen Familien ab und rechtfertigt ihren Namen in der Mehrzahl ihrer Arten. Man kennt deren ungefähr 2700, welche sich zwar über alle Erdteile ausbreiten, aber in dem heißen Erdgürtel gegen die gemäßigten und kalten Zonen außerordentlich vorwalten. Die dort lebenden Arten sind es auch hauptsächlich, deren Kleid an Glanz, Lebendigkeit und Feuer der Farben das unserer heimatlichen weit überstrahlt. Von diesen letzteren sind die meisten klein, unansehnlich in der Färbung und wenig geeignet, ihre Familie glänzen zu lassen; sie kommen nie in bedeutenderen Mengen vor, und der Mangel an jeglicher deutschen Benennung für einzelne Arten beweist, wie wenig populär sie sich bisher gemacht haben.
Je nach der Verteilung der mikroskopischen Poren der Fühlhörner, welche hier in den meisten Fällen unter der Behaarung wahrnehmbar sind, hat man die Familie in drei Gruppen zerlegt: die Julodiden zeigen keine dergleichen, die Chalcophoriden zerstreute an beiden Seiten der Glieder, und die Buprestiden im engeren Sinne vereinigen dieselben in einem Grübchen der einzelnen Glieder, welches bei den verschiedenen Arten an verschiedenen Stellen zu suchen ist.
Die erste Gruppe, nur den heißesten Erdstrichen angehörig, enthält in ihrer Grundform, in der Gattung Julodis, sehr zahlreiche Arten, die sich durch die Dicke ihres im Querschnitte beinahe kreisförmigen Körpers kenntlich machen. Bestäubung der metallisch glänzenden Flügeldecken über deren ganze Fläche oder nur in fleckigen Vertiefungen, gereihte Haarbüschel und mancherlei andere Merkmale zeichnen die stattlichen Arten aus, welche sich meist in größeren Gesellschaften beisammen finden. So führt die 26 mm lange, in der Mitte 11 mm breite und ebenda 8,75 mm dicke Julodis fascicularis aus dem südlichen Afrika auf ihrer stark gerunzelten, erzgrünen Oberseite Reihen weißer, in Vertiefungen stehender Haarbüschel, je 5 auf jeder der von der Mitte des Seitenrandes etwas geschweiften Flügeldecken und 11 auf dem Halsschilde, so daß sie beinahe mit einem Igel verglichen werden könnte.
Die Chalcophoriden enthalten die größten Arten der ganzen Familie und lassen die Poren der Fühler erkennen, wenn sie nicht durch zu lange und dichte Behaarung verdeckt werden. Nach der gegenseitigen Länge der beiden ersten Fußglieder an den Hinterbeinen, nach der Deutlichkeit des Schildchens, nach dem Anfange der Sägezähne an den Fühlern und nach einigen anderen Merkmalen unterscheiden sich die verschiedenen Gattungen, deren mehrere in Europa Vertreter aufzuweisen haben.
Der große Kiefern-Prachtkäfer (Chalcophora mariana), braun erzfarben, weiß bestäubt, mit fünf Längsschwielen auf dem Vorderrücken und drei glatten, stumpfen Längsrippen auf jeder Flügeldecke ausgestattet, von welchen die mittelste durch zwei quadratische rauhe Gruben unterbrochen wird, gehört zu den größten europäischen Arten; denn er mißt 26— 30 mm. Das Schildchen ist sehr klein und viereckig. Der Kopf höhlt sich aus, und die Fühler, deren Glieder länger als breit sind, versehen sich vom vierten an mit stumpfen Sägezähnen. Die Art lebt in den Kiefernwäldern der norddeutschen sandigen Ebenen, wird denselben aber nicht schädlich, denn die Larve frißt nur in den Kiefernstöcken und in den Stämmen abgestorbener Bäume. Wir geben diese Art nebst ihrer Larve im Bilde, um dadurch die Familie in einer ihrer Hauptformen zu vergegenwärtigen. Bei den echten Buprestiden, deren Fühlerporen sich auf Grübchen der Glieder beschränken,
Großer Kiefern-Prachtkäfer (Chaleophora wiederholen sich dieselben Formen. Die Gattung mariana) nebst Larve. Natürliche Größe. Poecilonota (Lampra) enthält entschieden die schönste deutsche Art in dem smaradgrünen, an den
Außenrändern kupferroten Linden-Prachtkäfer (Poecilonota rutilans). Die Flügeldecken sind mit schwarzen Querstricheln und Fleckchen besäet und der Rücken des Hinterleibes schön stahlblau gefärbt, so daß der fliegende Käfer den reichsten Farbenschmuck entwickeln kann. Er erreicht eine Länge von 11—13 mm und findet sich nach meinen Erfahrungen nur an Linden, beispielsweise da, wo dieser beliebte Baum die städtischen Anlagen in zahlreicheren und älteren Beständen schmückt. Nachdem mir während meiner Schulzeit auf einer Ferienreise diese Kunde in Altenburg geworden war und einige schöne Stücke, welche ich daselbst inder Sammlung des gleichgesinnten Freundes erblickte, von dem Vorhandensein des Käfers in den dortigen Linden den Beweis geliefert hatten, stellte ich auch Nachforschungen nach ihm in meiner Vaterstadt an, welche eine ziemlich lange Lindenstraße mit dem ihr eingepfarrten Dörfchen verband. Die lanzettförmigen, querstehenden Fluglöcher waren bald aufgefunden, an manchem der ältesten und nicht mehr heilen Stämme ziemlich zahlreich; daß sie gerade dem gesuchten Käfer angehörten, war allerdings dem damaligen Untersekundaner einer Fürstenschule, auf welcher das Insektensammeln geheim betrieben werden mußte, um bei den Herren Philologen und Pädagogen keinen Anstoß zu geben, nicht bekannt und wäre ihm, der nur in den Hundstagsferien (Juli) die Anfänge seiner verpönten Studien betreiben konnte, wahrscheinlich auch ferner unbekannt geblieben, wenn nicht einige derselben mit der goldigen Stirn des Käfers geschlossen gewesen wären. Das Hervorkommen ließ sich nicht abwarten; denn der angestellte Versuch bewies alsbald, daß die Käfer sämtlich tot waren. Wie es schien, hatten sie nicht Kraft genug gehabt, um das Loch zu ihrer vollständigen Befreiung zu erweitern, ein jedes wurde zu eng befunden, um den hinter der Mitte breiter werdenden Käfer durchschlüpfen zu lassen. Das Nachschneiden mit dem Messer setzte mich in den Besitz einer Anzahl vollkommen entwickelter und noch wohl erhaltener Prachtkäfer, und bei wiederholtem Nachsuchen fanden sich auch noch mehrere lebende, teils an den Stämmen sitzend, teils unten am Boden im trocknen und kurzen Rasen kriechend. Fliegen sah ich sie nicht, das war mir damals auch gleichgültig, ja sogar erwünscht; denn es kam nur auf den Besitz des schönen Käfers an. Wie ich mich noch entsinnen kann, war es in den Vormittagsstunden, wo die Sonnenstrahlen noch nicht hinreichend belebend auf den ehernen Panzer gebrannt hatten. Ist indessen die
Zeit ihrer größten Lebendigkeit gekommen, die Zeit, in welcher manche andere Käfer Mittagsruhe halten, dann ist es ohne Fangwerkzeuge und große Geschicklichkeit kaum möglich, auch nur ein einziges Stück dieser flüchtigen Käfer zu erhaschen, wie mich die Scheuheit und Wildheit einiger kleinerer Prachtkäferarten später oftmals gelehrt hat.
Die artenreiche Gattung Agrilus (Schmalbauch) weicht in ihrer Körpertracht wesentlich von den übrigen dadurch ab, daß die fast gleichläufigen Seiten eine ziemlich walzige Form mit merklich abgeplattetem Rücken zu Wege bringen. Die Kiefertaster enden mit einem eirunden Gliede, die Fühler entfernen sich weit von den Augen, sitzen in großen Aushöhlungen der Stirn und werden vom vierten Gliede an sägeförmig. Das Halsschild ist breiter als lang, am Hinterrande zweimal gebuchtet, das Schildchen dreieckig; die Flügeldecken werden hinter der Mitte am breitesten, bleiben aber im Vergleiche zu ihrer Länge sehr schmal und laufen in eine breit gerundete Spitze aus. An den Beinen berücksichtige man das sehr lange, zusammengedrückte Wurzelglied der Füße und die gespaltenen Klauen. Die Arten, welche bei der Unterscheidung manche Schwierigkeiten darbieten, breiten sich über die ganze Erde aus und treten manchmal sogar in solcher Menge auf, daß sie den Forsten nachteilig werden. Eine der größten Arten ist der in Deutschland an Eichen eben nicht seltene zweifleckige Schmalbauch (Agrilus biguttatus) von 8,5—11 mm Länge. Das Männchen ist blaugrün, das Weibchen grünlichbraun, je ein weißer Haarfleck auf dem hinteren Drittel jeder Flügeldecke in der Nahtnähe, welcher den Namen veranlaßte, und mehrere ähnliche Fleckchen an den Seiten der Bauchringe lassen ihn leicht erkennen.
Die Larve dieser wie der übrigen Agrilus-Arten läuft hinten zangenförmig aus und frißt unregelmäßig geschlängelte, nach und nach breiter werdende Gänge in der Borke der Eichen. Andere Arten leben in gleicher Weise, kommen örtlich in größeren Gesellschaften, besonders an der wärmsten, südwestlichen Seite junger Stämmchen oder der Zweige hinter der Rinde, vor und haben durch ihren Fraß namentlich an Buchen und Eichen dann und wann Schaden angerichtet. Man findet bei uns auf den Blättern der Wollweiden nicht selten ein kleines plattes, fast dreieckiges Tierchen, stark glänzend und braun von Farbe mit einigen weißen Zaden-binden, welche durch Behaarung entstehen; es erinnert in seiner Erscheinung an die früher bereits erwähnten Anthrenen, ist aber ein der eben besprochenen Gattung sehr nahe verwandter Prachtkäfer, der kleine Gleißkäfer (Trachys minuta). Afrika, Madagaskar und Ostindien ernähren noch einige Arten, die meisten leben jedoch in Europa. Das merkwürdigste an ihnen und an noch zwei zugehörigen Gattungen (Brachys und Apha-nisticus) ist die Lebensart der Larven, welche sich nicht im Holze aufhalten, sondern Blätter fressen. Man weiß von der Entwickelung des kleinen Gleißkäfers, daß das überwinterte Weibchen im Mai seine Eier an die Rückseite der Blätter von der Ackerwinde (Convolvulus arvensis) legt, und zwar an die Rippen. Die Larve beißt durch die Ober: haut des Blattes, das Fleisch desselben fressend. Ohne Gänge zu minieren, höhlt sie innerhalb 4—5 Wochen, während welcher Zeit sie sich dreimal häutet, das halbe Blatt aus und wird nach 14tägiger Puppenruhe zum Käfer.
Die Schnellkäfer, Schmiede (Elateridae), erinnern zwar in ihrer allgemeinen Körpertracht, durch die gestreckte, schmale und geschlossene Form an die Prachtkäfer, weichen aber anderseits in so wesentlichen Punkten von ihnen ab, daß eine Vereinigung beider unmöglich ist. Der tief in das Halsschild eingelassene Kopf neigt sich stark abwärts, ohne in den meisten Fällen eine senkrechte Richtung einzunehmen, und wird von unten meist
durch eine Art von Brustlatz, die verlängerte Vorderbrust, bedeckt. Die elf, auch zwölf: gliederigen Fühler gelenken nahe dem Vorderrande der Augen ein und sind gezahnt, beim Männchen nicht selten gekämmt, manchmal auch nur fadenförmig. Die Oberlippe ist deutlich, jeder Lappen des Unterkiefers blattartig und bewimpert, die Zunge ohne Seitenzipfel. Wie bei letzter Familie sind die Gelenkpfannen für die fast kugeligen Hüften der vorderen Beine hinten offen, die Hüften der hintersten blattartig erweitert, nach hinten gerinnt, es fehlen aber überall die Schenkelringe, welche bei den Prachtkäfern deutlich entwickelt sind. Die linealen Schienen tragen kurze Endsporen und fünfgliederige, häufig unten mit lappigen Anhängen versehene Tarsen, der Hinterleib eine gleiche Ringzahl. Eine Eigentümlichkeit zeichnet die meisten Glieder dieser Familie vor allen übrigen Käfern aus. Da sie nämlich infolge ihrer kurzen Beine sich vergeblich bemühen würden, auf diese wieder zu gelangen, wenn fie auf den Rücken gefallen find, so hat die Natur das Auskunftsmittel getroffen, daß sie ihren Körper in die Höhe schnellen und in der Luft umdrehen können. Hierzu war eine ganz besondere Beweglichkeit zwischen dem Vorderbrustringe und der hinteren Körperpartie sowie ein Fortsatz jenes nach hinten und eine Aushöhlung für den Fortsatz im Vorderrande der Mittelbrust nötig. Will der Käfer diese Vorteile benutzen, so macht er seinen Rücken hohl, Halsschild und Flügeldeckenspitze gegen eine feste Unterlage und den Vorderbruststachel gegen den Vorderrand der Mittelbrust stemmend; indem er nun durch die starken Brustmuskeln letzteren von hier ab in seine Grube schnellt, was mit einem knipsenden Geräusche erfolgt, wird der ganze Körper in die Luft gefedert, dreht sich hier um und fällt auf die Beine nieder; gelingt es bei ungünstigen Stützpunkten nicht das erste und zweite Mal, so wiederholt der Käfer das Schnellen so oft, bis er seinen Zweck erreicht hat.
Man kann ihn sehr leicht zu solchen Seiltänzerstückchen veranlassen, wenn man ihn mit dem Rücken auf die flache Hand legt. Während man ihn zwischen den Fingern hält, fühlt und sieht man die heftigen Bewegungen des hin und her schnellenden Halsschildes und hört wohl auch das knipsende Geräusch; er führt also zwischen unseren Fingern die eben beschriebenen Bewegungen aus, welche er mithin immer anzuwenden scheint, wenn er sich aus einer peinlichen, der Hilfe bedürftigen Lage befreien will. Er erkennt in ihr und in den kurzen Beinchen seine einzigen Rettungsmittel; denn fühlt er erst den Boden unter letzteren, so läuft er eiligst davon und sucht sich zu verkriechen, wo und wie es eben gehen will. Auf seine Flügel verläßt er sich bei den Fluchtversuchen nicht, braucht