Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Die Lebensdauer dieser Art und anderer noch kleinerer, teilweise anderen Gattungen zuerteilter Arten scheint eine verhältnismäßig sehr kurze zu sein, so daß man manche von ihnen für selten oder sehr selten erklären könnte, weil man Jahre hindurch kein einziges Stück zu Gesichte bekommen hat, während man sie hundertweise hätte einsammeln können, wenn man bei oder unmittelbar nach ihrem Erscheinen zufällig ihre Geburtsstätte besucht hätte. Die Beschränkung der meisten auf ein nur kleines Gebiet trägt bei allen denjenigen, welche nicht so massenhaft wie bisweilen unser Brachkäfer schwärmen, zu dem eben erwähnten Umstande gleichfalls bei.
Alle Blatthörner, bei welchen die drei letzten Luftlöcher des Hinterleibes nicht in der Verbindungshaut zwischen Rücken- und Bauchringen liegen, sondern an letzteren mehr oder weniger tief herabgehen, und bei denen die Klauen an demselben Fuße in Größe nicht übereinstimmen, bilden die andere Gruppe der Blatthornkäfer, die der Ruteliden. Ihre hornige Zunge verwächst mit dem Kinne, die gleichfalls hornigen Kinnbacken führen in der Regel an der Innenseite eine schmale und kurze Wimperhaut. Von den 9 oder 10 Fühlergliedern bilden stets die 3 letzten die Keule. Der dreieckige, mittelgroße Anhang des Seitenstückes an der Hinterbrust ist immer bemerkbar. Die wenigsten der Gesamtarten (600) kommen auf Europa und Neuholland, die meisten auf Asien (200) und demnächst auf Südamerika (183); Nordamerika und Afrika stehen sich in Beziehung auf die Artenmengen ziemlich nahe.
Die Anisoplien (Anisoplia), Käfer von durchschnittlich 9— 11 mm Länge, finden sich an verschiedenen Pflanzen, hauptsächlich aber an Gräsern und mithin auch an Getreidehalmen in Europa und Asien, in Afrika kommen nur wenige vor, in Ostindien werden sie durch die nächstverwandte Gattung Dinorhina vertreten, in Amerika fehlen fie gänzlich. Der zierliche Getreide-Laubkäfer (Anisoplia fruticola) ist erzgrün von Farbe, unten dicht weiß, am Halsschilde gelb behaart, die Flügeldecken sehen beim Männchen rostrot aus, mehr gelb beim Weibchen, und sind bei diesem um das Schildchen mit einem gemeinsamen viereckigen Flecke von der grünen Grundfarbe gezeichnet. Das Kopfschild verschmälert sich bei allen Arten dieser Gattung nach vorn und biegt sich am Rande auf, bedeckt aber dabei die Oberlippe vollständig. Die äußere Lade des Unterkiefers bewehren sechs lange, scharfe Zähne. Der Anhang am Seitenstücke der Mittelbrust, welche ohne jegliche Hervorragung bleibt, ist bedeckt, an den vordersten Füßen die äußere, überall grö— ßere Klaue vorn gespalten. Die genannte Art findet sich an Roggenähren, eee auf
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX.
Sandboden dürftig erwachsenen, zur Zeit der Blüte oder bald nachher, um die Blütenteile oder den ersten Körneransatz zu befressen, und wird, wenn in größeren Mengen auftretend, nicht unerheblich schädlich. Der Flug erstreckt sich hauptsächlich nur über die Ahren der genannten Felder und gilt dem Zusammenfinden der Geschlechter. Beim Sitzen pflegt diese wie die verwandten Arten die etwas plumpen Hinterbeine schräg nach oben in die Luft zu strecken und auch beim Fortkriechen wenig Verwendung für dieselben zu haben. Die Larve, einem jungen Engerlinge sehr ähnlich, wird von Bouché, welcher fie immer nur im halb verfaulten Dünger fand und sie auch damit erzog, für nicht nachteilig gehalten, obschon sie auch an den Wurzeln des Getreides fressen dürfte; über die Dauer ihres Lebens ist mir nichts bekannt geworden, ich halte die Entwickelung des Insektes für eine nur einjährige. Im südlicheren Europa, so beispielsweise in Ungarn, kommen noch mehrere, zum Teil kräftigere Arten und, wie es scheint, häufiger massenhaft vor, so daß ihr Benagen an den Befruchtungsteilen der Getreideähren noch empfindlicher werden kann als seitens unseres heimischen Getreide-Laubkäfers. Ein recht gemeiner Käfer aus der nächsten Verwandtschaft, welcher nicht selten den Rosen unserer Gärten auf unangenehme Weise zusetzt und deren schönste Blüten zerfrißt, wenn man sich seiner nicht
N erwehrt, ist der darum so genannte kleine Rosen— „„ baer mie) käfer oder Garten-Laubkäfer (Phyllopertha horticola), jenes 9— 11 mm messende, glänzend blaugrüne, stark behaarte Käferchen von der Gestalt des vorigen, aber wenig platter. Auf seinen dunkelbraunen oder schwarzen Flügeldecken wechseln unregelmäßige Längsleisten mit Reihen unregelmäßiger Punkte ab. Das getrennte Kopfschild umgibt eine zarte, vorn gerade Randleiste. Das Halsschild paßt genau an die Wurzel der Flügeldecken und verengert sich nach vorn. Außen zweizähnige Schienen und Doppelspitzen der größeren Klauen zeichnen die vorderen Beine aus; an der äußeren Lade des Unterkiefers stehen 6 Zähne, oben einer, dann 2 und unten 3. Der Käfer scheint sehr verbreitet zu sein und in keinem Jahre gänzlich zu fehlen, kommt aber manchmal (nach meinen Beobachtungen nicht in regelmäßiger Wiederkehr) in sehr auffälligen Massen vor, so daß er nicht nur die verschiedensten Ziersträucher und auch das Zwergobst in den Gärten entblättert, sondern auch im Freien allerlei Buschwerk, namentlich im Juni, reichlich bevölkert. Er macht den Eindruck der Trägheit, wie seine Verwandten, fliegt jedoch auch bei Sonnenschein und hat sicher kein langes Leben, aber eine wochenlang sich ausdehnende Erscheinungszeit; denn man kann ihn bis gegen den Herbst hin mehr oder weniger vereinzelt antreffen. So beobachtete ihn Altum auf der Insel Borkum Ende August und Anfang September, und zwar von geringerer Körpergröße und tief blauschwarzer Körperfärbung, millionenweise auf dem Seekreuzdorn, auf Brombeersträuchern und Zwergweiden. Wo er durch fein massenhaftes Auftreten lästig fällt, kann man ihn in den frühen Morgen: stunden oder an rauheren Tagen in einen umgekehrt untergehaltenen Schirm leicht ab: klopfen und töten. Die Larve lebt an den Wurzeln verschiedener Stauden und verschont auch Topfgewächse (Saxifraga, Trollius und andere) nicht. Auch hier dürfte die ie eine nur einjährige sein.
HERKULESKÄFER.
Die Riesenkäfer (Dynastidae) unterscheiden sich durch die gleichen Klauen von der vorigen Gruppe, durch quere, eingesenkte Vorderhüften von der folgenden, den Blumenliebenden. Das Kopfschild verwächst bei ihnen mit dem Gesichte und läßt den Außenrand der Kinnbacken unbedeckt. Diese sind hornig, innen gezahnt und meist auf kurze Strecken mit Haarwimpern besetzt. Der äußere Lappen der Unterkiefer verwächst mit dem inneren und die hornige Zunge mit dem Kinne. Die fast immer zehngliederigen Fühler enden in einen dreiblätterigen, bei beiden Geschlechtern gleichen Endknopf. Der Anhang des Seitenstückes (Hüftblatt) der Hinterbrust ist immer deutlich, mäßig groß und dreieckig; die drei letzten Luftlöcher des Hinterleibes rücken nach außen. Diesen samt den beiden letzten Mittelleibsringen umschließen von den Seiten her die in der Regel glatten, braun oder schwarz gefärbten Flügeldecken. Wie es der Name andeuten soll, finden sich hier die größten und massigsten nicht nur aller Blätterhörner, sondern die Riesen der Käfer überhaupt. Gleichzeitig treten hier die schroffsten Gegensätze zwischen beiden Geschlechtern derselben Art in der oben angedeuteten Weise hervor. Die Männchen sind meist am Vorderrücken allein oder an ihm und dem Kopfe mit Hörnern und Spießen der abenteuerlichsten Formen verziert, mit Auswüchsen, von deren Zweck sich in den wenigsten Fällen Rechenschaft geben läßt, die eben nur einen Schmuck der Männchen darstellen, welcher den Weibchen unnütz, ja sogar bei dem Brutgeschäfte im höchsten Grade störend sein würde. Daher haben diese bisweilen ein rauhes, gekörneltes Halsschild, welches von vorn nach hinten an Breite zunimmt und ihnen behufs des Eierlegens das Eindringen in Holzerde, Mulm oder angefaulte Baumstämme in keinerlei Weise erschwert. Die meisten halten sich am Tage verborgen in faulem Holze, in Baumlöchern, unter dürrem Laube und an ähnlichen Verstecken, werden des Nachts lebendiger und gebrauchen nach langen Vorbereitungen und anhaltendem Pumpen ihre Flügel zu schwerfälligem, weithin hörbarem Fluge, während dessen sie die Flügeldecken nur mäßig aufheben und nicht ausbreiten.
Die paar Larven, welche man zur Zeit kennt, leben in faulendem Holze und gleichen sehr denen der Laubkäfer durch die Querfalten und durch die sackartige Erweiterung des Leibesendes; im Verhältnis zum gedrungenen, feisten Leibe erscheint der Kopf schmal. Zähne an der Spitze und Querriefen an der Außenseite charakterisieren die Kinnbacken, und mehr oder weniger dichte Samthaare bekleiden außer einzelnen Borsten den ganzen Körper. Vor der Verwandlung, welcher ein mehrjähriges Leben vorausgegangen ist, fertigen die Larven ein festes Gehäuse aus einer dicken Schicht ihrer Umgebung, in welchem der Käfer io lange verweilt, bis er, vollkommen erhärtet, dasselbe ohne Verdrückungen und Quetschungen an seiner Oberfläche zu durchdringen im stande ist; und doch scheinen die krüppelhaften Hörner und allerlei andere Verunstaltungen, welche man nicht selten bei einzelnen zu sehen bekommt, darauf hinzudeuten, daß diese zu vorwitzig waren und die Zeit ihrer vollkommenen Erhärtung nicht abwarten konnten.
Die nahezu 500 Arten, welche die Gruppe der Riesenkäfer zusammensetzen, beschränken sich beinahe ausschließlich auf den heißen Erdgürtel und mit der weitaus größten Hälfte auf Amerika, vereinzelte, weniger riesige Arten kommen zerstreut in allen Erdteilen vor.
Eine gewisse Berühmtheit durch Größe und Form hat das Männchen des Herkuleskäfers (Dynastes hercules) erlangt (s. die beigeheftete Tafel). Es wird bis 157 mm lang, von denen das obere Horn die kleine Hälfte beträgt. Dasselbe ist unten mit gelber Haarbürste ausgestattet. Die beiden Hörner sind wie der ganze Körper glänzend schwarz, nur die hell olivengrünen Flügeldecken behalten diese Grundfarbe fleckenweise bei. Je ein Höcker hinter den Vorderhüften und die Wurzel des Steißes tragen lange, gelbe Haare. Ganz anders das Weibchen: vorn keine Spur von Bewehrung, über und über brauner Filz,
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matt durch grobe Runzeln auf der Oberseite des Körpers, dessen Farbe nicht in reinem Schwarz erscheint, nur die Spitzen der Flügeldecken find glatt. Es wird bis 91 mm lang. Dieser stattliche Käfer dürfte im tropischen Amerika nicht eben zu den Seltenheiten gehören, wie die europäischen Sammlungen beweisen.
Moufet bildet eine andere verwandte Art, den Elefanten (Megalosoma elephas), ab und erzählt höchst naiv von ihm: „Nach dem Gesetze der Weichkäfer (Cantharorum) hat er kein Weibchen, sondern ist selbst sein eigner Schöpfer; er bringt selbst seine Nachkommen hervor, was Joh. Camerarius, der Sohn, als er ein Bild dieses Käfers an Pennius schickte, in folgendem Distychon artig ausdrückte:
Me neque mas gignit, neque femina concipit, autor Ipse mihi solus, seminiumque mihi.“
So trieb man damals Naturgeschichte!
Mit mehr Bescheidenheit, einem nur mäßig großen Horne auf dem Kopfe und drei gleichen Höckern auf dem Wulste des in der vorderen Mitte vertieften Halsschildes, tritt das Männchen unseres heimatlichen Nashornkäfers (Oryctes nasicornis) auf; seine Flügeldecken durchziehen feine Punktreihen, und das Schwarzbraun seines Körpers spielt auf der Unterseite stark in Rot. Dem Weibchen fehlt das Horn, ein stumpfer Höcker zeigt nur an, daß hier die Auszeichnung seines Gatten sitzt. Länge 26—37 mm. Dieser hübsche Käfer lebt vorzugsweise im nördlichen Europa, und zwar in der ausgelaugten Gerberlohe, mit welcher die Warmbeete in den Kunstgärten eingefaßt oder, wie inBremen, Ham⸗ 5 0 burg ꝛc., die Hauptwege bestreut werden. Wo er sich (orpetesmasteornie)Metirticn Stole. einmal eingeniftet hat, pflegt er nicht selten zu fein. Im Juni und Juli, gleich nach seinem Erscheinen, erfolgt die Paarung, nach welcher das Männchen stirbt, das Weibchen in die Lohe kriecht, um vereinzelt seine Eier abzulegen. Diese kommen ungefährt Ende August aus, die Larven brauchen aber mehrere Jahre, ehe sie aus der mageren Kost hinreichende Nahrung gezogen haben. Im Vergleiche zu denen des Hirschkäfers sind ihre Luftlöcher größer und der Kopf deutlich punktiert. Zur Verpuppung gehen sie tiefer in die Erde, fertigen ein eirundes Gehäuse, in welchem nach durchschnittlich einem Monate die Puppe und nach der doppelten Zeit der Käfer anzutreffen, der so lange darin verbleibt, bis er vollkommen erhärtet ist. Die Larven einer anderen Art, des Oryetes Simias, richten in den Kokoswäldern Madagaskars durch ihren Fraß in den Stämmen bisweilen bedeutenden Schaden an. Es finden sich Stämme mit armsdicken Löchern und Hunderten von Larven.
Die letzte, nächst den blätter- und mistfressenden Blätterhörnern artenreichste Gruppe bilden die Blumenliebenden (Melitophila), diejenigen unter allen, welche die vollendetsten Formen und den herrlichsten Farbenschmuck zur Schau tragen, Käfer, welche der Mehrzahl nach unter dem Einflusse einer senkrechten Sonne erzeugt wurden, welche nicht scheu vor dem Lichte das nächtliche Dunkel abwarten, ehe fie aus ihren Verstecken hervor: kommen, sondern als Freunde jenes, die Kinder des Lichtes, die duftenden Blumen der Kräuter und Holzgewächse aufsuchen, um in Gesellschaft der flüchtigen Schmetterlinge, der lustigen Fliegen und der ewig geschäftigen Immen zu schmausen: Blütenstaub samt dessen Trägern, Blätter der Blumen aufzehrend, oder auch an den blutenden Stämmen