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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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Münsterlande 1858, 1862, 1866, 1870, 1874, in Berlin 1828, 1832, 1836... 1860, 1864, 1868, 1872 auf. Desgleichen hat im größten Teile Sachsens die Erfahrung zur Annahme berechtigt, daß die Schaltjahre zugleich auch Maikäferjahre seien. Anders gestalten sich die Verhältnisse in der Schweiz. Hier wiederholen sich, wie am Rhein und in Frankreich, die Hauptflüge alle drei Jahre, und man unterscheidet dort ein Baseler Flugjahr (1830, 1833, 1836, 1839), welches in Frankreich bis an den Jura und Rhein beobachtet worden ist, ein Berner Flugjahr, diesseit des Jura in der westlichen und nördlichen Schweiz, auf 1831, 1834, 1837, 1840 2c. ge: fallen, ein Urner Flugjahr (1832, 1835, 1838, 1841 2c.), südlich und oft-wärts vom Vierwaldstätter See. Am Rhein waren 1836, 1839 und 1842 an der Weser 1838, 1841 und 1844 Maikäferjahre. Diese um ein Jahr verschiedene Entwickelungszeit eines und desselben Tieres hat entschieden ihren Grund in örtlichen Verhältnissen, unter denen einige Grade Wärme der mittleren Jahrestemperatur mehr oder weniger den Hauptgrund abgeben dürften. | Sobald die Käfer aus der Erde find und durch unfreundliches Wetter nicht abgehalten werden, fliegen sie nicht nur an den warmen Abenden lebhaft umher, um Nahrung zu suchen und sich zu paaren, fette Leckerbissen für die Fledermäuse und einige nächtliche Raubvögel, sondern zeigen sich auch bei Schwüle und Sonnenschein am Tage sehr beweglich. Wer hätte sie nicht schon in Klumpen von vieren und noch mehr an den fast entlaubten Eichen oder Obstbäumen herumkrabbeln sehen, sich balgend um das wenige Futter, die Männchen um die Weib: chen; wer hätte fie nicht schon an Korn: ähren, Rübsenstengeln und anderen niederen Pflanzen sich umhertreiben Dt: Bi sehen und den luftverpestenden Geruch e e a Sa ihres ekelhaften Kotes einatmen müssen, wenn er in von ihnen gesegneten Jahren durch den entlaubten Wald einherschritt? Erst in später Nacht begeben sie sich zur Ruhe, und am frühen Morgen sowie an einzelnen rauhen Tagen hängen sie mit angezogenen Beinen lose an den Bäumen und Sträuchern, besonders den Pflaumen: und Kirschbäumen unserer Gärten, an den Eichen, Roßkastanien, Ahornen, Pappeln und den meisten übrigen Laubhölzern des Waldes, und lassen sich dann am besten 15 en (nicht rüttelnde) Bewegung des Baumes leicht zu Falle bringen und ein-ammeln.

Dt: Bi e e a Sa

Das befruchtete Weibchen bedarf einer Reihe von Tagen, ehe die Eier zum Ablegen reifen, dann aber verkriecht es sich, lockeres Erdreich dem festen, Kalk, Mergel oder Sand anderen Bodenarten vorziehend, und legt auf einige Häuflein 5—7 em unter der Oberfläche, im ganzen bis etwa 30 längliche, etwas breitgedrückte, weiße Eier ab. Nach beendigter Arbeit erscheint es entweder nicht wieder, oder es kommt nochmals über die Erde, folgt aber, von der Anstrengung erschöpft, dem ihm vorangegangenen Männchen nach und verendet. Nach 4— 6 Wochen kriechen die Larven aus, fressen etwa bis Ende September die feinen Wurzelfasern in ihrer Umgebung oder auch die reich mit dergleichen abgestorbenen untermischte Erde, und graben sich dann etwas tiefer ein, um den Winterschlaf zu halten. Im nächsten Frühjahr gehen sie mit dem allgemeinen Erwachen aller Schläfer nach oben und freffen von neuem. Zur ersten Häutung begeben fie sich bald darauf wieder tiefer. Nach der Rückkehr unter die Pflanzendecke beginnen sie ihre gewohnte Arbeit mit verdoppelter Gier, um durch mehr Nahrung die eben aufgewandten Kräfte zu ersetzen. Jetzt sind sie etwa ein Jahr alt, werden durch bedeutenderen Fraß bemerkbarer und zerstreuen sich mehr und mehr. Zwischen den längsten Tag und die Herbstnachtgleiche fällt die Zeit des größten von ihnen angerichteten Schadens. Dann wieder hinabsteigend, verfallen fie zum zweitenmal in den Winterschlaf. Nach diesem wiederholt sich dasselbe wie im vorigen Jahre, und wenn endlich seit dem Eierlegen drei Jahre verstrichen, sind sie zur Verpuppung reif, gehen wieder tiefer hinab, und man kann annehmen, daß gegen den August bis Anfang September sämtliche Engerlinge eines und desselben Jahrganges verpuppt und vor Eintritt des Winters die Käfer fix und fertig sind; dieselben bleiben jedoch, vorausgesetzt, daß sie nicht gestört werden, ruhig in ihrer Wiege liegen. Je nach der Tiefe, in welcher diese sich befindet, und je nach der Festigkeit des Erdreiches, welches den Käfer deckt, braucht er längere oder kürzere Zeit, bevor er auf der Oberfläche anlangt, wozu er stets die Abendstunden wählt. Das eigentümliche Pumpen (der Maikäfer „zählt“) mit dem ganzen Körper unter halb gehobenen Flügeldecken, welches man bei jedem Maikäfer beobachten kann, ehe er sich in die Luft erhebt, hat seinen guten Grund. Er füllt nämlich seine Luftbehälter und wird so bei der Schwerfälligkeit seines Körpers zu gewandtem und anhaltendem Fluge befähigt. Die von den beiden seitlichen Hauptstämmen der Luftröhren zu den inneren Körperteilen gehenden Aste enthalten nach Landois' Untersuchungen 550 Bläschen, welche zum Teil beim Männchen größer als beim Weibchen sind. Indem sich die Luftlöcher bei den ausatmenden Bewegungen stets schließen, füllen sich alle Luftröhren und namentlich auch jene Bläschen mit Luft und bringen die eben bezeichnete Wirkung hervor; ob die Art des Verschlusses von wesentlichem Einflusse auf den starken Brummton beim Fliegen sei, wie derselbe Forscher meint, scheint mir doch noch sehr fraglich.

Die Larve (der Engerling oder Inger) ist ein zu böser Feind unserer Kulturen, um sie ihrer äußeren Erscheinung nach mit Stillschweigen übergehen zu können, obschon getreue Abbildungen derselben vorliegen. Als Erläuterung zu diesen sei noch nachgetragen, daß die viergliederigen Beine in je eine Kralle auslaufen und, wie der nackte Kopf, rötlich gelb gefärbt sind, während der querfaltige Körper eine schmutzig weiße, nach dem 0 Hinterende in Blau übergehende Farbe trägt. Ein augenloser Kopf, viergliederige Fühler, 1 deren vorletztes Glied nach unten in Form eines Zahnes über das letzte herausragt, die

azahnlose, breite und schwarze Schneide an den kräftigen Kinnbacken und verwachsene Laden sowie dreigliederige Taster an dem Unterkiefer bilden die weiteren Erkennungszeichen. Eine halbkreisförmige harte Oberlippe und eine fleischige, mit zweigliederigem Taster versehene Unterlippe schließen beiderseits die Mundöffnung.

So behaglich sich der Käfer im Sonnenschein fühlt, so wenig verträgt der Engerling denselben; denn er stirbt sehr bald, wenn er kurze Zeit von den Strahlen der Sonne

beschienen wird. Trotzdem ist es unzweckmäßig, beim Einsammeln der Engerlinge dieselben auf einen Haufen zu werfen, um sie von der Sonne töten zu lassen, weil die unterste, weniger beschienene Schicht noch Kraft genug besitzt, um durch Eingraben sich zu retten und wieder zu entweichen. Das Einsammeln der Engerlinge in geringer Entfernung hinter dem Pfluge ist das eine Mittel, um sich vor den Beschädigungen derselben zu sichern, ein zweites und seiner Wirkung nach noch durchgreifenderes besteht im Sammeln und Töten der Käfer in jedem Jahre und allerwärts, wo sie sich zeigen. Was in dieser Hinsicht geleistet werden kann, hat unter anderem im Flugjahre 1868 der Bezirk des Landwirtschaftlichen Zentralvereins der Provinz Sachsen bewiesen. Wie die über diesen Gegenstand geführten Verhandlungen nachweisen, wurden hier als getötet 30,000 Zentner angemeldet. Halten wir uns nur an diese Zahl (nicht auf amtlichen Antrieb gesammelte Käfer möchten dieselbe noch um ein Bedeutendes erhöhen), so entspricht die Gewichtsmenge ungefähr 1599 Millionen Käfern, da nach wiederholten Zählungen durchschnittlich ihrer 530 auf ein Pfund gehen. Die Mühen und Opfer, welche mit einem so großartigen Vernichtungskampfe jedesmal verknüpft sein müssen, haben sich belohnt; denn im nächsten Flugjahre (1872) zeigten sich die Käfer wie in manchen anderen Jahren und verrieten keineswegs das an ihnen sonst jo gesegnete Schaltjahr. Eine gleiche Erscheinung wiederholte sich 1876, in welchem Jahre allerdings das lange andauernde, rauhe Frühlingswetter den Maikäfern entschieden sehr ungünstig gewesen ist. Bekanntlich verwertet man die in To kolossalen Massenzusammengebrachten und am besten durch kochendes Wasser oder Wasserdämpfe getöteten Käfer als Dungmittel, indem man sie schichtweise mit Kalk zu Komposthaufen aufschüttet und mit Erde bedeckt. Auch ist durch trockene Destillation ein gutes Brennöl aus ihnen gewonnen worden. Um eine namentlich Rekonvaleszenten anempfohlene Kraftsuppe aus Maikäfern zu gewinnen, braucht man kein Flugjahr derselben abzuwarten.

Der Gerber (Melolontha fullo) ist Gerber (Melolontha fullo), Männchen. der stattlichste aller europäischen Maikäfer und Natürliche Größe. führt in den verschiedenen Gegenden verschiedene Namen, als da find: Walker, Müllerkäfer, Weinkäfer, Tiger, Tannen-, Donnerz, Dünenkäfer. Man erkennt ihn leicht an den weiß marmorierten rotbraunen Deckschilden, und obgleich ihm der Aftergriffel fehlt, beim Weibchen die Fühlerkeule nur fünfgliederig ist und der Klauenzahn in der Mitte, nicht an der Wurzel steht, vereinigen wir ihn doch mit dem Maikäfer, bemerken aber, daß Harris für ihn und eine Anzahl ausländischer Arten den Gattungsnamen Polyphylla eingeführt hat. Er verbreitet sich weit in Europa, zieht aber die sandigen, mit Fichten bestandenen Ebenen allen anderen Stellen vor und frißt an jenen ebensowohl wie an den dazwischen wachsenden Laubhölzern. Ein regelmäßig wiederkehrendes Massenauftreten wurde von ihm noch nicht beobachtet, sondern er erscheint in der ersten Hälfte des Juli alljährlich in so ziemlich gleichen Mengen. Während der gemeine Maikäfer, solange er die Auswahl hat, die Bäume dem Buschwerke vorzieht, hält sich der Gerber am liebsten am Buschwerke und an den sogenannten dürftigen Kiefernkusseln auf. Wenn er von diesen herabgeklopft wird, verrät er sich durch sein lautes

Gerber (Melolontha fullo), Männchen. Natürliche Größe.

„Schreien“. Indem er nämlich mit der scharfen Kante des vorletzten Hinterleibsgliedes gegen eine Reibleiste der Flügel streicht, welche hier in der Flügelbeugung liegt, erzeugt er einen ungemein lauten Zirpton.

Die Larve ist dem Engerlinge sehr ähnlich, natürlich bedeutend größer und durch verhältnismäßig kräftigere Kinnbacken, dickere und kürzere Fühler sowie durch den Mangel der Fußklaue an den Hinterbeinen von ihr verschieden. Sie nährt sich gleichfalls von Wurzeln und ist stellenweise dadurch schädlich aufgetreten, daß sie die Wurzeln der Dünengräser wegfrißt, welche man zur Befestigung des Flugsandes und somit der Dünen überhaupt anpflanzt, daß sie ferner durch Abnagen der Wurzel, Benagen des Wurzelstockes oder Durchbeißen des unterirdischen Stammes An: pflanzungen von Kiefern oder Laubhölzern nicht aufkommen ließ. Ihre Lebensdauer ist bisher noch nicht ermittelt worden, erstreckt sich aber aller Wahrscheinlichkeit nach auf mehrere Jahre.

Der Brachkäfer, Sonnenwendkäfer, Junioder Johanniskäfer (Rhizotrogus solstitialis) mag als Beispiel einer Menge anderer, ihm ungemein ähnlicher Arten mehr südlicher Gegenden dem Beschlusse der ganzen Sippe der Laubkäfer dienen. Er ist, wie sein Bild darthut, ungefähr nur halb so groß wie der gemeine Maikäfer, auf der Rückenseite gelblichbraun, nur der Hinterkopf, die Scheibe des Halsschildes und die ganze Unterseite sind dunkler, Vorderrücken, Schildchen und Brust langzottig behaart, etwas schwächer fällt die Behaarung am Bauche aus. Der Unterschied zwischen der vorigen Gattung und Rhizotrogus besteht darin, daß bei letzterer die Fühlerkeule nur dreiblätterig ist, die Lippentaster an der Außenfläche der Unterlippe entspringen und eiförmig endigen. Der Aftergriffel fehlt hier wie bei dem Gerber. Im Betragen sowie in der Entwickelungsweise weicht der Brachkäfer vom Maikäfer in verschiedenen ö 5 Stücken ab. Wie seine übrigen Namen andeuten,

Brachkäfer (Rhizotrogus solstitialis). fliegt er immer später, um die Johanniszeit, und

| Natürliche Größe. nur etwa 14 Tage, dann und wann aber an jehr -

beschränkten Ortlichkeiten in bedeutenden Mengen. Am Tage bekommt man ihn nicht zu sehen, weil er an Buschwerk und nach meinen Erfahrungen namentlich an den jungen Obstbäumen ruht, welche die breiteren Feldwege einfassen. Sobald die Sonne am westlichen Himmel verschwunden ist, fliegen die Käfer lebhaft über Getreidefelder und die benachbarten niederen Bäume und Büsche umher und scheinen es immer darauf abgesehen zu haben, dem harmlosen Spaziergänger so lästig wie möglich zu fallen; denn wie die zudringliche Fliege immer und immer wieder denselben Platz im Gesichte wählt, welchen sie sich einmal ausersah, so schwirrt er trotz eifriger Abwehr dem Wanderer immer wieder um den Kopf. Läßt dieser sich darauf ein, mit der Hand nach den Zudringlichen zu fangen, so gehört keine große Übung dazu, deren eine Menge zu erhaschen. Bei genauer Betrachtung ergeben sich dieselben fast nur als Männchen. Die Weibchen sitzen nahe dem Boden an den verschiedensten Pflanzen, und das wilde

Umherfliegen des anderen Geschlechtes scheint vorherrschend der Paarung zu gelten. Gleichzeitig werden auch passende Weideplätze aufgesucht und zu diesem Zwecke Laub- wie Nadelholz für geeignet befunden, so daß der Johannistrieb entschieden von den Angriffen zu leiden hat, zumal wenn ein Maikäferfraß vorangegangen ist. Die befruchteten Weibchen legen ihre Eier an die Wurzeln der verschiedensten Pflanzen, doch scheinen die der Gräser, also auch die der Cerealien und Kräuter, am meisten von dem Fraße der Larven zu leiden zu haben. Diese letzteren sind denen des gemeinen Maikäfers sehr ähnlich, im erwachsenen Alter aber im Vergleiche zu den halbwüchsigen Engerlingen durch größere Dicke des Körpers und überhaupt gedrungeneren Bau zu unterscheiden. Meiner Ansicht nach erfolgt die Entwickelung in Jahresfrist; von anderer Seite wird behauptet, daß dieselbe zweijährig sein möge, weil nach Ablauf dieser Frist die Käfer zahlreicher aufträten. Mir ist eine zweijährige Wiederkehr größerer Käfermengen noch nicht aufgefallen, ich habe dem Gegenstande aber zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet, um entschiedenen Widerspruch einlegen zu können.

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