Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
der Bäume den ausfließenden Saft zu lecken. Sie bilden der Mehrzahl nach (wir wissen, daß es überall Ausnahmen gibt) die Edelsten und Vornehmsten ihrer Familie, welche wenigstens im vollkommenen Zustande feinere Genüsse zu schätzen wissen, als grüne Blätter, faulende Pilze oder durch den Leib der pflanzenfressenden Säuger gegangene Stoffe bieten können. Der gedrungene Körper von vorherrschend mittlerer Größe ist mäßig abgeplattet, in den Umrissen wappenschildförmig. Die Flügeldecken lassen den Steiß unbedeckt und liegen dem Hinterleibe einfach auf, ohne ihn von den Seiten her zu umfassen, behalten auch diese Lage, nur etwas gelockerter, während des Fluges bei. Die Vorderhüften springen in walzig⸗kegelförmiger Gestalt hervor, während sich die Hinterhüften über den ersten Bauchring erweitern. Das Gesicht ist mit dem Kopfschilde, welches Oberlippe wie Kinn: backen bedeckt, verwachsen, ebenso die hornige Zunge mit dem Kinne. Der Oberkiefer besteht aus einem hornigen Außenteile und einer häutigen Innenplatte, der Unterkiefer aus eingelenkter Außenlade, jeder Fühler aus 10, jeine Keule aus den 3 letzten Gliedern. Je nachdem durch einen Ausschnitt der Flügeldecken gleich hinter der Schulter das Hüftblatt der Hinterbrust von obenher sichtbar ist oder nicht, in Ermangelung jenes Ausschnittes läßt sich die Gruppe in die artenreichere Abteilung der Blumenkäfer (Cetonidae) und in die artenarme der Pinselkäfer (Trichiidae) zerlegen.
Die Larven unterscheiden sich wesentlich von den übrigen derselben Horde dadurch, daß ihr letztes Glied nicht durch eine Querfurche in zwei zerlegt wird, weniger wesentlich durch einen im Vergleiche zum gedrungenen Körper schmäleren Kopf, durch die schwächeren Querfurchen auf den Gliedern und durch eine stärkere Samtbehaarung. Sie nähern sich den Larven der Riesenkäfer durch ihre an der Spitze gezahnten und äußerlich querriefigen Kinnbacken und leben ausschließlich von mulmigem Holze.
Mehr als ein Drittel der ganzen Gruppe bewohnt Afrika, kaum der 25. Teil Europa; kein Erdteil wird von ihnen ausgeschlossen, die prachtvollsten Formen gehören indessen nur dem heißen Erdgürtel an.
Vollendet im Baue steht der männliche Riesengoliath (Goliathus giganteus oder Druryi) aus Oberguinea da. Sein fast kreisrundes Halsschild setzt sich am Hinterrande dreimal ab, am kürzesten vor dem lang=dreiedigen Schildchen, welches bedeutend mehr nach hinten liegt als die Schultern. Den schräg abschüssigen Kopf zieren neben den Augen zwei stumpfe, aufgerichtete Lappen und vorn eine breite, kurze, an den Spitzen gestutzte Horngabel. Der Goliath ist samtschwarz, Kopf, Halsschild mit Ausnahme von sechs Längsstriemen, Schildchen, ein großer dreieckiger Nahtfleck und der Außenrand der Flügeldecken sind kreideweiß. Länge bis 98 mm. Das etwas kleinere Weibchen hat mehr Glanz, keinen Kopfputz, aber drei Zähne am Außenrande der Vorderschienen. Seit 1770 wurde dieser schöne Käfer in Europa bekannt und von den Sammlern so gesucht, daß sie für das Pärchen bis 30 Thaler zahlten; seitdem hat man noch fünf andere Arten derselben Gattung kennen gelernt, welche nur in Afrika vorkommt.
Ein anderer Goliath, wenn auch nicht der Größe, so doch seiner übrigen Merkmale nach, ist die Gabelnase (Dicranorrhina Smithi, S. 102) von Port Natal, welche uns in ihrer Körpertracht die Goliathiden vergegenwärtigt und in einer wohlgelungenen Abbildung vorliegt. Der schöne Käfer ist erzgrün, Schenkel, Schienen, Schildchen, Hinterrand des Vorderrückens sind rot, ein verwischter Fleck auf dessen Scheibe, die sämtlichen Ränder und je zwei Flecke der braungelben Flügeldecken schwarz; auf der Unterseite ist der Hinterleib rot und die Brust braun. Beim etwas breiteren Weibchen fehlt die Bewehrung am Kopfe, die Beine sind kürzer, die Vorderschienen an der Spitze breiter, außen mit drei scharfen Zähnen bewehrt; dafür fehlen dieselben an der Innenseite, wo wir kleinere beim Männchen bemerken.
Der gemeine Rosenkäfer oder Goldkäfer (Cetonia aurata) veranschaulicht die Grundform der ganzen Gruppe. Wer sollte ihn nicht kennen, den goldgrünen Käfer mit einigen weißbeschuppten und vertieften Querstrichen auf der Hinterhälfte der Flügeldecken, welcher bei heißem Sonnenschein mit lautem Gesumme herbeikommt zu den blühenden Sträuchern und Stauden in Garten, Wald und auf Wiesen, dort namentlich nach den Rosen, Spirstauden und Rhabarber, hier nach dem Weißdorn, wilden Schneeball und so manchen anderen; denn weil die Kaustücke seiner Unterkiefer weich sind, so kann er nur die zarten Blätter der Blumen zerbeißen oder Saft lecken. Er sitzt auf den flachen Trugdolden, von der Sonne beschienen, gleich einem funkelnden Edelsteine, manchmal zu vier, fünf gleichzeitig auf einer. Gefällt es ihm nicht mehr, so summt er ebenso plötzlich wieder davon, wie er ankam, seine langen Flügel unter den Golddecken bloß vor: ziehend, immer aber nur dann, wenn ihn die heißen Strahlen der Sonne treffen. Scheint
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- Gabelnase (Dicranorrhina Smithi), Männchen. 2) Gemeiner Rosenkäfer (Cetonia aurata). 3) Gebänderter
Pinselkäfer (Trichius fasciatus). Alle in natürlicher Größe.
dieselbe nicht, so sitzt er stundenlang fest auf derselben Stelle, wie schlafend, und kriecht tiefer hinein, wenn die Witterung unfreundlicher zu werden beginnt. Ergreift man ihn, so entleert er hinten einen schmutzig weißen, schmierigen Saft von widerlichem Geruche, sicher in der Absicht, sich die Freiheit wieder zu erwerben. An alten Eichen oder anderen Bäumen, deren Saft aus offenen Wunden heraustritt, von so manchem Kerfe als reichlich strömenden Lebensquell ersehnte Stellen, wie wir bereits erfahren haben, sitzen die Goldkäfer bisweilen in gedrängten Scharen und leuchten weithin durch ihren Goldglanz. Nie werde ich es vergessen, wie ich einst unter der Krone einer alten Eiche in der Dessauer Heide, einem jo beliebten und ergiebigen Tummelplatze der sammelnden Entomologen aus *ATRiD den Nachbarorten, mitten zwischen einer gedrängten Schar der gemeinen Art, wie die 4 Perle in der Krone, die weit seltenere, fast noch einmal so große, reiner goldig glänzende 43
0 Cetonia speciosissima erspähte. Die Stelle war nicht erreichbar, der Anblick aber zu 5* verführerisch, um nicht alles zu versuchen, jene Perle in meinen Besitz zu bringen. Der Spazierstock ward zum Wurfspieße ausersehen und traf nach wenigen verunglückten Versuchen jo glücklich, daß die Cetonia speciosissima nebst einigen gemeinen Rosenkäfern vor Schreck herabfielen, während ein Teil der übrigen ruhig weiter zechte, ein anderer im Fluge davon rauschte. Schädlich werden die Rosenkäfer eigentlich nicht; wenn sie aber
in großen Mengen erscheinen und es sich in einem Garten um die Erziehung von Rosenäpfeln handelt, so beeinträchtigen sie entschieden deren Ernteertrag, wie sie auch manche andere der Blüte wegen gepflanzte Rose durch ihren Fraß verunstalten.
Die besprochene Art unterscheidet sich von einigen anderen ihr sehr nahe stehenden durch eine Linie der Flügeldecken jederseits der Naht, welche dieselbe als eine Furche erscheinen läßt, und durch einen knopfförmigen Fortsatz des Mittelbrustbeines. Nicht sie, sondern eine ihr sehr nahe stehende, im Süden Europas vorkommende Art dürfte es gewesen sein, welche Aristoteles Melolontha aurata genannt hat, und welche neben dem Maikäfer der griechischen Jugend als Spielzeug und, wie es nicht anders sein konnte, gleichzeitig als Hilfsmittel, sich in tierquälender Roheit zu üben, dienen mußte.
An der engerlingartigen Larve unterscheidet man ein Kopfschild mit Oberlippe, ungleiche Kinnbacken, viergliederige Kiefer-, zweigliederige Lippentaster und viergliederige Fühler, welche einem Höcker aufsitzen. Die kurzen Beine laufen in einen klauenlosen Knopf aus, und der Seitenrand des flachen Bauches bildet mit dem Rückenteile eine stumpfe Kante. Sie lebt in faulem Holze und wurde häufig im Grunde der
Haufen von der Waldameise (Formica rufa) gefunden, wo sie sich von den allmählich verwesenden Holzstückchen ernährte, welche die Ameisen zusammengeschleppt hatten. —
Die marmorierte Cetonie (Cetonia marmorata), dunkelbraun mit mehreren weißen Strichelchen und Pünktchen auf der stark glänzenden Rückenfläche, ist etwas größer und seltener als die vorige Art. Ich traf sie fast immer nur an Weiden Saft leckend an und möchte mit Bouchè behaupten, daß ihre Larve vorzugsweise hier ihre Nahrung findet.
Abgesehen davon, daß die Flügeldecken hinter der Schulter nicht ausgeschnitten sind, stellt sich auch sonst die Körpertracht derjenigen Arten, welche sich um die Pinselkäfer (Trichius) scharen, in veränderter Form dar. Das Halsschild ist mehr kreis- und scheibenförmig, vor dem kleinen Schildchen nie ausgeschnitten, öfter am Hinterrande leistenartig erhaben. Im Verhältnis hierzu erscheinen die Flügeldecken breiter, da ihnen aber der seitliche Ausschnitt fehlt, so müssen sie beim Fluge erhoben werden.
Die Larven stehen denen der Melolonthiden am nächsten und weichen hauptsächlich von ihnen durch eine dreilappige Afteröffnung ab; die obere Hälfte der Querspalte spitzt sich in der Mitte zu, die untere bekommt an der entsprechenden Stelle eine kurze Spalte.
Der Eremit, Lederkäfer (Osmoderma eremita), verdient zunächst der Erwähnung als der größte Europäer dieser Abteilung und gewissermaßen der Vertreter der Goliathe, wenn wir die allgemeine Körpertracht und den Umstand berücksichtigen, daß hier die Hüftblätter von oben noch sichtbar sind. Der glänzend schwarzbraune, violett schimmernde Kerf von 26— 33 mm Länge lebt an faulen Bäumen; er hat einen längsgefurchten, kleinen Vorderrücken, große, bedeutend breitere und gerunzelte Flügeldecken, das Kopfschild ist ausgehöhlt, erhaben gerandet und vor den Augen mit je einem Höcker ausgerüstet beim Männchen, ohne diesen, nicht gehöhlt und kaum gerandet beim Weibchen. Der Lederkäfer, wie er wegen seines Geruches von uns in der Kinderzeit allgemein genannt wurde, macht, wie alle Verwandte, den Eindruck der Trägheit. An Blumen findet man ihn kaum, sondern, wie schon erwähnt, an faulen Bäumen. Weil in manchen Gegenden als solche die Weiden in dieser Beziehung die erste Stelle einnehmen, so bilden diese auch einen verbreiteten Aufenthalt unseres Käfers; Eichen, Buchen, Birken, Linden und Obstbäume beherbergen ihn gleichfalls, unter der Voraussetzung, daß sie ungesundes, mürbes Holz darbieten, von welchem sich die gedrungene Larve höchst wahrscheinlich mehrere Jahre hintereinander ernährt.
Einen freundlicheren Eindruck als der Eremit macht der S. 102 abgebildete gebänderte Pinselkäfer (Trichius fasciatus). Die Hüftblätter find von oben nicht ficht-bar, die Beine schlanker und ihre Vorderschienen bei beiden Geschlechtern nach außen zweizähnig. Wie bei allen echten Trichien ist die äußere Lade des Unterkiefers lederartig, stumpf dreieckig und die innere unbewehrt, das Kopfschild länger als breit, vorn ausgebuchtet, samt Kopf und Halsschild stark zottig gelbhaarig, die Unterseite, wo die sich berührenden Hinter: hüften zu beachten sind, und der Steiß mehr weißzottig, die beiden an der Naht zusammenhängenden Binden der Flügeldecken gelb. Diese Art ist den Gebirgen und Vorbergen des mittleren und südlichen Deutschland eigen und findet sich vom Juni bis August auf Wiesenblumen und blühenden Brombeeren, im Harze bisweilen sehr häufig. Wie der Rosenkäfer hat er sich tief in die Blüte versenkt und nagt an deren Innerem, indem er sich kaum regt. Seine Larve lebt, wie alle anderen, in faulen Laubhölzern; über ihre Lebensdauer ist aber meines Wissens so wenig Bestimmtes ermittelt, wie über die der übrigen verwandten Arten. Begreiflicherweise sind die Beobachtungen aller in dieser Weise lebenden Larven mit Schwierigkeiten aller Art verbunden.
Ein höchst interessanter, blumenliebender Blatthornkäfer von Amboina sei am Schlusse noch in der Kürze erwähnt: der langarmige Pinselkäfer (Euchirus longimanus). Er erinnert in seiner Form an die Riesenkäfer, nähert sich infolge der Oberlippenbeschaffenheit und der gezahnten Fußklauen den Melolonthiden, muß aber wegen Bildung des Kopfes und des ganzen Oberkörpers zu den Trichiiden gestellt werden. Beim Männchen sind die Vorderbeine dermaßen verlängert, daß durch sie das im Körper 65 mm messende Tier, von seiner Leibesspitze an gerechnet, einen Raum von 131 mm durchspannen kann. Der Käfer ist kastanienbraun, an den Vorderschenkeln und sämtlichen Schienen schwärzlich, an der Fühlerkeule rot gefärbt, unterwärts gelbbraun behaart.
Die Prachtkäfer (Buprestidae), eine weitere Familie, leben im Larven: wie im vollkommenen Zustande ebenso wie die Cetonien, jene im Holze, diese an Blumen und Sträuchern, unterscheiden sich jedoch in ihrer äußeren Erscheinung sehr wesentlich von den genannten Blatthörnern. Zunächst ist der Körper meist langgestreckt, nach hinten zugespitzt, mehr oder weniger flach gedrückt, selten der Walzenform genähert und von sehr derbem Chitine bedeckt. Der kleine Kopf, bis zu den Augen in den vorderen Brustring eingesenkt, trägt nach unten die entsprechend kleinen Mundteile, von denen die beiden Lappen des Unterkiefers sich durch häutige Beschaffenheit auszeichnen, nach oben die kurzen, elfgliederigen Fühler, welche vom dritten, vierten oder auch erst vom siebenten Gliede an die Form kürzerer oder längerer Sägezähne annehmen. Ebenso schließt sich das Halsschild eng an die etwa ebenso breiten Flügeldecken an; hierzu der Metallglanz der meisten, und das steife, eherne Ansehen dieser geschlossenen Formen ist vollendet. Die kurzen Beine eignen sich wenig zum Gange, die vordersten und mittelsten beginnen mit kugeligen Hüften, deren Pfannen nach hinten weit offen bleiben, die hintersten mit blattartigen; sie alle haben aber deutliche Schenkelringe, ihre Füße fünf Glieder und ebenso viele der Hinter: leib, an welchem die beiden ersten aber verwachsen. Die Vorderbrust läuft in einen flachen, von der Mittelbrust, bisweilen auch noch von der Hinterbrust aufgenommenen Fortsatz aus. Wenn die Prachtkäfer durch lanzettförmige Fluglöcher ihre Wiege verlassen haben, sonnen sie sich gern, an Baumstämmen, noch lieber an Baumstumpfen und Klafterholz sitzend, lassen sich wie tot herabfallen, sobald man ihnen nahet, oder fliegen sehr eilig davon, wenn die Sonne am wolkenlosen Himmel steht; denn sie sind so recht eigentlich