Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Eine der gemeinsten Schlupfwespen und, wenn sie bei der Entwickelung reichliches Futter hatte, eine der größeren heimischen Sippengenossen ist die Pimpla instigator, ein schwarzer Geselle, der lebhaft gelbrote Schienen und Füße an den vier vorderen Beinen, an den hintersten dagegen nur die Schienen von der genannten Farbe hat. Lichte Flügelschüppchen und Taster zeichnen das S. 346 abgebildete Männchen aus; beim Weibchen, welches im Hinterleibe wenig breiter ist und eine Bohrerscheide von kaum halber Länge jenes sehen läßt, haben jene dunklere Färbung. Daß die Luftlöcher des breiten und rauhen Hinterrückens länglich sind, die Stirn bis zu den Fühlern durch quere Nadelrisse rauh wird, die Glieder dieser an ihren Spitzen etwas anschwellen, die Klauen an ihrer
Wurzel keinen lappigen Anhang haben, wie viele andere, und daß sich endlich die innere Querader des Hinterflügels weit über ihrer Mitte einknickt, um einen Längsnerv auszusenden: das alles sind Merkmale, welche wohl beachtet sein wollen, um die zahlreichen, oft recht ähnlichen Arten unterscheiden zu können. Daß die Pimpla instigator fo gemein und daß sie in der Größe zwischen 11 und 19,5 mm schwankt, hat seinen Grund in der Eigentümlichkeit des Weibchens, seine Eier einer großen Menge sehr verschiedener Schmetterlingsraupen, die vorherrschend den Spinnern angehören, einzuverleiben. Alle derartigen Raupen, welche sich in unseren Gärten unnütz machen, viele der berüchtigtsten Waldverderber, wie die Raupen der Nonne, des Prozessions- und Kiefernspinners, sind ihm genehm, darum bekommen wir diesen Herumtreiber auch überall zu sehen. Meist mit etwas gehobenen Flügeln spaziert er an Baumstämmen, auf Hecken, an Lehmwänden, kurz, allerwärts umher und sucht sich seine Beute aus. Ehe es sich die ruhig dasitzende Raupe versieht, erhält sie einen Stich, und in kürzester Zeit ist trotz aller abwehrenden Bewegung ihres Körpers das Ei durch den kurzen Eileiter geglitten und ihrem Inneren einverleibt. Mit wippendem Fluge ist die Übelthäterin verschwunden, treibt ihr Unwesen in nächster Nähe weiter und läßt sich durch nichts außer Fassung bringen. Auch Spinneneier find in ihrem Gespinstballen nicht sicher vor den Angriffen seitens dieser Wespen, wenn auch unsere Art meines Wissens noch nicht dabei be— 5 Far | troffen wurde. Der wesentliche Unter: weden aue,debansdeeFun eeandde schied der beiden Gattungen Pimpla und runter das Männchen. Natürliche Größe. Ephialtes beruht im gedrungeneren Körperbau jener: die Hinterleibsglieder sind, wenigstens beim Weibchen, immer breiter als lang, und der Bohrer erreicht nur in seltenen Fällen die Länge des Hinterleibes. Auch Pimpla breitet sich samt der vorigen Gattung mit zahlreichen Arten über die ganze Erde aus.
Harzige Ausscheidungen an den Zweigspitzen junger Kiefernbestände gehören durchaus nicht zu den Seltenheiten. Man hat sie „Harzgallen“ genannt, aber mit Unrecht; denn es findet hier keine Wucherung des pflanzlichen Zellgewebes statt, sondern durch die Thätigkeit einer im jungen Holze bohrenden Raupe fließt der harzige Saft aus und erhärtet an der Luft. Dergleichen bis zu Walnußgröße anwachsende Absonderungen entstehen durch verschiedene Raupen zierlicher Blattwickler. Wenn man jene im Frühjahr einsammelt, um die Retinia resinana zu erziehen, denn so heißt derjenige, um welchen es sich hier handelt, so kann man bisweilen recht angeführt werden. Statt des Schmetterlings erscheint die Glypta resinanae, ein schwarzer Pimplarier von kaum 8,75 mm Länge, aus jeder Anschwellung nur einer, sei es ein Männlein oder ein Weiblein. Bei seinem Wirte werden wir ihn auf einem späteren Bilde erblicken. Sein Hinterleib ist gleichfalls uneben wie bei den beiden vorigen, aber nicht durch Knoten, sondern durch je zwei nach vorn genäherte Längseindrücke auf dem zweiten bis vierten Gliede, das Erkennungszeichen der Gattung Glypta, von welcher es viele Arten gibt. Bei der unserigen find die Fußklauen einfach, der Hinterrücken gefeldert, die Vorderflügel ohne Spiegelzelle, das Kopf: schild und die Beine mit Ausschluß der schwarzen, weißwurzeligen Schienen und Füße
der hintersten rot; beim Männchen find die Hinterschienen rot und das Kopfschild schwarz. Der Bohrer, bei allen Glypten aus der Spitze des Hinterleibes kommend, erreicht beinahe die Länge des ganzen Körpers. Im Sommer klettert dieses Wespchen auf den Kiefernadeln umher und braucht kaum andere Stellen aufzusuchen, denn an Blattläusen fehlt es ja hier bekanntlich nicht, deren Auswürfe von ihm gierig aufgeleckt werden. Findet das Weibchen einen jugendlichen Harzausfluß, so forscht und prüft es genau und weiß sehr wohl die darin verborgene Raupe zu treffen. Diese lebt den ganzen Winter hindurch mit dem Todeskeim im Leibe, und erst im Frühjahr, wenn sie erwachsen ist und sich zur Verpuppung anschickt, kommt der Irrtum an das Tageslicht. Statt des schwarzen Schmetterlingspüppchens erscheint ein helles Gespinst und aus diesem alsbald die beschriebene Glypta.
Doch genug; wir haben das Schmarotzertum, welches in keiner Insektenordnung nach jeder denkbaren Richtung in so vollendeter Weise ausgebildet ist wie bei den Hautflüglern, hinreichend zur Sprache gebracht, um einen Einblick in das geheime Walten des so überaus interessanten Kerflebens zu gewinnen. Möge dieser Blick anregend auf weitere und tiefere Forschungen wirken, damit unsere lückenhaften Kenntnisse mehr und mehr bereichert werden. Jetzt zu der letzten Familie, die sich fern vom Schmarotzerleben hält und in dieser wie in anderer Beziehung sich von allen übrigen Ordnungsgenossen scharf und bestimmt abschließt.
Die Familie der Pflanzenwespen (Hymenoptera phytophaga oder Phytospheces) zeichnet sich im vollkommenen Zustande ihrer Mitglieder durch einen angewachsenen Hinterleib und durch den größeren Zellenreichtum des Vorderflügels, durch die sogenannte lanzettförmige Zelle (Fig. I u. 9, S. 214) vor allen anderen aus, die Larven aber dadurch, daß sie in größerer Selbständigkeit als die übrigen auftreten, indem sie sich, in der Mehrzahl frei an Pflanzen lebend, einige jedoch auch im Inneren derselben bohrend, nur von lebenden Pflanzenstoffen ernähren. Auf die Larven bezieht sich daher auch obige Bezeichnung der Familie; denn daß alle Aderflügler im vollkommenen Zustande vorherrschend Süßigkeiten lecken, keiner Blätter oder Holz frißt, wurde bereits früher erwähnt. Der Kopf steht in der Regel dicht vor dem Mittelleibe, ist mit Nebenaugen, sechs— (sieben⸗)gliederigen Kiefertastern und viergliederigen Lippentastern mit geringen Ausnahmen versehen. Fig. 4 auf Seite 8 vergegenwärtigt die Grundform der Mundteile mit Ausschluß der durch nichts ausgezeichneten Kinnbacken. Die ungebrochenen Fühler zeigen zwar die in der ganzen Ordnung vorherrschende Faden- und Borstenform in den überwiegenden Fällen, doch schleichen sich daneben allerlei Nebenformen, besonders als Schmuck der Männchen, ein. Neun (bis elf) und drei sind Zahlen der sie zusammensetzenden Glieder, welche bei der Unterscheidung eine Rolle spielen; sind es ihrer mehr, so pflegt man sie nicht zu zählen. Der Mittelleib nimmt durchschnittlich den dritten Teil der ganzen Körperlänge, mit Ausschluß des Kopfes, ein und ist in seinem mittelsten Ringe, wie bei allen Adlerflüglern, am meisten entwickelt, im Hinterrücken hier aber weniger als bei allen übrigen Familien, weil ihm ein „abschüssiger“ Teil vollständig fehlt, da der angewachsene Hinterleib seine volle Hinterwand zur Anheftung in Anspruch nimmt. Der kurze Teil, als vorderer von dem abschüssigen bei den anderen Familien unterschieden, zeichnet sich nie durch Felderung, wohl aber jederseits durch ein meist heller gefärbtes häutiges Fleckchen aus, welchem Hartig den Namen Rückenkörnchen beigelegt hat. Der Hinterleib ist bei den Männchen etwas plattgedrückt, bei den Weibchen der meisten walzig und läßt die
Scheiden der Legröhre an der Unterseite sehen, wenn dieselbe nicht schwanzartig die Spitze überragt. Diese tritt hier nie in Form eines Stachels auf, sondern als Messer, Stoßsäge, Feile, Raspel. Das Geäder der Flügel, namentlich der vorderen, seiner Zeit ausführlicher besprochen, verdient ganz besondere Beachtung, weil es in erster Linie zur Unterscheidung der zahlreichen Gattungen benutzt wird. An den Beinen haben diese Wespen die zwei Schenkelringe mit allen nicht stechenden Immen gemein. Die beiden End: dornen der Schienen, an den vorderen bisweilen nur einer, kommen nicht immer in der gewöhnlichen Dornenform, sondern bisweilen breitgedrückt, mehr häutig vor, auch sind die Fußsohlen vieler mit breiten napfartigen Erweiterungen (Patellen) versehen und die Klauen zweizähnig. Die in ihrer Gesamtheit eben kurz charakterisierten Wespen wurden und werden noch vielfach in zwei Familien zerlegt: die Holzwespen mit vortretendem Legbohrer und fußlosen oder höchstens sechsbeinigen, bohrenden Larven, und die Blattwespen mit verborgenem Bohrer und mehrfüßigen, äußerlich an Pflanzen fressenden Larven. Unter letzteren kommen jedoch durch äußere Gestalt, Form der Larven und deren Lebensweise so scharf von den übrigen getrennte Wespen vor, daß auch diese eine besondere Familie bilden müßten. Es erscheint daher die Vereinigung aller zu einer Familie und die Zerlegung dieser in drei Sippen, wie im Folgenden geschehen, das Zweckmäßigste zu sein.
Von den bisher betrachteten Aderflüglern sind nur die Larven der echten Gallwespen auf von ihnen selbst zu erreichende Pflanzennahrung angewiesen, aber insofern vollkommen unselbständige Wesen, als sie in Gallen wohnen und in der ihnen durch die Gallenbildung angewiesenen Kammer der Ortsveränderung entbehren. Hier finden sich gleichfalls bohrende Larven, welche, dem Lichte entzogen, beinfarben, wie alle dergleichen Larven, erscheinen, aber doch mehr Freiheit genießen, weil sie ihren Gängen eine beliebige Richtung geben können. Dieselben gehören den Holzwespen an und haben sechs deutliche auch verkümmerte Brustfüße, oder einigen wenigen Blattwespen, wenn ihnen zahlreichere Beine zur Verfügung stehen. Die bei weitem größere Anzahl der Larven lebt aber frei auf den Blättern, gleicht durch bunte Farben den Schmetterlingsraupen, für welche sie der Unkundige auch häufig genug hält, und erlangt somit eine Selbständigkeit wie sonst keine Aderflüglerlarve. Diese Afterraupen, wie man sie genannt hat, leben gern in Gesellschaft beisammen und sitzen in der Ruhe schneckenförmig zusammengerollt auf der oberen oder unteren Blattfläche ihrer Futterpflanze. Beim Fressen reiten sie auf dem Blattrande und umsäumen ihn auf sehr eigentümliche Weise, wenn ihrer mehrere beisammen sind. Dabei haben viele die sonderbare Gewohnheit, den von den Brustfüßen an folgenden Körperteil fragezeichenförmig in die Höhe zu halten und taktmäßig auf und nieder zu bewegen, wenn erst eine von ihnen den Ton angegeben hat. Es ist höchst unterhaltend, diese wippenden Fragezeichen zu beobachten, aber auch ersichtlich, daß sie nicht zum Vergnügen, sondern zur Abwehr einer vermeintlichen Gefahr dergleichen Turnkünste vornehmen. Man braucht sich nur der kleinen Gesellschaft so weit zu nähern, daß sie den Atem fühlt, so setzt sie sich in der angegebenen Weise in Bewegung, läßt sich wohl auch herabfallen, wenn sie weiter belästigt wird. Ganz besonders dürfte das Gebaren darauf berechnet sein, einer zudringlichen Schlupfwespe ihr Vorhaben zu vereiteln. Mit Ausschluß des vierten und häufig auch des vorletzten Leibesgliedes trägt jedes ein Paar kurzer Beinchen, von welchen die drei vordersten Paare an den Brustringen nur horniger Natur, gegliedert und mit einer Klaue versehen sind, während die übrigen fleischigen Zapfen oder ausstülpbaren Warzen gleichen. Durch jene Lebensäußerungen sowie durch die Anzahl von 20—22 Beinen unterscheidet sich jede Afterraupe von der höchstens 16 beinigen Schmetterlingslarve. Ihre Haut erscheint auf den ersten Blick nackt, doch bemerkt man
bei genauerer Besichtigung dünne Behaarung, manchmal auffallende Dornspitzchen, nie aber das dichte Haarkleid, wie bei so manchen der letzteren. Die Farben sind lebhaft, doch nicht mannigfaltig, und dunklere Flecke auf hellem Grunde die gewöhnlichen Zeichnungen. Die Afterraupen sind mit einfachen Augen und kleinen Fühlern ausgestattet, häuten sich mehrere Male, wobei manche nicht nur Farbe, sondern auch Gestalt wesentlich verändern. Eine dritte Reihe, welche den Gespinst-Blattwespen angehört, weicht in Form und Lebensweise wesentlich von den Afterraupen ab, wovon weiter unten bei Besprechung dieser Sippe.
Erwachsen, verlassen die meisten ihre Futterpflanze und spinnen in der Erde, an derselben, unter dürrem Laub oder Moos, mitunter aber auch am Stengel anderer Pflanzen
J) Gemeine Holzwespe (Sirex juvencus): Weibchen, Larven, Puppe; alles natürliche Größe. 2) Gemeine Halmwespe (Cephus pygmaeus) und deren Larven in gespaltenen Roggenhalmen. 3) Pachymerus calcitrator, eine bei ihr schmarotzende Sichelwespe. 4) Die Cephus-Larve vergrößert, daneben ein Puppenlager.
ein tonnenförmiges, pergamentähnliches, jedoch auch zarteres Gehäuse, in welchem sie in verkürzter Gestalt und bewegungslos den Winter verbringen und erst kurze Zeit vor dem Ausschlüpfen der Fliege zur gemeißelten Puppe werden. Manche entwickeln zwei und mehr Bruten im Jahre und ruhen daher in der Sommerbrut nur kurze Zeit, andere brauchen ein volles Jahr und darüber. In dieser Hinsicht kommen aber auch sonderbare Ausnahmen vor. So verpuppen sich die Larven einer brasilischen Hylotoma-Art (Dielocerus Ellissi) gesellschaftlich. Das Nest hat die Form eines gestreckten Eies von 10,5— 13 em Länge und hängt aufrecht an einem Zweige. Jede Larve besitzt ihre eigne Zelle, welche in mehreren Schichten dicht, fast wie Bienenzellen, auf- und nebeneinander liegen, so zwar, daß ihre Querachse mit der Längsachse des Zweiges zusammenfällt und ihre beiden Enden freistehen. Dies Ganze wird von einer gemeinschaftlichen Bedeckung umschlossen, welche im Inneren seidenartig, auswendig geleimt ist. Beiläufig sei noch eines anderen Ausnahmefalles gedacht, welcher die Perga Lewisii, eine neuholländische Art, näher angeht. Im April legt das Weibchen seine blaßgelben Eier zweireihig in die Blattmittelrippe