Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Nicht schwer unterscheidet man die Weibchen der Gattung Amblyteles von Ichneumon durch die stumpfere Hinterleibsspitze und die fie fast ganz erreichende letzte Bauch: schuppe, welche der Bohrerwurzel hier viel näher liegt als dort; viele zeichnen sich durch besonderen Glanz der Körperoberfläche und lebhafte Farben aus, auch ringeln sich ihre schlanken Fühler weniger eng als bei Ichneumon. Man kennt einige 40 Arten, welche fast alle der Größe und Farbe nach zu den stattlichsten Ichneumonen gehören und durchschnittlich 175 mm messen, aber auch größer sein können. Die zahlreichen kleineren Arten der Sippe sind meist eintöniger in den Farben, am Hinterleibe schwarz oder rot gefärbt, am Kopfschilde oder an den Hinterhüften mit besonderen Auszeichnungen und am Hinterrücken mit kreisrunden Luftlöchern versehen. Wesmael hat sie auf eine große Menge
- Männchen des Ichneumon pisorius und Puppe des Fichtenschwärmers, der 'es entsprossen. 2) Cryptus tarsoleucus, Männchen. 3) Weibchen von Mesostenus gladiator. 4) Männchen und eierlegendes Weibchen des Ephialtes manifestator. Alles natürliche Größe.
weiterer Untergattungen verteilt, die wir jedoch, wie jo viele andere, mit tiefem Still schweigen übergehen müssen.
Den natürlichsten Übergang von den Ichneumonen zu den Cryptiden bildet die Gattung Phygadeuon, welche aus meist kleineren, untersetzten Wespen besteht. Die weiblichen Fühler setzen sehr kurze, knotige Glieder zusammen, deren längstes drittes höchstens das Doppelte seiner Breite erreicht; dieselben rollen sich stark und enden stumpf. Bisweilen strecken sie sich mehr und verbreitern sich vor der Spitze, oder, findet diese Erweiterung nicht statt, so gibt die mehr entwickelte Felderung des Hinterrückens gegen die übrigen Genossen der Sippe ein gutes Unterscheidungsmerkmal ab. Der Bohrer ragt nur wenig über die Spitze des ovalen, gestielten Hinterleibes hervor und kommt aus einer Baud)- spalte. Bei den Männchen verbreitert sich der Hinterstiel merklich im Vergleich zum Stiele und verläuft gleichfalls nicht in derselben Ebene mit ihm. Trotz dieser Formgleichheit mit den Ichneumonen und trotz der Übereinstimmung beim Verlaufe des Flügelgeäders wird durch die schon oben bei den Sippenunterschieden angegebene andere Lage der Luftlöcher, durch die glatten, in den Gliedern wenig abgesetzten Fühler auch im männlichen Geschlecht zwischen beiden eine unverkennbare Grenzlinie gezogen. — Eine der größeren und gemeinsten Arten, welche 6,5—8,75 mm in die Länge mißt, ift der Phygadeuon pteronorum, der gewöhnliche Schmarotzer in den Tönnchen der öfters schon erwähnten Kiefern—
Blattwespe (Lophyrus pini). Ratzeburg hatte im Herbst eine Menge Tonnenpüppchen
der eben genannten Blattwespe unter Moos gesammelt und in die warme Stube gebracht. Am 24. April des folgenden Jahres erschienen zwei Stück eines kleinen Cryptiden, des Hemiteles areator. Die beiden Gespinste, aus welchen sie hervorgekommen waren, wurden einer näheren Untersuchung unterworfen, und merkwürdigerweise befanden sich darin zunächst der rechte Bewohner, die Blattwespe, deren Flügel nicht ordentlich entfaltet waren, sodann der Phygadeuon vollkommen flugfertig. Wie läßt sich dieser ungewöhnliche Fall erklären? Wahrscheinlich hatte die Blattwespenlarve, als fie vom Phygadeuon angestochen wurde, in ihrer Entwickelung einen so bedeutenden Vorsprung, daß ihre regelrechte Verpuppung und Entwickelung nicht mehr verhindert werden konnte. Die Phygadeuon-Larve hatte denselben Vorsprung, als der Hemiteles ihr sein Ei anvertraute, und es entwickelten sich alle drei, aber auch nur so eben; denn jenen zweien fehlte die Kraft zum Durchbrechen des Gespinstes.
Die Gattung Cryptus, welche sich auf der ganzen Erde ausbreitet, unterscheidet sich von Ichneumon durch den heraustretenden Legbohrer der Weibchen, eine meist zu der Vierecksform neigenden Spiegelzelle und sehr unvollkommene, meist sich auf zwei Querleisten beschränkende Felderung des Hinterrückens. Das Männchen des Cryptus tarsoleucus (Fig. 2, S. 342) möge die schlanke Gestalt des anderen Geschlechtes vorführen, bei welchem, wie bei vielen anderen Arten, einige weiße Glieder der Hinterfüße vorkommen. Cryptus schmarotzt, und zwar meist in mehreren Stücken gleichzeitig, besonders bei Blattwespen und Spinnern.
Wir sehen über dem Cryptus tarsoleucus einen weiblichen Mesostenus gladiator (Fig. 3, S. 342) mit seinem langen Schwanze angeflogen kommen. Die schwarze Wespe, deren Hinterrücken dornenlos, durch zusammenfließende Punktierung sehr rauh ist und ovale Luftlöcher hat, würde ein Cryptus sein, wenn nicht die auffällig kleine, viereckige Spiegelzelle an der den rücklaufenden Nerv aufnehmenden Seite vollkommen geradlinig wäre. Ein zweites Unterscheidungsmerkmal beruht in der nach unten gebogenen Bohrerspitze. Die Schenkel und vorderen Schienen nebst ihren Füßen sind rot, bisweilen auch noch die Wurzelhälfte der männlichen Hinterschienen, und das zweite bis vierte Glied der Hinterfüße sowie einige weibliche Fühlerglieder weiß. Die zierliche Wespe fliegt im Juni, treibt sich hauptsächlich an alten Mauern umher und läßt vermuten, daß sie bei daselbst hausenden Grabwespen oder Bienen schmarotze.
Der Hemiteles areator wurde schon vorher als Schmarotzer eines Schmarotzers erwähnt und scheint ein gewaltiger Umhertreiber zu sein; denn man erzog ihn aus den verschiedensten Kerfen, aus der Raupe eines Sichelspinners (Platypterix falcula), aus Mottenraupen, aus den Larven des Speck- und Pelzkäfers und kann ihn daher auch vom Juni bis in den November an den Fenstern solcher Wohnzimmer antreffen, denen jene beiden Käferlarven nicht fremd bleiben. Das unansehnliche Tierchen von 3,37—5,17 mm Länge zeichnet sich mit seinen kleinen und zahlreichen Gattungsgenossen durch die nach außen ungeschlossene, in der Anlage fünfeckige Spiegelzelle aus. Der Hinterrücken ist dicht punktiert, und wegen der auf den vorhandenen Querleisten stehenden kurzen Längsrunzeln ein oberes Mittelfeld angedeutet. Das erste Hinterleibsglied erweitert sich bis zu den knotigen Anschwellungen allmählich und von da ab nochmals bis zum Ende des Hinterstieles und ist mit dichten Punkten besetzt, wie die folgenden. Fadenförmige Fühler, drei dunkle Querbinden über die weiblichen, nur zwei über die männlichen Flügel, schwarze Flecke auf rotem Untergrunde am Kopfe, Brustkasten und zweiten Hinterleibsgliede und rote Beine mit weißen Schienenspitzen an den Hinterbeinen machen das zierliche Wespchen kenntlich.
Wie die Cryptiden „Schwanzwespen“ mit gestieltem Hinterleibe sind, so die noch übrige Sippe der Pimplarier solche mit sitzendem Hinterleibe. Der Bohrer des Weibchens,
der eben als Schwanz erscheint, kommt bei gewissen Gattungen aus einer Bauchspalte, bei anderen aus der Hinterleibsspitze und erreicht dort bisweilen die dreifache Länge des ganzen Körpers. In dieser Beziehung übertrifft die an dem querrunzeligen Rücken des Mittelleibes kenntliche Gattung Rhyssa alle übrigen und alle anderen Familienglieder an Körpergröße. Abgesehen von einigen nordamerikanischen Arten, deren Weibchen bei einer Körperlänge von 3,5 em einen Bohrer in Pferdehaarstärke von 10,4 em besitzen, jo daß die ganze Rhyssa ziemlich dreiviertel Länge einer dieser Druckseiten einnehmen würde, kommen in unseren Nadelwäldern einige schwarze Arten mit reichlichen weißen Zeichnungen und rotgelben Beinen vor, welche den Nordamerikanern in den Größenverhältnissen wenig nachstehen. Der „Pfeifenräumer“, wie ein Sammler die stattliche Gestalt zu bezeichnen pflegte, Rhyssa persuasoria der Gelehrten, schmarotzt in den Larven der Holzwespen (Sirex), welche tief im Inneren der Nadelbäume bohrend leben. Bis zur Wurzel des Bohrers, also etwa 6 em tief, verstehen die legenden Weibchen diese Borste in gesundes Holz hineinzutreiben und die dort sitzende Larve zu treffen. Als ich vor einigen Jahren auf dem Wege nach der Tellskapelle an einer Anzahl von dem Berge herabgestürzter, entrindeter Fichtenstämme vorübergehen wollte, fesselte mich das Schwärmen zahlreicher Wespen der genannten Art. Die eine hatte sich festgebohrt und zwar bis zu der Tiefe, welche sie überhaupt erreichen konnte; ich faßte sie und versuchte mit großer Vorsicht und nicht geringer Kraftanstrengung, den Bohrer ohne Verletzung des übrigen Körpers herauszuziehen. Es gelang mir nicht; denn die letzten Leibesringe rissen früher ab, als der Bohrer in seiner vollen Länge zum Vorschein kam, und die Muskelbewegungen in den abgerissenen Gliedern dauerten noch einige Zeit fort.
Man steht hier staunend vor einer rätselhaften Erscheinung. Jene federnde, pferdehaar: artige Borste wird 6 em tief und tiefer in den Stamm weichen Holzes hineingeschoben, durch dieselbe wird ein Ei befördert, und das alles wiederholt sich zu verschiedenen Malen seitens einer und derselben Wespe. Welcher Aufwand von Muskelkraft steht diesem schmächtigen Tierchen zu Gebote! Entschieden schmiegt und biegt sich der Bohrer rechts und links und benutzt die Zwischenräume zwischen den Fasern und Gefäßen des Holzes, da er nur ruckweise und sehr langsam vordringt. Möglicherweise ist das Ei in ihm bis fast zur Spitze vorgerückt, ehe er seinen Weg antritt, wenigstens bleibt es unverständlich, wie die verschiebbaren und hierdurch erweiterungsfähigen Teile des Bohrers unter solchen Verhältnissen noch thätig sein können. Wie, fragen wir weiter, erspürt die Mutterwespe die Gegenwart einer für ihr Ei passenden Larve; wie ermittelt sie deren Lage, um gerade hier und nicht 1 em mehr oben oder unten den Eizubringer einzuschieben; denn daß fie keinem Larvengange nachgeht, daß die Oberfläche des Stammes unverletzt, wurde vorher mitgeteilt und ergibt sich aus der Festigkeit, mit welcher der Bohrerim Holze sitzt. Woher weiß fie, daß nicht schon eine Schwester ihr zuvorgekommen und jene Larve, nur für eine Schmarotzerlarve hinreichend, bereits mit einem Ei beschenkt hat? Denn, daß essich bei jo mühseliger und kraftverbrauchender Arbeit nicht um bloße Versuche, sondern um Er: reichung des Zweckes und Erfüllung der Mutterpflichten handelt, können wir von den natürlichen Einrichtungen, von der „Weisheit des Schöpfers“ nicht anders erwarten. Beantworte alle diese Fragen, wer es kann, ich habe keine andere Antwort als diese: Wir stehen hier, wie bei so manchen anderen Dingen, vor einem Naturgeheimnis, das vielleicht dereinst, vielleicht auch nie enthüllt werden wird; denn der menschliche Geist hat Großes geleistet und wird noch Größeres leisten, jedoch bis zu einer — nicht näher zu bezeichnenden Grenze! Dem einen ist dieselbe enger, dem anderen weiter gesteckt, aber nur der An-maßende, der Vermessene hält sie für übersteigbar; denn „keine ewige a ist ihm ge: setzt, aber ewig eine Grenze“.
Die artenreichere Gattung Ephialtes hat einen glatten Rücken des Mittelleibes, hinsichtlich der langgestreckten Glieder des Hinterleibes, welche mehr oder weniger uneben sind, der verhältnismäßigen Bohrerlänge und der Färbung der Beine große Ahnlichkeit mit Rhyssa. Unsere Abbildung führt den Ephialtes manifestator (Fig. 4, S. 342) in beiden Geschlechtern vor. Ihn zeichnen vor den anderen, in der Färbung sehr übereinstimmenden Arten die abgerundet rhombischen Flächen aus, welche durch die seitlichen Knoten mitten auf den mittleren Hinterleibsgliedern entstehen, die im Vergleiche zu ihren Schienen längeren Hinterfüße sowie endlich die kurze Behaarung an der Bohrerscheide. Am schwarzen Körper haben nur die Flügelschüppchen die braunrote Färbung der Beine und wiederum diese nur die hintersten Füße und Schienen schwarz. Das Mal der gelblichen Flügel ist dunkelbraun, ihre Spiegelzelle dreieckig. Wie alle Ephialtes-Arten in der Körperlänge ungemein schwanken, je nach der Größe der Larve, in welcher sie wohnten, so kommt auch die in Rede stehende kleiner und noch kräftiger vor als das abgebildete Weibchen. Ich besitze ein solches von circa 3,5 em Körper- und fast derselben Bohrerlänge, letzterer nur in seiner Scheide gemessen; da er aber aus einer Bauchspalte kommt, seine Wurzel mithin weiter vorn sitzt, jo ist er um ein gut Teil länger als sein Futteral. Das stets kleinere Männchen zeichnet sich durch größere Schlankheit des Hinterleibes aus. In der Sommerzeit, wie sie der Kalender begrenzt, treiben sich die Ephialtes-Arten in den Wäldern umher, vorzugsweise an zerbohrten Baumstämmen, denn hier nur finden sie die Wiege für ihre Nachkommen. Sehr bedächtig tastet das Weibchen mit vorgestreckten Fühlern, deren Spitze bogenförmig nach unten steht, überall umher, verweilt forschend, wie riechend, bei jedem Bohrloch und vertieft sich so in diese Arbeit, daß sein scheues Wesen schwindet, und man in nächster Nähe dabei stehen kann, ohne es zu verscheuchen. Ist endlich die rechte Stelle gefunden, so wird der Hinterleib hoch emporgehoben, so daß das Tier förmlich auf dem Kopfe steht, die Bohrerspitze eingeführt und behutsam bis zur Larve vorgeschoben, wobei der Hinterleib mit seiner Spitze allmählich herabgeht, während die Scheide immer senkrecht nach oben gerichtet ist. In solcher Stellung verharrt die Wespe, bis das Ei gelegt ist, und befindet sich währenddessen in einem vollkommen hilflosen Zustande, indem sie sich selbst anheftete. Die im nächsten Jahre erwachsene Larve spinnt ein schwarzes, walziges Gehäuse, die ihr entschlüpfte Wespe frißt sich durch und gelangt durch das Bohrloch des Wohntieres zur Freiheit. Ich habe die Männchen mancher kleineren Arten aus Glasflüglerraupen erzogen (Sesia sphegiformis), aus der einer
Schwammmotte (Scardia polypori), aus den knotigen Anschwellungen, welche die Larve des kleinen Pappelbockkäfers (Saperda populnea) hervorbringt, ferner aus einem Kiefernzapfen. Sie alle schmarotzen bei im Holze verborgenen Larven, wie schon der lange Bohrer des Weibchens beweist, scheinen aber beim Eierlegen mehr den Bohrlöchern zu folgen, da es ihnen nicht möglich sein dürfte, zwischen den Gefäßen des harten, d. h. sehr dichten, Eichenholzes einzudringen, wie die Rhyssa-Weibchen in die weichen Hölzer. Sonst weichen sie von den eben genannten in der Lebensweise nicht ab.