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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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J) Gemeine Holzweſpe (Sirex juvencus): Weibchen, Larven, Puppe; alles natürliche Größe. 2) Gemeine Halmweſpe (Cephus pygmaeus) und deren Larven in geſpaltenen Roggenhalmen. 3) Pachymerus calcitrator, eine bei ihr ſchma— rotzende Sichelweſpe. 4) Die Cephus-Larve vergrößert, daneben ein Puppenlager.

einer Eucalyptus-Art. Nach wenigen Tagen erscheinen die dunkelgrünen Lärvchen und fressen gesellig, wie es scheint, des Nachts. Die Mutter sitzt schützend über den Eiern und der jungen Brut, während für gewöhnlich die Mütter nicht mehr sind, wenn letztere zum Leben erwacht. — Man kennt bis jetzt mindestens 1000 verschiedene Glieder der Familie und darunter eine Anzahl, bei denen jungfräuliche Fortpflanzung beobachtet worden ist.

Am 3. Oktober 1857 bemerkte ich an einem Kiefernstamme, einige Fuß über der Erde eine große, stahlblau erglänzende gemeine Holzwespe oder Kiefern-Holzwespe (Sirex juvencus), welche ihren schnurgeraden, von der Mitte des Hinterleibes ausgehenden schwarzen Bohrer genau in der Weise in das von der Rinde entblößte Holz eingesenkt hatte, wie es unsere Abbildung zeigt. Da in den betreffenden Büchern der Juni, Juli, höchstens noch August als die Schwärmzeit der Holzwespen angegeben wird, so überraschte mich die Erscheinung. Ich näherte mich behutsam, merkte aber bald, daß ich einen wohl erhaltenen — Leichnam vor mir hatte. Es fehlten mir die nötigen Werkzeuge, um in dem gesunden Holze nachzugraben und zu sehen, ob die sorgsame Mutter ein Ei abgesetzt und nicht mehr Kraft genug gehabt hatte, ihren Bohrer wieder herauszuziehen. Dieselbe Erfahrung ist auch von anderen Seiten gemacht und beim Nachsuchen kein Ei entdeckt worden. Es liegt daher die Vermutung nahe, daß jene im Drange ihrer Pflichterfüllung die schon vorher aufgewandten Kräfte überschätzt habe und mitten in ihrem Berufe gestorben sei. Infolge späterer Erfahrungen konnte mich die Zeit, in der sich die Wespe zeigte, nicht mehr in Verwunderung setzen, denn einige Jahre nachher hatte ich noch am 7. November ein zwar sehr kleines, aber doch lebensfähiges Weibchen an einem gefällten Baumstamme umherspazieren sehen, und im nächsten Jahre erschienen von der Mitte des September an die Wespen so massenhaft in der Gegend von Halle, wie sonst nie. Am 20. des genannten Monats saßen am Stamme einer etwa 25jährigen Kiefer nicht weniger als sechs Weibchen, von denen vier ihren Bohrer zur Hälfte der Länge in das Holz versenkt hatten. Sie unbeschädigt heraus zu bekommen, war nur durch Anfassen des letzteren mit Anwendung ziemlicher Kraft möglich; wollte man die Wespe selbst ergreifen und an ihr ziehen, so würde man sie mitten entzweireißen, und der Hinterleib mit dem Bohrer würde im Holze sitzen bleiben, wie ich mich mehrfach überzeugte. Diese und die folgende Art erscheinen in manchen Jahren besonders zahlreich, jedoch ergibt sich aus den Aufzeichnungen durchaus keine Regelmäßigkeit in der Wiederkehr dieser Häufigkeit. Was von der Entwickelung zu erzählen ist, stimmt bei beiden überein; hierüber erst dann, wenn wir ihre Bekanntschaft gemacht haben. Ein Gattungsmerkmal eigentümlicher Art besteht darin, daß der vorderste Brustkastenring in zwei gegeneinander verschiebbare Halbringe zerfällt, von denen der obere den Vorderrücken, der untere die Vorderbrust bildet; überdies bemerkt man am Hinterrücken zwei luftlochähnliche Spaltöffnungen und am Munde keine Kiefertaster. Der Hinterleib endet in einem bei den verschiedenen Arten wenig anders geformten Afterdorn, welcher schon bei der Larve angedeutet ist und jedenfalls beim Auskriechen der Wespe aus dem Holze gute Dienste leistet. Ihm schmiegt sich unterwärts die Bohrerscheide dicht an. Die genannte Art ist, wie bereits erwähnt, stahlblau, an den Beinen von den sehr kurzen Schenkeln ab rotgelb, an den Flügeln gelb. Zwei Rand-, vier Unterrand⸗ und drei Mittelzellen legen Zeugnis von ihrem reichen Geäder ab. Das Männchen kleidet sich wesentlich anders. Ein breiter Gürtel um den Hinterleib ist gelbbraun, und die breitgedrückten Schienen und Füße der Hinterbeine nehmen an der dunkeln Körperfarbe teil. Die durchschnittliche Größe eines Weibchens beträgt 26 mm, die eines Männchens die Hälfte; ich besitze aber auch ein Männchen von fast 22 mm Länge und

ein Weibchen, welches deren nur 11 mißt. Solche bedeutende Unterschiede lassen sich hier, wo die Ernährung an einem und demselben Orte geschieht, kaum erklären. Die Larve hat einen hornigen Kopf, Fühlerstumpfe, keine Augen und kräftig entwickelte, aber unsymmetrische Kinnbacken: die Zähne der rechten Hälfte stehen wagerecht neben-, die der linken senkrecht übereinander. |

Die Riesen⸗ oder Fichten-Holzwespe (Sirex gigas) hat einen gelben Hinterleib mit schwarzer Spitze beim Männchen, oder mit bald hinter der Wurzel beginnendem schwarzen Gürtel beim Weibchen, Kopf und Brustkasten sind matt schwarz, an jenem die dick vorquellenden Backen und die Fühler gelb, ebenso sämtliche Beine. Sie findet sich in Gegenden, wo Fichten (Pinus Picea) wachsen, weil sie als Larve vorzugsweise diesen Nadelbaum bewohnt. Beide Arten erscheinen einmal früher, einmal später im Jahre, jedoch nicht leicht vor Ende Juni, und leben kurze Zeit. Außer in Jahren, in denen sie besonders häufig sind,

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  1. Weibchen und 2) Männchen der Riesen-Holzwespe (Sirex gigas). Natürliche Größe.

kommen sie uns kaum zu Gesichte; denn sie halten sich an den betreffenden Stämmen oder deren Kronen ziemlich verborgen. Beim Fliegen verursachen sie ein lautes Brummen, dem einer Hornisse nicht unähnlich; höchst wahrscheinlich stehen die erwähnten Spaltöffnungen des Hinterrückens hiermit im innigsten Zusammenhange. In welcher Weise je ein Ei bis 18 mm tief dem gesunden Holzstamme einverleibt wird, sahen wir bereits. Die bald ausgeschlüpfte Larve bohrt sich tiefer ein und nagt, je größer sie wird, immer mehr an Breite zunehmende, geschlängelte Gänge, welche zuletzt über 4,5 mm im Durchmesser haben können. Dieselben find mit Spänen und den Auswürfen gefüllt. Wie lange Zeit die Larve gebraucht, ehe sie erwachsen ist, weiß man mit Sicherheit nicht anzugeben; ein Jahr mindestens, es können aber auch mehrere vergehen, wie wir aus einigen, gleich näher zu erwähnenden Wahrnehmungen zu schließen berechtigt sind. Die erwachsene Larve nagt als Puppenlager das Ende ihres Ganges etwas weiter aus und arbeitet nachher, wie Ratzeburg meint, von da aus einen Kanal bis unter die Oberfläche des Stammes, um der Wespe den Ausgang zu erleichtern. Daß bohrende Schmetterlingsraupen diese Vorsicht gebrauchen, ist hinreichend bekannt; der Schmetterling wäre ja auch unfähig, sich zu befreien. Nicht in dieser unbeholfenen Lage befindet sich die Holzwespe; daß sie nagen kann und es sehr gut versteht, haben zahlreiche Fälle bewiesen. Ich lasse also auch dahingestellt sein, „ob ihr die Larve die Befreiung aus dem Kerker so leicht macht“. Der

1) Weibchen und 2) Männchen der Rieſen-Holzweſpe (Sirex gigas). Natürliche Größe.

Umstand, daß die im Nutzholz lebende Larve oft mit in unsere Behausungen verschleppt wurde, die der Fichtenholzwespe mehr als die andere, führte die Bekanntschaft mit dem vollkommenen Kerfe bei Leuten herbei, welche es draußen im Freien in ihrem ganzen Leben nicht zu sehen bekommen und sich darob sehr verwunderten, urplötzlich von einer so sonderbaren Nachbarschaft Kenntnis zu erhalten. Wie Bechstein erzählt, erschien im Juli 1798 in der Buchdruckerei zu Schnepfenthal 10 Tage hintereinander jeden Morgen eine große Menge der gelben Art aus dem neugelegten Fußboden und schwärmte an den Fenstern umher. Im Hause eines Kaufmannes zu Schleusingen erschienen in demselben Monat (1843) dieselben Wespen massenhaft, aber aus den das Jahr vorher eingebrachten Unterlagen der Dielen; sie hatten sich also auch durch diese hindurch arbeiten müssen. In Bautzen kamen im August 1856 aus derselben Stelle, wie in Schleusingen, 60—80 Stück der gemeinen Holzwespe zum Vorschein; das Haus war seit 2½ Jahren fertig, und die Balken hatten vorher eine Zeitlang frei gelegen. Während dieser mögen die Eier abgesetzt worden und von da an etwa 3 Jahre verstrichen sein, bis die Wespen die Dielen durchbohrten. Nach einer mir jüngst zugegangenen Mitteilung kamen aus den Balken und den darüber liegenden Dielen eines 1889 neuerbauten Hauses der Münchener Hofbuchdruckerei Anfang Juli 1891: 20 Riesenholzwespen zum Vorschein. Auch in Bergwerke sind die Larven schon verschleppt worden und dann haben die ausgeschlüpften Fliegen als Berggeister die Grubenlichter verlöscht. Man weiß sogar, daß sie selbst Bleiplatten außer dem Holze durchbohrten, um ihrem Drange nach Freiheit gerecht zu werden. Kollar berichtet nämlich, daß zu Wien im neuen Münzgebäude wiederum die gelbe Art nicht nur sehr dicke hölzerne Pfosten, sondern auch die 43 mm starken Bleiplatten eines Kastens durchbohrt habe, welcher zur Aufbewahrung von Metalllösungen bestimmt gewesen war. Mehrfache Durchbohrungen der Bleikammern in Schwefelsäurefabriken waren früher schon in Nußdorf beobachtet worden und später in Freiberg, wo es die stahlblaue Holzwespe gethan hatte. Man sieht aus den angeführten Beispielen, wie unangenehm unter Umständen diese Tiere werden können, welche durch ihren Fraß dem Baume als solchem durchaus keinen Schaden weiter zufügen. — Außer einigen anderen, aber selteneren Arten, welche in Europa leben, ernährt das nördliche Amerika noch weitere, teilweise sehr ähnliche. — Eine zweite Holzwespengattung, Niphydria, kommt in nur wenigen und seltenen Arten aus Laubhölzern (Birken, Eichen, Pappeln und anderen). Der kugelige, außer: ordentlich bewegliche Kopf sitzt an einer halsartigen Verlängerung der Vorderbrust, trägt bedeutend kürzere Fühler und am Munde drei- over viergliederige Lippentaster wie bei den vorigen, aber auch Kiefertaster, und zwar fünfgliederige; in der Bildung des Brustkastens stimmt sie mit der vorigen überein.

Die gemeine Halmwespe (Cephus pygmaeus, Abbild. S. 349, Fig. 2) verbirgt sich keineswegs vor den Blicken derer, welche überhaupt dergleichen Geziefer sehen wollen. Denn sie besucht vom Mai ab die gelben Ranunkeln, die Schafgarbe und andere Blumen, welche den Feldrainen und begrasten Gräben längs der Felder ihr buntes Aussehen verleihen. Im warmen Sonnenschein sieht man sie lebhaft von Blume zu Blume fliegen und Honig naschen, auch Bekanntschaften unter sich anknüpfen; bei bedecktem Himmel sitzt sie still und träge. Ich habe schon 5 oder 6 Stück zu einem Knäuel aufeinander hockend gefunden und daraus ihren heftigen Drang nach Paarung ersehen. Das kleine, 3 Linien lange Tierchen erkennt man leicht an dem glänzend schwarzen, reichlich gelb gezeichneten Körper, dessen zusammengedrückter Hinterleib beim Weibchen eine kurze Bohrer: scheide nach oben heraustreten läßt, und an den schwach keulenförmigen Fühlern, welche einem fast kugeligem Kopfe aufsitzen. Zwei Rand- und vier Unterrandzellen zeichnen den Vorderflügel, ein etwas hakig gebogener Enddorn die Vorderschiene, ein überzähliger zur

Seite die Mittelschiene und zwei dergleichen die Hinterschiene aus. So harmlos diese Wespchen erscheinen, so unangenehm können ihre Larven (Fig. 4) den Roggen- und seltener auch den Weizenfeldern werden, in deren Nähe man die Fliege auch am sichersten zu sehen bekommt. Nach der Paarung begibt sich nämlich das Weibchen an die Halme, bohrt einen der obersten Knoten an und läßt hier ein Ei sitzen, nur eins an jedem Halme. Der Eierstock enthält 12—15 Eier, deren Unterbringung dieselbe Arbeit von neuem erfordert. Nach ungefähr 10 Tagen schlüpft die Larve aus und begibt sich sofort in das Innere der Röhre. Hier nährt sie sich von den abgenagten Spänen der Innenwände, durchfrißt die Knoten und spaziert auf und nieder, dicht eingezwängt in die enge Klause; denn man findet sie aufrecht und mit dem Kopfe nach unten stehend, oben oder unten, und die Kotkrümchen an verschiedenen Stellen beweisen, daß sie da war, einzelne Häute mit der hornigen Kopfschale, daß fie sich gehäutet hat. Sie hat eine S-förmige Gestalt, sobald man sie aus der Röhre herausnimmt, einen knotigen Körper, welcher nach hinten allmählich dünner wird, und läßt an der Brust höchstens warzenartige Anschwellungen, aber keine eigentlichen Füße erkennen, wie beispielsweise die Larven der Nußbohrer oder ähnlicher Rüsselkäfer. Am hornigen Kopfe unterscheidet man kurze Fühlerchen, je ein Auge und kräftige Mundteile. Gegen die Erntezeit ist sie vollkommen erwachsen, zieht sich zurück bis zum untersten Halmende und spinnt sich in ein Seidengehäuse. In diesem und also in der Stoppel bleibt sie über Winter liegen, und erst 14 Tage vor der Schwärmzeit wird sie zu einer gemeißelten Puppe. Was wird aber aus dem Halme, welchen sie innerlich bearbeitete? Demselben sieht man nichts an, wohl aber seiner Ahre, welche sich frühzeitig entfärbt. Wenn auch die gefunden Ihren zu reifen beginnen und das Ansehen die kranken von ihnen nicht mehr unterscheiden läßt, so braucht man sie nur zu befühlen. Bekommt man eine Ahre zwischen die Finger, welche in ihren unteren Teilen sich als körnerlos und schwach erweist, so kann man mit ziemlicher Gewißheit darauf rechnen, beim Spalten des Halmes den Übelthäter zu entdecken. Gleichzeitig und an gleichen Orten mit der Halmwespe treibt sich eine fast noch längere, schlanke Schlupfwespe umher, der zu den Sichelwespen gehörige Pachymerus calcitrator (Fig. 3, S. 349), welcher später als jene dieselben Halme aufsucht, um die bereits dort hausende Larve mit einem Eie zu beglücken; denn er schmarotzt, meines Wissens, ausschließlich bei dieser Zwergsägewespe. — Es gibt noch einige sehr ähnliche Arten, deren Lebensgeschichte man bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat, und nur von der einen (Cephus compressus) weiß man, daß sie als Larve vom Marke einjähriger Zweigspitzen der Birnbäume lebt.

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