Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Dolerus heißt eine andere Gattung, deren grob punktierte, meist ganz schwarze, zur Abwechselung auch stellenweise rot gefärbte, zahlreiche Arten uns im ersten Frühjahr begegnen und mit angezogenen Beinen und Fühlern wie tot von den Grasstengeln oder Weidenblüten sich zur Erde fallen lassen, wenn sie merken, daß sie ergriffen werden sollen. Zwei Rand- und drei Unterrandzellen durch Verschmelzung der sonst zweiten und dritten bilden neben den fadenförmigen, plumpen, neungliederigen Fühlern die Erkennungszeichen. Die beiden rücklaufenden Adern münden in die mittelste Unterrandzelle.
Ein Heer kurz eiförmiger Gestalten, zu denen die kleinsten der ganzen Familie gehören, vereinte man unter dem gemeinsamen Merkmale von zwei Rand- und vier Unterrandzellen, deren zweite und dritte die rücklaufenden Adern aufnehmen, und von neungliederigen, meist fadenförmigen Fühlern, welche nur die Länge von Kopf und Mittelleib zusammengenommen erreichen, und nannte die Gattung Selandria. Je nach Beschaffenheit der lanzettförmigen Zelle, der Anzahl der geschlossenen Zellen in dem Hinterflügel, dem Größenverhältnis der Fühlerglieder hat man die zahlreichen Arten auf eine Reihe von Unter: gattungen verteilt und dabei noch manchmal seine liebe Not, die unansehnlichen Wesen nach den vorhandenen Beschreibungen richtig zu benennen. Man trifft sie vom Frühling
an bis in den Sommer hinein meist auf Gebüsch, an rauhen Tagen ruhig und teilnahmlos dasitzend, aber immer bereit, sich tot zu stellen, wenn man ihnen zu nahe kommt, sehr beweglich und lustig umherfliegend, wenn ihnen die Sonne warm auf den Leib scheint.
Wir begnügen uns hier mit nur zwei Arten und gedenken zunächst der schwarzen
Kirschblattwespe (Selandria oder Eriocampa adumbrata), wobei wir bemerken, daß fie nicht Selandria aethiops heißt, wie in vielen Büchern zu lesen, sondern daß unter letzterem Namen ein anderes schwarzes Blattwespchen aus nächster Verwandtschaft gemeint ist, welche im Larvenstand an Rosenblättern lebt. Die Kirschblattwespe ist glänzend schwarz, nur an den Vorderschienen, vorn wenigstens, blaßbraun. Die durch die Mitte getrübten Vorderflügel haben eine schräge Querader in der Lanzettzelle und die Hinterflügel zwei Mittelzellen. Bei einer Körperlänge von 5,5 mm spannt sie deren 11. In den ersten Tagen des Juni, aber auch später, kriechen die Wespchen aus ihren mit Sand: körnchen fest durchwebten Gehäusen, welche flach unter der Erde während des Winters gelegen haben, aus und begeben sich auf den Baum oder Strauch, unter dessen Schirme sie geruht haben, und der ein Kirsch-, Birnen-, Pflaumen-, Aprikosenbaum oder ein Schlehenstrauch sein kann. Meist im Juli und während des August bis später fallen an den genannten Obstarten glänzend schwarze, nach Tinte riechende Larven auf, welche einzeln oder in größeren Gesellschaften beisammen auf der Blattoberseite sitzen und diese nebst dem Blattgrün verspeisen, die Unterhaut jedoch unversehrt lassen. Diese wird alsbald braun, und schließlich hat die ganze Kronenspitze des bewohnten Baumes ein braunes, florartiges Ansehen. Nach viermaliger Häutung ist die zwanzigfüßige Larve, deren frisches Kleid stets grüngelb aussieht, aber alsbald nachher durch Ausschwitzung die schwarze Farbe annimmt und einer nackten Schnecke nicht unähnlich sieht, erwachsen und geht zum Einspinnen in die Erde. Wegen des ungleichmäßigen Ausschlüpfens der Wespe kann man dieselbe fast ein Vierteljahr lang beobachten, ohne zwei Bruten annehmen zu müssen. Sie fliegt in Deutschland, Frankreich und Schweden und wird bisweilen durch ihre Larve recht lästig. In unserer Gegend hatte sie sich vor einigen Jahren ungemein ausgebreitet, und im Spätsommer wimmelten alle an den Landstraßen angeflanzten Sauerkirschen von ihrer Larve.
Die Pflaumen-Sägewespe (Selandria oder Hoplocampa fulvicornis) hat eine in der Mitte zusammengezogene lanzettförmige Zelle, ist gleichfalls glänzend schwarz, durch gelbliche, kurze Behaarung an Kopf und Brustkasten sowie durch feine Punktierung hier weniger glänzend, an den kurzen Fühlern mehr oder weniger rötlich braungelb sowie an den Beinen, mit Ausnahme der schwarzen Schenkelwurzel an den Hinterbeinen. Dies Wespchen ist wenig kleiner als das vorige, stellt sich zur Zeit der Pflaumenblüte auf den Bäumen ein, um Honig zu lecken, sich zu paaren, und das Weibchen, um seine Eier unterzubringen, welche einzeln in einen Kelchabschnitt gelegt werden. 5—6 Wochen später ist die in der unreifen Frucht vom Kerne derselben lebende Larve erwachsen, fällt mit jener vom Baume, bohrt sich durch ein seitliches großes Loch heraus, um in die Erde einzudringen, wo sie in einem festen Gespinste überwintert. Die gelblichrote Larve, mit gelbem Kopfe und 20 Beinen versehen, verdünnt sich nach hinten, riecht stark wanzenartig und verrät ihre Gegenwart durch eine Harzthräne oder ein Kotklümpchen an der ungefähr mandelgroßen, vor der Zeit bläulich angehauchten Zwetsche. Wo dieses Wespchen häufiger vorkommt, müssen die Bäume gründlich zu jener Zeit durchgeschüttelt und die herabfallenden Früchte sorgfältig gesammelt und vernichtet werden, um hierdurch die Larven zu beseitigen. — Verschiedene grüne Afterräupchen leben in der verschiedensten Weise an den Rosenblättern oder in den jungen Trieben der Rosenstöcke unserer Gärten und entwickeln sich zum Teil gleichfalls in hierher gehörige Wespchen, doch es würde zu weit führen, auch
nur annähernd derer zu gedenken, welche als Fliegen oder Larven den Sommer über dem aufmerksamen Naturfreunde in auffälliger Weise begegnen.
Die Rüben⸗Blattwespe (Athalia spinarum) wird durch ihre Larve, besonders aus der zweiten Brut, für den Landwirt mitunter zur Plage, indem sie die Blätter der Steckrüben und der jungen Olsaaten im September vollkommen kahl frißt. Die dottergelbe Wespe, welche am Kopfe und an den Fühlern, am Mittelleibsrücken, mit Ausnahme des Halskragens und Schildchens, und am Vorderrand der Vorderflügel bis zum Male schwarz erglänzt, hat schwarz und gelb geringelte Füße, etwas keulenförmige, elfgliederige Fühler und das Flügelgeäder genau so, wie es Figur 9 auf Seite 214 darstellt. Sie erscheint zuerst aus der überwinterten Larve im Mai und wird kaum bemerkt, weil sie nur einzeln fliegt; bloß ausnahmsweise hört man jetzt über die ihr entstammenden Larven klagen, wie beispielsweise von den Krautgärtnern in der Gegend von Halle im
- Rüben⸗Blattwespe (Athalia spinarum) nebft Larven. 2) Männchen; 3) Weibchen der Rosenblattwespe (Hylotoma rosae) nebst Larven. Alles natürliche Größe.
Juni 1886. Ende Juli und August schwärmt die Wespe zum zweiten Male und fällt durch ihre Häufigkeit leicht in die Augen, wenn sie im Sonnenschein auf Wiesenblumen, an Weidengebüsch, an Sträuchern der Waldränder geschäftig umherfliegt und dem Honig oder den Süßigkeiten der Blattläuse nachgeht. An rauhen Tagen sitzt sie still und verdrossen mit angezogenen Beinen und läßt sich herabfallen, wenn man ihr nahe kommt. Junge Olsaaten kommen ihr nun trefflich zu statten, um hier ihre Eier zu versenken. Im September und Oktober machen sich die graugrünen, schwarz gestreiften Larven durch ihren Fraß leicht kenntlich. Sie haben 22 Beine und werden durch das Zusammenfließen der schwarzen Zeichnungen und Striche über den Rücken manchmal ganz schwarz, so daß man sie inEngland „nigger“ genannt hat, im Gegensatze zu der grünen Raupe der Gamma— Eule, welche ungefähr zu gleicher Zeit bisweilen gleichfalls Verheerungen auf den Feldern anrichtet. Im Oktober sind die Niggers erwachsen, gehen flach unter die Erde und fertigen sich ein mit Krümchen derselben untermischtes Gehäuse, in welchem sie überwintern. — Einige andere Blattwespen gleichen in Färbung und Größe der in Rede stehenden ungemein, können aber nicht mit ihr verwechselt werden, wenn man Flügelgeäder und Fühlerbildung einer genauen Prüfung unterwirft; nur eine Art, die Athalia rosae, stimmt mit ihr auch in diesen Beziehungen überein, unterscheidet sich jedoch von ihr durch geringere Größe und den durchaus schwarzen Rücken des Brustkastens.
Die größten von den schlanken, echten Blattwespen gehören der alten Gattung Tenthredo an, welche in ihrer heutigen Begrenzung noch sehr zahlreiche Arten umfaßt, die sich nicht immer leicht voneinander unterscheiden lassen; Arten,bei denen öfters Männchen und Weibchen in der Farbe nicht übereinstimmen; besonders kommt es häufig vor, daß ein durchaus schwarzer Hinterleib des letzteren einem schwarz und roten des zugehörigen Männchens entspricht. Die Tenthreden find schmucke und kecke Tiere, die ein: e„ zigen unter den Blattwespen, welche bisweilen einen anderen Kerf mit ihren kräftigen Kinnbacken zusammenarbeiten und verzehren. Fleisch gehört zwar nicht zu ihrer gewöhnlichen Kost, sie verschmähen es aber nicht, wie ich einigemal zu beobachten Gelegenheit fand. Neungliederige Borstenfühler, welche in der Regel den Hinterleib an Länge über: treffen, 2 Rand- und 4 Unterrandzellen in den Vorderflügeln und Hinterhüften, welche höchstens bis zum Hinterrand des zweiten Hinterleibsgliedes reichen, kennzeichnen neben der gestreckten Körperform die Gattung, welche man nach der Beschaffenheit der lanzettförmigen Zelle in eine Reihe von Untergattungen zerlegt hat. Um auf ein paar leicht kenntliche Arten aufmerksam zu machen, bei denen die lanzettförmige Zelle von = gerader Querader geteilt wird und in den Hinterflügeln zwei Mittelzellen vorkommen (Tenthredo im engeren Sinne), sei die auf Weidengebüsch hierzu Lande recht gemeine grüne Blattwespe (Thenthredo scalaris) erwähnt. Sie sieht lichtgrün aus und trägt auf dem Rücken von Mittel- und Hinterleib mehr oder weniger ausgedehnte schwarze Flecke, welche in der Regel auf letzterem als Mittelstrieme zusammenhängen. — Tenthredo viridis, eine Art, welche, bevor Klug durch seine Bearbeitung dieser Wespen manche Irrtümer beseitigte, häufig mit der vorigen verwechselt wurde, ist vorherrschend schwarz, und die lichtgrüne Färbung spielt nur eine untergeordnete Rolle. — Die gelbgehörnte Blattwespe (Thenthredo flavicornis) hat, wie ihr Name andeutet, nicht nur gelbe Fühler, sondern auch gelbe Beine und einen gelben, schwarz bespitzten Hinterleib. Sie gehört zu den zierlichsten Arten und mißt 13 mm. i
Die Arten, deren Hinterhüften sich so weit verlängern, daß sie fast bis zum Hinterrand des dritten Hinterleibsgliedes und somit die Spitze ihrer Schenkel bis zu der des Hinterleibes reichen, hat man unter dem Gattungsnamen Macrophya zusammengefaßt. — Allantus unterscheidet sich von Tenthredo nur durch die kürzeren, wenig den Mittelleib übertreffenden Fühler, welche einem auffallend dicken Grundgliede aufsitzen; alles übrige ist wie dort, besonders auch die Flügelbildung. e stein Spin
In der Rosen-Bürsthornwespe (Hylotoma rosae, Fig. 2 u. 3, Abbild. ©. 359) erblicken wir ein zierliches Tierchen, welches nach Größe und Färbung mit der Rüben-Blattwespe verwechselt werden könnte, sich aber bei näherer Betrachtung in einigen wesentlichen Punkten von derselben unterscheidet. Einmal haben die Flügel nur eine Randzelle, und
zwar ist dieselbe auf Vorder- und Hinterflügel mit einem Anhange versehen — wie dort kommen auch hier vier Unterrandzellen vor —, die lanzettförmige Zelle schnürt sich in der Mitte ein; sodann bestehen die Fühler aus nur drei Gliedern. Das sehr lange dritte nimmt beim Weibchen eine schwach keulenähnliche Form an, während es beim Männchen auf der Unterseite wie eine Bürste mit dichtem Borstenhaar besetzt ist. Zu diesen Merkmalen kommen als Charakter der Gattung noch die einfachen Klauen aller Füße und ein Seitendorn der hintersten Schienen. Die Art breitet sich von Schweden bis Italien über Europa aus, ist nirgends selten, ihre Larve vielmehr allen Rosenliebhabern bekannt und verhaßt. Sie hat nur 18 Beine und eine Länge von 15—19,5 mm. Ihre Grundfarbe ist bräunlichgrün, auf dem Rücken liegen jederseits des grünen Rückengefäßes gelbe, allmählich in die Grundfarbe übergehende Flecke, die öfters zusammenfließen und den ganzen Rücken pomeranzengelb färben. Auf jedem Gliede, mit Ausnahme der beiden
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Birken⸗Knopfhornwespe (Cimbex betulae). a Larven, b Männchen, e Weibchen, d geöffnetes Puppengehäuse. Natürliche Größe.
letzten, stehen sechs Paar glänzend schwarze Warzen von verschiedener Größe als Träger von ebenso vielen Borstenhärchen. An sie schließt sich jederseits noch ein größerer schwarzer Fleck mit mehreren Borsten und an diesen endlich ein kleinerer an. Die beiden letzten Ringe haben kleinere Flecke und der letzte einen einzelnen auf dem After. Unmittelbar nach jeder Häutung erscheinen die Warzen als große, graue Blasen mit vielen schwarzen Pünktchen, welche nur allmählich ihre gewöhnliche Farbe und Gestalt annehmen. Man findet die eben beschriebene Afterraupe vom Juli bis September auf Rosen, wilden und angepflanzten, wo sie die Blätter so behandelt, wie es unsere Abbildung lehrt. Zur Verwandlung spinnt sie ein doppelhäutiges Gewebe, dessen äußere Hülle maschige Zwischenräume läßt. Aus den im Juli erwachsenen Larven erscheint die Wespe im August, die späteren überwintern und schlüpfen erst im nächsten Jahre aus. Hier kommen also wieder zwei Bruten vor. Das Weibchen sägt in die jungen Zweige zwei gleichlaufende Reihen von Einschnitten, jeden für je ein Ei. Infolge dieser Verwundung krümmt sich die Stelle und wird schwarz. — Noch andere, mitunter durchaus blauschwarze Arten mit meist gefärbten Flügeln kommen vor, wie beispielsweise die Sauerdorn-Bürsthornwespe (Hylotoma berberidis), deren bunte Larve manchmal in großen Mengen am Sauerdorn (Berberis) sitzt. Brasilien, China und Japan ernähren ihre besonderen Arten. Eine sehr nahe verwandte Gattung ist das Spalthorn (Schizocera), bei welcher der Randzelle