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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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Birken⸗Knopfhornweſpe (Cimbex betulae). a Larven, b Männchen, e Weibchen, d geöffnetes Puppengehäuſe.

ein Anhang, der Hinterschiene der Seitendorn fehlt und sich das dritte Glied der männlichen Fühler gabelartig spaltet.

Die Birken⸗Knopfhornwespe (Cimbex betulae) mag in beiden Geschlechtern die letzte Gruppe zur Anschauung bringen, welche durch die Keulenform der Fühler und durch Plumpheit des Körpers leicht kenntlich wird. Diese hinsichtlich der Breite und Schwerfälligkeit des letzteren die Hummeln unter den Blattwespen darstellenden Kerfe haben zwei Rand- und drei Unterrandzellen nebst einer durch eine gerade Querader geteilten Lanzettzelle als Gattungsmerkmale. Die Arten, bei welchen sich letztere inder Mitte zusammenzieht, sind unter dem gemeinsamen Namen Abia abgeschieden worden. Kopf, Brustkasten und Beine sind bei der vorstehenden schwarz oder gelb behaart, jedoch nichtso dicht, daß dadurch die schwarze Farbe und der Glanz der Oberfläche bedeckt würden. Der Hinterleib ist mehr oder weniger rotbraun, beim Weibchen auch lichter, Fühler wie Körper braungelb oder rein gelb gefärbt, die Flügel sind wasserhell oder gelblich, neben dem Male braun gefleckt und am Saume getrübt. Die erwachsene Larve ist lebhaft grün, reichlich, aber fein querfaltig, mit weißen Wärzchen unregelmäßig bestreut, besonders an den Seiten, hat eine nach vorn abgekürzte, schwarze Längslinie mit gelblicher Einfassung über den Rücken, einen gelben Kopf und 22 Füße. In der Jugend wird sie durch einen weißen Staubüberzug einfarbig. Sie frißt vereinzelt auf Birken und hat die ihresgleichen eigne Gewohnheit, aus den Körperseiten einen grünlichen Saft ausfließen zu lassen, wenn fie an-gefaßt wird, doch fließt der Saft nicht so reichlich wie bei anderen. Beim Ruhen am Tage pflegt sie zusammengerollt an der Unterseite der Blätter zu sitzen, beim Fressen die reitende Stellung einzunehmen, wie beides unsere Abbildung auf S. 361 vergegenwärtigt. Wenn sie erwachsen ist, so fertigt sie an einem Zweige ein pergamentartiges, braunes Tönnchen, in welchem sie vom September oder Oktober an das ganze nächste Jahr hindurch bis zum Mai des folgenden zu ruhen pflegt und wenige Wochen vor dem Schwärmen der Fliege zur Puppe wird. Die dieser entschlüpfte Wespe nagt ein Deckelchen vom Gehäuse und erscheint, und wäre es in der Westentasche, wie es einst einem meiner Freunde erging, der für mich ein Gespinst mitgenommen, dort aufbewahrt und abzuliefern vergessen hatte. Viel Mühe mag ihr dies nicht verursachen, denn ihre Kinnbacken wirken so kräftig, daß sie den Finger eines Kindes blutig kneipen können. Andere ähnliche Arten leben auf Weide, Eller, Buche. Was die Namen anlangt, jo sei noch bemerkt, daß der wissenschaftliche neu ist. Klug hatte nämlich in seiner monographischen Bearbeitung (1829) eine große Anzahl verschiedener, ineinander übergehender Formen, welche die früheren Schriftsteller als Cimbex femorata, C. sylvarum und andere aufgestellt hatten, unter dem Namen Cimbex variabilis vereinigt. Da seitdem die Zucht aus der Raupe gelehrt, daß dies nicht gut zulässig, hat später Zaddach den obigen Namen in Anwendung gebracht.

Hiermit verabschieden wir uns von den Hautflüglern, nicht ohne die Gefühle der Bewunderung und Dankbarkeit gegen fie; denn wir haben gar viele unter ihnen kennen ge: lernt, welche es nicht minder als die Honigbiene verdienen, als das Sinnbild und Muster eines unermüdlichen Fleißes und einer strengen Ordnungsliebe aufgestellt zu werden. Indem wir sie verlassen, gehen wir zu denen über, welche im schroffsten Gegensatze zu ihnen den Leichtsinn und die Flatterhaftigkeit zur Schau tragen.

Dritte Ordnung.

Die Schmetterlinge, Falter (Lepidoptera, Glossata).

Unter Berücksichtigung des Gesamteindruckes, welchen die Körpertracht eines Kerbtieres bei dem Beschauer hervorruft, müssen wir den Hautflüglern die Schmetterlinge, jene bunten Lieblinge unserer naturforschenden Jugend, folgen lassen. Die drei vollkommen verwachsenen Brustringe, welche naturgemäß den Mittelleib abschließen, der frei davor sitzende Kopf mit seinen geraden, immer deutlich bemerkbaren Fühlern, der vorwiegend gestreckte, durchweg mit Chitinmasse gepanzerte Körper und die vier Flügel, welche ihre Inhaber befähigen, den feuchten, unsaubern Erdboden zu verlassen und im lustigen Gaukelspiel die würzigen Lüfte zum gewöhnlichen Aufenthalt zu wählen, dies alles, aber auch außerdem das Verlangen nach Süßigkeit und nach den Perlen des Taues, um das kurze Leben zu fristen, und die scharf geschiedenen drei Entwickelungsstufen haben die Schmetterlinge mit den Aderflüglern gemein. Auch sie grenzen sich sehr bestimmt von allen anderen Kerfen ab durch die Bildung ihrer Mundteile und die Beschaffenheit der Flügel und können darum unmöglich mit dem Gliede einer anderen Ordnung verwechselt werden, selbst dann nicht, wenn in einzelnen Fällen durch Verkümmerung der Flügel das Luftleben versagt worden ist.

Die Mundteile sind saugende. Wie schon früher bemerkt, bildet hier der Unterkiefer, auf der Innenseite jeder Hälfte halbröhrenförmig ausgehöhlt, einen längeren oder kürzeren, aufrollbaren Saugapparat, die sogenannte Rollzunge (Fig. 10, S. 8), eine Bezeichnung, welche freilich die Wissenschaft nicht billigen kann, weshalb hier der Ausdruck Rüssel gewählt ist. Oberlippe und Oberkiefer werden von den Forschern in drei unbeweglichen Hornplättchen wieder erkannt, welche so klein und durch die Bekleidung des Gesichts so versteckt sind, daß ein Uneingeweihter wohl vergeblich danach sucht; ein kleiner dreieckiger Zipfel mit jederseits dreigliederigen Tastern läßt sich dagegen bequem als Unterlippe unter dem Saugapparat erkennen. Die Taster geben als Freßspitzen (Palpen) besonders bei Kleinfaltern wichtige Unterscheidungsmerkmale ab. Die Kiefertaster endlich finden sich meisten teils vor, verkümmern aber zu kurzen zweigliederigen Anhängseln und erlangen nur bei den Schaben (Tineina) als „Nebenpalpen“ mitunter in Länge und Gliederzahl eine ungewöhnliche Ausbildung. g

Die vier Flügel, deren vordere die hintersten an Größe in den meisten Fällen bedeutend übertreffen, werden in ziemlich gleichmäßiger Weise vorherrschend von Längsadern durchzogen. Weil die neueren Systematiker ein großes Gewicht auf deren Verlauf legen, so können wir die wesentlichsten Verhältnisse und die dafür üblichen Bezeichnungen nicht gänzlich mit Stillschweigen übergehen. Aus der Mitte der Wurzel entspringt eine Zelle, die Mittelzelle (Diskoidalzelle), welche ungefähr in der Mitte der Flügelfläche durch eine

kurze, meist gebogene oder gebrochene Querader geschlossen wird, in selteneren Fällen aber auch offen bleibt. Die dem Vorderrand des Flügels (costa) zugewandte Grenze der Zelle heißt vordere Mittelrippe, die entsprechende der entgegengesetzten Seite die hintere Mittelrippe. Diese beiden Benennungen ergeben sich aus derjenigen Lage der Flügel, welche man ihnen zu geben pflegt, um den Schmetterling in einer Sammlung aufzustellen; nach ihrer Richtung zum Leibe würden sie bezüglich äußere und innere Mittelrippe zu beu nennen sein. Aus beiden Mittelrippen und aus der Querrippe entspringt eine Anzahl von Längsrippen, welche in den Saum und Vorderrand des Flügels münden. Diese werden am Saume vom Innenwinkel an gezählt, wobei man von zwei anfängt, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, ob sie gesondert aus den beiden Mittelrippen und der Querrippe kommen, oder ob zwei oder mehrere sich wurzelwärts vereinigen und auf gemeinschaftlichem Stiele aus jenen entspringen. Außer den eben besprochenen finden sich am Innenrande 1—3 Rippen und zwar auf dem vorderen meist nur eine, selten zwei, welche aus der Flügelwurzel kommen und in den Saum oder Innenrand verlaufen. Diese heißen Innenrands—⸗ oder Dorsalrippen und führen alle die Zahl 1; wo mehrere vorhanden find, unterscheidet man sie von der Wurzel nach dem Saume, also dem Innenwinkel zu, durch 1a, 1b, 10. Am Außenrand entspringt die Vorderrandsrippe (Costalrippe, Costa) unmittelbar aus der Wurzel des Flügels; sie erhält beim Zählen stets die höchste Nummer. Im Hinterflügel verbindet sich dieselbe bei vielen Nachtfaltern mit der vorderen Mittelrippe in der Nähe der Wurzel auf eine kurze Strecke oder bis zu dieser hin und scheintin diesem letzteren Falle aus der Mittelzelle zu kommen. Die Verteilung ist indes nicht so einfach, wie man hiernach glauben sollte, weil im Vorderflügel die vordere Mittelrippe hintereinander drei Aste aussendet und dadurch allerlei Unterschiede bedingt, welche für viele Schmetterlinge charakteristisch werden können. Im Hinterflügel sendet dieselbe nur zwei Aste aus, welche in den Saum verlaufen und größere Übereinstimmung zeigen.

Die durch zwei aufeinander folgende Rippen und das Stückchen Flügelrand zwischen ihnen gebildeten Zellen bezeichnet man ebenfalls mit der Zahlenreihe, so zwar, daß die Zelle jedesmal die Ziffer derjenigen Rippe erhält, auf welche sie in der Richtung von innen nach außen folgt. So wird beispielsweise ein offene Mittelzelle zu der sehr langen Zelle 4, weil sie zwischen Rippe 4 und 5 liegt. In anderen Fällen wird die genannte durch eine oder auch durch zwei überzählige Längsrippen geteilt; bisweilen gabelt sich eine dieser Rippen saumwärts und bildet am Ende der Mittelzelle, inihr selbst eine kleine, dreieckige, die sogenannte eingeschobene Nebenzelle. Auch an ihrem Vorderwinkel kann durch eigentümlichen Aderverlauf eine Anhangszelle entstehen, und endlich ist im Hinterflügel vor ihrem Wurzelteile eine größere Nebenzelle möglich. Dies in allgemeinen Umrissen das mehr verborgene Skelett der Flügel; den höchsten Wert aber für das Auge und für ihre Schmetterlingsnatur verleiht ihnen die äußere Bedeckung. Wenn man sagt, die Schmetterlingsflügel seien mit abwischbarem Staube überzogen, so drückt man sich mindestens sehr ungenau aus, denn jedermann weiß, daß es nicht formlose, beliebig aufgestreute, außerordentlich feine Körperchen sind, für welche wir eben keinen anderen Ausdruck als „Staub“ haben, welche den Flügeln ihre Schönheit verleihen, sondern sehr zarte Schüppchen von ganz bestimmtem regelmäßigen Zuschnitte. Dieselben heften sich mit längeren oder kürzeren Stielchen lose an die Flügelhaut in bestimmten Reihen an, decken sich, hier dichter, dort loser, wie die Ziegel auf dem Dache und haben in einem und demselben Flügel, je nach der Stelle, welche sie einnehmen, je nach der Schmetterlingsart, verschiedene Größe, Form, Farbe, Oberfläche. In der Mitte der Flügelfläche pflegt die meiste Übereinstimmung zu herrschen, wenn wir die Farbe ausschließen, an dem Innenrand und Saume gehen die Schuppen in haarartige Gebilde oder in wirkliche Haare über, wie auch häufig auf der

Unterseite; die den Saum einfassenden heißen Fransen. Es gibt brasilische Schmetterlinge, deren Flügel gar keine Schuppen tragen, und auch in Europa eine Sippe zierlicher Falter, die Glasflügler, bei denen ein großer Teil des Flügels durchsichtig bleibt, dafür nehmen die Schuppen des übrigen Teiles die verschiedensten Formen an. Das Streichen der Reihen, ob sie gerade oder gebogen, das festere oder losere, bisweilen sogar senkrechte Aufsitzen der einzelnen Plättchen, bieten neben der Größen-, Formen- und Farbenverschiedenheit eine nicht geahnte Abwechselung und verleihen dem unnachahmlichen Gemälde den höchsten Zauber. | Der „Naturselbstdruck“, in welchem auf verschiedenen Gebieten die Wiener Staats: druckerei zuerst das Beachtenswerteste im großen geleistet hat, wurde längst schon auf sehr einfache, aber wesentlich verschiedene Weise zum Übertragen von Schmetterlingen auf Papier angewendet. Dieses Verfahren, welches sogleich näher angegeben werden soll, hat gelehrt, daß in sehr vielen Fällen, ganz besonders bei den Tagschmetterlingen, welche sich dazu am besten eignen, die Rückseite der Flügelschüppchen mit ihrer Oberseite übereinstimmt. Dies gilt beispielsweise nicht von denjenigen, deren Flügel je nach dem verschieden auffallenden Lichte anders gefärbt erscheinen, von den sogenannten Schillerfaltern. Selbstverständlich kann man nur die Flügel auf Papier übertragen, den Leib mit den Fühlern und Beinen muß man mit dem Pinsel ergänzen. Wer sich ein Schmetterlings-Bilderwerk auf diese Weise selbst beschaffen will, merke Folgendes. Eine nicht zu flüssige Lösung von recht reinem Gummi arabikum mit einem geringen Zusatze von Trachantgummi, welches jenem den Glanz benimmt, wird als Bindemittel benutzt. Man bestreicht nun, annähernd in der Form, welche etwa die vier Flügel eines gut ausgebreiteten Schmetterlings einnehmen würden, mit dieser Lösung das Papier in dünner Schicht, muß aber wegen des raschen Trocknens die Flügel, welche abgedruckt werden sollen, in Bereitschaft halten. Ein frisch gefangener Schmetterling eignet sich dazu am besten, ein alter muß auf feuchtem Sande erst aufgeweicht werden, weil seine Schuppen fester sitzen als bei jenem. Mit Vorsicht gibt man nun, natürlich ohne zu schieben, den Flügeln auf dem Gummi die Lage, welche sie einnehmen sollen, läßt für den nachzutragenden Mittel- und Hinterleib den nötigen Zwischenraum zwischen der rechten und linken Seite, legt dann ein Stück glattes Papier über die Flügel und reibt mit dem Fingernagel vorsichtig, damit keine Verschiebung möglich, unter mäßigem Drucke über die abzuklatschenden Flügel, alle ihre einzelnen Teile berücksichtigend. Ist alles in Ordnung, so muß man beim nachherigen Abheben der Flügel das Bild derselben auf dem Papier, keine Schuppe mehr auf der Innenseite dieser finden. Die über die Ränder hinausstehenden, das Auge möglicherweise verletzenden Fleckchen des Bindemittels lassen sich durch Wasser und Pinsel ohne Mühe entfernen. Dieses Verfahren kann man durch Umbrechen des Papiers, wenn man Vorder- und Rückseite zugleich haben will, in Kleinigkeiten abändern, wird aber bei einiger Übung immer den gewünschten Erfolg haben.

Die Hinterflügel sind nicht selten mit einem feinen Dorn oder einem Büschel feiner Borsten versehen, welche in die vorderen eingreifen und das Zusammenhalten beider bewerkstelligen. — Man hat, um sich bei Beschreibung der Zeichnungen bestimmter ausdrücken und auf dem Vorderflügel, welcher auch hier wieder die wichtigste Rolle spielt, zurechtfinden zu können, seine Fläche in drei Hauptteile, das Wurzel-, Mittel- und Saumfeld, zerlegt. Da es eine große Menge von Schmetterlingen gibt, bei denen durch zwei einfache oder zusammengesetzte Querbinden eine solche Einteilung markiert wird, die vordere Querbinde das Wurzel- vom Mittelfeld, die hintere dieses vom Saumfeld trennt, jo hält man diese Anschauungsweise auch da fest, wo durch das Fehlen jener Binden keine sichtlichen Grenzen gezogen werden. Wie Form, Zeichnung und Aderverlauf der Flügel für die Arten charakteristisch sind, so auch die Haltung derselben in der Ruhe.

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