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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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dringende Mahnung, durch aufmerksame Beobachtung ein Feld ausbauen zu helfen, welches noch sehr der Pflege fähig ist, ein Feld, welchem nur vereinigte Kräfte wirklich Ersprießliches abgewinnen können. Aa

Um des mächtigen Heeres dieser Schlupfwespen einigermaßen Herr zu werden, hat man sie in fünf Sippen geteilt, welche zwar in ihren Hauptformen scharf geschieden sind, 74 aber durch dem Ordner immer Schwierigkeiten bereitende Übergänge teilweise ineinander verschmelzen. In die Mitte möchte ich die Ichneumonen (Ichneumones) stellen, als den Kern, die edelsten Formen der Familie. Der niedergedrückte, lanzettförmige Hinterleib ist gestielt, so zwar, daß der Hinterteil des ersten Ringes mit den übrigen höher steht als die Wurzel des Stieles. Die Luftlöcher jenes befinden sich hinter seiner Mitte und liegen einander nicht näher als dem Hinterende des Ringes. Der Bohrer verbirgt sich meist vollständig im Leibe. Die Spiegelzelle ist fünfeckig mit dem Streben, nach dem Vorderrande zu einen Winkel zu bilden. Die Fühler haben etwas geschwollene Glieder, sind beim Männchen immer borstig, beim Weibchen ebenso oder fadenförmig und im Tode vorn mehr oder weniger geringelt. Die Felder des Hinterrückens sind hier am vollzähligsten und seine Luftlöcher nur bei den kleineren Arten kreisrund. Die Ichneumonen stellen die buntesten Schlupfwespen, Weibchen, an deren Körper Rot, Schwarz und Weiß oder Gelb sich vereinigen, diejenigen reinen Farben, welche in der Familie überhaupt nur zur Geltung kommen; auch nehmen wir hier die größten Geschlechtsunterschiede im Kleide wahr. Die Larven, soweit man sie kennt, zeichnen sich durch eine gewisse Welkheit aus und scheinen nicht zu spinnen, weil ihnen größere Schmetterlingspuppen als Gehäuse dienen. Man erzieht die Wespen nach meinen Erfahrungen nur aus solchen, und zum Ausschlüpfen nagen sie ihnen den oberen Kopfteil weg. Das Weibchen beschenkt daher die Raupe nur mit einem Ei.

Die Cryptiden (Cryptidae) haben die Form des gestielten Hinterleibes und die schwachknotigen Fühler mit den Ichneumonen gemein, auch zum Teil die fünfeckige Spiegelzelle, welche hier zum Quadrat hinneigt, und eine weniger vollkommene Felderung des Hinterrückens, unterscheiden sich aber von denselben durch einen in der Ruhelage hervortretenden Bohrer, welcher aus einer Bauchspalte kommt, sowie dadurch, daß die Luftlöcher des ersten Hinterleibsgliedes einander näher stehen als dem Ende desselben; auch kommen hier meist viel schlankere Fühlerglieder vor und vielfach Verdickung vor der Spitze. Die Angehörigen dieser Sippschaft gehen schon viel zu weit auseinander, um mit wenigen Worten vollständig charakterisiert werden zu können; die einzigen, im weiblichen Geschlechte wenigstens flügellosen Ichneumoniden finden wir hier in der Gattung Pezomachus von Gravenhorst vereinigt.

Eine dritte Sippe, die Pimplarier (Pimplariae), kennzeichnet sich im allgemeinen durch einen sitzenden, niedergedrückten Hinterleib, an dessen erstem, nicht gebogenem Gliede die Luftlöcher in oder vor der Mitte stehen und über dessen letztes Glied der weibliche Bohrer oft sehr lang hinausragt. In der Regel ist die Spiegelzelle dreieckig, fehlt aber auch ganz. Die Felderung des Hinterrückens tritt sehr zurück, seine Luftlöcher sind häufiger kreisrund und sehr klein als länglich, die Fühlerglieder vorherrschend vollkommen walzig und undeutlich voneinander geschieden.

Die Sichelwespen (Ophionidae) stimmen in dem meist geradstieligen, von den Seiten zusammengedrückten Hinterleib überein, aus welchem der Bohrer kaum hervorragt. Die Fühlerglieder find cylindrisch, bei Hellwigia elegans, einem zierlichen, gelb und braun gefärbtem Wespchen, werden sie um so dicker, je näher sie der Spitze kommen. Die Spiegelzelle ist dreieckig oder fehlt.

Von den Tryphoniden (Tryphonidae) endlich läßt sich eigentlich nur sagen, daß sie diejenigen seien, welche nach Ausscheidung der vorigen von der ganzen Familie noch

übrigbleiben. Bei vielen allerdings wird der teils sitzende, teils gestielte Hinterleib dadurch charakteristisch, daß er drehrund und von vorn nach hinten etwas dicker wird, also kolbig verläuft und den Bohrer kaum sehen läßt; wo dies nicht der Fall, erinnert die Körpertracht an eine der übrigen Sippen, aber die Bildung der Fühler oder der Flügel oder eines anderen Teiles läßt die Verbindung damit nicht zu. Sie halten sich gern am Schilfe und schilfartigen Gräsern auf.

Ein gemeiner Tryphonide ist der 11 mm lange Exenterus marginatorius (Fig. 1), kenntlich an den gelben Hinterrändern der Hinterleibsringe, veränderlich gelber Zeichnung an Kopf und Brustkasten auf schwarzem, durch Runzelung rauhem Untergrunde und am Mangel jeglichen Enddornes der gelben, schwarz bespitzten Hinterschienen. Durch

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  1. Exenterus marginatorius, die Larve der Kiefernblattwespe überf n, von der Schlupfwespe; 3) von dem rechtmäßigen Bewohner verlassen. 4) Bassus albosignatus, auf eine Syrphuslarve eindringend. 6) Banchus falcator, die Raupe der Forleule beschleichend; 7) Larve der Schlupfwespe. Natürliche Größe.

einen Bogeneindruck scheidet sich das Kopfschild vom Gesicht ab. Eine dreieckige Spiegelzelle kommt dem Vorderflügel zu, und der Hinterleib sitzt mit seinem nach vorn kaum verschmälerten, oben zweimal gekielten Grundgliede an dem etwas gefelderten, steil abfallenden Hinterrücken. Die Wespe fliegt vorzugsweise in Kiefernwäldern, weil sie hier für ihre Larve in der gemeinen Kiefernblattwespe (Lophyrus pini) das Wohntier antrifft. Mit der allen Schlupfwespen eignen Spürgabe und durch die fortwährende Beweglichkeit ist die grüne, fast erwachsene Larve der Kiefernwespe vom Schlupfwespenweibchen bald aufgefunden. Es wird ihr äußerlich ein Ei durch ein Häkchen angehängt, was sie trotz ihres abwehrenden Umherschnellens mit dem Körper leiden muß. Sie spinnt sich nun ein tonnenförmiges Gehäuse, um darin, wie sie in den gesunden Tagen gewohnt ist, zu überwintern. Das Schmarotzerei kriecht aus, die Larve bleibt äußerlich sitzen und saugt ihren Wirt gründlich aus, von welchem sich schließlich nur noch die zusammengeschrumpfte Haut in der einen Ecke des von ihm angefertigten Gespinstes vorfindet, während der Eindringling sein eignes anfertigt, welches den Innenraum von jenem nur halb ausfüllt. Statt der Blattwespe arbeitet sich im nächsten Jahre durch die doppelte Umhüllung unser Tryphonide heraus, und zwar nicht durch einen am Scheitel abgenagten Deckel, wie es die Blattwespe gethan haben würde, sondern durch ein unregelmäßiges, immerhin aber rundes Loch seitwärts des Scheitels. Eine andere Gattung, von welcher mehrere zierliche und bunte Arten häufig vorkommen, heißt Bassus und wird leicht kenntlich durch das fast quadratische Grundglied,

1) Exenterus marginatorius, die Larve der Kiefernblattweſpe überf n, von der Schlupfweſpe; 3) von dem rechtmäßigen Bewohner verlaſſen. 4) Bassus albosignatus, auf eine Syrphuslarve eindringend. 6) Banchus falcator, die Raupe der Forleule beſchleichend; 7) Larve der Schlupfweſpe. Natürliche Größe.

mit welchem der stark niedergedrückte, kurz ovale Hinterleib am Brustkasten sitzt. Einigen Arten fehlt die Spiegelzelle, bei anderen ist sie vorhanden und dreieckig, die erste rücklaufende Ader winkelig gebogen. Der Bassus albosignatus (Fig 4, S. 335) hat keine weiteren Entdeckungsreisen anzutreten, wenn er seine Eier unterbringen will. Als fleißiger Besucher von Blattlauskolonien, deren Süßigkeiten er nachgeht, findet er in den von den Blattläusen selbst lebenden Maden der Schwebfliegen (Syrphus) den Gegenstand seines Verlangens. Die wie ein kleiner Blutegel gestaltete Made wird mit einem Ei beschenkt. Das scheint sie wenig zu kümmern; denn sie frißt weiter, wird größer und spinnt sich zuletzt ihr tropfenförmiges Gehäuse, welches seitlich der Länge nach einer Nadel, einem Blatte oder einem anderen Pflanzenteil angeheftet ist. Unmittelbar in diesem Gespinste entwickelt sich aber keine Fliegen-, sondern eine Schlupfwespenpuppe und aus dieser das Wespchen, welches 5,17— 8,57 mm lang, wahrscheinlich je nachdem es in einer kleineren oder größeren Syrphus-Larve schmarotzte, und an seinem schwarzen Körper reichlich weiß gezeichnet ist, am Kopfschilde nämlich, an den inneren Augenrändern, den Flügelschüppchen und darunter, dem Schildchen und Hinterschildchen, den Hinterrändern mehrerer Leibesglieder und endlich in einem Ringe an den schwarzen Hinterschienen; im übrigen sehen die Beine lebhaft rot aus. Dem Vorderflügel fehlt die Spiegelzelle. Noch andere Arten wurden bei gleicher Lebensweise betroffen, eine als Schmarotzer in der Larve von Marienkäferchen (Coceinella), welche bekanntlich gleichfalls die Blattläuse aufzehren.

Der Banchus falcator, dessen Weibchen Fabricius für eine andere Art hielt und Banchus venator genannt hat, ist eine Sichelwespe, aber insofern noch keine echte, als der sitzende Hinterleib erst in seiner zweiten Hälfte den Sippencharakter annimmt und sich von den Seiten her stark zusammendrückt. Die Gattung läßt sich überdies noch an dem Schildchen erkennen, welches in einem mehr oder weniger scharfen Dorn ausgezogen ist, an den linienförmigen Luftlöchern des Hinterrückens, der fast rhombischen Spiegelzelle und den gekämmten Fußklauen. Beide Geschlechter unterscheiden sich nicht nur in der Färbung des Körpers, sondern auch in der Form des Hinterleibes, und daraus lassen sich die von verschiedenen Forschern begangenen Fehler leicht erklären. Beim Männchen wird der sichelförmig gekrümmte Hinterleib in der Seitenansicht von vorn nach hinten breiter, stutzt sich am Ende schräg nach unten ab und läßt hier ein paar Läppchen hervor: sehen, welche für die Bohrerscheide gehalten werden könnten, während sie den männlichen Geschlechtsteilen angehören. Über dem so gebildeten glänzend schwarzen Hinterleib liegen bei der genannten Art vier gelbe, sattelartige Flecke. Von gleicher Farbe sind die schlanken Beine, mit Ausnahme der Hüften und Schienenspitzen an den hintersten, Schildchen, Flügelschüppchen, ein Dreieck davor, zwei Längsflecke darunter und endlich der größte Teil des Vorderkopfes samt der Unterseite der fadenförmigen Fühler. Das Weibchen vergegenwärtigt die Abbildung (Fig. 6, S. 335) und zeigt vor allem einen spitz verlaufenden Hinterleib. Es trägt sich vorherrschend schwarz, nur die Vorderhälfte des Hinterleibes, die Beine mit Ausschluß sämtlicher Hüften und der Schienenspitze an den hintersten sehen gelblich-rot aus. Bei beiden Geschlechtern trüben sich die Flügel in Gelb. Die Banchen schmarotzen in Schmetterlingsraupen, vorzugsweise in solchen von Eulen. Dieselben gelangen nicht zur Verpuppung, sondern statt ihrer Puppe erscheint ein schwarzes Gehäuse, wie das vom Banchus falcator abgebildete. Ein solches Gespinst hat bedeutende Festigkeit, denn es besteht aus 6—7 dicht aufeinander liegenden Häuten, welche alle durchnagt sein wollen, ehe der Kerf seine Freiheit erlangt. Derartige Futterale scheinen den Sichelwespen besonders eigen zu sein; denn ich erzog daraus die verschiedensten Arten derselben, wie beispielsweise mehrere der verwandten Gattung Exetastes. Auch bei ihr sitzt der Hinterleib an, spitzt sich beim schlanken Männchen zu, während er beim Weibchen nach hinten etwas breiter

wird (in der Seitenansicht) und den Bohrer kurz hervorragen läßt. Die Klauen sind hier einfach, die Luftlöcher des Hinterrückens oval oder kreisrund; die verhältnismäßig kleinere Spiegelzelle hängt nicht selten an einem Stielchen.

Die bei weitem größere Menge der Sichelwespen kennzeichnet sich durch einen gestielten, nach hinten allmählich breiter werdenden Hinterleib und eine Körpertracht, wie sie das Anomalon auf unserem Bilde vergegenwärtigt. An den Bäumen und Gebüschen, vorzugsweise der Wälder, suchend zwischen ihren Blättern, schwebt in höchster Anmut die

Kiefernspinner-Sichelwespe (Anomalon circumflexum, Fig. 6) und ihre zahl: reichen, sehr ähnlichen Verwandten. Zierlich streckt sie ihre langen Hinterbeine aus, hält die Fühler in die Höhe und den schmächtigen Hinterleib sanft geschwungen nach unten. Sie läßt sich zuzeiten auf ein Blatt nieder, um den Honigsaft, den eine Blattlaus spendete,

II.

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Kiefernspinner-Sichelwespe (Anomalon eircumffexum): 1—5) Entwickelungsstufen; außer 4 alles vergrößert. 6) Weibliche Wespe. 7) Ophion undulatus, eine Cucullienraupe anstechend; 8) vergrößertes Puppengehäuse von Ophion undulatus.

aufzusaugen, oder von einem noch übriggebliebenen Regentropfen zu naschen, und erhebt sich darauf wieder zu neuem Spiele, aber stets mit einer gewissen Ruhe und Würde, als wenn ihr jede Bewegung von einem Tanzmeister schulgerecht beigebracht worden wäre und sie sich befleißige, pedantisch alle Regeln des Anstandes zu befolgen. Hat sie eine ihre genehme Raupe gefunden, so wird dieselbe mit einem Ei beschenkt. Die demselben entschlüpfte Larve lebt frei in der Raupe, ist 2,25 mm lang, nicht viel dicker als ein Pferdehaar, hat einen braunen, hornigen Kopf, einen langen Schwanz und sieht genau aus wie Figur 1. Auf einer zweiten Stufe ihrer Entwickelung, welche Figur 2 darstellt, wächst sie in der Breite und verkürzt sich in der anderen Richtung, weil der Schwanz mehr schwindet. Der Hauptstrang der Atmungswerkzeuge mit den ersten Anfängen seiner Verzweigung beweist den Fortschritt in der Entwickelung. Auf der dritten Stufe (3) finden sich die Luftröhren vollständig verzweigt, aber noch keine Luftlöcher; Ratzeburg fragt, ob etwa der weiter verkürzte, sichelförmige Schwanz deren Stelle vertreten möchte. Zu den anfangs vorhandenen Kinnbacken haben sich Unterkiefer und Lippe eingefunden, gegliederte Taster und Fühler sind vorgesproßt und dadurch die Mundteile vervollständigt. Diese Larvenform fand Ratzeburg in eine Haut eingeschlossen, deren Gegenwart er sich nicht erklären konnte. Auf der vierten Stufe (4) endlich erhält die Larve die Beschaffenheit, in welcher man andere Schmarotzer kennt. Der Kopf erscheint jetzt verhältnismäßig klein, mehr zum Saugen

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX. 22

Kiefernſpinner-Sichelweſpe (Anomalon eircumffexum): 1—5) Entwickelungsſtufen; außer 4 alles vergrößert. 6) Weib—
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