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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

PDF document862 original pagesPublished 1892
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Bracon, die erste Gattung der Rundmäuler, welche wir zur Sprache bringen, besteht aus sehr vielen Arten; denn man kennt deren in Deutschland etwa 200, und sie sind es, welche von diesen kleineren Schlupfwespen am zahlreichsten aus den Gleicherländern für unsere Sammlungen eingehen, vielleicht weil sie dort vorherrschen, vielleicht auch weil sie durch ihre gefällige Form und die häufig bunt gefärbten Flügel mehr als andere unscheinbare Tierchen in die Augen fallen und von den unkundigen Sammlern für etwas Ge: schätzteres gehalten werden. Der fast kugelige, am hinteren Teile gerundete und nicht scharf gerandete Kopf, die gleiche Länge beider Schulterzellen im Vorderflügel, der sitzende oder kaum gestielte elliptische oder lanzettförmige Hinterleib, dessen erster Ring kürzer als die vier folgenden zusammengenommen ist, und die oben beschriebene Mundbildung charakterisieren die Gattung, welche bis 13 mm lange heimische und merklich größere ausländische Arten aufzuweisen hat. Der mehr schlanke, nach vorn und hinten etwas verengerte Brustkasten ist mit Ausnahme des Hinterrückens immer glatt und blank, die Fühler sind stets lang, der Bohrer des Weibchens ragt mehr oder weniger weit vor. Die rötlichen oder gelben Farben herrschen meist an den Beinen, am Hinterleib und weniger am Kopfe vor, zu den Seltenheiten gehören die ganz hellen oder ganz schwarzen Arten. Sehr häufig sind die Flügel, deren vordere übrigens 2 oder 3 Unterrandzellen haben können, stark getrübt, bis fast schwarz, und bei ausländischen Arten mit lebhaft gelben Flecken oder Binden gezeichnet. Die Braconen scheinen vorzugsweise in Weibchen des Bracon palpebrator. denjenigen Käferlarven zu schmarotzen, welche absterbendes Stark vergrößert. Holz bewohnen, wie Bock-, Rüssel⸗, Bohrkäfer, deshalb trifft man sie auch am meisten auf altem Holze an, wenn sie nicht auf Blumen dem Honigsaft nachgehen.

Wir geben hier in dem Bracon palpebrator eine Art, welche von Ratzeburg in beiden Geschlechtern zahlreich aus Kiefernknüppeln erzogen ward, die mit Pissodes notatus, einem hier lebenden und Schaden anrichtenden Rüsselkäfer, erfüllt waren. Der Rücken des Mittelleibes ist durchaus glatt und glänzend, das ganze Tier schwarz; rot sind die Beine mit Ausnahme der hintersten, allenfalls noch der mittleren Hüften, der Unterhals, Gesicht und Stirn bis zu den Fühlern, beim Männchen auch meist die Wurzel und endlich der Hinterleib mit Ausnahme eines schwarzen Fleckes auf dem ersten Ringe, beim Weibchen öfters auch auf den folgenden Gliedern.

Eine ganz ähnliche Körperform wie Bracon bildet die gleichfalls artenreiche Gattung Rogas, indes unterscheidet sie sich bei näherer Betrachtung leicht von jener. Der breite, quere Kopf ist am Hinterhaupt scharf gerandet, das zweite Hinterleibsglied vom dritten durch eine tiefe Querfurche geschieden, der Bohrer verborgen oder nur sehr wenig sichtbar. Die Vorderflügel haben immer drei Unterrandzellen. Alle bisher erzogenen Arten stammen aus Schmetterlingsraupen, und zwar höchst eigentümlich zugerichteten. Die Schlupfwespe spinnt sich im Inneren derselben ein und versteinert sie gewissermaßen in gekürzter und verkrüppelter Form. Man findet dergleichen Mumien, welche man noch als Raupen erkennt, wenn man auch nicht die Art nennen kann, an Zweigen und Pflanzenstengeln nicht selten. Wer eine sieht, der denke nur daran, daß es ein Rogas war, welcher ihr dieses anthat.

Der Spathius clavatus (S. 331) tft ein treuer Hausgenosse und Mitbewohner unserer Zimmer, sofern es denselben an gewissen Käfern nicht fehlt. Seine Larve schmarotzt nämlich bei den in altem Holzwerk, also im Stubengerät bohrenden Klopfkäfern, besonders

Weibchen des Bracon palpebrator. Stark vergrößert.

bei dem Anobium striatum, und ich möchte vermuten, auch bei dem Pelzkäfer. Jedenfalls darf man ihm nichts zuleide thun, wenn er sich zwischen Juni und August an den Fensterscheiben zeigt. Von Bracon unterscheidet ihn der lange Hinterleibsstiel und der scharfe Rand an den Seiten des Hinterkopfes. Die Vorderflügel haben drei Unterrandzellen, alle von fast gleicher Größe, eine bis zur Spitze fortgesetzte Randader und vom großen Male an einen getrübten Schein durch die sonst glashelle Fläche. Das erste Glied des Hinterleibes bildet in voller Erstreckung den Stiel, ist durch feine Längsrisse, wie das zweite durch sehr dichte Punktierung matt, die folgenden glänzen und alle einigen sich zur Keulenform. Unter der Hinterleibsspitze ragt ein Bohrer von der Länge der Fühler hervor. Das blonde Tier kleidet sich bräunlichrot, nur die Beine sind in den Gelenken bedeutend lichter; seine Größe schwankt zwischen 4,5—8,75 mm, die kleinen Maße fallen bes sonders auf die Männchen, deren Fühler noch schlanker sind.

Von den Exodonten breitet sich die Gattung Alysia am weitesten aus und kennzeichnet sich neben der oben erwähnten eigentümlichen Mundbildung durch einen breiten, sitzenden Hinterleib. Die Alysia manducator hat breite, an der Spitze dreizähnige Kinnbacken, welche, wenn sie klaffen, wie ein paar Seitenflügel, kaum wie Teile des Mundes aussehen, einen dicken, weit hinter die Augen fort: gesetzten Kopf und stark behaarte, beim Weibchen fast perlschnurartige, beim Männchen mehr fadenförmige, bedeutend — „„ längere Fühler. Der Hinterrücken ist grob gerunzelt und F m. matt, wie die Seiten des Brustkastens, der in feiner Länge - li 1 000 il ü 0 15 nicht hinter dem eiförmigen, ziemlich flachgedrückten Hinter: Stun ela e Es de leib zurückbleibt. Das erste Glied desselben ist durch Längs— größert. risse matt, und unter der Endspitze ragt beim Weibchen der Bohrer nur sehr wenig hervor. Eine große Randzelle, drei Unterrandzellen und ein großes, schwarzes Mal zeichnen die Vorderflügel aus. Das ganze Tier ist glänzend und schwarz, die kurzbehaarten Beine sehen braunrot aus, ihre Fersen am dunkelsten. Die Art schmarotzt, wie alle Glieder der Exodonten, in Fliegenlarven (Anthomyia dentipes, Cyrtoneura stabulans und anderen), nicht bei Mistkäferlarven, wie man gemeint hat, weil diese und die Fliegenlarven vielfach dieselbe Wohnstätte miteinander teilen.

Die Familie der echten Schlupfwespen (Ichneumonidae) läßt sich zwar von den voraufgehenden Schmarotzern durch die Flügelbildung leicht unterscheiden, setzt aber die Schwierigkeiten derselben fort, wenn es sich um Erkenntnis der zahlreichen Arten handelt. Die Vorderflügel aller stimmen im Geäder so überein, daß dasselbe nur wenig benutzt werden kann, um die überaus große Zahl der Gattungen voneinander zu unterscheiden. Die Grundform, welche hier vorkommt, wurde auf S. 214, Fig. 3, abgebildet. Danach finden wir zunächst im Vorhandensein zweier rücklaufenden Adern den Unterschied zwischen dieser Familie und den Braconiden, welche in anderer Beziehung zum Teil leicht miteinander verwechselt werden könnten. Ferner verschmilzt hier immer die vordere Mittelzelle mit der ersten Unterrandzelle, und ein kleiner Nervenast deutet oft den Anfang der trennenden Ader an. Somit hat der Vorderflügel einer echten Schlupfwespe ein Randmal, eine Randzelle, drei oder mit Wegfall der mittelsten, der sogenannten Spiegelzelle, nur zwei Unterrand- und zwei Mittelzellen. Ein weiteres, allen Ichneumoniden

Stun ela e Es de

an die Stirn geheftetes Erkennungszeichen sind die vielgliederigen, geraden Fühler, die durchaus gleich dick sind, mit Ausschluß der immer kräftigeren Wurzelglieder, oder nach der Spitze hin dünner werden; etwas keulenförmige kommen sehr selten vor, eher bei gewissen Weibchen solche, die eine Anschwellung oder Verbreiterung vor der Spitze erleiden. Die drei Nebenaugen, der vorn durch das Kopfschild geschlossene Mund, die fünfgliederigen Kiefertaster und Füße, ein sitzender oder dünngestielter Hinterleib sind Merkmale der Ichneumoniden, welche aber auch vielen anderen Immen zukommen, und so bleiben eben nur die Flügel mit ihrem Geäder das wesentlich Unterscheidende. Wenn dieselben fehlen, was bei gewissen kleinen Arten auch vorkommt, kann unter Umständen ein Zweifel entstehen, wo das betreffende Tier einzustellen sei. Keine Schlupfwespe summt beim Sitzen oder Fliegen, jede kann sich also geräuschlos ihrem Schlachtopfer nähern; nur die größeren Arten werden bisweilen durch einen mehr knisternden Flügelschlag hörbar.

Der Vielseitigkeit in der schmarotzenden Lebensweise wurde bereits oben (S. 209 ff.) gedacht, und die Entwickelung der einen und anderen Art soll bei Besprechung der Sichelwespen zusammengefaßt werden. Daß das Wohntier erst dann zu Grunde geht, wenn der Schmarotzer seiner nicht mehr bedarf, liegt in der Art, wie er sich von ihm ernährt. Man nimmt nämlich an, daß er von dem Fettkörper zehre, von einer gelben Masse, welche sich meist um den Darmkanal lagert und denjenigen Nahrungsstoff in sich aufgespeichert enthält, durch welchen der Kerf seine volle, vielleicht hauptsächlich seine geschlechtliche Entwickelung erhält. Alle edleren, das Larvenleben bedingenden Teile bleiben unverletzt, solange der Schmarotzer seine Reife noch nicht erlangt hat.

Es bliebe für die allgemeine Betrachtung nur noch übrig, diejenigen Körperteile etwas näher ins Auge zu fassen, welche zur Unterscheidung der Hunderte von Gattungen und vielen Tausende von Arten dienen.

Die Fühler aller folgen demselben Bildungsgesetz: an ein dickes Grundglied, welches manchmal charakteristisch sein kann, und ein sehr kleines, zweites, meist nur wenig aus dem ersten hervorragendes Glied reihen sich die übrigen an, welche der Geißel der gebrochenen Fühler entsprechen würden und wenigstens von der Hälfte ihrer Gesamtlänge nach der Fühlerspitze zu immer kürzer werden; bleiben sie bis dahin gleich dick, so haben wir den fadenförmigen, werden sie dünner, den borstenförmigen Fühler. Abgesehen hiervon treten in der Gestaltung der einzelnen Glieder noch zwei Bildungsunterschiede auf: entweder, und dies ist der gewöhnlichste Fall, sind alle vollkommmen walzig und dann manchmal schwer zu unterscheiden, oder jedes schwillt nach oben etwas an, und es entsteht ein knotiger Verlauf, der beim Weibchen ringsum, beim Männchen mehr auf der Unterseite bemerkbar wird und an eine stumpfzähnige Säge erinnert. So geringfügig dieser Umstand auch erscheint, so entscheidend wird er doch für den Gesamteindruck, welchen der Fühler auf das Auge des Beschauers macht. Die Weibchen, welche kurze, knotige Glieder in ihren Fühlern führen, ringeln dieselben nach dem Tode immer mehr oder weniger und schmücken sie viel häufiger als das andere Geschlecht mit einem weißen Ringe, oder vielmehr einem Gürtel oder Sattel, info-fern die Färbung an der Unterseite verwischt zu sein pflegt. Das Kopfschild, die Zähne der meist in ihrem Verlaufe ziemlich gleich breiten Kinnbacken und die Gestalt des Kopfes, welcher in der Regel breiter als lang, also quergestellt ist, kommen mehrfach in Betracht. Am Brustkasten verdient besonders der Hinterrücken eine nähere Beachtung, ob seine vorn nach oben liegenden Luftlöcher oval oder kreisförmig sind, ob sich ein vorderer, mehr wagerechter Teil von einem hinteren, abfallenden scharf scheidet, oder ob zwischen beiden ein allmählicher Übergang stattfindet, besonders aber, ob und wie er durch Leisten in Felder geteilt wird. Bei der vollständigsten Felderung, welche möglich ist, kann man 16 Felder unterscheiden, welche alle ihre Namen erhalten haben. Auf der Vorderfläche zählt man dann

fünf: eins in der Mitte, das obere Mittelfeld, als das am meisten charakteristische, Hund jederseits zwei hintereinander gelegene, weiter folgen symmetrisch auf jeder Seite das in die Quere nicht geteilte, in welchem das Luftloch liegt, dann ein größeres weiter nach unten und ein sehr kleines an der äußersten Ecke. Am abschüssigen Teile liegt das größte in der Mitte als unteres Mittelfeld und jederseits noch zwei, welche alle wie breite Strahlen um den Mittelpunkt des Hinterrandes sich ausbreiten, an welchem der Hinterleib befeftigt ist. Dieser nun ist den größten Veränderungen unterworfen. Rücksichtlich seiner Anheftung kommen die bereits mehrfach erwähnten Gegensätze zwischen sitzendem und gestieltem Hinterleib in allen Übergängen zur Geltung. Beim ersten Ringe handelt es sich wieder darum, ob nur der Vorderteil den Stiel bildet, welcher dann gegen den breiteren hinteren, den sogenannten Hinterstiel, eine Biegung nach unten macht, oder ob das ganze Glied, ohne gebogen zu sein, sich allmählich nach vorn verjüngt. Ein sehr wichtiges Merkmal bildet ferner die Stellung der Luftlöcher an diesem ersten Gliede, welche manchmal unter seitlich heraustretenden, knotigen Anschwellungen sitzen und dann leicht erkannt werden, ohne diese aber versteckter sind. In den seltensten Fällen liegen sie gerade in der Mitte des Gliedes, häufiger davor oder dahinter, dem Endrande (der Spitze) desselben näher gerückt. Oberflächenbeschaffenheit, Vorhandensein oder Abwesenheit von Kielen und Furchen, die Art, wie Hinterstiel und Stiel beim Übergang ineinander sich in der Seitenlinie verhalten, und jo mancherlei anderes bedarf oft einer genauen Prüfung. Diese beschränkt sich aber nicht ausschließlich auf das erste Glied, sondern auf alle folgenden; und da treten zunächst wieder zwei Gegensätze hervor, die recht charakteristisch wären, wenn fie die Natur nur auch scharf innehielte: ein von oben nach unten mehr oder weniger breitgedrückter (deprimierter) Hinterleib, welcher im allgemeinen einen ovalen Umriß hat, und. ein von den Seiten her zusammengedrückter (komprimierter) Leib, welcher in seiner vollkommensten Entwickelung am Rücken einen stumpferen, am Bauche einen schärferen Kiel bekommt, von vorn nach hinten breiter wird und in der Seitenansicht an eine Sichel erinnert. Zwischen beiden Formen liegen viele Übergänge, die manchmal zweifelhaft lassen, welche der beiden Grundformen anzunehmen sei, dann entscheiden die übrigen Teile, welche ja niemals außer acht gelassen werden dürfen, und besonders auch die letzte Hälfte des Hinterleibes selbst, der zu den zusammengedrückten zählt, sobald diese darauf hinweist. Sehr charakteristisch wird für viele Weibchen der Hinterleib durch den hervorstehenden, bisweilen sehr langen Legbohrer, von dessen Bau das Nötige bereits beigebracht worden ist. Seine verhältnismäßige Länge und der Umstand, ob er aus der Spitze oder durch eine Spalte am Bauche beim Gebrauche heraustritt, wird bei der Unterscheidung von großer Bedeutung. Die beiden stets etwas behaarten Klappen, welche sein Futteral bilden, sind natürlich immer an der Spitze des Hinterleibes angeheftet, aber darum braucht nicht aus dieser gerade der Bohrer selbst hervorzukommen, vielmehr wird häufig ein gut Teil seiner Wurzel durch den Leib selbst umhüllt. In anderen Fällen fehlt jener äußere Schwanz ganz, weil der kurze Bohrer, welcher hier genau dem Stachel der Stechimmen gleicht, im Bauche selbst hinreichenden Platz findet. Die Kennzeichen am Hinterleib und an den Fühlern prägen sich vorzugsweise bei den Weibchen aus, die daher leichter zu unterscheiden sind als die viel einförmiger gebauten Männchen. Erwägt man nun noch, daß diese auch in der Färbung bisweilen wesentlich von ihren Weibchen abweichen, und daß man die Tiere nur in sehr seltenen Fällen in der Vereinigung antrifft, welche die meisten während der Nacht oder sonst im Verborgenen vornehmen, so wird man die große Unsicherheit, welche in den verschiedenen Ansichten der Forscher ihren Ausdruck findet, die vielen Namen ein und desselben Tieres und die zweifelhaften Vermählungen, welche an toten Stücken in den Sammlungen vorgenommen wurden, leicht begreiflich finden. Gleichzeitig ergeht an den strebsamen Naturfreund die

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