Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. II. 21
die zweite Flügelform kommen hier wie dort vor; die polierte Oberfläche des kleinen Körpers aber und die dünnen, meist diesen an Länge übertreffenden Fühlerchen unterscheiden sie leicht. Bei vielen von ihnen schließt sich die Randzelle nicht vollkommen nach hinten, und bei ein paar Arten erscheinen die Flügel sogar nur stummelhaft, so daß man die Gattung gewiß schon längst in mehrere aufgelöst haben würde, wenn nicht die Entwickelungsgeschichte bei allen so übereinstimmte.
Die Figitiden bilden einen anderen Formkreis, ausgezeichnet durch den gestreckteren Körper, der beim Weibchen durch die kurz vorstehende Legröhre spitz ausläuft, niemals durch eine abstehende Bauchschuppe klafft. Die Randzelle der Vorderflügel ist kurz, dreieckig, höchstens noch einmal so lang wie breit. Die Rückenschuppe des zweiten Hinterleibsgliedes erreicht nicht die halbe Länge des ganzen Hinterleibes, endlich trägt das Männchen vierzehngliederige, das Weibchen dreizehngliederige Fühler. Die artenreichste Gattung Figites (Psilogaster Hartigs) charakterisirt der kurze, ringartige Hinterleibsstiel mit geriefter Oberseite. Die beiden ersten Glieder des eiförmigen, nur schwach zusammengedrückten Hinterleibes gleichen einander so ziemlich auf dem Rücken an Länge, das erste verschmälert sich aber allmählich an der Körperseite nach vorn, ohne an seiner Wurzel behaart zu sein, wie bei anderen Gattungen. Außerdem deckt ein sehr sparsames Haarkleid die Augen. Der glänzend schwarze, nur an den Vorderbeinen von den Knieen abwärts rote Figites scutellaris ist am Kopfe, den Brustseiten und am Schildchen runzelig, am Vorderrande des zweiten Hinterleibsringes gerieft; das hinten gestutzte, gerandete Schildchen ist an seiner Wurzel durch zwei tiefe, fast quadratische Grübchen ausgezeichnet. Diese Art scheint über ganz Europa verbreitet zu sein und schmarotzt bei der Fliegengattung Sarcophaga, wie überhaupt alle Sippengenossen, soweit man dieselben bisher erzogen hat, von Fliegenlarven leben.
Die messerförmige Schmarotzer-Gallwespe (Ibalia cultellator, Fig. 7, S. 319), weicht zu sehr von der vorigen Sippe ab, um ihr zugezählt werden zu können, bildet vielmehr durch den höchst eigentümlichen Bau eine wenig zu der ganzen Familie passende Form. Der sitzende Hinterleib ist von den Seiten so stark zusammengedrückt, daß er sich beinahe wie eine Messerklinge an dem walzigen, langgestreckten Mittelleib, dem Stiele dazu, ausnimmt; feine Glieder haben unter sich gleiche oder beim Weibchen das fünfte geringere Länge. Der oben stark gerunzelte Brustkasten trägt ein fast quadratisches, vor den Hinterecken und in der Mitte des aufgebogenen Hinterrandes sanft ausgerandetes Schildchen. Der nach hinten bogig endende Vorderbrustring verlängert sich nach vorn in einen kurzen Hals, auf welchem der ebenfalls stark gerunzelte, breite Kopf aufsitzt. Die getrübten Flügel haben kräftige schwarze Adern, gehören der ersten Form an, wegen der Dicke des Geäders verschwindet aber die mittlere Unterrandzelle fast ganz. Die Beine sind sehr kräftig, besonders die hintersten. Die reichlich IL mm lange Wespe kleidet sich schwarz, an den vorderen Beinen von den Schienen an und am polierten Hinterleib braunrot. Sie schmarotzt in den Larven der gemeinen Holzwespe, die wir später noch kennen lernen werden. In einem Jahre, welches in unserer benachbarten Heide die genannte Holzwespe in ungewöhnlichen Mengen erzeugt hatte, wimmelte es im Herbst am Stamme einer Kiefer förmlich von diesen mir damals noch unbekannten Schmarotzer-Gallwespen, namentlich deren Männchen. Seitdem ist sie mir in jenem Walde nie wieder zu Gesicht gekommen, sondern nur vereinzelt auf Waldblumen während des Sommers in der Schweiz und einmal an der Außenwand, ein zweites Mal im Stubenfenster eines neuerbauten Hauses, so daß also der Schmarotzer gleich dem Wirte mit den Bauhölzern in die Gebäude verschleppt wird.
Unter dem Namen der Proctotrupiden (Codrinen, Oxyuren älterer Schriftsteller und anderer Fassung) vereinigen die neueren Forscher eine nicht unbeträchtliche Anzahl kleiner Schmarotzer, welche als Übergangsgruppe in ihrer Gesamtheit sich kaum charakterisieren lassen, zu einer (unserer neunten) Familie. Die Bildung ihres Flügelgeäders, manchmal dem der Gallwespen nahestehend, erlaubt darum keine Verbindung mit ihnen, weil das Randmal hier nicht fehlt wie dort; auch die allgemeine Körpertracht verbietet den Anschluß. Auf der anderen Seite kommen Formen vor, welche sich der folgenden Familie zuneigen, wie die gebrochenen Fühler, der Mangel jeder Zelle und jeder Ader in den Flügeln bis auf die des Unterrandes im Vorderflügel darthun; einer Verbindung mit dieser widerspricht aber neben einigen Abweichungen auch der Umstand, daß bei den Weibchen der Legbohrer aus der Spitze des Hinterleibes hervorragt. Die Proctotrupier sind im allgemeinen kleine, schwarze Wespchen, welche, ohne schlank und zierlich zu sein, einen gestreckten Körperbau haben und, ohne träge genannt werden zu können, doch eine gewisse Langsamkeit und Plumpheit an den Tag legen. Wie sich die schwerfällige, unverdrossen thätige Hummel zur wilderen, fahrigen, in allen ihren Bewegungen raschen Sandbiene oder zu anderen Bienenarten verhält, so die Proctotrupier zu den Chalcidiern. Sie bemerken einen herannahenden Feind nicht schon aus weiterer Ferne, suchen sich ihm auch nicht durch schleunige Flucht zu entziehen; sie halten sich am liebsten an feuchten Stellen, unter abgefallenem Laube, in den unteren Schichten dichter Zäune auf, während die ewig beweglichen, nimmer mit den Fühlern ruhenden Chaleidier, deren Weibchen stets ausspähen nach dem Gegenstand, welchem sie ihre Eier anvertrauen wollen, die Sonne lieben, den Schatten wählen zwischen der Fülle grünen Laubwerkes und nur dann jene Orte der Verwesung aufsuchen, wenn sie genötigt sind, bei herannahendem f Winter ein sicheres Lager zu beziehen gegen dessen ver⸗ las tereh ran.9 Eier einesWingelinz derbliche Einflüsse auf ihren zarten Körperbau. Es ners, welche ein Teleas ansticht; alles vergr. ließe sich eine Reihe der zierlichsten Formen vorführen; ) Fer und Wespen in natürlicher Gröbe. doch wo wäre da ein Ende zu finden! Ich ziehe es darum vor, unter Anleitung einer von Ratzeburg entlehnten Abbildung Nachrichten über das Betragen eines dieser Tierchen zu geben und gleichzeitig eine Form vorzuführen, welche lebhaft an die folgende Familie erinnert und zu ihr überleitet.
Wir erblicken hier in gewaltiger Vergrößerung und mit ausgebreiteten Flügeln die weibliche Eierwespe (Teleas laeviusculus Ratzeburgs oder phalaenarum Hartigs) und in den Umrissen der sitzenden Figur den ungemein ähnlichen, in der Hinterleibsspitze aber von ihm verschiedenen Teleas terebrans. Beide Arten und noch zwei andere, welche Ratzeburg davon getrennt wissen will, haben eine glänzend schwarze, an den Hüften und Schenkeln braunschwarze Färbung und eine Körperbildung, welche unser Holzschnitt vergegenwärtigt. Die feineren Unterschiede, kaum dem Auge des Forschers klar, mögen unberücksichtigt bleiben, statt derselben einige Bemerkungen über die Lebensweise dieser Eierwespchen hier ihren Platz finden. Die Weibchen legen ihre 21*
Eier in die von Spinnern, und zwar das erstere in die des Kiefernspinners, der Teleas terebrans in die sehr harten Eier des Ringelspinners, deren nähere Bekanntschaft wir später noch machen werden. In diesen kleinen Eiern entwickelt sich nicht immer E bloß eine Eierwespe, sondern es kommen 2 und 3, ja bis 13 darin vor. Die Ausbildung erfolgt in 4—6 Wochen; Bouchè erzog im August schon nach 14 Tagen die Wespchen, so daß sich wohl mehrere Bruten im Jahre annehmen lassen, wenn nur Spinnereier genug als Nahrung vorhanden sind. Ratzeburg beobachtete den Teleas terebrans beim Ablegen der Eier. Gestützt auf die Hinterbeine, die vorderen Beine und die Fühler langsam bewegend, schiebt er taktmäßig den Bohrer in dem Tempo eines langsamen Pulsschlages auf und nieder, ohne daß dabei der Hinterleib klafft, während der Vorderkörper durch Por: und Rückwärtsgehen den Takt ausführen hilft. Die Flügel entfalten sich bisweilen, werden aber gleich wieder platt auf den Körper aufgelegt. Dies dauert etwa eine Biertel-stunde, und währenddem spazieren andere seiner Genossen träge auf dem Eierringe umher, in der gewohnten Weise mit den zierlichen Fühlern unaufhörlich tastend.
Die überaus reichhaltige Familie der Chalcidier oder Pteromalinen, wie sie früher hieß, mit ihren meist winzigen Gliedern, trennt sich als geschlossenes Ganze weit schärfer von den übrigen Immen ab als die Proctotrupier. Die stets gebrochenen Fühler, die breiten, aderlosen Vorderflügel, der metallische Glanz des gedrungenen, untersetzten, oder des schmächtigen und zierlich gebauten Körpers, wenn einmal die gestreckte Form auftritt, und die beim Weibchen vor der Leibesspitze, am Bauche hervortretende Legröhre: die Vereinigung all dieser Merkmale kommt eben nur hier vor und unterscheidet die Chalcidier von ihren nächsten Verwandten.
Die verhältnismäßig großen, länglich ovalen Netzaugen sind niemals ausgeschnitten, die Punktaugen auf dem Scheitel vorhanden. Die Flügel erheben sich nicht zur Zellenbildung, den vorderen fehlt das Mal, und vom Geäder ist nur die Unterrandader deutlich entwickelt und gibt gute Unterscheidungsmerkmale ab. Sie entspringt aus der Flügelwurzel, läuft in der Nähe des Vorderrandes ein Stück hin und vereinigt sich dann mit ihm selbst, wie auf Fig. 8, S. 218, ersichtlich. Nachdem sie eine kleine Strecke damit vereinigt blieb, springt sie entweder astartig nach der Flügelfläche ab und endigt in einem mehr oder weniger entwickelten Knopfe, oder sie sendet wirklich in der angegebenen Weise einen Ast aus, gleichzeitig am Flügelrande nach der Spitze hin fortlaufend. Die deutlich gebrochenen Fühler zeigen in der Bildung der Geißel einen Reichtum an Formen und manchmal sogar bei beiden Geschlechtern einer Art Verschiedenheiten; häufig schieben sich zwischen Schaft und Geißel einige, von den übrigen abweichende, sehr kurze Glieder, die sogenannten Ringel, ein. Die Füße, vorherrschend fünfgliederig, können auch vier- und dreigliederig sein. Alle diese Verhältnisse werden zur Unterscheidung der Gattungen und Arten zu Rate gezogen, und außerdem noch die Bildung des Brustkastens, besonders des Mittelrückens, welcher entweder eine Fläche darstellt, oder durch zwei Längsfurchen in drei Lappen geteilt ist. Dies wäre im allgemeinen die Uniform, in welche das große Heer der kleinen Tierchen von Mutter Natur gesteckt worden ist, von denen wir durch Vorführung nur einiger Formen in ihren Umrissen ein Bild zu geben versucht haben, da ermüdende Beschreibungen sonst nicht hätten vermieden werden können. |
Das Weibchen des Torymus regius sahen wir auf dem Gallapfel (Fig. 2, ©. 317) damit beschäftigt, ein Ei in die dort lebende Larve zu versenken, damit die aus ihm entschlüpfende Made von den Sästen des Gallenbewohners seine Nahrung beziehe und diesen dann zur
Auflösung bringe, wenn sie seiner nicht mehr bedarf. Dabei verharrt es ruhig in der angegebenen Stellung mit klaffender Hinterleibsspitze und aufstehender erster Rückenschuppe. Aus einem kleineren Flugloche, als die rechtmäßige Einwohnerin bohren müßte, kommt schließlich unser goldiges, auf dem Rücken blauschillerndes, mit rotgelben Beinchen ausgestattetes Wespchen zum Vorschein. Hinsichtlich der allgemeinen Körpertracht den vorher erwähnten Eierwespen sehr nahe stehend, unterscheidet sich die artenreiche Gattung Pteromalus doch wesentlich und vor allem durch den grubig eingedrückten Rücken des Hinterleibes von jenen. Die dreizehngliederigen Fühler sitzen mitten in dem kaum punktierten Gesichte und haben am Grunde der schwach keulenförmigen Geißel zwei sehr kleine Ringel. Den Hinterleib kann man höchstens als anhangend bezeichnen, denn ein deutlicher Stiel läßt sich nicht wahrnehmen, und beim Weibchen ragt der Bohrer nicht hervor. Sonst weisen weder Beine noch Flügel
- Gestielte Schenkelwespe (Smicra clavipes). 2) Pteromalus puparum. 3) Skizzen verschiedener Chalcidier. Alles vergrößert.
ein besonderes Merkmal auf, es sei denn der ziemlich lange Ast der Unterrandader, an dessen Knopf man mindestens ein Zähnchen erkennen kann. Der Hinterleib aller Arten glänzt metallisch grün, bisweilen mit blauem Schiller, von den fünf meist lichten Fußgliedern ist nur das Klauenglied schwarz; dunkle Flecke der Flügel, stärkere oder schwächere Punktierung des Mittelrückens, Farbe der Fühler und Beine müssen an letzter Stelle bei Unterscheidung der Arten zu Hilfe kommen. Die Pteromalen leben in Rinden- und Holzkäfern, in Gallwespen, einige in Schild- und Blattläusen, Fliegenmaden, und der sehr verbreitete Pteromalus (Diplolepis) puparum, Fig. 2, in den Puppen mehrerer Tag: schmetterlinge, wie in denen der Eckfalter und Kohlweißlinge. An Stellen, wo deren Puppen sich aufhalten, treiben sich die Zehrwespchen unbemerkt umher, sobald aber die Raupe zum letzten Male ihre Haut abgestreift hat und nun als noch sehr weichhäutige Puppe dahängt, spaziert auch dies und jenes Weibchen der Rauhflügelwespe auf ihrer Oberfläche umher und schiebt, ohne zu verletzen, mit ihrem Bohrer eine Menge Eier zwischen die jetzt noch weichen und nicht zusammengeklebten Glieder der Puppe, mag diese auch noch so sehr mit den Hinterleibsgliedern wirbeln, um sich des Feindes zu erwehren. Nach Erhärtung der Oberhaut können die ausgeschlüpften Larven eindringen, ohne daß eine Verletzung der Umhüllungshaut erfolgt. Mit der Zeit verliert die Puppe ihre Beweglichkeit vollständig, wird mißfarbig, zuletzt siebförmig durchlöchert, weil sich ein Wespchen nach dem anderen aus der allein noch übriggebliebenen Puppenhaut herausbohrt, sobald seine Zeit gekommen ist, d. h. sobald neue Schlachtopfer für die legenden Weibchen vorhanden sind. Im Sommer erfolgt die Entwickelung unjerer Art innerhalb 4 Wochen, in den über: winternden Puppen bleiben auch die Wespchen, welche sie bis zu 50 Stück anfüllen. Die