Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Larvenleben auf einer allerdings noch nicht ermittelten Entwickelungsstufe beider zu Grunde geht. Die Gallwespen haben außerordentlich zahlreiche Schmarotzer, diese mögen in vielen Fällen die Gallwespenlarven hinsichtlich der Weiterbildung der Galle vertreten, in anderen aber nicht; denn man findet verkümmerte Gallen, in denen alles tierische Leben fehlt, und da wurde es zu zeitig für deren Fortbildung getötet.
Auf solche wunderbare Weise wird die Galle zu einem Schmarotzer der Pflanze, welcher nicht mehr ihr, sondern dem tierischen Einwohner dient. Das Gallinsekt gewinnt mithin eine Herrschaft über die Pflanze, wie kein anderes Insekt weiter. |
Die von den Gallwespen erzeugten Gallen find vollkommen geschlossen und öffnen fich nicht von selbst, wie viele andere Gallen, sondern werden von den vollendeten Welpen durchnagt, wenn diese schließlich dem Freiheitsdrange alles Lebenden folgen. Eine Raupe, welche im Blattfleisch miniert, ein Holzwurm, welcher schrapend alte Bretter ausarbeitet, sie beide haben eine gewisse Freiheit; sie werden zwar beengt durch den Nahrungsstoff in ihrer Umgebung, können ihn aber da fortschaffen, wo es ihnen gefällt, und hierdurch ihre Wohnung beliebig erweitern. Anders verhält es sich mit der Made der Gallwespe. Dieselbe liegt in einem festeren, steinartigen Kerne, der sogenannten Larvenkammer, gleich dem Samen der Kirsche oder Pflaume in ihrem Steinkerne. Auf diese enge Klause ist sie beschränkt, diese und die weitere Umhüllung, mehr fleischiger oder holziger Natur, hat der Kerf zu durchbrechen, wenn die Verwandlung vollendet ist. Der gemeine Gallapfel ent: hält in seinem Mittelpunkte nur eine Larvenkammer und gehört daher zu den einkammerigen Gallen; welcher Art die mehrkammerigen sein müssen, erklärt sich hieraus von selbst. Je nach ihrer Beschaffenheit, ob holzig, fleischig, mehlig ꝛc., nach ihrer Anheftungsstelle, ob Blatt, Wurzel, Knospe, Frucht sie erzeugten, ihrer Gestalt und der Art ihrer Gruppierung, wenn mehrere beisammen find, gibt es eine Menge von näheren Bezeich—⸗ nungen für die Galle, welche allermeist keiner weiteren Erklärung bedürfen. Der Regel nach hat jedes Erzeugnis einer Gallwespe seinen bestimmten Platz an einer bestimmten Pflanze und erscheint stets in derselben Form. Keine Regel ohne Ausnahme: die Gallen des Spathegaster baccarum kommen an den Blättern, aber auch an den Blütenkätzchen der Eiche vor, die Rosen-Gallwespe sticht für gewöhnlich die Zweige an, welche zu den bekannten „Rosenkönigen“ auswachsen, kann aber auch außer der Wurzel jeden anderen Teil des Rosenstrauches beglücken. Eine interessante ungeflügelte Gallwespe, die Biorhiza aptera, lebt für gewöhnlich in Wurzelgallen der Eiche, ist aber auch an der Wurzel der Kiefer gefunden worden. Nicht nur in der Größe wechselnd, sondern auch in der Farbe und mit unwesentlichen Abänderungen der Form, kommen bisweilen Gallen einer und derselben Art vor. Neuerdings will von Osten-Sacken in Nordamerika aus zwei verschiedenen Gallformen die verschiedenen Geschlechter einer und derselben Art erzogen haben. Die Gall mücken leben an den verschiedensten Pflanzen, die Gall wespen zu 90 Prozent an den verschiedenen Eichenarten, so daß man in dieser Beziehung die Eiche so recht eigentlich den „Baum der Einheit“ nennen könnte, weil sich in feinem Inneren wie an feinem Äußeren mehr Kerfe ernähren und friedlich bei einander wohnen, als irgend wo anders. An der Eiche kommen allein nach Mayr („Die mitteleuropäischen Eichengallen in Wort und Bild“, Wien 1871) in Mitteleuropa 2 Wurzel-, 8 Rindengallen, 39 Knospen-, 34 Blatt-, 9 Staub: blüten⸗ und 4 Fruchtgallen vor. Für Frankreich und das südliche Europa gestalten sich die Verhältnisse wieder anders, ebenso ernähren die nordamerikanischen Eichen andere; von Osten-Sacken zählt 28 an den nordamerikanischen Eichen, besonders um Washington, auf. Außer der Eiche kommen Ahorn, Vogelbeerbaum, wilde Rosen und Brombeeren in Betracht. Von krautartigen Pflanzen sind in dieser Beziehung kaum der Rede wert einige Korbblümler (Hieracium, Centaurea, Scorzonera), wilder Mohn, Gundermann,
Königskerze und noch einige zweisamenlappige Gewächse. Nach den unzureichenden Beobachtungen in außereuropäischen Ländern, welche über diesen Gegenstand bekannt geworden sind, fehlt es zwar nirgends an Gallen, wohl aber überall an der Menge von Gallwespen, welche unsere Heimat ernährt. Von Alexandria bis zum Ende der Sinaitischen Halbinsel fand von Frauenfeld sehr zahlreiche Gallen an der Tamariske, behauptet aber, daß nicht eine davon einer Cynipide angehören könne. Schrader, welcher sich über gallenerzeugende Insekten Australiens verbreitet, hat gleichfalls nur wenig Gallwespen, sondern hauptsächlich Fliegen, Schild- und Blattläufe aufzuzeichnen.
Das Studium der Gallinsekten kann hauptsächlich nur durch die Zucht ee gefördert werden, welche aber — Geduld erfordert, vornehmlich aus zwei Gründen. Sammelt man die Gallen zu einer Zeit, welche ihrer Reife noch zu fern liegt, so gehen sie ein, wie schon oben bemerkt wurde. Trifft man aber den günstigen Zeitpunkt der Reife, jo folgt noch lange nicht daraus, daß man nun auch Bekanntschaft mit ihren Erzeugern werde machen müssen. Dieselben werden nämlich so häufig von Schmarotzern bewohnt, daß sie deren verhältnismäßig mehr liefern als jene. Neben der Geduld wird daher auch große Um⸗ und Vorsicht nötig, wenn die Wissenschaft in Wahrheit gefördert werden soll.
Die Gallwespen selbst, denen wir uns nun zuwenden, unterscheiden sich zunächst von allen bisher besprochenen Immen durch die zweigliederigen Schenkelringe, welche sie mit den übrigen noch folgenden gemein haben, außerdem erkennt man sie leicht an der eigentümlichen Bildung ihrer Vorderflügel. Denselben fehlt zunächst das Mal und jede Mittelzelle, nur eine geschlossene Rand- und zwei geschlossene Unterrandzellen kommen bei ihnen außer den beiden Schulterzellen vor. Hierbei unterscheidet man zwei Hauptformen, ent: weder ist nämlich die erste Unterrandzelle sehr schmal und lang, die zweite bildet ein bis zum Verschwinden kleines Dreieck und die dritte wird wegen des abgekürzten Cubitus nicht geschlossen, oder die erste ist größer, unregelmäßig viereckig, gewissermaßen durch Verschmelzung der ersten und zweiten in der eben besprochenen Form entstanden, während die dritte vom Saume und von dem bis dahin reichenden Cubitus geschlossen wird; zwischen beide schiebt sich die dreieckige, breite Randzelle mit einem fast rechten Winkel ein. Die Hinterflügel haben höchstens eine einzige Ader, also auch keine Zelle. Es finden sich Arten, deren Weibchen verkümmerte oder gar keine Flügel tragen und darum gewissen kleinen Schlupfwespen nahestehen, aber wegen ihres abgerundeten, von den Seiten zusammengedrückten Hinterleibes und wegen noch anderer Merkmale nicht wohl mit diesen zu verwechseln sind.
Alle Gallwespen stellen sich uns als unscheinbare, kleine Tierchen von durchschnittlich 4,5 mm Länge vor; wenige werden größer, sehr viele aber erreichen nicht einmal das Maß von 2,25 mm; fie find schwarz, schwarz und heller rot bis braun oder ganz hellbraun und in keinerlei Weise mit lichten Zeichnungen verziert. Die nicht gebrochenen Fühler sind fadenförmig oder verdicken sich allmählich und schwach nach vorn; sie bestehen aus 12— 15, meist recht deutlich abgesetzten Gliedern; beim Männchen kommen gewöhnlich eins oder zwei mehr vor als beim Weibchen. Der Kopf ist klein, fast kreisrund und steht tief unten, weil sich der Mittelleib hoch wölbt und buckelig erhebt, trägt auf dem Scheitel drei Nebenaugen und hat mäßig entwickelte Mundteile. Der kurze, von den Seiten zusammengedrückte Hinterleib, bisweilen so gedrückt, daß am Bauche oder auch am Rücken eine kielartige Zuschärfung hervortritt, sitzt am Hinterrücken, steht in anderen Fällen mit diesem durch ein kurzes Stielchen oder einen Ring in Verbindung, welche man, wie bei den Ameisen, als Mittelglied betrachtet und ihm nicht zuzählt. Die Rückenringe gleichen nur selten einander in der Länge, und das letzte Bauchglied ragt wenigstens beim Weibchen in Form einer kleineren oder größeren Schuppe über die Rückenschuppe hinaus, und
beide klaffen an der Spitze oft weit auseinander. Die Legröhre des letzteren ist eine feine, zum Teil sehr lange, im Inneren des Leibes gewundene Borste, welche in der Ruhe nicht herauszutreten pflegt. Die Hinterleibsspitze endet beim Männchen immer stumpfer; außerdem unterscheidet sich dieses durch geringere Größe sowie häufig noch durch eine andere Fühler: bildung vom Weibchen. Zu einer Reihe von Arten hat man bisher noch kein Männchen aufgefunden und muß somit eine Fortpflanzung ohne vorhergegangene Befruchtung (Parthenogenejt3) annehmen. Dem Dr. Adler gebührt das Verdienst, zuerst nachgewiesen zu haben, daß sehr viele Arten je nach den Jahreszeiten in zwei verschiedenen Formen auf: treten, einer agamen, welcher die Männchen fehlen und wo die Fortpflanzung jungfräulich ist, und einer mit beiden Geschlechtern versehenen zweiten Form, so daß also hier jene Form von Generationswechsel eintritt, welche man Heterogonie genannt hat.
Wie bei weitem nicht alle Gallen von Gallwespen herrühren, so entwickeln sich umgekehrt nicht alle ihrer äußeren Erscheinung nach zur Familie gehörigen Wespen aus Gallen, sind echte Gallwespen, sondern ein gut Teil derselben legt seine Eier an bereits vorhandene junge Gallen, wo sich die daraus entstandene Made von dem Pflanzenstoffe ernährt; diese sind Einmieter oder Aftergallwespen genannt worden; es können deren zwei Arten in einer Galle leben. Nach Mayrs neuesten und umfassenden Beobachtungen („Die Einmieter der mitteleuropäischen Eichengallen“) über diesen Gegenstand lassen sich im Verhälnis des Einmieters zum Wirte vier verschiedene Fälle unterscheiden: er lebt in der Larvenkammer der echten Gallwespe, die im jugendlichen Larvenalter zu Grunde geht, und jene wird durch dünne Häute in so viele Kammern geteilt als Larven vorhanden sind. Zweitens kann die Kammer der echten Gallwespenlarve und ein Teil des umgebenden Zellgewebes zerstört und an deren Stelle ein Hohlraum getreten sein, welcher gleichfalls von den Einmieterlarven in Kammern geteilt ist. Die natürliche Höhlung gewisser Gallen wird von Einmieterlarven bewohnt und auch erweitert, ohne daß hierdurch der urspünglichen Erzeugerin Abbruch geschieht; endlich sind viertens die Kammern der Einmieter im Parenchym rings um die Larvenkammer verteilt, und beide entwickeln sich ungestört nebeneinander. Sicher sind bisher die drei Gattungen Synergus, Sapholytus und Ceroptres als Einmieter erkannt worden.
Eine dritte Reihe von Cynipiden lebt im Larvenzustande ganz so wie eine Schlupfwespe in und von anderen Insekten und schmarotzt mithin in vollkommenster Weise; es sind die zahlreichen Schmarotzer-Gallwespen.
Die in Gallen lebenden Larven, gleichviel ob deren Erzeuger oder bloße Einmieter, sind dicke, nackte, etwas gekrümmte Maden mit hornigem Kopfe, an welchem kräftige Oberkiefer, aber keine Augen sitzen, und schließen sich somit in ihrer allgemeinen Bildung den Larven der vorhergehenden Familien an; die echten Parasiten mögen mit ihrem Wachstum ähnliche Veränderungen erleiden, wie fie Ratzeburg bei einigen Schlupfwespen beobachtet hat. Wie überall geht die Entwickelung bei verschiedenen Arten in längerer oder kürzerer Zeit vor sich, nur darin stimmen fie alle überein, daß fie sich in ihrer Galle verpuppen, dabei meist kein Gespinst fertigen und als breite Puppen nur kurze Zeit ruhen. Einige können als Larve, andere als Wespe, aber auch diese in der noch nicht geöffneten Galle, überwintern. Ein rundes Loch in dieser beweist allemal, daß der Insasse seinen Kerker verlassen hat, und oft entscheidet die Größe des Loches, ob die zu erwartende Gallwespe oder ein Schmarotzer daraus hervorging.
Die Eichen-Gallwespen (Cynips), obschon ohne Männchen, liefern die Grundform der größten echten Gallwespen und lassen sich als Gattung leicht erkennen an dem mehr oder weniger zottig behaarten Rücken des Mittelleibes, an dem fast halbkugeligen, großen Schildchen, an dem sitzenden, runden und zusammengedrückten Hinterleibe, dessen
Gemeine Gallapfelwespe. Sm
erstes Glied jedes der anderen an Länge übertrifft, und an den nach vorn schwach ver: dickten Fühlern. Die Randzelle der Vorderflügel ist gestreckt, die zweite Unterrandzelle sehr klein und dreieckig und an dem Grunde jener gelegen. Die Kiefertaster werden von fünf, die Lippentaster von zwei Gliedern zusammengesetzt. Neuerdings hat man nach Försters Vorgange von Cynips zwei Gattungen abgeschieden, indem man den Arten mit anliegendem Seidenhaare an der Hinterleibsspitze den alten Namen belassen, diejenigen ohne diese Behaarung Aphilothrix und die mit abstehender Behaarung an Beinen und Fühlern Dryophanta genannt hat. Dieser Spaltung ist bei Benennung der wenig besprochenen Arten hier keine Rechnung getragen worden.
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- Gemeine Gallapfelwespe (Cynips folii), 2) Torymus regius, ein Schmarotzer derjelben, 6) jene vergrößerte, 7) ihr durchschnittene Galle mit der Larve. 3) Galle der Eichenzapfen-Gallwespe (Cynips gemmae), 4) die Larvenkammer geschlossen und geöffnet, 5) letztere vergrößert. Oben links das Viereichenfalterchen (Thecla quercus) mit seiner Raupe.
Die gemeine Gallapfelwespe (Cynips folii IL. oder scutellaris Ol., Fig. 1 und 6) entschlüpft den kugelrunden, fleischigen Galläpfeln, welche so an der Unterseite der Eichenblätter (Quercus sessilifolia und pedunculata) angewachsen find, daß man auf der Oberseite nichts bemerkt. Das Tierchen ist am Hinterleibe glänzend schwarz, auf dem Schildchen, an Beinen und Kopf mehr oder weniger braunrot, hat rauhaarige Fühler und Beine und eine kleine, borstig bewimperte letzte Bauchschuppe. Zu der Zeit, wo die Knospen aller Bäume noch schlafen (die Eiche grünt bekanntlich unter unseren Waldbäumen am letzten) also im Januar oder Februar, kriecht das Wespchen träge an den noch völlig unentwickelten Knospen umher und sticht eine und die andere Adventivknospe am unteren Stammteile alter Eichen an und zwar von der Spitze gerade durch die Knospe, so daß das Ei unterhalb der Blattanlage zu liegen kommt. Die demselben entschlüpfte Larve gelangt in die Gambiumschicht und bildet eine auf der Rinde aufsitzende, eiförmige, filzige Galle von reichlich 3 mm Länge und halber Breite und von dunkel violetter Färbung. Der: gleichen Gallen sitzen mehrere beisammen und schon im Mai oder Jun beißt sich zur Seite des Gipfels der in beiden Geschlechtern vorhandene Spathegaster Taschenbergi heraus, ein kleines, schwarzes Gallwespchen mit roten Beinen, kurzgestieltem Hinterleibe, dessen erstes Glied länger als alle übrigen ift, und mit fadenförmigen, 15 — 16gliederigen Fühlern.