Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Der bunte Bienenwolf (Philanthus triangulum, Fig. 4, S. 297; Fig. 5, S. 306) ist ein böser Gesell und wegen seiner räuberischen Anfälle auf deren Pfleglinge bei den Bienenvätern übel berüchtigt. Weil er am liebsten Honigbienen, aber auch Sandbienen, 4—6 auf jedes Ei, einträgt, wurde ihm obiger Name im Deutschen beigelegt. Kühn und gewandt, wie er ist, fällt er gleich einem Stößer von oben über die Beute her, welche, nichts ahnend, eifrig mit Eintragen beschäftigt ist, wirft sie zu Boden und hat sie gelähmt, ehe jene sich zur Gegenwehr anschicken kann. Den Raub unter sich, fliegt er dann zum Neste, wie aus unserem Bilde (S. 297) zu ersehen. Dasselbe befindet sich ebenfalls in der Erde, in der Nachbarschaft anderer Raubnester und der Wohnungen honigeintragender Bienen. Sandige Hänge, welche die Sonne trifft, bieten dem aufmerksamen Beobachter die beste Gelegenheit, die Sitten aller dieser Tiere zu studieren; Schenck traf die Löcher zwischen den Pflastersteinen neuer Anbaue Wiesbadens, ich ergriff einen Räuber samt seinem Raube auf den belebten Anlagen um Meran. Der Bienenwolf gräbt jeine bis 314 cm langen Gänge in derselben Art wie die ebenso lebenden Familiengenossen, erweitert das hinterste Ende derselben als Brutplatz und schließt den Eingang, wenn zu den eingetragenen Bienen das eine für sie bestimmte Ei hinzugekommen ist. So viele Eier er absetzt, so viele Minen muß er graben. Im nächsten Juni kommen die jungen Bienenwölfe zum Vorschein, und die befruchteten Weibchen treiben ihr Unwesen genau ebenso, wie die Mütter es im voraufgegangenen Sommer thaten. In der Größe schwanken die breitköpfigen Tiere zwischen 9— 16 mm, und auch die gelben Zeichnungen wechseln jo, daß manchmal am lanzettförmigen, anhangenden Hinterleibe das Gelb die schwarze Grundfarbe überwiegt und nur schwarze Dreiecke an der Wurzel der Glieder übrigbleiben. Für gewöhnlich tragen die Hinterränder der schwarzen Leibesringe gelbe, an den Seiten stark erweiterte Binden und am Mittelleibe der Halskragen, die Flügelschüppchen, das Hinterschildchen und zwei Flecke davor dieselbe Farbe. Die Zeichnungen des Kopfes sind weiß: seine untere Partie bis zwischen die Fühler hinauf in dreizackigem Verlaufe und die inneren Augenränder bis fast zu ihrem tiefen Ausschnitte. Durch eine in der Mitte verdickte Geißel
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX. | 20
und weiten Abstand untereinander charakterisieren sich die kurzen Fühler, durch drei geschlossene Unterrandzellen und ebenso viele Mittelzellen die Vorderflügel. Von jenen nimmt die fünfeckige zweite in ihrer Mitte die erste, die nach vorn sehr verengerte dritte nahe bei ihrem Anfange die zweite rücklaufende Ader auf.
Zur nächsten Verwandtschaft gehören die mit vielen Arten über die ganze Erde aus: gebreiteten Knotenwespen (Cerceris). Bei ihnen setzt sich das erste Hinterleibsglied knotig gegen die übrigen ab, und auch die folgenden schnüren sich in den Gelenken merklich ein, so daß die Hinterleibsform die Gattung auf den ersten Blick erkennen läßt. Die zweite Unterrandzelle ist dreieckig und gestielt und die Randzelle am Ende stumpf gerundet (Fig. 4, S. 214). Zwischen den nicht merklich gebrochenen Fühlern zieht eine Längsleiste nach dem
N SSx DDN SITTS N 2 —
3 5
Acker-Glattwespe (Mellinus arvensis), 1) Männchen, 2) Weibchen. 3)Sand-Glattwespe(M. sabulosus). 4) Gemeine
Wirbelwespe (Bempex rostrata). 5) Bunter Bienenwolf (Philanthus triangulum). — Sand-Knotenwespe (Cerceris arenaria), 6) Männchen, 7) Weebchen. 8) Gemeine Töpferwespe (Trypoxylon figulus). — Crabro patellatus, 9) Weibchen, 10) Männchen. 11) Männchen von Crossocerus scutatus. 12) Crossocerus elongatulus. 13) Gemeine
Spießwespe (Oxybelus uniglumis). 1, 10—13) vergrößert, die übrigen in natürlicher Größe.
Gesichte herab, welches sich bei dem immer kleineren Männchen durch reichlich gelbe Zeichnung auf schwarzem Grunde und durch goldiges Wimperhaar an den Ecken des Kopfschildes auszeichnet. Während dem Weibchen dieser Schmuck fehlt, hat es bei manchen Arten eigentümliche Platten und nasenartige Ansätze des Gesichtes vor feinem Männchen voraus. Überdies liegt noch ein durchgreifender Geschlechtsunterschied in der Bildung des letzten Rückengliedes, der sogenannten oberen Afterklappe. Dieselbe ist beim Männchen regelmäßig viereckig, beim Weibchen vorn und hinten bogig verengert, so daß ein eiförmiger oder elliptischer Umriß zu stande kommt. Schwarze Körperfarbe und gelbe oder weiße Binden am Hinterleibe bilden das Kleid der meisten Knotenwespen, in den wärmeren Erdstrichen finden sich aber durchaus rot oder rotgelb gefärbte, mit untergeordnet dunkeln Zeichnungen. Man trifft die mäßig beweglichen Wespen auf Blumen und ihre gekrümmten bis 26,2 em tief gehenden Röhren in der Erde. Verschiedene Arten tragen verschiedene Kerfe als Larvenfutter ein, unsere heimischen vorherrschend Sand- und Schmalbienen sowie
andere Aderflügler. Fabre verschaffte sich aus dem Neste der Cerceris vespoides Rossis (major Spin.) den Cleonus ophthalmicus, einen sonst schwer aufzufindenden Rüsselkäfer, in größeren Mengen. Durch einen oder zwei Stiche zwischen den ersten und zweiten Brustring seitens der Wespe verfällt der Käfer sofort in Scheintod. Dufour sah eine andere Art in
Frankreich schöne und seltene Prachtkäfer zu Neste tragen und nannte sie darum den Prachtkäfertöter (Cerceris bupresticida). Bewundernswert war die Leichtigkeit, mit welcher in beiden letzten Fällen die Beute, welche das Körpergewicht der Räuberin öfters nicht unmerklich übertrifft, inder Umarmung mit den sechs Beinen heimgetragen wurde, und in wie kurzer Zeit die sorgsame Mutter mit neuem Vorrate wieder ankam, wenn man ihr grausamerweise den alten abgenommen hatte. Die ganz niedere Jagd der Entomologen hat auch ihren Reiz und bei weitem mehr Wechsel in ihren Methoden, wie das „edle Weidwerk“! Lepeletier beobachtete, wie manchmal während des Einschleppens der Beute eine Larvenfliege (Tachine) herbeikam, um ihr Ei daran zu legen, und fand später auch die Tonnenpuppe der Fliege im Neste. Mord, Raub und Betrug sind nun einmal die Künste, welche handwerksmäßig hier nicht weniger, wie bei tausend und aber tausend anderen Kerfen und höheren Tieren betrieben werden, ihnen zur Erhaltung, uns teilweise zum
Segen! Die Sand-Knotenwespe (Cerceris arenaria, Fig. 6 und 7, ©. 306), unsere größte und gemeinste Art, vertritt die Gattung auf unserem Bilde.
Zahlreiche Arten von Mordwespen, kleiner und unansehnlicher im Körper, aber gleich thatkräftig und besorgt um ihre Nachkommen, bevölkern das reich mit Blattläusen besetzte Gebüsch und siedeln sich im Sandboden, in altem Mauer- oder Holzwerk an, sei es, daß sie selbst bauen, sei es, daß sie die Anstrengung anderen überlassen und nur auf List sinnen, um ihr Kuckucksei fremden Nestern im Verstohlenen einzuverleiben. Infolge ihres verschiedenartigen Flügelgeäders wurden sie verschiedenen Sippen zuerteilt. So bilden die Töpferwespen (Trypoxylon) durch ihre zwei Unterrandzellen, welche in der Anlage vorhanden, deren zweite aber von so blasser Ader begrenzt wird, daß man sie leicht übersieht, den Übergang zu allen denen, wo überhaupt nur eine vorkommt. Die am Innenrande tief ausgeschnittenen Augen, der gestreckte, keulenförmige Hinterleib, welcher beim kleinen Männchen stumpf, beim Weibchen spitz endet, lassen die Gattung leicht erkennen. Die gemeine
Töpferwespe (Trypoxylon figulus, Fig. 8, ©. 306), ein durchaus schwarzes, schlankes Tierchen, welches in der Größe zwischen 4,5 und 11 mm schwankt, macht sich während des ganzen Sommers durch sein geschäftiges Aus- und Einfliegen an alten Pfosten, an der Rinde beraubten, absterbenden Baumstämmen bemerklich. Vielfach die Bohrlöcher anderer Insekten benutzend, tragen die Weibchen Blattläuse oder kleine Spinnen für die Brut ein, teilen die Röhren durch Lehmwände in Zellen und verstreichen zuletzt den Eingang in gleicher Weise. Darum gab man ihnen den deutschen Namen. Die Made entwickelt sich rasch, spinnt sich dann ein, wird aber erst im nächsten Frühjahr zur Puppe. — Südamerika ernährt größere Arten, welche wieder in anderer Weise bauen. Die 19,5 mm lange weiß: füßige Töpferwespe (Trypoxylon albitarse) legt unter starkem Gesumme röhrenförmige, fast 78 mm lange Nester in die Ecken oder an die Pfosten menschlicher Wohnungen und trägt Spinnen ein. Der flüchtige Töpfer (Trypoxylon fugax) Brasiliens be: nutzt verlassene Nester einer Polistes und verschließt die Zellen mit roter Erde; eine andere nordamerikanische Art baut entweder selbst in ähnlicher Weise wie ein Spinnentöter, jedoch kürzere Zellen, oder sie benutzt dessen verlassene Nester, teilt aber jede Zelle durch eine Querwand in zwei, weil sie dann immer noch groß genug für ihre Zwecke sind. Die Zellen der goldstirnigen Töpferwespe (Trypoxylon aurifrons) in Amazonien nehmen sich ungemein zierlich aus. In Form einer stark gerundeten, sehr kurzhalsigen Steinkruke werden fie untereinander an verschiedene Gegenstände angeklebt und mit Raupen gefüllt. 20*
Eine der artenreichsten Gattungen bilden die Silbermund- oder Siebwespen (Orabro), kenntlich an nur einer Unterrandzelle des Vorderflügels, welche von der darunter liegenden Mittelzelle getrennt ist. Die Randzelle setzt sich in einem kurzen Anhange fort, welcher so ziemlich gleichgerichtet mit dem Flügelrande verläuft (Fig. 7, S. 214). Von oben erscheint der Kopf beinahe quadratisch, von vorne gesehen, am Kopfschilde mit silberner oder goldiger Behaarung verziert, welcher Umstand, obschon auch anderswo zu beobachten, den ersten Namen veranlaßt hat. In der Regel ist der glänzend schwarze, nach beiden Seiten hin verschmälerte Hinterleib gelb gezeichnet, nur die kleineren, teilweise sehr schwer zu unterscheidenden, durchaus schwarzen Arten, wie Crossocerus scutatus (Fig. 11), C. elongatulus (Fig. 12, S. 306) und andere, machen eine Ausnahme. Die Männchen sind schlanker und kleiner als ihre Weibchen, haben eine halbmondförmige, meist etwas gewölbte obere Afterklappe und bei manchen Arten unregelmäßig gebildete Fühler oder Beine. Diese sind bei den Weibchen einfach, die Hinterschienen aber häufig sägeartig bedornt und die obere Afterklappe der Dreiecksform genähert. Jene Auszeichnungen der Männchen bestehen entweder in breitgedrückter Geißelmitte, oder Aushöhlung an einigen Gliedern, welche dann wie ausgefressen erscheinen. Bei anderen wieder erweitert sich die
Vorderschiene muschelartig, wie wir (S. 301) aus der auf der Brombeerblüte sitzenden gekielten Siebwespe (Crabro striatus) und aus Fig. 10 der Abbild. auf S. 306 ersehen. Wegen der lichten, durchscheinenden Pünktchen hat man diese Erweiterung mit einem Siebe verglichen und der ganzen Gattung den zweiten Namen verliehen. In noch anderen Fällen kommen wieder andere Abweichungen vor. Die in Rede stehenden Wespen gehören zu den lebendigen und beweglichen ihrer Familie, nisten ebenso häufig in altem Holze wie in der Erde und benutzen dort häufig die Bohrlöcher und verlassenen Gänge der Holzkäfer, dieselben durch Bohrmehl in Zellen teilend. Die kleineren, schwarzen Arten tragen unter Beihilfe der Kinnbacken und vordersten Beine Blattläuse und kleine Fliegen ein; auch die größeren Arten scheinen sich vorzugsweise an Fliegen zu halten, wie der S. 306 in beiden Geschlechtern abgebildete Crabro (Thyreopus) patellatus (Fig. 9 und 10), von welchem ich einst ein Weibchen erhaschte, welches eine Regenbreme (Haematopota pluvialis) einheimste.
Am Schlusse sei noch der gemeinen Spießwespe (Oxybelus uniglumis, Fig. 13, S. 306) gedacht, einer Gattung angehörig, welche man leicht an dem meist rinnenartigen Dorn erkennt, in welchen das Hinterschildchen ausläuft, und an den Hautschüppchen beiderseits des Schildchens. Den Vorderflügel kennzeichnen ein Anhang an der Randzelle und nur eine Unterrandzelle, welche durch eine sehr unscheinbare, blasse Ader von der oberen Mittelzelle getrennt wird. Der spindelförmige Hinterleib hängt dem Hinterrücken an und läuft beim Männchen in eine viereckige, ebene Afterklappe, beim Weibchen in eine allmählich verschmälerte aus; gelbe, auch weiße Seitenflecke oder Binden verzieren ihn. Die kurzen Fühler sind gebrochen, und in der Gesichtsbildung spricht sich noch ein zweiter Unterschied der Geschlechter aus: eine nasenartige Leiste läuft beim Männchen der Länge nach über das vorn ausgeschnittene, filberhaarige Kopfschild, während das weibliche vorn stumpf ist und sich nur in der Mitte buckelartig erhebt. Das Gesagte gilt von der Gattung; die genannte, 4— 7,5 mm messende Art ist schwarz, auch an den Kinnbacken und der oberen Afterklappe, hat auf dem stark punktierten Hinterleibe veränderliche, elfenbeinweiße Seitenflecke, das Männchen auf Glied 1—4, das Weibchen auf 2— 5, welche bisweilen auf dem fünften Gliede zu einer Binde verschmelzen, rote Schienen und Füße, von denen jene an der Wurzel oft braun geringelt sind. Die beim Weibchen meist weißen Schildschüppchen vereinigen sich nicht an ihrer Wurzel, und der mäßig lange Dorn zwischen ihnen endet stumpf. Im allgemeinen hat das Männchen eine etwas düstere und glanzlosere Färbung als das andere Geschlecht.
Das befruchtete Weibchen gräbt an sonnigen Stellen einen 5—9 mm langen Gang in den Sandboden, für jede Larve einen, beginnt damit im Mai und fährt fort bis gegen Ende des Sommers. Ist ein Nest fertig, so wird sein Ausgang sorgfältig verschlossen und auf Raub ausgezogen, um die künftige Larve zu versorgen. Nach von Siebolds interessanten Mitteilungen über diesen Gegenstand finden sich in dem Neste Fliegenarten, in jedem meist nur einerlei, vorzugsweise den Anthomyien angehörig. Das um seine Nachkommen besorgte Weibchen stürzt sich von oben auf das Schlachtopfer, wirft es zu Boden und auf den Rücken, sticht es in den Hals und trägt es, angespießt mit dem Stachel, zu Neste. Dies alles geht aber nicht immer so glatt hintereinander fort, wie es sich erzählen läßt. Kaum ist die Fliege vor dem Eingange zum Neste niedergelegt, um dieses erst zu durchmustern, so ist auch schon eine andere Spießwespe bei der Hand, um jene zu stehlen. Ehe der rechtmäßige Eigentümer seine mißliche Lage erkannt hat, ist der Dieb längst damit verschwunden. Das ist ärgerlich, läßt sich aber nicht ändern; es muß von neuem auf die Jagd gegangen werden. Dann gibt es eine kleine Fliege, Miltogramma conica nennen sie die Kundigen, die hat die böse Gewohnheit, bei Oxybelus zu schmarotzen, ihr Ei in deren Nest zu legen, damit sich die aus demselben schlüpfende Larve die des Oxybelus schmecken lasse. Deshalb lungert die genannte Fliege an solchen Stellen umher, wo unsere Spießwespe baut. Sobald letztere nun mit Beute anlangt, erhebt sich die Miltogramma und schwebt unbeweglich über derselben, wie der Raubvogel, welcher sich sein Schlachtopfer tief unten ersah. Jene kennt ihren Feind sehr wohl und fliegt, um sich seiner zu entledigen und ihn von der Spur abzubringen, hin und her. Die Fliege läßt sich nicht so leicht täuschen, fie begleitet die Wespe, setzt sich auf einen höheren Punkt, wenn diese ausruht, stets dieselbe im Auge behaltend. Die beladene Wespe ermüdet meist früher als die ledige Fliege, welche mit gleicher Hartnäckigkeit und Entschlossenheitein und dasselbe Ziel im Auge hat: die Sorge für ihre Nachkommen. Jetzt öffnet die Spießwespe ihr Nest, um die Beute hineinzuschaffen. Sobald sie in demselben ist, stürzt die Miltogramma nach, erscheint aber gleich wieder, denn sie wurde hinausgejagt. Beiläufig bemerkt, scheinen andere Miltogramma-Arten ein ähnliches Spiel mit anderen Mordwespen zu treiben. Nach von Siebolds Beobachtung wird die rauhe Sandwespe durch Miltogramma punctata verfolgt.