Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
schwunden und wiederholt dieselbe Schachtungsweise zwei-, dreimal nacheinander. Dann bleibt sie, wohl der Abwechselung wegen, auch einmal vor der Offnung sitzen, streicht mit den Vorderbeinen über die Fühler hin, geht um ihren Bau herum, mit Kennerblick die Anlage zu mustern, in ihrem Selbstbewußtsein stolz den Hinterleib emporhaltend. Husch! und sie ist wieder im Inneren verschwunden. Je tiefer sie vordringt, desto länger dauert es, ehe sie, mit neuem Abraum beladen, sich rückwärts wieder herausdrängt, doch geschieht dies stets nach verhältnismäßig kurzer Zeit. Jetzt kommt sie heraus und fliegt fort in das Weite, sicher will sie sich nun stärken nach der anstrengenden Arbeit und ein wenig Honig lecken; denn kräftigere Fleischkost nimmt sie ja niemals zu sich. Nicht minder unterhaltend wie der Nestbau ist das Herbeischaffen der Schmetterlingsraupen für die künftige Brut; denn nur solche, aber nach den verschiedenen Beobachtungen von verschiedenen Arten, wenn sie nur groß und nicht behaart sind, werden von der Sandwespe aufgesucht. Die Stelle, an welcher ich einst Gelegenheit fand, eine große Menge von Nestern zu beobachten, war nicht eben günstig für das Fortschaffen der Beute, denn die Nester befanden sich an einem Grabenhang längs eines Waldsaumes, und ein Brachacker jenseits des Grabens lieferte die Raupen gewisser Ackereulen. Ist eine aufgefunden, so werden mit ihr, der Wehrlosen, wenig Umstände gemacht; ein paar Stiche in das fünfte oder sechste Bauchglied berauben sie jeder Selbständigkeit, sie ist dadurch zum willenlosen Gegenstand geworden, nicht getötet, damit sie nicht in Fäulnis übergehe, sondern nur gelähmt. Nun war oft erst ein weiter, wenn auch nicht gerade unebener Weg zwischen Unkraut zunächst bis zum Graben zurückzulegen, dieser zu passieren und am jenseitigen, schrägen Ufer empor-zuklimmen. Fürwahr, keine Kleinigkeit für ein einzelnes Tier, eine solche Last, bisweilen zehnmal schwerer als der eigne Körper, so weite Strecken fortzuschaffen! Bei den geselligen Ameisen kommen die Kameraden zu Hilfe, wenn es not thut, die Sandwespe aber ist auf ihre eigne Kraft, Gewandtheit, auf ihr — Nachdenken, wenn ich mich so ausdrücken darf, angewiesen. Sie faßt die Beute mit den Zangen, zieht und schleppt, wie es eben gehen will, auf ebenem Wege meist auf ihr reitend, d. h. fie unter ihrem Körper mit: schleppend in langsamem Vorwärtsschreiten. Am steileren Grabenhange angelangt, stürzten dann Roß und Reiter jählings hinab, die Wespe ließ dabei los und kam selbstverständlich wohlbehalten unten an. Die Raupe ward bald wiedergefunden, von neuem gefaßt und weiter geschleppt. Nun geht es bergan, die frühere Weise läßt sich dabei nicht mehr anwenden; um die höchste Kraft zu entwickeln, muß sich die Wespe rückwärts bewegen und ruckweise ihre Last nachschleppen. Manchmal entgleitet dieselbe, und alle Mühen waren vergeblich, aber solches Mißgeschick hält die Wespe nicht ab, von neuem ihr Heil zu ver: suchen, und zuletzt wird ihre Arbeit mit Erfolg gekrönt. Jüngst war ich Zeuge, wie unterwegs eine andere Sandwespe sich in den Besitz der Raupe setzen wollte. Die Eigentümerin legte dieselbe nieder, begann eine heftige Balgerei mit der Räuberin, schlug diese in die Flucht und ging mit ihrer Raupe ab, als wenn nichts vorgefallen wäre. Diese liegt endlich vor der rechten Offnung. Nicht um auszuruhen, sondern aus Mißtrauen, aus Vorsicht kriecht unsere Wespe, wie jede andere, welche in dieser Weise baut, erst allein in ihre Wohnung, um sich zu überzeugen, daß alles in Ordnung sei. Während dieses Ganges hat sie schon wieder so viel Kräfte gesammelt, um an die Beendigung ihres schweren Werkes gehen zu können. Rückwärts vorankriechend, zieht sie die Raupe nach. Meist wird diese folgen, manchmal kann es aber auch geschehen, daß sie an einer Stelle hängen bleibt, dann muß sie wieder heraus und der nötige Raum im Eingange erst beschafft werden. Wahrhaft bewunderns- und nachahmungs würdig ist die Ausdauer, welche wir hier, bei Ameisen und anderen in ähnlicher Weise lebenden Kerfen so häufig wahrnehmen können!
Endlich sind beide, Sandwespe und Raupe, verschwunden, und es währt lange, ehe jene wieder zum Vorschein kommt; denn sie hat zum Schlusse noch ihr weißes, längliches Ei an letztere zu legen, aber nur eins. Jetzt endlich kommt sie wieder zum Vorschein, aber noch ist sie nicht fertig. Sie weiß sehr wohl, daß sich in der Nähe ihres Baues kleine graue Fliegen, manche mit silberglänzendem Gesichte, und andere Faulenzer umhertreiben, welche auch ihre Eier legen möchten, aber weder Geschick noch Kraft dazu haben, es ihr nachzuthun, es vielmehr vorziehen, von anderen Seiten herbeigeschafftes Futter für ihre Zwecke zu benutzen und ihr Kuckucksei daran abzusetzen. Gegen solche ungebetene Gäste sucht sich die Sandwespe zu verwahren, indem sie Steinchen, Erdklümpchen oder Holzstückchen vor den Eingang legt und auf diese Weise jede Spur vom Vorhandensein desselben verwischt. Zur Aufnahme eines zweiten, dritten und jedes folgenden Eies müssen dieselben Vorkehrungen wiederholt werden. Bei diesem mühevollen Leben, welches die Sandwespe mit so vielen ihrer Verwandten teilt, bleibt sie aber immer lustig und guter Dinge. Zu Ende des Sommers macht der Tod ihrem bewegten Dasein ein Ende. Das Ei im Schoße der Erde wird bald lebendig, die Made frißt ein Loch in die Raupenhaut und zehrt sie saugend gänzlich auf. War der Vorrat reichlicher, so wird sie größer gegen ihre Schwester, welcher eine kleinere Raupe zur Nahrung diente, woraus sich die verschiedene Größe erklärt, welche man bei den verschiedenen Wespen gleicher Art wahrnehmen kann; denn sie können zwischen 15 und 30 mm in der Länge schwanken.
Die Larve, welche, den Eistand eingerechnet, vier Wochen bis zu ihrer Reife bedarf, spinnt ein dünnes, weißes Gewebe, innerhalb dieses ein dichteres und festeres, welches sie eng umschließt und welches braun aussieht. In diesem Gehäuse wird sie bald zu einer Puppe, welche nicht lange auf ihre volle Entwickelung warten läßt. Die Wespe frißt ein Deckelchen vom walzigen Futterale herunter und kommt zum Vorschein. Möglichenfalls gibt es im Jahre zwei Bruten, besonders wenn das Wetter die Entwickelung begünstigt; die letzte überwintert als Made oder Puppe. — Im südlichen Europa leben noch einige sehr ähnliche Sandwespen; die Arten wärmerer Erdstriche zeichnen sich durch vorherrschend rote Körperfarbe oder zahlreiche Silberschüppchen vorteilhaft vor der unserigen aus.
Die Glattwespen (Mellinus) bilden eine andere Sippe von wesentlich verschiedener Körpertracht ihrer wenigen Arten. Man erkennt sie an dem deutlich gestielten, elliptischen Hinterleib, der anhanglosen Randzelle und den drei geschlossenen Unterrandzellen, deren erste den ersten, die dritte den zweiten rücklaufenden Nerv aufnimmt. Der Fühlerschaft ist kurz, aber dick, die Geißel fadenförmig, der Hinterleibsstiel keulenartig verdickt. Das kleinere, schlankere Männchen hat sieben Bauchringe, das Weibchen einen weniger, und ein größeres Rückenglied an der Spitze. Die Acker-Glattwespe (Mellinus arvensis,
Fig. 1, 2, S. 306) ist eine gemeine, zudringliche Art, welche häufig in Nadelwäldern angetroffen wird und in suchenden, ruckweisen Bewegungen auf dem Sandboden umherkriecht. Dabei dreht und wendet sie sich nach allen Seiten, fliegt mit Gesumme eine kurze Strecke, läßt sich wieder nieder, um hier in gleicher Beweglichkeit hin und her zu fahren. Gern setzt sie sich dem vorübergehenden Wanderer auf die Kleider und dreht sich ebenso keck rechts und links wie auf dem Boden; aber in nichts weniger als böser Absicht wählt sie diesen Tummelplatz, sondern, wie es scheint, aus einer gewissen Neugierde. An verlausten Gebüschen, mit Chermesarten besetzten Kiefern zeigt sie sich geschäftig mit Hunderten ihresgleichen und allerlei anderen Aderflüglern im Auflecken der Süßigkeiten; an Blumen trifft man sie selten an. Ihr Körper ist glänzend schwarz, hat drei breite, gelbe Binden auf dem Rücken des Hinterleibes und zwischen den beiden letzten zwei gelbe Seitenflecke, bald hinter den geschwollenen Wurzeln der Schenkel ebenso gefärbte Beine. Von gleicher Farbe
sind ferner: das Schildchen, der linienförmige Halskragen, die Flügelschüppchen, ein Fleckchen unter ihnen, der vordere Teil des Fühlerschaftes und die oben offene, viereckige Zeichnung im breiten Gesichte. Wie bei so vielen Grabwespen fehlt auch hier die Beständigkeit der gelben Zeichnungen. Die Körperlänge beträgt 8,75—13 mm. Die Wespe gräbt verzweigte
Röhren in den Sand und trägt nur Fliegen ein, besonders Musciden (Musca rudis und andere), weicht aber dadurch von fast allen übrigen Sandwespen ab, daß sie schon an die erste das Ei legt und, während die Larve schon frißt, ihr mehr Futter zuträgt. Erst im nächsten Jahre ist die Entwickelung dieser vollendet.
Eine zweite, kleinere Art, die Sand-Glattwespe (Mellinus sabulosus, Fig. 3, S. 306) findet sich meist in Gesellschaft der ersteren. Das Weibchen legt seine Brutlöcher einzeln an, welche sich durch kleine, kegelförmige Sandhäufchen auf der Oberfläche kenntlich machen, und trägt ebenfalls nur Fliegen aus den Gattungen Sarcophaga, Coenosia, Apthompyia, Lucilia, Cyıtoneura und Syrphus ein. Es legt die Beute vor dem Baue nieder, ehe es dieselbe, rückwärts gehend, in denselben hineinzieht.
Die Wirbelwespen (Bembex) lassen sich unter allen anderen Mordwespen leicht an ihrer Mundbildung erkennen. Die Oberlippe hängt nämlich wie ein langer Schnabel herab und wird in der Ruhe, die lange Zunge deckend, an die Kehle angelegt, indem die schlanken, vorn zweizähnigen Kinnbacken sie an der Wurzel jederseits umfassen. In der Körpertracht gleichen diese Immen ungemein einer Hornisse oder einer anderen großen Wespe, tragen überdies vorherrschend gelbes Gewand. Die mittelste der drei geschlossenen Unterrandzellen nimmt beide, ungemein langen, rücklaufenden Adern auf, die Fühler sind gebrochen, ihre Geißel fast fadenförmig, an der Spitze sanft nach außen gebogen. Beim Männchen erscheinen die letzten Glieder derselben etwas stumpf gesägt, und überdies unterscheiden es einige Höcker mitten auf dem Bauche vom anderen Geschlechte. Wir lernen in der gemeinen Wirbelwespe (Bembex rostrata, Fig. 4, S. 306) die der Körpermasse nach für Deutschland größte Mordwespe kennen; fie mißt zwar nur 15-17, mm in der Länge, aber deren 6,5 in der Breite. Ihre schwarze Grundfarbe wird durch reichliche blaßgelbe Zeichnungen verdrängt, welche am Mittelleibe sehr veränderlich sind, am Hinterleibe, wie gewöhnlich, als Binden auftreten, aber nicht an den Hinterrändern, sondern in der Mitte der Glieder. Die erste derselben ist in der Mitte breit unterbrochen, jede folgende verläuft wellenförmig durch zwei Bogenausschnitte nach vorn und einen mittleren nach hinten. Das Gesicht und die Beine sind gleichfalls vorherrschend gelb gefärbt. Die hübsche Wespe kommt in ganz Europa vor, aber in den mittleren und mehr nördlichen Gegenden vereinzelt und an demselben Orte nicht alle Jahre. Ende Juni 1857 fand ich an einer freien, sehr dürren Stelle einer Kiefernschonung in hiesiger Gegend eine Menge von Nestern, welche das starke Summen der dieselben umkreisenden Wespen verraten hatte; seitdem habe ich alljährlich dieselbe Stelle wieder aufgesucht und nie, auch nirgends anders auf meinen Ausflügen, eine Bembex zu sehen bekommen. Die Tiere tragen durch das sehr kräftige Summen und die kreisenden, auf- und abwogenden Flugbewegungen um die Erdlöcher, welche sie für ihre Brut anlegen, mehr als alle anderen ihresgleichen den Charakter der Wildheit an sich. Die Nester entstehen in der gewöhnlichen Weise durch Scharren und Herausschaffen des Sandes und gehen in schräger Richtung tief in das Erdreich hinab. Über die Einrichtung derselben und die Lebensweise ihrer Erbauer sprechen sich die Forscher verschieden aus. Nach Westwood legen mehrere Mütter ihre Eier gemeinsam an das eingetragene Futter; Dahlbom meint, die langen Röhren verzweigten sich und hätten mehrere Aus- und Eingänge. Lepeletier gibt an, daß jedem Eie 10—12 Fliegen zuerteilt, die schrägen Röhren mit Sand verschlossen und von jedem Weibchen etwa 10 Eier gelegt würden. Bates endlich fand bei der südamerikanischen Bembex ciliata in jedem Neste
nur ein Ei, wonach also ebensoviel Nester zu beschaffen wären, als Eier vom Weibchen gelegt werden. Darin stimmen alle überein, daß sie nur größere Fliegen für die Larven fangen und eintragen. Die erste jener Ansichten würde den Erfahrungen von allen anderen Mordwespen widersprechen, die übrigen erscheinen mir glaubwürdiger, ich wage aber nicht zu entscheiden, welche die allein richtige sei, weil mir die eignen Beobachtungen fehlen. — Die Wirbelwespen leben vorzugsweise in heißen Erdstrichen und ändern hier zum Teil den Körperbau, so daß sich Latreille veranlaßt fand, eine besondere Gattung unter dem Namen Monedula davon abzutrennen. Während bei Bembex die Kiefertaster aus vier, die Lippentaster aus zwei Gliedern bestehen, erhöhen sich hier die Zahlen entsprechend auf sechs und vier, ferner verengern sich die beiden letzten Unterrandzellen merklich nach vorn. Außer einigen unbedeutenderen Verschiedenheiten bilden die beiden hervorgehobenen die Hauptgründe zur Abtrennung. Von der Monedula signata sagt Bates: „Sie ist für Reisende in den Gegenden Amazoniens, die von den blutdürstigen „Mutüca“ der Ein: geborenen, Hadans lepidotus der Fliegenkenner (Dipterologen), geplagt sind, eine wahre Wohlthat. Daß sie auf diese Fliege Jagd macht, bemerkte ich zuerst, als ich einmal an einer Sandbank am Rande des Waldes landete, um mir dort ein Mittagsbrot zu kochen. Das Insekt ist so groß wie eine Hornisse, sieht aber einer Wespe sehr ähnlich. Ich stutzte nicht wenig, als aus der Schar, welche über uns schwebte, eine gerade auf mein Gesicht flog; fie hatte ein Mutüca auf meinem Halse erspäht und schoß nun auf diese herab. Sie ergreift die Fliege mit den vier vorderen Beinen und trägt sie fort, dieselbe zärtlich an ihre Brust drückend“.