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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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Konnte für die vorige Familie keine deutsche Benennung aufgefunden werden, da die Übersetzung des wissenschaftlichen „Verschiedenweibige“ von schlechtem Klange ist, so tritt mindestens für die nun folgende keine Verlegenheit ein. Leider fehlt es noch bei den meisten dieser Tiere an volkstümlichen Bezeichnungen gänzlich, weil sich das Volk nicht um dieselben kümmert. Als Grab- oder Mordwespen vereinigte man eine Menge

sehr verschiedenartiger Immen, welche für ihre Larven andere Insekten in Erd-, Mauerlöcher oder altes Holzwerk eintragen, bis Wesmael im Verhalten des Vorderrückens zum Mittelbruststück einen wesentlichen Unterschied zwischen einer Anzahl derselben auffand, welcher eine Trennung in zwei Familien zur Folge hatte. Die jetzt zu betrachtenden, unsere fünfte Familie, mögen die Wegwespen (Pompilidae) heißen, obschon der Name wenig Bezeichnendes enthält. Die Angabe der wesentlichen Merkmale muß feststellen, welche von den Mördern hier gemeint seien.

Die Wegwespen haben zunächst den einfachen Schenkelring mit allen bisher betrachteten und den zwei nachfolgenden Familien gemein, denn sie gehören zu den Raubwespen. Der Hinterrand des Vorderrückens berührt bei ihnen die Flügelwurzel, wie bei den vorangegangenen, endlich ist das erste Hinterleibsglied vom zweiten nicht abgesetzt, sondern beide schließen sich wie die übrigen aneinander an und bilden einen nach vorn und hinten etwas verschmälerten, anhangenden Hinterleib. Was fie nun aber jehr leicht von einer kleinen Sippe der vorigen Familie unterscheidet, sind die langen Beine und die schlanken, geraden Fühler. Die hintersten Beine ragen weit über die Leibesspitze hinaus und sind an der Außenkante der Schienen, besonders der weiblichen, mit Dornen oder Zähnen reichlich, meist sägeartig bewehrt. Die Fühler bestehen aus 12, oder beim Männchen aus 13, fast immer deutlich voneinander abgesetzten Gliedern. Die Randzelle der Vorderflügel ist weit von der Spitze derselben entfernt, mithin ziemlich kurz, die Zahl der vollkommen geschlossenen Unterrandzellen, wobei wir den Schluß durch den Flügelsaum mit gelten lassen, schwankt zwischen 2 und 4. Der Kopf ist gerundet, wie der Mittelleib glatt und glänzend und die Körperbehaarung nur sparsam; Schwarz und Rot sind die vorherrschenden Farben, gelbe und weiße Zeichnung kommt aber bisweilen hinzu, und Trübung der Fügel noch häufiger. Die stets kleineren Männchen unterscheiden sich vom zugehörigen Weibchen durch den schlankeren Körperbau, die etwas dickeren, nicht wie bei den toten Weibchen eingerollten Fühler und durch die schwächere Bewehrung an den Hinter: schienen. Diese Wespen zeichnen sich fast alle durch eine eigentümliche Bewegungsweise aus. Sie laufen nämlich mit zitternden Flügeln auf dem Sandboden, an Baumstämmen, alten Mauern suchend umher und fliegen in fortwährendem Wechsel dicht über diesen hin, so daß man ihren Flug einen hüpfenden, ihren Lauf einen fliegenden nennen könnte. Die Arten verbreiten sich über die ganze Erdoberfläche, sind in heißen Ländern nicht viel zahlreicher, aber häufig lebhafter gefärbt und größer als die heimischen.

Um die wenigen Gattungen, in welche man die Familie geteilt hat, und die Arten innerhalb derselben unterscheiden zu können, hat man besonders den Aderverlauf des Vorderflügels, sodann die Bildung der Hinterleibsspitze von der Ober- und Unterseite und die Beschaffenheit der Vorderfüße ins Auge zu fassen. An letzteren kommen bei manchen Weibchen außer den unregelmäßig gestellten Stacheln, an denen ja die Beine reich sind, noch lange, regelmäßig an der Außenseite sich hintereinander anreihende Dornen vor und machen den Fuß zu einem gekämmten; bei Vergleich eines solchen mit dem Mittelfuß wird diese Zugabe sehr leicht bemerkbar.

Die Wegwespen (Pompilus), welche der ganzen Familie den Namen gegeben haben, bilden die Grundform. Die beiden, an ihren zusammenstoßenden Seiten gleich langen Schulterzellen, drei vollständig geschlossene Unterrandzellen, deren zweite den ersten, die dritte den zweiten rücklaufenden Nerv aufnimmt, zwei Mittelzellen, der Mangel einer Querfurche am zweiten Bauchringe des Weibchens und mehr runde (nicht kantige und nicht sägeartig am Außenrande bedornte) Hinterschienen desselben Geschlechtes bilden den Charakter der Gattung. Die zahlreichen Arten besitzen eine wunderbare Schnelligkeit und Gewandtheit in ihren Bewegungen, besonders auch in denen des Hinterleibes, nisten in Mauerritzen,

Natalensische Wegwespe. 295—

Bohrlöchern alter Pfosten und morscher Baumstämme oder in der Erde und tragen Spinnen, Raupen, Ameisen, Fliegen und verschiedene andere Kerfe ein; wahrscheinlich würde sich bei noch fehlenden umfangreicheren Beobachtungen herausstellen, daß jede Art in dieser Hinsicht ganz bestimmte Liebhabereien an den Tag legt. In ganz eigentümlichem, ruckweise aus: geführtem Marsche im Neste einer Spinne locken sie diese hervor, fallen über sie her und betäuben sie mit einem Stiche, ohne sich je in jenem festzurennen. Die Spinnensammler holen diese nicht immer aus Nestern, sondern ergreifen auch die ihnen auf dem Wege begegnenden. So überlistet der Pompilus formosus eine in Texas häufige Buschspinne (Mygale Hetzii), lähmt sie und schleppt fie zum Neste, obschon ihr Körpergewicht das seinige mindestens um das Dreifache übersteigt. Der bereits früher erwähnte Gueinzius übersendete mir unter anderen das Weibchen einer hübschen Wegwespe, welche ich die natalensische (Pompilus natalensis, Fig. 1, S. 296) genannt habe, weil sie mit keiner der bis dahin beschriebenen Arten übereinstimmte. Sie ist samtschwarz, an den Fühlern mit Ausschluß der Wurzel gelb, an den Beinen von der vorderen Schenkelhälfte an abwärts und an der äußersten Hinterleibsspitze schmutzig rot und hat goldgelbe Flügel mit dunkler Spitze der vordersten. Das Interesse an dieser stattlichen, alle heimischen an Größe übertreffenden Wegwespe (25 mm) wäre weniger allgemein, wenn ihr nicht einige Bemerkungen über die Lebensweise beigefügt gewesen wären. Sie fliegt, wie berichtet wird, traulich und unschuldig in alten Häusern aus und ein, kriecht gern an den Fensterscheiben auf und ab und findet ihr Hauptvergnügen darin, zwischen dem Balkenwerk und in den mit Spinneweben überzogenen Winkeln nach Beute auszuschauen, wobei sie immer wieder genötigt wird, die beschmutzten Fühler mit den Vorderbeinen vom Staube zu reinigen. An sandigen und staubigen, trocknen Stellen im Hause oder vor der Thür unter der Veranda vergräbt die sorgsame Mutter die gefangenen und durch einige Stiche gelähmten Spinnen und legt ein Ei an dieselben; auch ein mit Sägespänen gefüllter Kasten ist ihr zu dem: selben Zwecke willkommen. Unter allen Spinnen stellt sie mit Vorliebe einer großen, gelbbraunen Art mit dunkelgeringelten Beinen nach, welche in alten Strohdächern lebt und bei Witterungsveränderung zuweilen des Abends langsam an der Wand herabkriecht. Einst beobachtete der Berichterstatter, wie eine sehr große weibliche Spinne dieser Art eiligen Laufes durch die offene Thür in seine Wohnung eindrang und sich hinter einem auf dem Hausflur stehenden Kistchen versteckte. Aus der Eile des sonst so langsamen Tieres schloß er, daß es wohl auf dem Dache verfolgt worden sein müsse, sich von demselben herabgestürzt habe und hier nun Schutz suchen möchte. Er hatte sich nicht getäuscht, denn bald darauf erschien die Wegwespe in der Thür, wendete sich bald rechts, bald links, berührte suchend mit den Tastern den Boden, ganz in der Weise eines Spürhundes, welcher die Fährte des Wildes aufsucht. Als sie an jener Kastenecke angelangt war, hinter welcher sich die Spinne versteckt hatte, fühlte diese die nahe Gefahr, stürzte von der anderen Seite unter derselben hervor und steuerte nach der Thür zurück. In demselben Augenblick war sie aber eingeholt und es entspann sich ein Kampf auf Leben und Tod. Es war ein „Frösteln erregender“ Anblick, wie die Spinne sich auf den Rücken warf und in verzweifelter Anstrengung mit ihren langen Beinen den Feind von sich abzuwehren suchte, wohl wissend, daß ein Stich von ihm für sie tödlich sein würde. Plötzlich sprang sie wieder auf, suchte vorwärts zu kommen, sah sich aber sofort genötigt, die vorige Stellung nochmals einzunehmen. Ihre Anstrengungen waren zu erschöpfend, um den furchtlosen und unablässigen Angriffen der Wespe auf die Länge der Zeit widerstehen zu können. Jetzt bleibt sie mit angezogenen Beinen wie tot liegen; in demselben Augenblick wirft sich die Siegerin auf sie, faßt sie mit ihren Kinnbacken am Kopfbruststück und versetzt ihr von untenher wiederholte Stiche in den Hinterleib. Außer dem Zittern des einen Tasters war bei der Spinne

keine Spur von Bewegung zu bemerken, während sie die Todesstöße empfing. Große Aufregung seitens der Wespe! Mit lautem Gesumme die Leiche umkreisend, hielt sie ihren Siegestanz, betastete sie bald hier, bald da, zerrte sie an den Füßen oder an den Tastern, um sich von dem Tode derselben zu überzeugen. Als sie endlich ruhiger geworden war und eine vollständige Reinigung ihres Körpers nach jenem Entscheidungskampfe unternommen hatte, schickte sie sich an, ihre Beute in Sicherheit zu bringen. Die Spinne vorn fassend und rückwärts gehend, schleppte sie dieselbe zu der Thür hinaus, um sie zu vergraben.

Die Jagden der Wegwespen auf Spinnen waren schon dem Aristoteles bekannt; denn er sagt (IX, 2, 3): „Die Wespen aber, welche Ichneumonen genannt werden (ein Name, der heutzutage wesentlich andere Aderflügler bezeichnet), die kleiner als die übrigen sind,

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  1. Natalensische Wegwespe (Pompilus natalensis). 2) Pompilus trivialis. 3) Seine Larve, an einer Spinne saugend. 4) Priocnemis variegatus. 5) Agenia punctum in zwei Stücken, das eine Zellen bauend. Alles natürliche Größe.

töten die Spinnen, schleppen die Leichname in alte verfallene Mauern oder andere durchlöcherte Körper und überziehen das Loch mit Lehm; daraus aber entstehen die spürenden Wespen.“ Weniger bekannt dürfte sein, was Ferd. Karsch bei Münster beobachtet hat. Derselbe fing am 2. Juli 1870 ein ausgewachsenes Weibchen der Tarantula inquilina, j

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welches ihn durch seinen wenig geschwollenen Hinterleib, durch den Mangel des Eiersackes g und durch ein rötlichweißes Wülstchen an der rechten Rückenseite des Hinterleibes auffiel, so daß er in letzterer Beziehung meinte, der Spinne beim Einfangen eine Verletzung bei: gebracht zu haben. Als dieselbe, welche zur Beobachtung des Eierlegens gefangen gehalten wurde, am 16. Juli bei Darreichung einer Fliege und Einspritzen von Wasser in ihren Behälter näher betrachtet wurde, fand sich das rote Wülstchen merklich vergrößert und ließ sich unter der Lupe als saugende Larve eines Schmarotzers erkennen. Auffallend war, daß die Spinne nicht nur nicht dieses Anhängsel mit ihrem rechten Hinterbein zerdrückte oder abstreifte, sondern durch Linksbiegung ihres Hinterleibes jedes Anstreifen an diesen Mitesser sorgfältig vermied. Da Menge eine ganz ähnliche Beobachtung gemacht, die Schmarotzerlarve aber nicht zur Entwickelung gebracht hatte, wurde alles aufgeboten, hier einen besseren Erfolg zu erzielen. Die Spinne wurde jetzt in ein geräumiges Glas um-quartiert, dessen Boden mit lockerer Erde gefüllt war. Sie grub sich alsbald ein und

1) Natalenſiſche Wegweſpe (Pompilus natalensis). 2) Pompilus trivialis. 3) Seine Larve, an einer Spinne ſaugend. 4) Priocnemis variegatus. 5) Agenia punctum in zwei Stücken, das eine Zellen bauend. Alles natürliche Größe.

verspann den Eingang, jo daß eine weitere Beobachtung unmöglich war. Am 4. Auguft wurde die Dachwölbung gelüftet, ein Puppengespinst und graugelbe Gespinstfäden entdeckt, aber keine Spur mehr von der Spinne. Am 17. August endlich spazierte eine Wegwespe, welche als Pompilus trivialis (Fig. 2, S. 296) bestimmt worden ist, in dem Glase bes haglich einher. An dem näher untersuchten Gespinste fanden sich noch einige Beinüberreste und die hartschaligen Stücke des Vorderleibes nebst den Freßzangen der Spinne.

Die gemeine Wegwespe (Pompilus viaticus, Fig. 1, 2, s. untenstehendes Bild) erscheint im ersten Frühjahr an blühenden Weiden und ist den ganzen Sommer über in Thätigkeit. Sie wohnt im Sande, welchen das Weibchen mit großer Geschicklichkeit und Schnelligkeit mittels der Vorderbeine wie ein Hund oder ein Kaninchen aus- und zwischen seinen

| gespreizten anderen Beinen hinter sich wirft, bis es 8 cm und tiefer eingedrungen ist. Das

Gemeine Wegwespe (Pompilus viaticus), 1) zwei Männchen, 2) zwei Weibchen. 3) Maurer-Spinnentöter (Pelopoeus destillatorius), zwei Männchen. 4) Bunter Bienenwolf (Philanthus triangulum) mit einer Hausbiene. Alles natürliche Größe.

Futter für die Brut wird mühsam herbeigeschleppt, zum Teil herangeschleift, und besteht aus verschiedenen Kerfen; daß mehrere abschüssige Röhren in das Nest führen, meint Dahlbom daraus schließen zu dürfen, weil die Wegwespe durch eine andere entwische, wenn sie in der einen verfolgt werde. Mir fehlen Erfahrungen, um diese mir zweifelhafte Ansicht bestätigen zu können. Bei frischen Wespen sind die Flügel an der Spitze fast schwarz, der Hinterleib an der Wurzel rot, aber der Hinterrand jedes Gliedes schwarz, und zwar so, daß wenigstens die vorderen Binden nach vorn in eine Spitze ausgezogen sind. Der Hinterrücken trägt einige lange, abstehende Haare, der Hinterrand des Vorderrückens einen Winkelausschnitt; beim Weibchen sind die Vorderfüße gekämmt, die letzte Rückenschuppe des Hinterleibes seitlich beborstet, beim Männchen das Klauenglied der Vorderfüße nach innen etwas erweitert. a Von Pompilus unterscheidet sich die Gattung Priocnemis (Fig. 4, S. 296) durch die über das Ende der oberen hinausgehende untere Schulterzelle, welche hier also länger ist als dort, durch eine Querfurche im zweiten Bauchring des Weibchens und durch einen Sägerand der mehr kantigen Hinterschienen, ein Unterschied, welcher gleichfalls bei dem genannten Geschlechte besser ausgeprägt ist als beim Männchen. Die zahlreichen, oft recht ähnlichen Arten zu unterscheiden, bietet nicht mindere Schwierigkeiten, als bei der

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