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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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Eine zweite Untugend dieser Ameisen besteht in den nächtlichen Besuchen, welche sie den Häusern abstatten, um alles zu plündern, was sie an süßen Stoffen für sich verwerten können. Wenn von ihnen erzählt wird, daß sie die menschlichen Wohnungen von lästigen Kerfen befreiten und fie somit als Wohlthäter erscheinen, fo dürfte dies auf einem Irrtum beruhen. Daß sie, ohne eigentliche Raubameisen zu sein, auch Insekten fressen und besonders deren Saft lecken, unterliegt wohl keinem Zweifel, aber der Vorteil, welchen sie dadurch den menschlichen Wohnungen angedeihen lassen, wird gewiß sehr überwogen durch andere Nachteile in ihrem Gefolge. Sie sind nächtliche Tiere, als solche während der Nacht thätiger als am Tage und fühlen sich zu jener Zeit in der Nähe 55 Menschen

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IX.

überdies sicherer. Bates, welcher anfangs den Behauptungen der dortigen Einwohner keinen Glauben schenken mochte, daß die in Rede stehenden Ameisen bei Nacht in die Häuser kämen, um die Körnchen des Farinha- oder Mandioca-Mehles, das Brot der niederen Klassen in Brasilien, fortzuschleppen, konnte sich bei seinem späteren Aufenthalte in einem Dorfe selbst von der Wahrheit dieser Aussagen überzeugen. Eines Nachts wird er von seinem Diener geweckt und benachrichtigt,daß Ratten an den Farinhakörben nagten. Bei näherer Untersuchung fand sich eine Kolonne von vielen Tausenden unserer Ameisen. Die Körbe mit dem genannten Mehle standen auf einem hohen Tische und waren über und über von ihnen bedeckt, das Zernagen der sie ausfütternden trocknen Blätter hatte das Geräusch hervorgebracht, und von den Abziehenden hatte jede sich mit einem Körnchen beladen, welches zuweilen größer und schwerer als das ganze Tier war. Der Versuch, mit vier Holzschuhen dazwischen zu schlagen und dadurch die Eindringlinge zu töten, erwies sich vollständig nutzlos; denn die unmittelbar nachdringenden Scharen er: setzten sofort die vernichteten. Die nächsten Nächte, in denen sie wieder erschienen, wurde Schießpulver auf ihrer Bahn angezündet, wodurch sie nach und nach doch eingeschüchtert sein mochten, denn fie blieben zuletzt weg. Bates bemerkt dabei, daß er sich nicht erklären könne, wozu sie die Mandiocakörner, welche viel Faserstoff und keinen Kleber enthalten, also als Zement nicht verwertet werden könnten, wohl brauchen möchten.

Die Visitenameisen sehen rot aus, die Arbeiter haben einen herzförmigen Kopf, an demselben hinten je einen Seitendorn, je einen der Stirnleisten etwas über den Fühlern; diese sind elfgliederig, die dreieckigen Kinnbacken gezahnt, die Kiefertaster bestehen aus vier, die Lippentaster aus zwei Gliedern. Am Vorderrücken stehen zwei nach hinten gerichtete Seitendornen, am Hinterrücken desgleichen, dazwischen wenigstens Andeutungen davon. Der zweiknotige Stiel ist gekielt. Bei den sehr großen Weibchen ist der Kopf auf dem Scheitel schwächer ausgeschnitten, hinten über den Backen kürzer bedornt, die Stirnleisten, Fühler und ihre Gruben wie bei den Arbeitern gebildet, auch der Hinterrücken bedornt, aber etwas kürzer. Die Männchen endlich haben 13gliederige Fühler, einen viel kleineren Kopf, welcher tief unten sitzt im Vergleiche zu dem bucklig erhobenen, anliegend gelb behaarten Mittelrücken, außerdem findet sich hier, wie beim anderen Geschlecht und den Arbeitern, über den Vorderhüften ein Zahn. Die Flügel der geschlechtlichen Ameisen haben eine geschlossene Randzelle, eine Unterrand- und eine Mittelzelle und färben sich nach dem Vorderrand hin gelblich. Die Körperformen sind aus den Abbildungen ersichtlich.

Andere Arten der Gattung Oecodoma, welche von Atta abgetrennt worden ist, unterscheiden sich durch mehr Dornen an Kopf, Mittelleib und Stielchen. Ich habe übrigens triftige Gründe, anzunehmen, daß unter der Sauba der Brasilier mehrere, 1 Teil sehr ähnliche Arten der europäischen Kerfkenner begriffen sind.

Die Ameisen, von denen bis jetzt ungefähr 1250 Arten beschrieben sind, welche sich jährlich noch mehren, seitdem die oben erwähnten Forscher und einige andere sich ihnen mit Vorliebe zugewendet haben, spielen entschieden eine wichtige Rolle im Haushalte der Natur. In den Gleicherländern, wo Moder und Verwesung einer üppigen Pflanzenwelt schneller auf dem Fuße nachfolgen als in den gemäßigten Erdstrichen, sind sie es hauptsächlich, welche das Zersetzungswerk beschleunigen und dem tierischen Körper nachteilige Gase nicht aufkommen lassen. Sie sind es, welche unter dem anderen Geziefer mächtig aufräumen und für natürliches Gleichgewicht Sorge tragen, was in unseren Gegenden mehr den Schlupfwespen überlassen zu sein scheint. Sie sind es, die wieder von vielen Vögeln, den Ameisenfressern, Gürtel- und anderen Tieren vorzugsweise als Nahrungsmittel aufgesucht werden, um nicht ihre Vernichtungen über gewisse Grenzen hinaus ausdehnen zu können. Wie lästig, ja wie schädlich sie dem Menschen werden, geht aus einzelnen Mitteilungen zur Genüge

hervor, die von ihnen gegeben wurden und die leicht noch hätten vermehrt werden können; denn es gibt wohl keinen unter den in jenen Gegenden gereisten Naturforschern, welcher nicht über Ameisen zu klagen hätte, welcher nicht alle erdenklichen Kunstgriffe anwenden mußte, um seine Lebensmittel und seine erbeuteten Naturalien gegen die scharfen Zähne dieser zwar kleinen, aber durch Ausdauer und Menge sehr mächtigen Tiere zu schützen.

Unter dem Namen der Heterogynen (Heterogyna), welche unsere vierte Familie bilden, hatte Latreille Ameisen und Mutillen vereinigt und den Mangel der Flügel bei den Weibchen als wesentlichen Charakter hingestellt. Die ersteren wurden wieder davon getrennt und von Klug durch die Afterwespen (Thynnus) ersetzt, deren Weibchen gleichfalls ungeflügelt sind. Nun mußten aber auch einmal die Männer den Ausschlag geben, die Dolchwespen (Scolia) die dritten im Bunde werden, weil die verwandtschaftlichen Verhältnisse ihrer und der Thynnen-Männchen unmöglich unberücksichtigt bleiben konnten. Der auf solche Weise entstandenen kleinen Familie von 1200— 1300 Arten beließ man den Latreilleschen Namen, vermag aber von ihr im allgemeinen nur auszusagen, daß der Vorderrücken mit seinem Hinterrand bis zur Flügelwurzel reicht, daß die Weibchen sich durch einen kräftigen Giftstachel zu wehren wissen, und endlich, daß geschlechtlich verkümmerte Arbeiter nicht vorkommen.

Jenes interessante Tier, welches unser Bild (Fig. 1, 2, S. 292) in beiden Geschlechtern vorführt, ist die europäische Spinnenameise (Mutilla europaea). Das ungeflügelte Weibchen hat einen flachen, durch unregelmäßige Punktierung sehr unebenen Kopf ohne Nebenaugen, einen gleich rauhen Mittelleib von viereckigen Umrissen und roter Farbe, einen schwarzen, anliegend schwarz behaarten und an einigen Hinterrändern bleich rostgelb gebänderten Hinterleib. Diese Haarbinden treffen die drei vordersten Glieder und erleiden nur in der Mitte des ersten keine Unterbrechung. Die kurzen, schwarzen Beine erscheinen rauh, mehr durch borstige Behaarung als durch Stacheln. Am Bauche endlich findet sich zwischen den beiden ersten Ringen eine tiefe Querfurche. Nebenaugen, Flügel und ein für sie eingerichteter Brustkasten, welcher die drei Ringe trotz der starken Behaarung sehr wohl erkennen läßt, zeichnen das Männchen aus. Bei ihm sind Mittelrücken und Schildchen braunrot gefärbt, die drei hellen Hinterleibsbinden mehr silberglänzend, die mittleren schmäler und nicht unterbrochen, auch mischen sich unter die schwarzen Haare des Hinterleibes und der Füße zahlreiche weiße. Durch Reibung des dritten und vierten Hinterleibsringes aneinander vermögen beide Geschlechter einen schrillenden Ton hervorzubringen, möglichenfalls, um sich gegenseitig dadurch anzulocken, da ihre Lebensweisen auseinander gehen. Auf der Oberfläche des vierten Ringes erhebt sich nämlich ein fein gerilltes, dreieckiges Feld, dies wird bedeckt vom dritten Ringe, welcher unterwärts ein scharfes Leistchen führt, und indem die Tiere ihre Hinterleibsglieder, welche sich wie die Hülsen eines Fernrohres ineinander schieben, aus- und einziehen, erfolgt die Reibung jener Teile aneinander. 5 Die Weibchen sieht man im Sommer auf sandigen Wegen und Hängen immer vereinzelt umherlaufen, geschäftig wie eine Ameise, während die selteneren Männchen Blumen und von Blattläusen gewürztes Gesträuch besuchen. Hummelnestern waren beide entsprossen; denn die Larve lebt hier als Schmarotzer und zehrt die erwachsenen Hummellarven auf. Christ, welcher als erster Beobachter in dem einen Hummelgespinste die rechtmäßige Bewohnerin, im benachbarten eine Mutillenlarve antraf, glaubte auf ein vertrauliches Familienleben beider schließen zu müssen, welches diese Tiere vereinige. Dem 19*

ist aber nicht so, vielmehr muß die weibliche Spinnenameise mittels ihres langen Stachels die Hummellarve mit einem Eie betrauen, solange diese noch frei in ihrem Futterbrei lebt und sich ernährt. Diese wird durch den Keim des Todes in ihrem Inneren so wenig in ihrer natürlichen Entwickelung gestört, wie so manche Schmetterlingsraupe, in deren Leibe eine Schlupfwespe haust, denn fie spinnt sich ihr Gehäuse. Hier, ganz im geheimen, ge: schehen Dinge, welche dem Blicke des wißbegierigen Forschers entzogen sind. Seiner Zeit bricht keine Hummel, sondern eine Spinnenameise daraus hervor. Drewsen, welcher ein Hummelnest der Bombus scrimshiranus mit mehr als 100 geschlossenen Gehäusen heimgetragen hatte, erzog aus demselben 76 Mutillen, darunter 44 Männchen und nur 2 männliche Hummeln; außerdem erschienen noch mehrere andere Schmarotzer in Fliegengestalt, Volucella plumata zwei Männchen und Volucella bombylans ein Weibchen,

Europäische Spinnenameise (Mutilla europaea), 1) Weibchen, 2) Männchen. Rotköpfige Dolchwespe (Scolia haemorrhoidalis), 3) Männchen, 4) Weibchen. 1) und 2) vergrößert.

deren Maden aus dem Gespinste hervorkamen und sich außerhalb verpuppten, sowie end: lich zwei Arten Anthomyia. Wenn jedes Hummelnest von Fremdlingen so heimgesucht wäre, wie stände es dann um das Hummelgeschlecht? Es müßte bald von der Erde verschwinden. Die erzogenen Spinnenameisen paarten sich, worauf die Männchen sämtlich starben, die Weibchen sich in die Erde eingruben, um in zusammengekugelter Lage zu überwintern. Ich fand eins dergleichen am 5. Mai unter einem Steine im Winterlager. Im nächsten Frühjahr besteht nun die Aufgabe darin, Hummelnester ausfindig zu machen und die Eier daselbst unterzubringen; dabei ist beobachtet worden, daß kein Mutillenweibchen ein zweites in demselben Hummelneste leidet.

Daß indes nicht alle Spinnenameisen bei den genannten Verwandten schmarotzen, geht schon aus ihrer Häufigkeit in Südamerika hervor, wo die Hummeln nur spärlich vertreten find. In dem genannten Lande gibt es zahlreiche Arten, welche zu den buntesten aller Aderflügler gehören; denn außer den Haarflecken oder Binden am Hinterleibe, in Gold oder Silber herrlich erglänzend, schmücken diesen häufig noch lichte, gleichsam polierte Stellen der Körperhaut. Die vielen Arten, deren fast kugeliger Hinterleib, bud-liger Mittelleib, tiesstehender Kopf von den rauhen, mäßig langen Beinen getragen werden, erinnern an gewisse Spinnen und rechtfertigen den Namen der ganzen Sippe besser als die wenigen, mehr dem Süden angehörenden europäischen Arten.

Europäiſche Spinnenameiſe (Mutilla europaea), 1) Weibchen, 2) Männchen. Rotköpfige Dolchweſpe (Scolia haemorrhoidalis), 3) Männchen, 4) Weibchen. 1) und 2) vergrößert.

Wir sehen neben der europäischen Spinnenameise die beiden Geschlechter der stattlichen Scolia haemorrhoidalis, zu welcher Scolia erythrocephala als Weibchen gehört, und wollen fie unter dem Namen der rotköpfigen Dolchwespe (Fig. 3 u. 4, S. 292) als Vertreter dieser kräftigen Gattung betrachten. Sie lebt in Ungarn, in der Türkei, in Griechenland und dem südlichen Rußland, und ihr Gattungsname bürgt dafür, daß das Weibchen eine sehr gute Klinge führt. Die schwarze Körperfarbe wird durch je zwei gelbe Seitenflecke des zweiten und dritten Hinterleibsgliedes unterbrochen, beim Weibchen überdies noch an der Oberseite des Kopfes und fleckenartig auf dem Schildchen; bei ihm tragen Vorderrücken und Oberseite des fünften Ringes rostrote Haare, beim Männchen der ganze Rücken bis zum Schildchen und der Oberseite des Hinterleibes vom vierten Gliede an, wenn hier auch weniger dichtstehend; außerdem können hier die Flecke der Haut zu Binden vereinigt sein. Die übrigen Körperteile decken schwarze Zottenhaare. Als Gattungscharaktere gelten: die tiefe Furche zwischen den beiden ersten Bauchringen, die kurzen, gleichzeitig haarigen und stachligen Beine, deren vier hintere mit ihren Hüften weit voneinander entfernt stehen, und die langen, kräftigen männlichen, kurzen und gebrochenen weiblichen Fühler. Die Flügel, hier beiden Geschlechtern zuerteilt, zeigen nicht minder wie bei den männlichen Spinnenameisen das Streben nach Unbeständigkeit im Adernverlauf. Drei Unterrand- und zwei Mittelzellen kommen bei der abgebildeten Art und vielen anderen vor; es findet sich aber auch das umgekehrte Verhältnis. Gleiche Schwankungen bieten die Geschlechtsunterschiede; es gibt Männchen, welche in der Färbung ihren Weibchen ungemein gleichen, neben anderen, sehr abweichenden. In Ansehung der Körper masse können einige Dolchwespen fast alle übrigen Immen an Größe übertreffen. Das Weibchen der javanischen Scolia capitata, welches Fabricius Scolia procer genannt hat, mißt 5,9 em bei reichlich 153 em Hinter: leibsbreite. Das Wenige, was man von der Lebensgeschichte dieser Tiere weiß, deutet auf Schmarotzertum. Nach Coquebert leben zwei Arten von den Larven großer Nashornkäfer, welche auf Madagaskar zu Hunderten in den Kokospalmen bohren und bedeutende

Verwüstungen anrichten. Von der Garten-Dolchwespe (Scolia hortorum) ist gleichfalls eine parasitische Lebensart bekannt, und Burmeister sah eine brasilische Art, welche er Scolia campestris genannt hat, zahlreich aus den Nestern der Visitenameise kommen.

Während bei Scolia und einigen nahestehenden Gattungen (Meria und Myzine) die Zunge verlängert und ausgestreckter ist, verschwindet fie fast gänzlich bei den Roll: wespen (Tiphia), und das erste Hinterleibsglied setzt sich auch auf dem Rücken durch Einschnürung vom zweiten deutlich ab. Die unansehnlichen Arten, von denen drei in Deutschland vorkommen, glänzen schwarz und weichen in der Körperform der beiden Geschlechter wenig voneinander ab; daß sie in der Erde umherkriechen, beweisen die ihnen nicht selten anhaftenden Krümchen; sie saugen auch gern an blühenden Dolden und übernachten oft zahlreich zwischen deren Strahlen, rollen ihren Leib ein, wenn sie ruhen oder sich gegen Gefahren schützen wollen, weshalb man ihnen jenen deutschen Namen beigelegt hat.

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