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Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen

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An diesem ging der Strom hinauf. Viele, die bis dahin leer mitgelaufen waren, halfen nun ihren Kameraden die schwere Bürde hinaufschaffen, und allmählich verschwand die Gesellschaft durch einen oberen Eingang in die Tiefe des Baues.

Zwei andere sehr gemeine Arten (Eciton hamatum und drepanophorum) find sich so ähnlich, daß eine genaue Untersuchung nötig wird, um sie unterscheiden zu können; aber nie untermischt, stets getrennt ziehen die gedrängten Scharen zu Tausenden in den Uferwäldern des Amazonenstromes einher. Die Größe der Ameisen ein und derselben Gesellschaft ist ungemein schwankend, man kann Zwerge von ein fünftel Zoll neben einen halben Zoll langen großköpfigen mit ungeheuern Kiefern hinwandeln sehen. Ehe ein Fußgänger auf einen Zug solcher Ameisen trifft, wird er durch das Zwitschern und unruhige Umherflattern eines kleinen Schwarmes einfarbiger Vögel, der Ameisendrossel, im Dickicht aufmerksam gemacht. Geht er ungeachtet dieser Warnung noch einige Schritte vorwärts, jo fühlt er sich mit einem Male von diesen kleinen Räubern angefallen, welche scharenweise mit unglaublicher Schnelligkeit an seinen Beinen in die Höhe kriechen, ihre Zangen in die Haut einschlagen, auf diese Weise Anhalt gewinnend, die Hinterleibsspitze nach vorn biegen und mit aller Kraft stechen. Es bleibt dann nichts anderes übrig, als schleunigst nach dem anderen Ende der Kolonne zu entfliehen. Die Bestien haben sich so verbissen, daß man sie beim Abnehmen zerreißt und der Kopf an der Wunde sitzen bleibt. Auf den unglücklichen Wanderer war es ursprünglich nicht abgesehen, er kam den im Dickicht ihr Unwesen treibenden Ameisen nur zu nahe, die überall Schrecken und Aufregung verbreiten, wo sie ihre Straße ziehen. Vorzüglich haben die ungeflügelten Kerfe, Spinnen, andere Ameisen, Maden, Raupen, Asseln und andere alle Ursache, sich vor ihnen zu fürchten. Die Ecitons steigen nicht hoch an den Bäumen hinauf und belästigen die Vogelnester daher wenig. Bates meint folgende Angriffsweise verbürgen zu können: Die Hauptkolonne, 4— 6 nebeneinander, rückt in einer gegebenen Richtung vor, den Boden von allen tierischen Stoffen reinigend, gleichviel ob lebendig oder tot, wobei sie hier und da eine kleine Seitenkolonne absenden, welche an den Flanken der Hauptarmee furagiert und dann wieder in den Hauptzug eintritt. Wenn irgendwo in der Nähe der Marschlinie eine besonders günstige Stelle entdeckt wird, wie etwa ein Haufen verwesenden Holzes, in dem sich viele Insektenlarven aufhalten, so wird Halt gemacht, und ein starkes Heer sammelt sich an dieser Stelle. Die wütenden Geschöpfe durchsuchen nun jede Spalte und reißen alle großen Larven, welche sie an das Tageslicht bringen, in Stücken. Interessant ist es, wie sie die Wespennester ausplündern, welche sie manchmal an niedrigen Sträuchern antreffen. Sie nagen die papiernen Deckel von den Zellen, um zu Larven, Puppen oder schon entwickelten Wespen zu gelangen, und reißen alles in Fetzen, ohne Rücksicht zu nehmen auf die beleidigten Inhaber und natürlichen Wächter des Baues. Die Heere marschieren nie weit auf einem betretenen Wege, trotzdem ist ihnen Bates manchmal halbe Meilen weit nachgegangen, hat aber nie ein Nest aufgefunden. Einst beobachtete er einen Zug, welcher eine schmale offene Stelle über: schritt und etwa eine Länge von 60 —70 Schritte hatte, ohne daß man weder Vortrab noch Nachhut sehen konnte. Alle bewegten sich in einer Richtung bis auf einige an der Außenseite des Zuges, welche eine kleine Strecke rückwärts gingen, dann aber wieder vorwärts mit dem Strome; diese Bewegung nach hinten setzte sich aber in gleicher Weise an der ganzen Außenseite fort, und dies schien eine Vorsichtsmaßregel zu sein, um den Zug zusammenzuhalten; denn die Flankenläufer blieben häufig einen Augenblick stehen und berührten einen und den anderen ihrer Kameraden in der Kolonne mit den Fühlern, um irgend eine Mitteilung zu machen. Wenn Bates den Zug störte, so wurde diese Störung bis zur Entfernung von mehreren Schritten den übrigen mitgeteilt, und der Zug fing an,

sich bis zu diesem Punkte rückwärts zu bewegen. Alle kleinen Arbeiter trugen ein Bündel weißer Maden zwischen ihren Kinnbacken, welche anfangs für ihre Brut gehalten wurden, sich aber nach späteren Erfahrungen als Raub auswiesen. Besonders merkwürdig nahmen sich in diesem Zuge die großköpfigen Arbeiter aus, von denen etwa einer auf ein Dutzend der kleinen kam, und deren keiner etwas trug, sondern alle liefen leer und außerhalb des Zuges in ziemlich regelmäßigen Zwischenräumen voneinander. Diese Beobachtung wurde dadurch besonders erleichtert, daß ihre großen, weitglänzenden Köpfe beim Marsche über kleine Unebenheiten vor den anderen auf- und abwogend hervorsahen. Daß fie die Ber: teidigung der anderen übernommen hätten, wie man nach der ihnen gegebenen Benennung „Soldaten“ erwarten müßte, konnte nicht bemerkt werden; der Bau ihrer Kinnbacken verbietet ihnen übrigens auch, sich in einen Feind einzubeißen. Bates sah die Ecitons sich im Sonnenschein auch tummeln, gegenseitig belecken und putzen und auf diese Weise von der Arbeit ausruhen. Bar hatte Gelegenheit in Guayana, nahe beim Sinnamaryfluß, die Kreuzung zweier Ameisenzüge zu beobachten, von denen der eine aus der sogenannten Padicour-Ameise (angeblich Eciton canadense Lir.), der andere aus der Visitenameise gebildet wurde. Jene waren auf der Wanderschaft begriffen, diese nur bei ihrer täglichen Beschäftigung, Blätter von den Bäumen zu schneiden, und gingen beladen und leer geschäftig hin und her. Die Ecitons hatten einen Kanal gefunden, der von einem Stück Holz gebildet wurde, die Visitenameisen gingen unter demselben weg, und alles war in bester Ordnung. Wir setzten uns nieder, um das Benehmen dieser beiden so verschiedenen Arten zu beobachten, die in uns die Vorstellung zweier ganz verschieden gebildeter Menschenklassen hervorriefen. Auf seiten der Visitenameisen war große Kraft; gewisse von ihnen wandelten daher, schwer beladen mit Blattstückchen, die zehnmal größer als sie selbst waren, wobei sie sich oft an Hindernisse im Wege stießen und zuweilen umpurzelten; immer aber erhoben sie sich wieder und setzten ihren Weg ruhig fort, ohne ihre Last loszulassen. Nichts war in der That bewunderns würdiger, als die wirklich gewissenhafte Art, mit welcher diese Ameisen ihre mühevolle Bestimmung erfüllten. Bei den anderen herrschte eine Lebhaftigkeit, Geschicklichkeit, Umsicht, welche wir aus dem häufigen Tasten mit den Fühlern erkannten; zahlreiche Ameisen, die einen an die anderen geklammert, füllten die zu tiefen Höhlen aus und glätteten den Weg. Ein boshafter Gedanke kam uns in den Sinn; wir nahmen das Stück Holz weg, auf dem die Ecitons herumspazierten. — Große Verwirrung! Die Individuen mit den großen Kinnbacken, welche eine Art von Ansehen zu genießen schienen, drehen sich von einem Rande zum anderen, gehen, kommen; die anderen halten an vor dem Hindernisse, welches ihnen die Visitenameisen bereiten. Aber, o Glück, man bemerkt einige Centimeter entfernt ein Stück Holz, so dick wie eine Federspule man benutzt es; es ist zu dünn, der Steg zu schmal. Aber dieses Hindernis dauert nicht lange: 1, 2, 20, 50 Ameisen umklammern sich von jeder Seite in zwei Reihen, der Weg ist breiter geworden, die Kolonne überschreitet diese lebende Brücke, lange Zeit ohne Zweifel, denn die Minuten zählten wir nicht, ohne daß die unerschrockenen Pontoniere müde erschienen wären. Wir zerstörten diese neue Brücke, um zu sehen, wie weit der Mut und die Umsicht der einen sowie die Ausdauer und Hartnäckigkeit der anderen gehen würde. Neue Verwirrung! Leider gab es kein anderes Stück Holz in der Nähe, um die Brücke zu ersetzen. Die Verwirrung wird immer größer. Eine zusammengeballte Menge Ecitons hält an vor der Schar der Oecodoma, welche sie, auf die Gefahr hin, abgeschnitten zu werden, passieren müssen. Hierzu sind sie schnell entschlossen. 30 oder mehr machen einen Einfall — die Unordnung erreicht ihren höchsten Gipfel. Die dicksten Oecodoma, welche durch ihre mächtigen Lasten stärker waren, setzten ihren Weg fort, aber die kleinsten

wurden über den Haufen geworfen. Obgleich umgestürzt, bilden sie immer noch ein Hindernis. Plötzlich, wie auf ein gegebenes Zeichen, stürzt sich eine Menge der Ecitons über einen Raum von 20—30 cm heran, klammert sich an der Erde mit den langen Beinen in mehreren Reihen an, andere kommen auf die ersten, bilden ein zweites, dann ein drittes Stockwerk und zugleich sind zwei Mauern in einem Abstande von 5—6 em aufgebaut. Dann geht die Kolonne im Triumph hinüber, während sich die Visitenameisen nach allen Richtungen zerstreuen, ohne sich wieder sammeln zu können. Wir hatten ein Schauspiel vor Augen, das für einen Beobachter erhaben ist, und unsere Freude übertraf alles, was man denken kann. Ohne daß wir es gemerkt, waren die Stunden verronnen, und mit Staunen bemerkten wir, daß nicht nur die Sonne für die Bewohner von Guayana am Ende ihrer Bahn angelangt war, sondern auch, daß dichte Wolken den Himmel überzogen

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  1. Honigameisen (Myrmecocystus mexicanus). 2) Wanderzug der Visitenameisen (Oecodoma cephalotes). 3) Wohnung der ackerbautreibenden Ameisen (Myrmica molificans). Natürliche Größe.

und mit einem Regengusse drohten. In wenigen Minuten jagte auch wirklich ein heftiger Regenguß die Beobachter und die Ameisen in die Flucht. Es war Nacht, als wir unseren Schooner erreichten.

Die Zug- oder Visitenameise, Mandioc-Ameise (Oecodoma cephalotes), in ganz Südamerika unter dem Namen Sauba bekannt und gefürchtet, weil sie meist die wertvollsten angepflanzten Bäume ihres Laubes beraubt und in Gegenden, wo fie in un: geheuern Massen vorkommt, den Ackerbau beinahe unmöglich macht. Den Indianern gelten übrigens die mit Eiern angefüllten Leiber der Weibchen als größter Leckerbissen; man beißt sie ab und ißt Salz dazwischen. Gibt es eine reiche Ernte, so werden sie mit Salz geröstet und sollen in dieser Form auch den Europäern munden.

Die Sitten dieser Ameisen stimmen in vieler Beziehung mit den oben geschilderten der europäischen überein. Sie bauen, wenn nicht sehr hohe, doch sehr umfangreiche Hügel in den Pflanzungen und Gehölzen. Bates gibt 40 Schritt im Umfang und 62,8 cm Höhe an, andere Reisende sprechen von 188 und 251 cm. Diese Dome bilden nur die äußere Bedeckung eines tief und weit im Boden verbreiteten Gangnetzes mit vielen

1) Honigameiſen (Myrmecocystus mexicanus). 2) Wanderzug der Viſitenameiſen (Oecodoma cephalotes). 3) Woh⸗ nung der ackerbautreibenden Ameiſen (Myrmica molificans). Natürliche Größe.

Visitenameise. 28919]

Öffnungen nach außen, welche für gewöhnlich geschlossen find. Bei den mancherlei Ber: suchen, die Sauba aus den botanischen Gärten von Para zu vertreiben, wurde über einigen Haupteingängen zu ihrer Kolonie Feuer angezündet und durch Blasebälge Schwefeldämpfe eingeführt. Bates sah aus einer Menge von Offnungen die Dämpfe ausströmen, unter denen eine 70 Schritt von der Einführungsstelle entfernt war. Die Hügel bestehen aus lockerer Erde, welche aus der Tiefe herausgeschafft wird und darum wohl etwas anders gefärbt erscheint als die Umgebung. Ferner schwärmen die Kolonien genau in derselben Weise wie die unserigen gegen Abend, und zwar zu Beginn der Regenzeit im Januar und Februar. Die Sorge für die Brut bleibt den Arbeitern überlassen, welche in der Größe zwischen 4,5 und 15 mm schwanken und von dreierlei Formen find. Herr Fels, Besitzer einer Pflanzung in Britisch-Honduras, berichtet brieflich hierüber wie folgt: „Die großen, dickköpfigen Soldaten mit mächtigen Beißzangen fahren wie wütende Hunde aus den Löchern, wenn man am Neste stört, die mittelgroßen ziehen täglich ihre Straße, um Blattabschnitte einzutragen, und die kleinsten verrichten nur häusliche Arbeiten und werden allenfalls sichtbar, wenn sie ein Klümpchen Erde aus dem Neste schaffen, in welches sie jedoch sofort zurückhuschen. Doch scheinen sie manchmal, von ihren speziellen Freunden eingeladen, eine kleine Vergnügungsreise zu machen. Denn hin und wieder kann man sehen, wenn gerade ein Strauch in nächster Nähe des Nestes bearbeitet wird, daß ein paar kleine Gesellen ziemlich unbehilflich zwischen den größeren sich bewegen. Ihr Urlaub scheint aber ein kurzer zu sein; denn bald sieht man sie auf der Spitze des Blattstückchens, das die Freundin zwischen ihren Kinnbacken trägt, wieder nach Hause kutschieren, wobei sie sich oben krampfhaft mit Maul und Beinen festhalten, als ob sie mehr Angst als Vergnügen von der ganzen Geschichte hätten.“

Mit den täglich ausziehenden eigentlichen Blattschneidern erscheinen, wie zur Deckung derselben, auch einige großköpfige Soldaten außerhalb des Nestes, und jene namentlich werden in doppelter Hinsicht für die Bewohner jener Gegenden höchst unangenehm. Der eine Punkt wurde bereits erwähnt und betrifft vorzugsweise die angepflanzten Kaffeeund Orangenbäume. In großen Scharen kommen sie gezogen, erklettern einen Baum, jede setzt sich auf ein Blatt und schneidet mit ihren gezahnten Kinnbacken eine Scheibe von der Größe eines Groschenstückes aus der Fläche aus, faßt das Stück mit ihren Zangen, reißt es gewaltsam ab und verläßt damit den Baum. Manchmal fällt dieses herunter und wird dann von einer anderen Ameise ergriffen. Sie marschieren damit, das Stück senkrecht nach oben an seinem unteren Rande zwischen den Zangen haltend, nach Hause und gewähren dabei einen sehr eigentümlichen Anblick, der ihnen auch den Namen Sonnenschirmameisen eingetragen hat. Die Straße, welche sie fortwährend ziehen, bekommt bald das Ansehen eines Wagengeleises im Laube. Nur selten wählen die Tiere die Blätter einheimischer Waldbäume. Wozu dienen ihnen aber Blattstücke? Untermischt mit Erdkrümchen aus der Tiefe überwölben fie mit ihnen die 10,5—13 em im Durchmesser hal: tenden Tunnel ihrer Wohnungen und vorzugsweise deren Eingänge.

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