Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
wohnt häufig eine Blattlaus, Namens Lachnus longirostris, welche mit ihrem den Körper dreimal an Länge übertreffenden Schnabel an dem jungen Holze des Baumes saugt; in unterirdischen Ameisennestern erhalten wieder andere Blattlausarten ihre Nahrung aus den Wurzeln der Gräser und anderer Pflanzen in nächster Nachbarschaft. Oft umgeben Ameisen eine Gesellschaft von Blattläusen mit einem Gehäuse von Erde oder anderen Baustoffen, tragen auch ihre Eier in dasselbe oder setzen eine Blattlausgesellschaft durch einen bedeckten Gang mit ihrem Neste in Verbindung. Solche bezeichnet von Osten-Sacken als „stallfütternde“ Ameisen und erzählt von einer kleinen rötlichen Art der Gattung Formica, mit braunem Hinterleibe, welche in der Nähe von Washington eine schwarze Lachnus-Kolonie an einem Wacholderzweige ummauert hatte. Das röhrenförmige Futteral bestand aus einer graubraunen, filzartigen Masse, die sich als zusammengebackene Härchen, wahrscheinlich Bastschnitzeln, von harzigem Geruch ergab. Es war etwa 36 em lang und ein Drittel dieser Erstreckung breit, als es zur näheren Untersuchung abgebrochen wurde. Bei einer anderen Gelegenheit fand derselbe Forscher in Virginien an einem dicht mit Blattläusen besetzten Asclepiasstengel ein zerbrechliches, kugelförmiges Gehäuse von ungefähr 2,19 em Durchmesser, welches einer schwarzen Ameise seinen Ursprung verdankte. In heißen Ländern, wo Blattläuse fehlen, vertreten die ihnen verwandten kleinen Cikaden deren Stelle. 3) Ameisenfreunde, welche auf allen ihren Lebensstufen aus schließlich in den Nestern bestimmter Ameisen leben, ohne welche sie überhaupt nicht bestehen würden. Hierher gehören der gelbe Keulenkäfer (S. 63) mit seinen Verwandten und noch zahlreichere Staphylinen. — Zur Zeit kennt man an 600 Kerfarten aller Ordnungen, hauptsächlich Käfer, welche zu einer oder der anderen dieser drei Gruppen zählen. Die meisten leben bei Lasius fuliginosus (150 Arten) und Formica rufa (100 Arten), von den wenigsten kennt man indessen zur Zeit noch die näheren Beziehungen, in welchen sie zu ihren Wirten stehen. Das geschäftige Treiben der Ameisen hat ihnen vor Tausenden anderer Kerfe von jeher die regste Teilnahme derer abgenötigt, welche überhaupt Sinn für solche Dinge haben, wie uns die zum Teil treffenden Bemerkungen der griechischen und römischen Naturforscher aus dem grauen Altertum beweisen. Das Leben der Ameisen ist nach Plutarch gewissermaßen der Spiegel aller Tugenden: der Freundschaft, der Geselligkeit, Tapferkeit, Ausdauer, Enthaltsamkeit, Klugheit und Gerechtigkeit. Kleanthes behauptet zwar, die Tiere hätten keine Vernunft, erzählt aber doch, er habe folgendes gesehen: Es wären Ameisen in die Nähe eines fremden Ameisenhaufens gekommen und hätten eine tote Ameise getragen. Aus dem Haufen wären nun dem Leichenzug Ameisen wie zur Unterredung entgegen-gekommen, dann wieder zurückgegangen. Dies wäre zwei- bis dreimal geschehen. Endlich hätten die Ameisen aus dem Haufen einen Wurm hervorgeschleppt und hätten ihn den Trägern der Leiche übergeben, um letztere von ihnen loszukaufen. Diese hätten den Wurm angenommen und die Leiche dagegen abgelassen. — Jedenfalls bemerkt man überall bei sich begegnenden Ameisen, wie sie die Tugend der Bescheidenheit üben, indem alle, die leer gehen, den Beladenen ausweichen; wie sie ferner Dinge, die nicht gut fortzuschaffen sind, weislich teilen, so daß die Last dann auf mehrere verteilt werden kann. — Aristoteles widmet an verschiedenen Stellen den Ameisen nur wenige Zeilen: „Bienen, Ameisen, Wespen, Kraniche leben in geschlossenen Gesellschaften, die Kraniche und Bienen unter einem Ober: haupt, die Ameisen aber nicht. Sie sind teils geflügelt, teils flügellos. Sie riechen Honig von weitem. Bestreut man ihre Wohnungen mit gepulvertem Schwefel oder mit Dosten, jo ziehen fie aus. Die Ameisen bringen Maden zur Welt, die anfangs klein und rundlich sind, dann sich durch Wachstum verlängern und Glieder bekommen. Die Fortpflanzung findet vorzüglich im Frühjahre statt. Die Ameisen sind immerfort in Thätigkeit, laufen
immer denselben Weg, tragen Speisen hervor oder verbergen sie, arbeiten bei Vollmond selbst in der Nacht. Sie jagen zwar nicht selbst, tragen aber zusammen, was sie finden.“
Plinius (11, 30, 36) wiederholt in der Hauptsache dieselben eben vorgetragenen Ansichten und fährt dann fort: „Wie groß ist ihre Anstrengung bei der Arbeit, wie anhaltend ihr Fleiß! Und weil sie, ohne voneinander zu wissen, aus verschiedenen Gegenden Waren zusammentragen, so haben sie bestimmte Markttage, an welchen allgemeine Musterung gehalten wird. Dann wimmelt's und grimmelt's und die einander Begegnenden befragen und besprechen sich mit großer Sorgfalt. Man sieht Steine, in welche sie nach und nach Wege getreten haben, und man erkennt hieraus, wieviel selbst die Emsigkeit schwacher Geschöpfe vermag. Die Ameisen sind, außer dem Menschen, die einzigen Tiere, welche die Toten begraben. In Sizilien gibt es nur ungeflügelte.“ Auch Aelian betont an einigen Stellen das Eintragen von Körnern und deren Behandlung, um ihr Keimen zu verhindern. Abgesehen von dem Begraben der Toten, welcher Irrtum möglicherweise dadurch entstanden ist, daß jede lahme und hilfsbedürftige Ameise von den ihr begegnenden Schwestern in das Nest geschleppt und verpflegt wird, ist das Wesen der Ameisen von alters her richtig erkannt und gewürdigt worden, vor allem ihre große Arbeitsamkeit, Klugheit und das Vermögen, Mitteilungen unter sich auszutauschen. Es sind in dieser Hinsicht in späteren Zeiten allerlei Ansichten laut geworden, eine Zeichensprache an verschiedenen Beispielen nachgewiesen und ziemlich allgemein angenommen, namentlich aber die Fühlhörner als das wichtigste Werkzeug zu der Aufnahme der Eindrücke von außen angesehen worden. Neuerdings meint Landois den Beweis geliefert zu haben, daß den Ameisen außerdem eine wirkliche Tonsprache zukomme, welche allerdings für das menschliche Ohr meist nicht wahrnehmbar sei. Nachdem bei den Spinnenameisen (Mutilla) an einigen Hinterleibsringen das Werkzeug aufgefunden worden war, mit welchem dieselben sehr wohl auch für das menschliche Ohr hörbare Töne hervorbringen können, untersuchte der genannte Forscher verschiedene Ameisengattungen und fand bei Ponera sehr entwickelte Reibleisten am zweiten und dritten Hinterleibsringe, deren Ton übrigens auch dem menschlichen Ohre vernehmbar; weniger entwickelt fanden sie sich bei anderen Gattungen, so daß der Genannte die oben aufgestellte Behauptung für gerechtfertigt hält. Wir können diesen höchst interessanten Gegenstand hier nicht weiter ausführen, durften denselben aber auch nicht ganz mit Stillschweigen übergehen. Daß der Geruch bei dem gegenseitigen Erkennen eine bedeutende Rolle spielt, ist außer Zweifel.
Fossile Ameisen finden sich in großer Menge in den Tertiärschichten, und die Schieferplatten von Oningen (im badischen Seekreise) sind oft mit Ameisenabdrücken der verschiedensten Arten förmlich bedeckt. Auch der Bernstein enthält zahlreiche Ameiseneinschlüsse, jedoch meist nur geflügelte. Das Heer der noch lebenden hat man in fünf Sippen eingeteilt: die Drüsenameisen (Formicidae), deren in den Gliedern nicht eingeschnürter Hinterleib an einem eingliederigen, schuppentragenden Stiele sitzt; die Zangenameisen (Odontomachidae) haben dieselbe Hinterleibsbildung, einen Wehrstachel und in dem weiblichen Geschlecht Kinnbacken, deren Einlenkungsstellen sich gegenseitig berühren. Bei den Stachelameisen (Poneridae) wird zwischen dem ersten und zweiten Hinterleibsgliede eine Einschnürung bemerkbar, den Giftstachel und den eingliederigen Stiel haben sie mit der vorigen sowie mit der folgenden Sippe, den Blindameisen (Dorylidae), gemein, wo die Weibchen und Arbeiter augenlos sind. Ein zweigliederiger Hinterleibsstiel endlich kennzeichnet die Sippe der stacheltragenden Knotenameisen (Myrmicidae).
Zu den artenreichsten Gattungen der Drüsenameisen gehört Camponotus. Die S-fürmig gebogenen Stirnleisten, die vom Kopfschild entfernt eingelenkten Fühler und der Mangel
der Nebenaugen bei den Arbeitern charakterisieren sie. Unsere größte deutsche Emse, die Roßameise (Camponotus herculeanus, Fig. B, s. untenstehende Abbild.), liebt die be: rrs waldeten Gebirgsgegenden und legt ihr Nest unten in alten Bäumen an. Wenn sie im Sommer vor der Schwärmzeit sich bemerkbar macht, staunt manüber die mächtigen, bis 17, mm langen Weibchen, welche den Grund jener Stämme schwarz färben. Die gelben Spitzen r ihrer langen, den Hinterleib weit überragenden Flügel zeichnen sie aus. Bei genauerer Betrachtung schimmert der Körper infolge grauer Behaarung in dieser Farbe. Die am Mittelleibe glanzlosen Männchen und die Arbeiter werden 8,15— 11 mm lang. Unter demselben deutschen Namen ist eine zweite Art (Camponotus ligniperdus) gemeint, welche sich durch dunkelrote Zeichnung am Mittelleib unterscheidet und sich samt der vorigen
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Männchen, 6) Weibchen. Alles vergrößert B. Roßameise (Camponotus herculeanus); 1) Männchen, 2) Weibchen,
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Arbeiter. Alle in natürlicher Größe.
über Europa bis Ostsibirien und Nordamerika ausbreitet, von der Ebene bis zu den höchsten Alpen. Andere zahlreiche Arten derselben Gattung kommen in allen Erdteilen ohne Ausnahme vor.
Die rote Waldameise, Hügelameise (Formica rufa, Fig. A und Mittelteil obiger Abbild.) hat ein nicht ausgerandetes Kopfschild, fein gerunzeltes Stirnfeld, unbehaarte Augen, eine aufrechte, beinahe verkehrt herzförmige, schneidige Stielschuppe, einen braunroten, beborsteten Mittelleib mit schwärzlichen Flecken, das Männchen dagegen einen durchaus braunschwarzen, infolge der Behaarung aber aschgrau schimmernden; dasselbe ist größer als das Weibchen (11 mm), dieses nur 9,87 und der Arbeiter gar nur 4,5 6,5 mm.
Die Waldameise lebt in ganz Europa, in Asien bis Ostindien und in Nordamerika. Sie baut unter unseren heimischen Arten die mächtigsten Nester, indem sie in den Nadelwaldungen Hügel von 24—125 cm Höhe aus Blattteilchen, Nadeln, Harzkrümchen, Erdklümpchen, Holzstückchen mit bewunderungswürdiger Ausdauer und Kraftanstrengung zusammenschleppt und auftürmt. Die Nester nehmen unter der Bodenfläche einen noch viel größeren Umfang an als am oberirdischen Teile. Zerstört man einen solchen Hügel, so kommen Tausende von Arbeitern in dichtem Gewimmel zum Vorschein. Für den erschöpften Wanderer kann es nichts Erquickenderes geben, als wenn er die flache Hand, mit welcher
er einige rasche Schläge auf einen solchen Hügel führte, unter seine Nase hält. Es ist bei dieser Behandlungsweise Schnelligkeit als Vorsichtsmaßregel notwendig, damit sich keins der hierdurch wütend gemachten Tiere in die Hand einbeiße oder an den Körper krieche, weil es sonst durch sehr unangenehmes Zwicken sich empfindlich rächen würde. Einst klopfte ich ein solches Nest, welches am Rande eines Waldes etwas hoch lag, und zwar genau vor der im Scheiden begriffenen Sonne. Nachdem wir, meine mich begleitenden Damen und ich, den aromatischen Hauch von meiner Hand eingeschlürft hatten und uns im Weggehen nochmals nach den hörbar sehr unangenehm berührten, erzürnten Tierchen umsahen, genossen wir das einzige Schauspiel: Hunderte von silbernen Fontänen, beleuchtet durch die Strahlen der sinkenden Sonne, sprudelten von allen Seiten bis 62 cm in die gewürzige Luft und lösten sich auf ihrem Rückwege in zarte Nebel auf. Eine Sekunde, und alles war vorüber, nur ein Geknister und Genistel zwischen dem aufgewühlten Baumaterial hörte man bei der feierlichen Abendstille auf viele Schritte Entfernung, die fortdauernde Aufregung der so unfreundlich in ihren verbrieften Rechten beeinträchtigten Tiere. Daß sie aus der Hinterleibsspitze die Ameisensäure von sich geben und so einem klopfenden Werkzeuge deren Geruch mitteilen, war mir bekannt, daß sie dieselbe aber mit solcher Gewalt zu solcher Höhe emporschleudern könnten, hatte ich nicht geahnt.
Das Innere dieser Nester enthält ein Gewirr von kreuz und quer sich vereinigenden Gängen und kleinen Höhlungen, in denen sich die Bewohner herumtummeln, und von welchen nach allen Seiten hin Haupt- und Nebenstraßen weit von dem Hügel wegführen, welche durch das ununterbrochene Herbeischaffen weiterer Pflanzentrümmer förmlich geglättet sind. |
Die blutrote Raubameise (Formica sanguinea) ist der vorigen sehr ähnlich und früher öfters mit ihr verwechselt worden, unterscheidet sich aber durch ein ausgerandetes Kopfschild und im männlichen Geschlecht durch einen vier- bis fünfzähnigen Kaurand der Kinnbacken gegen einen ungezahnten bei dem Männchen der vorigen Art, außerdem wesentlich in der Lebensweise. Ihre Haufen sind von geringerer Größe, beherbergen andere und bedeutend weniger Käfergäste (gewöhnlich die beiden Kurzflügler Lomechusa strumosa und Dinarda dentata) und die Arbeiter von Formica fusca, cunicularia und seltener auch von Lasius alienus, welche alle im Larvenzustand von den Arbeitern des Nestes geraubt werden. In förmlichen Heerzügen begeben sie sich nach dem Neste einer der genannten Arten, dringen mit Ungestüm in den Bau ein, töten alles, was sich ihnen zur Wehr setzt und tragen Larven und Puppen der Arbeiter davon. Dergleichen Schlachten sind von verschiedenen Forschern beobachtet worden. Die jenen entschlüpften Ameisen, nicht wissend, daß sie in fremde Dienste getreten sind, gehen gleich den Arbeitern der Formica sanguinea den gewöhnlichen Beschäftigungen nach, scheinen aber vorherrschend den häuslichen Bedürfnissen zu dienen. Zerstört man einen solchen Bau teilweise, so werden sie zunächst sichtbar, um den entstandenen Schaden wieder auszubessern, während die Herren nur unruhig umherlaufen. Selten zeigen sie sich mit jenen außerhalb des Nestes. Bei einer Wanderung der Formica sanguinea, welche Darwin beobachtete, hätten die Herren ihre Sklaven zwischen den Kinnbacken davongeschleppt, während von Hagens einen gleichen Umzug im August beobachtete, bei welchem teils die Herren ihre Sklaven, teils diese die Herren nach der anderen Kolonie trugen. Es kommt nämlich bisweilen vor, daß Ameisen ihr Nest freiwillig verlassen und umziehen, wenn irgend welche Umstände ihnen den bisherigen Aufenthalt verleidet haben (Nässe, öftere Störung seitens des Menschen oder anderer Ameisen, wenn Dünger auf oder neben das Nest getragen worden ist ꝛc.).